Schuld und Unschuld

Von: , Frage gestellt am Mo, 28. Okt 2002

Im Laufe der Christentumsgeschichte hat sich viel Schuld angesammelt, gemessen an den Maßstäben Jesu.
Wer ist nun heute an dieser Schuld schuld?
Gibt es überindividuelle Schuld, Institutionen-Schuld?
Dann ist derjenige am unschuldigsten, der einer jungen Institution angehört - je jünger, desto besser.
Lasst uns also heute eine neue, unschuldige Christengemeinschaft gründen. Nächstes Jahr (oder in zwanzig oder hundert Jahren) fangen wir dann wieder von vorne an.
Wer macht mit?

fragt
Pietro

16 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 51 Minuten 0 hilfreich
    Re: Schuld und Unschuld

    Lieber Pietro,

    die Theologen unter uns werden mich zwar zerreissen, aber wenn uns Christen nicht von Gott die Schuld vergeben wird, was soll dann die christliche Religion? Wenn Gott uns die Sünden vergibt, welche wir begangen haben, warum sollte er uns dann nicht auch Sünden vergeben die wir nicht begangen haben?

    Mit anderen Worten:
    Vielleicht bin ich zu doof, aber die Frage geht von einer Erbschuld aus die nirgends beschrieben ist!

    Von daher sind wir jeden Tag in einer neuen Kirche und damit jeden Tag unschuldig (was die Verbrechen in der dunklen Zeit der Kirche angeht aber nicht die Verbrechen die heute so in Jesu Namen begangen werden!!)

    Oder ein anderer Ansatz:
    Was tust Du um dich bei den Opfern des 1. und 2. Weltkrigs zu entschuldigen??? Ist man als Deutscher (Europäer) per Geburt Vorbestraft??

    • Antwort von nach 6 Stunden 0 hilfreich
      Re^2: Schuld und Unschuld

      Lieber Pietro und andere,

      ich meine, dass man zwischen Schuld und Verantwortung unterscheiden sollte: Ich (Jahrgang 1934) bin zwar im dritten Reich weder juristisch noch moralisch schuldig geworden, aber als Deutscher darf ich mich nicht aus der Verantwortung stehlen für das, was damals im deutschen Namen geschehen ist. Auch bin ich nicht daran schuld, dass der Genfer Reformator Calvin den Arzt Michel Servet auf dem Scheiterhaufen verbrennen ließ, weil er die Lehre von der Dreieinigkeit ablehnte, und dennoch schäme ich mich als evangelischer Christ dafür.

      Kohls Ausspruch von der "Gnade der späten Geburt" trifft für mich zwar zu, aber ich darf ihn nicht als faule Ausrede gebrauchen, als ginge mich das alles nichts an.

      Oder - was meint ihr?

      Gruß Theo aus WT

  2. Antwort von nach einer Stunde 0 hilfreich
    Re: Schuld und Unschuld

    Hallo Pietro,

    in meinen Augen ist Schuld individuell und kann nicht auf Institutionen abgewälzt werden. Dies wird zwar häufig versucht (s. auch drittes Reich, "schuld" war ja auch das "System"), ist aber IMHO nur eine billige Verdrängung der persönlichen Schuld.

    Weiterhin ist die heutige Kirche nicht schuldig für Verbrechen, die von Personen in ihrem Namen in der Vergangenheit begangen wurden.

    Was sie durchaus ist, ist verantwortlich: Nämlich dafür, Buße und Wiedergutmachung zu leisten für ihre institutionellen Versäumnisse aus der Vergangenheit, dem Unterstützen und Dulden der schrecklichen Untaten in ihrem Namen.

    Und natürlich hast Du das Recht, diese Verantwortung nicht tragen zu wollen, denn keiner kann Dich zwingen, sie zu tragen.

    Grüße
    Jürgen

    • Antwort von nach 2 Stunden 0 hilfreich
      Re^2: Schuld und Unschuld

      Hallo Jürgen, in meinen Augen ist Schuld individuell und kann nicht auf
      Institutionen abgewälzt werden. Dies wird zwar häufig versucht
      (s. auch drittes Reich, "schuld" war ja auch das "System"),
      ist aber IMHO nur eine billige Verdrängung der persönlichen
      Schuld.

