Hallo Burghard,
in der Überschrift habe ich auf den Produktnamen verzichtet, denn diese Ausführungen gelten für jede Art des Strukturvertriebs. Zunächst eine Überlegung allgemein zum Vertrieb: Vertrieb für den Endverbraucher erfolgt klassisch über den Einzelhandel. Zwischen Hersteller und Einzelhandel ist i. d. R. noch ein Großhandel zwischengeschaltet. Dabei erfüllen die Handelstufen eine erkennbare Funktion.
Daneben gibt es auch für Endverbraucher den Direktvertrieb über Handelsvertreter. Im Bereich gewerblicher Kunden ist diese Vertriebsform sogar dominant. Oft geht es um Beratungen, die hohe Qualifikation verlangen. Häufig findet man Ingenieure und promovierte Leute in den Vertriebsfunktionen. Auch hier wieder: Klar erkennbare Funktionen in der Kette vom Hersteller bis zum Abnehmer.
Strukturvertrieb ist inzwischen auch eine klassische Form. Einer der Vorreiter in D war Electrolux mit Staubsaugern. Das Prinzip aller Strukturvertriebe ist stets ähnlich: Der Vertreter erfüllt seine Distributionsfunktion, verkauft also selbst an den Endkunden. Daneben bemüht er sich um Untervertreter. Vom Umsatz jedes Untervertreters bekommt er etwas ab. Der Untervertreter bemüht sich seinerseits um den Produktverkauf und um die Anwerbung eigener Untervertreter. Ein System aus Geld- und Sachprämien, Veranstaltungen und Belobigungen mit Erwähnung in eigens dafür gedruckten Postillen hält das auf viele Personen anwachsende System unter Dampf. Am Verkauf einer Rheumadecke oder Tütensuppe verdient der Unter-Untervertreter, der Untervertreter bekommt etwas ab, der Vertreter auch und natürlich die Zentrale, die das alles organisiert. Es sind also viele Leute beteiligt, die Geld abgreifen, aber keinen erkennbaren Nutzen in der Distribution erbringen. Dieses Geld muß irgendwer bezahlen. Wie immer ist es der Kunde. Der Kunde bezahlt deshalb zwangsläufig einen hoffnungslos überteuerten Preis.
Deshalb ist der Strukturvertrieb für Produkte ungeeignet, die nach mehr oder weniger rationalen Gesichtspunkten unter Wettbewerbsbedingungen verkauft werden. So könnte man z. B. Kartoffeln nicht über solche Vertreterkette handeln. Die Kartoffeln würden unbezahlbar teuer.
Wenn man die Kartoffeln aber kocht, ihnen das Wasser entzieht, ein Pulver daraus macht und dieses inzwischen durch Bearbeitung minderwertige Zeug in Dosen füllt und mit allerlei nicht überprüfbaren Versprechungen für einen Irrsinnspreis feil bietet, finden sich Käufer. Diesen Käufern geht es nicht darum, satt zu werden. Das sind sie längst. Sie wollen aber um keinen Preis von ihrer blödsinnigen Lebensweise lassen und greifen tief in die Tasche. Wurde ihnen doch versprochen, daß sie unter keinen Umständen den verfetteten Hintern bewegen müssen, wenn sie das teure Dosenfutter mit Wasser anrühren und in sich hinein stopfen. Anderen Kurzatmigen, denen der Arzt nur Unbequemes verordnete (Bewegung - igittigitt), die nicht schlafen können, weil sie verlernten, sich müde zu arbeiten, wird etwas von chinesischer Medizin erzählt, die es abgepackt zu Freudenhauspreisen zu kaufen gibt.
Der Verkauf erfolgt grundsätzlich auf der irrationalen Schiene. Das ist mehr oder minder zwar bei allen Vertriebsformen der Fall, aber nicht in dieser Ausschließlichkeit. Das besondere Kauferlebnis, das Event, die tolle Demo stehen im Vordergrund, nicht aber Kosten/Nutzenüberlegungen zum Produkt.
Man kann damit Geld verdienen. Das aber ist weniger eine Frage des Produkts, denn das ist mehr oder weniger nutzlos, in jedem Fall aber zwangsläufig zu teuer. Es ist eine Frage der Vertreterpersönlichkeit! Nur der „tüchtige“ Vertreter schafft es, ein paar Pfannen und Töpfe für über 1.000 Euro zu verscherbeln, die es mit identischer Funktionatität überall für einen Bruchteil gibt. Nur der tüchtige Vertreter schafft es, 100 Gramm Pulver für zig Euro zu verkaufen, obwohl man das frische Original in 20-facher Menge an jedem Marktstand für einen Euro bekommt - haarsträubend was da abläuft. Strukturvertrieb ist eine Melkmaschine für den dekadenten und etwas blöden privaten Endverbraucher.
Die Marktchancen würde ich als gut bis hervorragend einschätzen - unabhängig vom Produkt, denn das steht ohnehin im Hintergrund. Ob man Klärschlamm, Kartoffelpulver, Salz aus fernem Gebirge oder Wüstensand verpackt, ist eigentlich gleichgültig. Wenn man sich etwa den Esoterikmarkt, das Potential für fernöstlichen Medizinkrams oder Diäternährungen ansieht, muß eine Kombination daraus ein Renner werden.
Nach meiner persönlichen Ansicht braucht man dafür allerdings eine Geld-stinkt-nicht-Einstellung. Man vergeudet seine Energie und sein Berufsleben für unsinnigen Mist.
Gruß
Wolfgang