Sind überhaupt solche Horrorgeschichten wahr?
Die sicher nicht!
Kindermord
Hat der Kindermord von Bethlehem wirklich stattgefunden?
Die Legende vom Kindermord zu Bethlehem ist genau das: eine Legende. Denn das berüchtigte Massenmorden, bei dem König Herodes angeblich alle Bethlehemer Kinder unter zwei Jahren niedermetzeln ließ, hat niemals stattgefunden.
Die einzige Quelle für diese Greueltat ist das Evangelium des Matthäus. Danach kamen, als Jesus geboren wurde, drei morgenländische Weise nach Jerusalem und fragten nach dem neugeborenen König der Juden, um ihn anzubeten. Davon hörend und »not amused«, wie moderne Blaublüter zu sagen pflegen, läßt der aktuelle König, also Herodes, die drei Weisen zu sich kommen und erfährt, daß sein Nachfolger und Konkurrent in Bethlehem geboren sei.
Um diesen Konkurrenten schnellstmöglich zu beseitigen, schickt Herodes die Weisen mit dem Versprechen von dannen, auch ihn, Herodes, dem nächsten König zuzuführen, sobald sie ihn gefunden hätten. »Ziehet hin und forschet fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr's findet, so sagt mir's wieder, daß ich auch komme und es anbete«, kann man bei Matthäus lesen. Herrn gewarnt; sie ziehen nach Hause, ohne Herodes zu informieren. Und auch Josef und Maria werden gewarnt; sie fliehen mit ihrem Kind nach Ägypten - gerade noch rechtzeitig, denn Herodes, voller Zorn über den Wortbruch der drei Weisen, hat schon seine Henker losgeschickt »und ließ alle Kinder zu Bethlehem töten und an ihren Grenzen, die da zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er mit Fleiß von den Weisen erlernet hatte«.
Soweit Matthäus. Die anderen Evangelisten erwähnen davon nichts, und auch in sonstigen zeitgenössischen Chroniken und Quellen ist diese selbst für damalige Zeiten ungewöhnliche Barbarei nicht aufgeführt. Auch der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus, der rund 100 Jahre später lebte und in seiner vielbändigen Geschichte des jüdischen Volkes kaum ein gutes Haar an Herodes läßt, erwähnt die Morde nicht.
Aber das sind nicht die einzigen Gründe, die Darstellung von Matthäus anzuzweiflen. Herodes starb im Jahr -4 unserer Zeitrechnung, und auch wenn wir zugestehen, daß Jesus nicht im Jahr 0 geboren wurde (s.a. »Jahr Null«), war Herodes damals doch schon an die 70 Jahre alt; vor neugeborenen Säuglingen hatte er vermutlich wenig Angst. Außerdem war er kein unumschränkter Herrscher, sondern Vasall des Kaisers Augustus, und dieser behielt sich die Bestätigung aller Todesurteile vor. Und Exzesse wie den Kindermord in Bethlehem hätte Augustus nie geduldet - 10 Jahre nach dem Tod des Herodes setzte er dessen Nachfolger wegen weitaus geringerer Vergehen einfach ab.
Matthäus hat diese Mordgeschichte also höchstwahrscheinlich frei erfunden, vermutlich, um die Bedeutung des Messias zu betonen. Denn solche mißglückten Attentate werden seit jeher vielen Großen der Weltgeschichte im nachhinein gern angedichtet. Genauso soll etwa der durch einen Hellseher gewarnte römische Senat aus Angst vor einer neuen Königsherrschaft beschlossen haben, alle Jungen des Geburtsjahrganges von Augustus umzubringen (was nur dadurch verhindert wurde, so die Sage, daß alle Senatoren mit schwangeren Frauen diesen Beschluß hintertrieben, in der Hoffung, ihr eigener Sprößling könnte der künftige König sein), oder ist auch der große Moses nur knapp einem ähnlichen Massenmord entkommen: »Alle Söhne, die geboren werden, werft ins Wasser«, sprach der Pharao, und nur durch ein Wunder konnte Moses überleben (seine Mutter setzte ihn auf eine Art Floß in den Nil, wo niemand anderer als die Tochter des Pharao ihn dann später fand).
Solche Anekdoten wurden schon in der Antike nicht für bare Münze, sondern vor allem als literarische Umschreibung für die Bedeutung des intendierten Opfers genommen, und genau in diesem Licht ist wohl auch der Bethlehemer Kindermord zu sehen: um die Bedeutung des Messias zu unterstreichen, ließ ihn Matthäus auf wundersame Weise einem fingierten Massenmord entgehen.
Lit.: Abraham Schalit: König Herodes - der Mann und sein Werk, Berlin 1969; Gerhard Prause: Herodes der Große - König der Juden, Hamburg 1977.
[Lexikon: Kindermord, S. 4. Das digitale Lexikon der populären Irrtümer, S. 805 (vgl. LexPI Bd. 1, S. 170)]
Fritz