Dalai Lama - Buddhismus und Politik
Von: , Frage gestellt am Mo, 7. Jun 2004
Hallo Marion,
wir kommen hier in ein Fahrwasser, das mit den ursprünglichen Threads nicht mehr viel zu tun hat. Ich erlaube mir daher, einen neuen Thread zu eröffnen.
Der Dalai Lama ist ein tibetischer
Exilpolitiker und war bis 1959 nominelles Haupt der Regierung
Tibets, des Kashag. Mit Buddhismus hat das herzlich wenig zu
tun.
Zur Klarstellung: ich habe nicht gesagt, der Dalai Lama hat nichts mit Buddhismus zu tun, sondern tibetische (Exil-)politik hat nichts mit Buddhismus zu tun.
Der Dalai Lama hat mit Buddhismus insofern etwas zutun, als dass
er als Verkörperung des Bodhisattva Avalokitesvara gilt.
Bei den Katholiken wiederum gilt ein 84-jähriger, schwer parkinson-kranker Pole als Stellvertreter Gottes auf Erden. Für manche hat das etwas mit Christentum zu tun, für Andere nicht das Geringste. Wie auch immer - ich habe nichts dagegen. So lange man nicht verpflichtet ist, so etwas zu glauben ...
Für die Tibeter verkörpert der Dalai Lama tatsächlich Avalokitesvara,
wie er sich in unserer heutigen Welt manifestiert, also als ein Bodhisattva,
der real unter uns lebt. Die Tibeter haben das Empfinden, dass durch den
Dalai Lama das gesamte Tibet, ihre Tradition, ihr Leben in Kontakt mit
dem Transzendenten der buddhistischen Lehre ist. Daraus erklärt sich
auch die ungemeine Verehrung und Emotionalität vieler Tibeter gegenüber
dem Dalai Lama.
Das mag für viele oder sogar die meisten Tibeter durchaus zutreffen. Eine allgemein buddhistische Doktrin ist es jedenfalls nicht. Wenn z.B. ich aus Verehrung für Avalokitesvara das Daihi Shin Dharani oder die Fumonbon Ge aus dem Lotossutra rezitiere, denke ich nicht im Traum daran, das irgendwie speziell mit Seiner Heiligkeit Tenzin Gyatso in Verbindung zu bringen - genauso wenig wie Millionen anderer Buddhisten auch. Avalokitesvara ist eine Personifikation spiritueller Qualitäten, ist Mitgefühl und unterscheidende Weisheit. Avalokitesvara manifestiert sich auf unzählige Arten - in jedem, der die Bodhisattva-Gelübde auf sich genommen hat. Natürlich auch im Dalai Lama. Einen speziellen Menschen allerdings als DIE Verkörperung von Avalokitesvara anzusehen, halte ich schon für problematisch. Und wenn nur aus dem einen Grund, dass es gilt, die Qualitäten, für die Avalokitesvara steht, in sich selbst freizulegen, anstatt sie auf andere Menschen zu projizieren.
Wenn man dann noch in Betracht zieht, dass der Dalai Lama ja gleichzeitig auch die Reinkarnation seiner Vorgänger sein soll, dann wird es schon recht schwierig, das noch irgendwie sinnvoll mit Buddhas Anatman-Lehre zu vereinbaren - wie überhaupt das ganze Tulku-System. [Anmerkung: Tulku = ein hochrangiger Mönch, der als Reinkarnation seines Amtsvorgängers betrachtet wird. Es gibt ca. 500 Tulkus, wobei der Dalai Lama der bekannteste ist.] Ein 'Tulku' scheint mir mit dem hinduistischen Konzept des Avatar sehr viel mehr gemein zu haben als mit dem Buddhadharma.
Wenn man sich die Geschichte Tibets und speziell der Dalai Lamas seit dem späten 16. Jahrhundert (älter ist diese Institution ja nicht) anschaut, dann wird der machtpolitische Hintergrund solch frommer Legenden nur allzu deutlich. Religiöse Überhöhung als Herrschaftssicherung, das altbekannte Rezept. Ich denke, man tut dem Dharma im Westen keinen guten Dienst, wenn man solch fragwürdige Lehren (oder sagen wir vorsichtig 'nationale Eigentümlichkeiten') kritiklos übernimmt, zumal sie der im Westen bei Nicht-Buddhisten häufig so verzerrten Auffassung von 'Buddhismus' (speziell was das Thema Reinkarnation angeht) Vorschub leisten.
Wohlgemerkt - ich halte die 'Tulku'-Doktrin (die man ja in anderen Schulen auch nicht findet) für unbuddhistisch und für eine durch den Hinduismus inspirierte und machtpolitisch motivierte Zutat. Das tut meiner sonstigen Wertschätzung der tibetischen buddhistischen Schulen und ihrer Lehren keinen Abbruch. Zumal die Tulku-Doktrin mE ein durchaus verzichtbarer (um nicht zu sagen überflüssiger) Bestandteil ist.
Ihn wie du als machst als "Exilpolitiker" abzuwatschen, halte ich schon
für ziemlich beleidigend.
Es war durchaus nicht beleidigend gemeint. Ich halte diesen freundlichen älteren Herren für einen durchaus fähigen, verantwortungsvollen und vernünftigen Exilpolitiker und auch für jemanden, der spirituell außerordentlich gereift ist. Trotzdem ist er nicht - wie behauptet - "Führer der tibetischen Buddhisten". Das trifft weder in politischer noch in spiritueller Hinsicht in dieser Ausschließlichkeit zu.