      Das war auch mein Ausgangsgedanke (individuelle Schuld).
      Aber dann habe ich über die Kette Vollzugsbeamter, Richter, Volk (z.B. bei Justizirrtümern oder Todesstrafe) einerseits und Soldat, Armee, Regierung, Volk andererseits nachgedacht und kann in solchen Ketten (Organisationen) keinen individuell Schuldigen identifizieren (ich erinnere an das Brecht-Zitat: "Soldaten sind keine Mörder"). Dies ist vielleicht sogar der Grund, warum ich dem Staat als solchem grundsätzlich misstraue.

      Peace,
      Kevin.

      • Antwort von nach 3 Stunden 0 hilfreich
        Re^3: Schuld und Unschuld

        Hallo Kevin, Aber dann habe ich über die Kette Vollzugsbeamter, Richter,
        Volk (z.B. bei Justizirrtümern oder Todesstrafe) einerseits
        und Soldat, Armee, Regierung, Volk andererseits nachgedacht
        und kann in solchen Ketten (Organisationen) keinen individuell
        Schuldigen identifizieren (ich erinnere an das Brecht-Zitat:
        "Soldaten sind keine Mörder").
        Jeder Mensch ist frei und hat die Wahl. Es gab schon immer viele Mitläufer und wenig Aufrechte. Dass mitlaufen zumeist einfacher ist (weil häufig konsequenz- und risikolos), ist klar. Nur, schuldlos ist es eben nicht!

        Grüße
        Jürgen

        PS: Und Soldaten können niemals von vornherein des Mordes freigesprochen werden, nur weil man ihnen erlaubt hat zu töten! Auch sie haben bei jedem Schuss eine moralische Entscheidung zu fällen, die sie nicht selten schuldig macht!

        • Antwort von nach 22 Stunden 0 hilfreich
          Re^4: Schuld und Unschuld

          Hallo Jürgen, Aber dann habe ich über die Kette Vollzugsbeamter, Richter,
          Volk (z.B. bei Justizirrtümern oder Todesstrafe) einerseits
          und Soldat, Armee, Regierung, Volk andererseits nachgedacht
          und kann in solchen Ketten (Organisationen) keinen individuell
          Schuldigen identifizieren (ich erinnere an das Brecht-Zitat:
          "Soldaten sind keine Mörder").
          Jeder Mensch ist frei und hat die Wahl. Es gab schon immer
          viele Mitläufer und wenig Aufrechte. Dass mitlaufen zumeist
          einfacher ist (weil häufig konsequenz- und risikolos), ist
          klar. Nur, schuldlos ist es eben nicht!

          Mit solchen Schuldzuweisungen habe ich ein Problem: Wenn ich zwischen zwei Übeln eins (das geringere) wähle, bin ich dann Schuld an diesem Übel?
          Und: Kein Mensch kann immer alles tun, was theoretisch in seinen Möglichkeiten steht. Wenn Oskar Schindler sein Auto verkauft hätte, hätte er 20 Menschen mehr vor dem Tod im Konzentrationslager retten können. Ist er Schuld an diesen 20 Toten?
          "Wer nur ein Menschenleben rettet, der rettet damit die Welt". PS: Und Soldaten können niemals von vornherein des Mordes
          freigesprochen werden, nur weil man ihnen erlaubt hat zu
          töten! Auch sie haben bei jedem Schuss eine moralische
          Entscheidung zu fällen, die sie nicht selten schuldig macht!

          Nicht zu schiessen kann den Tod eines Kameraden bedeuten, den eigenen, oder den eines Zivilisten. In Situationen, wo die Konsequenzen der eigenen Handlungen nicht abzuschätzen sind, neige ich dazu, den kategorischen Imperativ als Test zu verwenden (Kant: "Handle immer so, dass die Maxime deines Willens jederzeit als Prinzip für eine allgemeine Gesetzgebung gelten könnte.").

