Dalai Lama - Buddhismus und Politik

Von: , Frage gestellt am Mo, 7. Jun 2004

Hallo Marion,
wir kommen hier in ein Fahrwasser, das mit den ursprünglichen Threads nicht mehr viel zu tun hat. Ich erlaube mir daher, einen neuen Thread zu eröffnen. Der Dalai Lama ist ein tibetischer
Exilpolitiker und war bis 1959 nominelles Haupt der Regierung
Tibets, des Kashag. Mit Buddhismus hat das herzlich wenig zu
tun.
Zur Klarstellung: ich habe nicht gesagt, der Dalai Lama hat nichts mit Buddhismus zu tun, sondern tibetische (Exil-)politik hat nichts mit Buddhismus zu tun. Der Dalai Lama hat mit Buddhismus insofern etwas zutun, als dass
er als Verkörperung des Bodhisattva Avalokitesvara gilt.
Bei den Katholiken wiederum gilt ein 84-jähriger, schwer parkinson-kranker Pole als Stellvertreter Gottes auf Erden. Für manche hat das etwas mit Christentum zu tun, für Andere nicht das Geringste. Wie auch immer - ich habe nichts dagegen. So lange man nicht verpflichtet ist, so etwas zu glauben ... Für die Tibeter verkörpert der Dalai Lama tatsächlich Avalokitesvara,
wie er sich in unserer heutigen Welt manifestiert, also als ein Bodhisattva,
der real unter uns lebt. Die Tibeter haben das Empfinden, dass durch den
Dalai Lama das gesamte Tibet, ihre Tradition, ihr Leben in Kontakt mit
dem Transzendenten der buddhistischen Lehre ist. Daraus erklärt sich
auch die ungemeine Verehrung und Emotionalität vieler Tibeter gegenüber
dem Dalai Lama.
Das mag für viele oder sogar die meisten Tibeter durchaus zutreffen. Eine allgemein buddhistische Doktrin ist es jedenfalls nicht. Wenn z.B. ich aus Verehrung für Avalokitesvara das Daihi Shin Dharani oder die Fumonbon Ge aus dem Lotossutra rezitiere, denke ich nicht im Traum daran, das irgendwie speziell mit Seiner Heiligkeit Tenzin Gyatso in Verbindung zu bringen - genauso wenig wie Millionen anderer Buddhisten auch. Avalokitesvara ist eine Personifikation spiritueller Qualitäten, ist Mitgefühl und unterscheidende Weisheit. Avalokitesvara manifestiert sich auf unzählige Arten - in jedem, der die Bodhisattva-Gelübde auf sich genommen hat. Natürlich auch im Dalai Lama. Einen speziellen Menschen allerdings als DIE Verkörperung von Avalokitesvara anzusehen, halte ich schon für problematisch. Und wenn nur aus dem einen Grund, dass es gilt, die Qualitäten, für die Avalokitesvara steht, in sich selbst freizulegen, anstatt sie auf andere Menschen zu projizieren.

Wenn man dann noch in Betracht zieht, dass der Dalai Lama ja gleichzeitig auch die Reinkarnation seiner Vorgänger sein soll, dann wird es schon recht schwierig, das noch irgendwie sinnvoll mit Buddhas Anatman-Lehre zu vereinbaren - wie überhaupt das ganze Tulku-System. [Anmerkung: Tulku = ein hochrangiger Mönch, der als Reinkarnation seines Amtsvorgängers betrachtet wird. Es gibt ca. 500 Tulkus, wobei der Dalai Lama der bekannteste ist.] Ein 'Tulku' scheint mir mit dem hinduistischen Konzept des Avatar sehr viel mehr gemein zu haben als mit dem Buddhadharma.

Wenn man sich die Geschichte Tibets und speziell der Dalai Lamas seit dem späten 16. Jahrhundert (älter ist diese Institution ja nicht) anschaut, dann wird der machtpolitische Hintergrund solch frommer Legenden nur allzu deutlich. Religiöse Überhöhung als Herrschaftssicherung, das altbekannte Rezept. Ich denke, man tut dem Dharma im Westen keinen guten Dienst, wenn man solch fragwürdige Lehren (oder sagen wir vorsichtig 'nationale Eigentümlichkeiten') kritiklos übernimmt, zumal sie der im Westen bei Nicht-Buddhisten häufig so verzerrten Auffassung von 'Buddhismus' (speziell was das Thema Reinkarnation angeht) Vorschub leisten.

