Re: Projekt Nibelungenlied
Hallo Samantha,
ich kenne mich mit Fantasyritterromanen unserer Zeit auch nicht sehr gut aus. Keiner der gelesenen Titel und Autoren schien mir einer Speicherung in meinem Gedächtnis würdig (o.k. - Zimmer-Bradley schon, aber auch nur wegen ihrer Verkaufszahlen). Es blieb lediglich der starke Verdacht: hat man einen gelesen, kennt man alle.
Nichtsdestotrotz eine Anregung - muss es denn unbedingt ein Exemplar der doch eigentlich ziemlich beliebigen zeitgenössischen Dutzendware sein? Warum nicht die Urgroßmutter aller Ritterromane nehmen, den 'Amadis' des Garci Rodríguez de Montalvo? Dass alles, was danach kam, nur noch mehr oder weniger gelungene (und langweiligere) Variationen dieses Urmusters waren, hatte schon Cervantes bemerkt.
Meines Erachtens würde der Vergleich des hochmittelalterlichen Epos mit dem frühneuzeitlichen Roman - der darüber hinaus seine thematischen Wurzel im Artus-Sagenkreis und nicht in der germanischen Epik der Völkerwanderungszeit hat - in literaturgeschichtlicher Hinsicht sehr viel mehr Sinn machen als der Vergleich mit irgendeinem beliebigen Aufguss in homöopathischer Verdünnung. Warum einen schlechten Klon nehmen, wenn man das Original heranziehen kann? Zudem eines, dessen literaturhistorische Bedeutung dem Nibelungenlied kaum nachsteht - was man von allen zeitgenössischen Fantasy-Machwerken nun wirklich nicht behaupten kann.
Der 'Amadis' wurde von Fritz Rudolf Fries ins Deutsche übertragen, 2. Auflage 1985 im Insel-Verlag, ISBN 3129057900 [Buch anschauen].
Freundliche Grüße,
Ralf