          Ein Richter, der mangels Beweise einen Triebtäter laufen lässt, ist nicht Schuld am nächsten Opfer. Ein Wärter, der einen seiner Meinung nach unschuldigen Gefangenen einsperrt ist nicht Schuld am unrechtmäßigen Freiheitsentzug. Ich als Teil des Volkes bin nicht Schuld an Fehlurteilen "im Namen des Volkes".

          Ein Wehrpflichtiger ist nicht Schuld am Krieg und seinen Opfern. Der Befehlshaber ist nicht Schuld an den Gefallenen, soll er etwa generell kapitlieren und sein Volk im Stich lassen. Wenn niemand Soldat oder Polizist wäre, würden wirkliche Mörder unbehelligt bleiben.

          Jeder Fall ist individuell am kategorischen Imperativ zu messen.

          Was passiert aber, wenn ich dann keinen einzelnen Schuldigen finde?
          Entweder "verdünnt" sich die Schuld dann in der Entscheidungskette, oder ich muss einer Organisation die Schuld geben, oder den Menschen, aus denen die Organisation besteht (=> Kollektivschuld).

          Ich bin hiermit auch nicht zufrieden und noch nicht am Ende meiner Suche angelangt.

          Peace (!),
          Kevin.

          • Antwort von nach einem Tag 1 hilfreich
            Re^5: Schuld und Unschuld

            Hallo Jürgen, Mit solchen Schuldzuweisungen habe ich ein Problem: Wenn ich
            zwischen zwei Übeln eins (das geringere) wähle, bin ich dann
            Schuld an diesem Übel?
            Das interessante für mich ist doch mal unabhängig von moraltheoretischen Überlegungen, dass sich der "normale" Mensch natürlich schuldig fühlt auch an dem geringeren Übel. Und zwar deswegen, weil er sich meistens vorwirft, eine dritte "Lösung" nicht gefunden oder berücksichtigt zu haben.

            Um aktuell zu werden: Ist der Leiter der Aktion in Russland schuld am Tod von über 100 Geiseln, obwohl seiner Einschätzung nach bei allen anderen Handlungsweisen 500 Geiseln gestorben wären? Wenn wir es nur so betrachten und Deine Einstellung haben, ist er unschuldig. Aber ist er es wirklich? Er fühlt sich mit Sicherheit nicht so...

            Ich denke, er ist sehr wohl schuldig geworden, wobei es an der Gesellschaft und ihm selber ist, ihn/sich zu entschuldigen(!), was ja auch passiert. Ich persönlich fände und finde es schlimm, wenn sich jemand eben nicht schuldig fühlt, sondern die Verantwortung an das System, die Umstände o.ä. von sich aus abgibt. Denn dann öffnen wir jeder Unmoral Tür und Tor... Und: Kein Mensch kann immer alles tun, was theoretisch in
            seinen Möglichkeiten steht.
            Natürlich nicht, aber deswegen fühlen wir uns auch häufig schuldig. Was aber natürlich nicht heisst, dass dieser Zustand von Dauer sein muss. Es muss "nur" ein geregeltes Entschulden geben, sei es über ein Gerichtsverfahren, Beichte oder auch nur eine Entschuldigung und ein Verzeihen. Wenn ich jemanden anremple auf der Strasse weil ich angerempelt wurde, dann entschuldige ich mich doch auch bei dem ersten und weise nicht die Verantwortung/Schuld von mir... "Wer nur ein Menschenleben rettet, der rettet damit die Welt".
            Auch wenn er eins dabei vernichtet? Nicht zu schiessen kann den Tod eines Kameraden bedeuten, den
            eigenen, oder den eines Zivilisten. In Situationen, wo die
            Konsequenzen der eigenen Handlungen nicht abzuschätzen sind,
            neige ich dazu, den kategorischen Imperativ als Test zu
            verwenden (Kant: "Handle immer so, dass die Maxime deines
            Willens jederzeit als Prinzip für eine allgemeine Gesetzgebung
            gelten könnte.").
            Natürlich...
            Aber nichts desto trotz wehre ich mich dagegen, dass ein Mitläufertum entschuldigen könnte. Für mich wird jeder Mensch durch seine Taten oder Unterlassungen schuldig. Es gibt alleine Möglichkeiten der Entschuldigung, die sich selbstverständlich an dem Wissensstand und den Möglichkeiten des einzelnen messen lassen müssen.

