Hallo Leute,
folgendes fiel mir vor kurzem in die Hände. Das wollte ich euch nicht vorenthalten.
Herzlich!
Burkhard
Die ganz billige Nummer
von Peter Praschl
Immer mehr wollen. Immer weniger dafür geben.
Beim SCHNÄPPCHENJAGEN wird vor allem der Charakter verramscht.
Da waren sie nun, mitten im Paradies. Die Sonne sonnte, das Meer blaute und abends gab es, all inclusive, Büfett. Vor dem Aperitif konnte man sich von atemberaubend beraubend schönen Frauen massieren lassen, und draußen auf den Straßen vor dem Hotel warteten Maßschneider auf Aufträge. Und das alles, pauschal, für 2000 Mark.
Unverschämterweise hatte am Morgen nach ihrer Ankunft hatte ein Hausarbeiter es gewagt, auf dem Flur vor ihrem Zimmer ein Loch in die Wand zu bohren und sie aus ihrem Schönheitsschlaf zu reißen. Nun standen sie an der Rezeption und beschwerten sich: dass das ihr Jahresurlaub wäre, dass sie hart dafür arbeiten müssten, dass sie ein Recht auf Ruhe hätten, auch um elf Uhr vormittags. Und dass dafür jetzt ein Bonus her müsste. Es muss dieser Augenblick gewesen sein, in dem die Göttin an der Rezeption beschloss, Deutsche, pauschal, für kleinkarierte Arschlöcher zu halten.
Ein Vorurteil natürlich. Es hat eben noch keiner dem Dienstpersonal in der Dritten Welt erklärt, wie „Smart Shopping“ funktioniert. Dessen oberster Grundsatz lautet: Ohne Bonus muss keiner nach Hause gehen. Falls er nicht freiwillig gewährt wird, muss man eben ein wenig quengeln. Ganze Bibliotheken von Standardwerken machen sich mittlerweile erbötig, jedem Provinzdeppen zu erklären, wie man möglichst billig davonkommt.
Erste Regel: immer, unter allen Umständen, bei jeder Gelegenheit fragen, ob ein Nachlass drin ist. Zweitens: charmant, aber selbstsicher auftreten. Drittens: schlauer als jeder Verkäufer sein. Viertens: auf Preis mindernde Mängel dessen hinweisen, was man haben will. Fünftens: nie nachgeben. Sechstens: wenn man fünf Prozent herausgeholt hat, es jedem erzählen. Siebtens: und sich ja nicht schämen. Alle anderen machen es genauso. Vor allem im Ausland wäre man nachgerade enttäuscht, wenn man nicht versuchen würde, den Preis um die Hälfte zu drücken.
So kommt es, dass Menschen ganze Abende, an denen sie auch essen gehen oder guten Sex haben könnten, vor Aldi-Computern hocken und im Internet Stunden damit verbringen, Preisvergleiche anzustellen, Pröbchen und Probeabos zu ordern, Payback-Punkte zu sammeln, Last-Minute-Reisebörsen zu durchsuchen, Gratismusik herunterzuladen und vor Gratis-Porno-Pics zu masturbieren.
Noch vor wenigen Jahren hätte man das für einen ziemlich traurigen Zeitvertreib gehalten, heute gilt es als intelligent. Wenn man schon nicht mündiger Bürger sein kann, will man es wenigstens als mündiger Konsument versuchen - da hat man noch etwas vom Überschreiten der Fünf-Prozent-Marke.
Die Tugend, über Geld nur zu Geschäftszeiten zu reden, ist längst in Vergessenheit geraten. Sie wurde von der allerspießigsten Variante des Imponiergehabes abgelöst, dem Billig-Protzen. Auf Partys wird man zwischen Key-Account-Managerinnen und Senior-Irgendwas-Blendern platziert, die sich stundenlang über günstige Anzug-Fabrikverkäufe, tolle New Yorker Designerklamotten-Sales und den Fischhändler am Hafen unterhalten, bei dem man den besten Sushi-Tunfisch für fast nichts bekommt. Es ist zwar nicht wirklich höflich, wenn man seinen Gästen erklärt, dass der tolle Rioja nur deswegen aufgefahren wurde, weil er gerade im Angebot war, aber das nimmt einem keiner mehr übel, schon deswegen, weil sich auch bei den Mitbringseln niemand in Unkosten gestürzt hat. In jeder Buchhandlung gibt es mittlerweile gleich beim Eingang eine Schnäppchen-Abteilung, in der die tollen Bildbände für 19,99 Mark zu bekommen sind. Wir gönnen einander eben nur das Billigste.
Längst hat sich die Wirtschaft auf den Schnäppchenwahn eingestellt. Jede Drogerie, jeder Coffeeshop, jeder Elektroladen gibt Kundenkarten aus, kauf zehn, bezahl neun, bleib uns treu. Warum sollte man eigentlich einer Drogerie treu bleiben wollen? Telekom-Konzerne subventionieren Handys, Medienunternehmen verschenken ihre Inhalte im Internet, Modekonzerne gründen Billig-Zweitlinien.
Der Trend will es so. Der Trend sagt: Kunden wollen für nichts alles, aber vor allem Extras. Die Zukunftsforscherin Faith Popcorn prognostiziert wagemutigen Unternehmern Folgendes: „Es genügt künftig nicht mehr, eine simple Firma für Bürobedarf zu betreiben. Wollen Sie Frauen ansprechen, müssen Sie mehr bieten. Sie müssen künftig für Bestellungen solcher Art gerüstet sein: Abgesehen von einer Großpackung Faxpapier und Tintenpatronen schicken Sie mir auch eine Kiste Cola, eine Flasche Fleckenentferner und ein Chili-Abendessen für vier Personen. Und ganz schnell noch jemanden, der meinen Computer reparieren kann.“
Vernünftig ist das nicht: Wer beim Preisdumping nicht mit machen will, fliegt vom Markt, weil die Kunden davonlaufen; wer mitmacht, muss billig produzieren, entweder in Billiglohnländern oder eben Schrott, damit das wirtschaftliche Kalkül aufgehen kann. Aber Kunden, die schon als Scheidungskinder die Erfahrung machen durften, dass man alles bekommen kann, ohne dafür etwas zu geben, denken nun einmal selten über ihr kostbares Ego hinaus.
Doch irgendjemand bezahlt immer dafür, dass wir immer weniger bezahlen. Es könnte sogar sein, dass wir selbst es sind. Denn natürlich lässt das permanente Schnäppchenjagen auf Dauer Geist und Psyche nicht unbeschädigt. Wollen wir wirklich zu Pfennigfuchsern werden, die stundenlang Handy-Tariftabellen studieren? Wollen wir wirklich Samstagvormittage damit verbringen, 200 Kilometer zu reisen, um ein paar Designerklamotten billiger zu bekommen? Wollen wir wirklich ein so mickriges Leben führen, dass es uns wie ein Triumph erscheint, irgendwo sechs Prozent Rabatt herausgeschlagen zu haben?
Jeder weiß: Habgier macht hässlich. Und für Schönheitsoperationen wollen wir nun wirklich kein Geld ausgeben, nicht wahr?
Quelle: Frauenmagazin Amica 05/2001