Re^3: Die Schwäche der Demokratie
Hallo,
Wenn die Mehrheit zu dumm ist, so leben zu _wollen_, daß
langfristig ein lebenswertes Dasein möglich ist, oder zu dumm
ist, zu _erkennen_, wie man das möglich machen kann, dann wird
diese Gesellschaft sich eine zunehmend lebensunwerter Welt
gegenübersehen. Das ist nur blöd für die Minderheit derer, die
_glauben_, sie wüßten, was falsch läuft und noch mehr für die,
die außerdem _glauben_, sie wüßten sogar, wie man es besser
machen könnte.
Das ist die MEHRHEIT. Nur fürchte ich, daß die wenigsten davon
WISSEN, wie man es besser machen könnte.
Ja, da hast Du sicher recht...
Zudem glaube ich, daß schlicht nicht absehbar bzw.
vorhersagbar ist, welche politischen Entscheidungen sich
mittel- oder langfristig als eher vorteilhaft oder nachteilig
erweisen werden.
Dann brauchen wir eigentlich gar keine Politik mehr und
überlassen alles dem Zufall (Fatalanarchismus?)
Nein, das sehe ich nicht so! Menschliche Gesellschaften brauchen eine "gesellschaftliche Führung". Gruppen strukturieren sich automatisch in Hierarchien. Nicht mal, wenn man wollte, könnte man in tatsächlich anarchischen Verhältnissen leben. Es wird sich immer ein irgendwie geartetes System auskristallisieren, möglicherweise mit Organisationsstrukturen, die kleiner sind als die "Landesgrenzen", aber das ist keine Bedingung für eine Anarchie.
Übrigends halte ich unser eigenes politisches System nicht für
demokratisch im o.g. Sinn. Eigentlich haben wir hier eine
Mischung aus parlamentarischer Aristokratie
Dann müßte der bundestag sowas wie das House Of Lords sein,
das sehe ich aber nicht, kann sich doch jeder für bewerben.
Vorweg: Aristokratie verstehe ich im Sinne Aristoteles. Aristokratie des Adels ist ein Sonderfall, auf den ich hier nicht angespielt habe! (weil du von "Lords" sprichst).
De-facto ist der Bundestag ein "House of Lords". Man kommt praktisch nur dann rein, wenn man sich schon als Schüler parteipolitisch engagiert, Politik, Jura oder Soziales studiert und die Behördenlaufbahn mitmacht. Klar, die Chance hat auch ein Quereinsteiger - aber die ist verschwindend gering. Was ich sagen will: Diejenigen, die dort ankommen, sind selektiert auf ganz bestimmte Fähigkeiten und gedrillt auf ein bestimmtes Verhalten und haben vom Leben außerhalb der Politik wenig direkte Erfahrung und oft auf keinen direkten Kontakt. Kurz: Der Durchschnitt der Politiker in höheren Ämtern ist nicht der Durchschnitt der Bevölkerung. Nicht mal ansatzweise. Einen Informationsfluß vom Volk zur Regierung kann ich auch nicht erkennen. Zwar werden Umfragen gemacht und es wird gewählt, aber mein Eindruck ist, daß die Ergebnisse sowieso im Sinne der Politiker interpretiert werden (bis auf wenige Ausnahmen sehr eindeutigen Ergebnissen).
Vielleicht weil der Großteil der Bevölkerung in eben dieser
Konsumgesellschaft leben will, die nun einmal von
wirtschaftlicher Dominanz geprägt ist (und imho dieser sogar
bedarf).
Bei diesen und ähnlichen Schlußfolgerungen muß man aber berücksichtigen, daß viele politische Entscheidungen - und Vorbereitungen! - der Machtmehrung und dem Machterhalt sowie der Prestige dienen, also ganz losgelöst von den eigentlichen demokratischen Zielen sind! Die Zusammenhänge sind sehr komplex und oft indirekt und so werden Strategien verfolgt, die nur den Anschein haben, an sich erstrebenswert zu sein. Als Beispiele könnte man durchaus die Energie- und Verkehrspolitik anführen. Auf der Ebene der Kommunalpolitik ist es vielleicht etwas einfacher: Wollen die Leute Supermärkte? Supermärkte werden gezielt angeworben, weil sie Arbeitsplätze schaffen (sollen!) und vor allem Geld in die kommunalen Kassen bringen sollen, womit die Regierung ihre Macht sichern und ausbauen kann. Das erreicht sie natürlich, indem sie den Wählern mit diesem Geld Wünsche erfüllt. Dann wird erzählt, daß es gut und toll ist, so viele Märkte und Angebote zu haben. Die Leute nehmen das Angebot an und gewöhnen sich daran. Der Tante-Emma-Laden um die Ecke wird "zu teuer". Innenstädte sterben. Jetzt erst fällt den Leuten langsam auf, daß sie ein Stück Lebensqualität verloren haben - ersetzt durch ein stereotypes, industrielles "Einkaufserlebnis", dem man sich zunehmend ausgeliefert sieht. Was wollen die Leute?
Die Leute wollen eigentlich Lebensqualität. So wird das Geschäft des Politikers, den Leuten solche Sachen als gesteigerte Lebensqualität zu verkaufen, was die Macht der Politikers stärkt. Diese Macht wird nicht nur durch die Wähler bestimmt, sondern auch durch ökonomische Interessen von immer größeren (und damit einflußreicheren) Konzernen. Die helfen bei der Werbung. Der volontaire general, gelenkt durch die Interessen weniger, ohne Mitsprachemöglichkeit vieler. Was wollen die Leute?
Den Leuten wird schon gesagt, was sie zu wollen haben.
Beste Grüße,
Jochen