            Worauf ich hinaus will, ist Deine angesprochene Verdünnung von Schuld ins Nichts. Das gibt es für mich nicht...

            Grüße
            Jürgen

            • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
              Re^6: Schuld und Unschuld

              Hallo Jürgen, Das interessante für mich ist doch mal unabhängig von
              moraltheoretischen Überlegungen, dass sich der "normale"
              Mensch natürlich schuldig fühlt auch an dem geringeren Übel.
              Und zwar deswegen, weil er sich meistens vorwirft, eine dritte
              "Lösung" nicht gefunden oder berücksichtigt zu haben.

              Ja, Du hast Recht. Ich möchte aber zwischen persönlich empfundener Schuld und den damit verbundenen Bewältigungsprozess einerseits, und der Schuldzuweisung und Bestrafung durch die Gesellschaft andererseits unterscheiden. Um aktuell zu werden: Ist der Leiter der Aktion in Russland
              schuld am Tod von über 100 Geiseln, obwohl seiner Einschätzung
              nach bei allen anderen Handlungsweisen 500 Geiseln gestorben
              wären? Wenn wir es nur so betrachten und Deine Einstellung
              haben, ist er unschuldig. Aber ist er es wirklich? Er fühlt
              sich mit Sicherheit nicht so...

              Ich denke, er ist sehr wohl schuldig geworden, wobei es an der
              Gesellschaft und ihm selber ist, ihn/sich zu entschuldigen(!),
              was ja auch passiert. Ich persönlich fände und finde es
              schlimm, wenn sich jemand eben nicht schuldig fühlt, sondern
              die Verantwortung an das System, die Umstände o.ä. von sich
              aus abgibt. Denn dann öffnen wir jeder Unmoral Tür und Tor...

              Das meine ich auch: zuerst ist die Schuld beim Täter. Aber die Umstände können ihn ganz oder teilweise entschuldigen, und zu den Umständen gehört auch die Gesellschaft, Organisation, Institution in der er lebt. Die Gesellschaft macht sich mitschuldig, wenn sie die Tat ermöglicht, begünstigt, gefördert, oder gar sanktioniert hat. Die Mitglieder der Gesellschaft machen sich schlimmstenfalls selbst mitschuldig. "Wer nur ein Menschenleben rettet, der rettet damit die Welt".
              Auch wenn er eins dabei vernichtet?

              Das ist ein Zitat, ich denke aus der jüdischen Glaubenslehre. Aber nichts desto trotz wehre ich mich dagegen, dass ein
              Mitläufertum entschuldigen könnte. Für mich wird jeder Mensch
              durch seine Taten oder Unterlassungen schuldig. Es gibt
              alleine Möglichkeiten der Entschuldigung, die sich
              selbstverständlich an dem Wissensstand und den Möglichkeiten
              des einzelnen messen lassen müssen.

              Mitläufertum will ich auch nicht entschuldigen. Am kategorischen Imperativ gemessen macht sich der Mitläufer ja auch schuldig. Worauf ich hinaus will, ist Deine angesprochene Verdünnung von
              Schuld ins Nichts. Das gibt es für mich nicht...

              Für mich eben auch nicht. Daher will ich alle Mitglieder einer Organisation, die eine Tat gebilligt, ermöglicht, begünstigt oder gefördert hat, mitschuldig machen. So habe ich auch die 'schweigende Mehrheit' erwischt.
              Das gilt für mich aber nicht für Mitglieder, die in die Organisation eingetreten sind, nachdem diese aus ihren Fehlern gelernt hat und sich gebessert hat. Dieser Besserungsprozess kann auch die alten Mitglieder 'entschuldigen'.

              Schuld sehe ich im Sinne von jemandem etwas schulden. Einiges kann man zurückzahlen (wiedergutmachen), anderes nicht.
              Ich bezweifele aber, dass man durch Beichten irgendwas an Schuld tilgt. Es gehört, genau wie Ermahnungen, Strafen und Buße zu dem Einsichtsprozess. Wiedergutmachung ist wirklich selten.

              (klingt das eigentlich nach protestantischer Ethik?)

              Peace,
              Kevin.




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