Re^6: Schuld und Unschuld
Hallo Jürgen,
Das interessante für mich ist doch mal unabhängig von
moraltheoretischen Überlegungen, dass sich der "normale"
Mensch natürlich schuldig fühlt auch an dem geringeren Übel.
Und zwar deswegen, weil er sich meistens vorwirft, eine dritte
"Lösung" nicht gefunden oder berücksichtigt zu haben.
Ja, Du hast Recht. Ich möchte aber zwischen persönlich empfundener Schuld und den damit verbundenen Bewältigungsprozess einerseits, und der Schuldzuweisung und Bestrafung durch die Gesellschaft andererseits unterscheiden.
Um aktuell zu werden: Ist der Leiter der Aktion in Russland
schuld am Tod von über 100 Geiseln, obwohl seiner Einschätzung
nach bei allen anderen Handlungsweisen 500 Geiseln gestorben
wären? Wenn wir es nur so betrachten und Deine Einstellung
haben, ist er unschuldig. Aber ist er es wirklich? Er fühlt
sich mit Sicherheit nicht so...
Ich denke, er ist sehr wohl schuldig geworden, wobei es an der
Gesellschaft und ihm selber ist, ihn/sich zu entschuldigen(!),
was ja auch passiert. Ich persönlich fände und finde es
schlimm, wenn sich jemand eben nicht schuldig fühlt, sondern
die Verantwortung an das System, die Umstände o.ä. von sich
aus abgibt. Denn dann öffnen wir jeder Unmoral Tür und Tor...
Das meine ich auch: zuerst ist die Schuld beim Täter. Aber die Umstände können ihn ganz oder teilweise entschuldigen, und zu den Umständen gehört auch die Gesellschaft, Organisation, Institution in der er lebt. Die Gesellschaft macht sich mitschuldig, wenn sie die Tat ermöglicht, begünstigt, gefördert, oder gar sanktioniert hat. Die Mitglieder der Gesellschaft machen sich schlimmstenfalls selbst mitschuldig.
"Wer nur ein Menschenleben rettet, der rettet damit die Welt".
Auch wenn er eins dabei vernichtet?
Das ist ein Zitat, ich denke aus der jüdischen Glaubenslehre.
Aber nichts desto trotz wehre ich mich dagegen, dass ein
Mitläufertum entschuldigen könnte. Für mich wird jeder Mensch
durch seine Taten oder Unterlassungen schuldig. Es gibt
alleine Möglichkeiten der Entschuldigung, die sich
selbstverständlich an dem Wissensstand und den Möglichkeiten
des einzelnen messen lassen müssen.
Mitläufertum will ich auch nicht entschuldigen. Am kategorischen Imperativ gemessen macht sich der Mitläufer ja auch schuldig.
Worauf ich hinaus will, ist Deine angesprochene Verdünnung von
Schuld ins Nichts. Das gibt es für mich nicht...
Für mich eben auch nicht. Daher will ich alle Mitglieder einer Organisation, die eine Tat gebilligt, ermöglicht, begünstigt oder gefördert hat, mitschuldig machen. So habe ich auch die 'schweigende Mehrheit' erwischt.
Das gilt für mich aber nicht für Mitglieder, die in die Organisation eingetreten sind, nachdem diese aus ihren Fehlern gelernt hat und sich gebessert hat. Dieser Besserungsprozess kann auch die alten Mitglieder 'entschuldigen'.
Schuld sehe ich im Sinne von jemandem etwas schulden. Einiges kann man zurückzahlen (wiedergutmachen), anderes nicht.
Ich bezweifele aber, dass man durch Beichten irgendwas an Schuld tilgt. Es gehört, genau wie Ermahnungen, Strafen und Buße zu dem Einsichtsprozess. Wiedergutmachung ist wirklich selten.
(klingt das eigentlich nach protestantischer Ethik?)
Peace,
Kevin.