Aber diese immer wieder gern kolportierte Behauptung berührt einen besonders unangenehmen Aspekt, nämlich die Verquickung von Politik und Religion. Dies habe ich versucht, aufzutrennen - was aber nicht heißen soll, dass ich den Dalai Lama ausschließlich als Exilpolitiker sehe. Ohne dies nun speziell dem Dalai Lama anlasten zu wollen, so besteht doch bei vielen Tibetern und ihren wohlmeinenden westlichen Unterstützern die Tendenz, beides mehr oder weniger bewusst miteinander zu vermengen und den Buddhismus als Sympathieträger, als Mittel für Zwecke tibetischer Exilpolitik, in Beschlag zu nehmen und zu instrumentalisieren. Dabei ist der Dalai Lama das öffentlichkeitswirksame Aushängeschild. Ich für meinen Teil halte es nicht für heilsam, wenn man versucht, Menschen über den Dharma für einen politischen Kampf zu rekrutieren.
Übrigens steht der
Dalai Lama in seiner eigenen Sekte erst an vierter Stelle der
Hierarchie - nach den Leitern der Klosteruniversitäten Gaden
und Sera (die allerdings nicht auf Lebenszeit amtieren) und
dem Panchen Lama.
Hierarchie bedeutet für mich auch Weisungsbefugnis. In wiefern
siehst du die von dir genannten gegenüber dem Dalai Lama als
weisungsbefugt ?
Hierarchie bedeutet nicht per se Weisungsbefugnis. Es gibt auch protokollarische Hierarchieen. In Deutschland z.B. steht der Bundeskanzler auch erst an vierter Stelle der Hierarchie (nach Bundespräsident, Bundestagspräsident und Bundesratspräsident), ohne dass er Weisungen unterworfen wäre.
Aber die tibetische Spielart ist für den Buddhismus
insgesamt nicht repräsentativ, auch wenn die Wahrnehmung in
den westlichen Medien da anders ist.
Der tibetische Buddhismus ist genau so repräsentativ für den
Buddhismus, wie andere Schulen auch.
Genau so viel, aber auch genau so wenig. Mir ging es bei meinem Ursprungsposting darum, den im Westen so stark verengten Blickwinkel (Buddhismus = tibetischer Buddhismus, der Dalai Lama als spiritueller Popstar) etwas zu weiten. Daher rührt ja auch das populäre Mißverständnis, der Dalai Lama sei so etwas wie der buddhistische Papst.
Man sollte allerdings nicht den Fehler machen, und bespielsweise
weltliche Angelegenheiten oder Fragen der Staatsführung mit denen
der buddhistischen Lehre in einen Topf werfen auch wenn des im
Fall des Dalai Lama als Bodhisattva ja quasi sein "Sinn" ist, sich um
sein Volk, sein Land und alle Lebewesen zu kümmern.
Zum ersten Halbsatz meine uneingeschränkte Zustimmung. Wie sicher klar geworden ist, halte ich jedoch den zweiten Punkt für eine sehr problematische und sogar potentiell für den Dharma im Westen schädliche Konstruktion. Tibet und Dalai Lama haben momentan eine gute Presse. Das liegt allerdings unter anderem auch daran, dass über die soziale Wirklichkeit der tibetischen 'Theokratie' vor 1950 im Westen nicht viel bekannt ist. Es handelte sich da keineswegs, wie gerne (auch durch Hollywood) suggeriert wird, um ein idyllisches, von weisen und abgeklärten Menschen bevölkertes Shangri-La, das durch bösartige kommunistische Horden überfallen und versklavt wurde. Von der himmelschreienden sozialen Rückständigkeit einmal abgesehen (um beispielhaft nur die weitverbreitete Leibeigenschaft zu nennen) war es auch ein Land mit einer Staatsreligion. Und Staatsreligion war nicht etwa der Buddhismus schlechthin, sondern es war der Buddhismus der Gelug-Sekte, die den Anspruch erhob, sich exklusiv "um sein Volk, sein Land und alle Lebewesen zu kümmern". Alle anderen tibetischen Buddhisten (Nicht-Buddhisten sowieso) waren von der politischen Mitwirkung ausgeschlossen. Versteht sich, dass eine solche politische Ordnung mit militärischen Mitteln (z.B. mongolischen Truppen) und nicht unerheblichem Blutvergießen etabliert und aufrecht erhalten werden musste.
Ich will damit nichts rechtfertigen und auch nicht Opfer zu Tätern umdeklarieren - aber eine etwas differenziertere Sicht vermitteln. Vieles, was in westlichen Köpfen zu den Themen 'Tibet' und 'Dalai Lama' herumspukt, ist kaum mehr als Projektion einer verschwommenen Heile-Welt-Sehnsucht.
Diese Problematik hast du aber nicht nur in Tibet, sondern auch in
anderen buddhistischen Ländern Asiens. Ich gehe jedenfalls davon aus,
dass du die Ausprägungsformen der Militärdiktatur in Burma auch
nicht mit buddhistischer Lehre vermengst.
Richtig - wobei es in Burma allerdings mW auch keine Überschneidung von politischen und religiösen Ämtern bzw. eine Personalunion von politischer und religiöser Autorität gibt. Und ich halte auch - aktuelles Thema - die Einmischung von Mönchen in die Politik Sri Lankas (noch dazu mit deutlich nationalistischen Untertönen) für äußerst bedenklich und unheilsam. Entsprechend scharf wird sie auch in Sri Lanka selbst von Buddhisten kritisiert.
Namo Guan Shi Yin Pusa,
Ralf