Wohlgemerkt - ich halte die 'Tulku'-Doktrin (die man ja in anderen Schulen auch nicht findet) für unbuddhistisch und für eine durch den Hinduismus inspirierte und machtpolitisch motivierte Zutat. Das tut meiner sonstigen Wertschätzung der tibetischen buddhistischen Schulen und ihrer Lehren keinen Abbruch. Zumal die Tulku-Doktrin mE ein durchaus verzichtbarer (um nicht zu sagen überflüssiger) Bestandteil ist. Ihn wie du als machst als "Exilpolitiker" abzuwatschen, halte ich schon
für ziemlich beleidigend.
Es war durchaus nicht beleidigend gemeint. Ich halte diesen freundlichen älteren Herren für einen durchaus fähigen, verantwortungsvollen und vernünftigen Exilpolitiker und auch für jemanden, der spirituell außerordentlich gereift ist. Trotzdem ist er nicht - wie behauptet - "Führer der tibetischen Buddhisten". Das trifft weder in politischer noch in spiritueller Hinsicht in dieser Ausschließlichkeit zu.

Aber diese immer wieder gern kolportierte Behauptung berührt einen besonders unangenehmen Aspekt, nämlich die Verquickung von Politik und Religion. Dies habe ich versucht, aufzutrennen - was aber nicht heißen soll, dass ich den Dalai Lama ausschließlich als Exilpolitiker sehe. Ohne dies nun speziell dem Dalai Lama anlasten zu wollen, so besteht doch bei vielen Tibetern und ihren wohlmeinenden westlichen Unterstützern die Tendenz, beides mehr oder weniger bewusst miteinander zu vermengen und den Buddhismus als Sympathieträger, als Mittel für Zwecke tibetischer Exilpolitik, in Beschlag zu nehmen und zu instrumentalisieren. Dabei ist der Dalai Lama das öffentlichkeitswirksame Aushängeschild. Ich für meinen Teil halte es nicht für heilsam, wenn man versucht, Menschen über den Dharma für einen politischen Kampf zu rekrutieren. Übrigens steht der
Dalai Lama in seiner eigenen Sekte erst an vierter Stelle der
Hierarchie - nach den Leitern der Klosteruniversitäten Gaden
und Sera (die allerdings nicht auf Lebenszeit amtieren) und
dem Panchen Lama.
Hierarchie bedeutet für mich auch Weisungsbefugnis. In wiefern
siehst du die von dir genannten gegenüber dem Dalai Lama als
weisungsbefugt ?
Hierarchie bedeutet nicht per se Weisungsbefugnis. Es gibt auch protokollarische Hierarchieen. In Deutschland z.B. steht der Bundeskanzler auch erst an vierter Stelle der Hierarchie (nach Bundespräsident, Bundestagspräsident und Bundesratspräsident), ohne dass er Weisungen unterworfen wäre. Aber die tibetische Spielart ist für den Buddhismus
insgesamt nicht repräsentativ, auch wenn die Wahrnehmung in
den westlichen Medien da anders ist.
Der tibetische Buddhismus ist genau so repräsentativ für den
Buddhismus, wie andere Schulen auch.
Genau so viel, aber auch genau so wenig. Mir ging es bei meinem Ursprungsposting darum, den im Westen so stark verengten Blickwinkel (Buddhismus = tibetischer Buddhismus, der Dalai Lama als spiritueller Popstar) etwas zu weiten. Daher rührt ja auch das populäre Mißverständnis, der Dalai Lama sei so etwas wie der buddhistische Papst. Man sollte allerdings nicht den Fehler machen, und bespielsweise
weltliche Angelegenheiten oder Fragen der Staatsführung mit denen
der buddhistischen Lehre in einen Topf werfen auch wenn des im
Fall des Dalai Lama als Bodhisattva ja quasi sein "Sinn" ist, sich um
sein Volk, sein Land und alle Lebewesen zu kümmern.
Zum ersten Halbsatz meine uneingeschränkte Zustimmung. Wie sicher klar geworden ist, halte ich jedoch den zweiten Punkt für eine sehr problematische und sogar potentiell für den Dharma im Westen schädliche Konstruktion. Tibet und Dalai Lama haben momentan eine gute Presse. Das liegt allerdings unter anderem auch daran, dass über die soziale Wirklichkeit der tibetischen 'Theokratie' vor 1950 im Westen nicht viel bekannt ist. Es handelte sich da keineswegs, wie gerne (auch durch Hollywood) suggeriert wird, um ein idyllisches, von weisen und abgeklärten Menschen bevölkertes Shangri-La, das durch bösartige kommunistische Horden überfallen und versklavt wurde. Von der himmelschreienden sozialen Rückständigkeit einmal abgesehen (um beispielhaft nur die weitverbreitete Leibeigenschaft zu nennen) war es auch ein Land mit einer Staatsreligion. Und Staatsreligion war nicht etwa der Buddhismus schlechthin, sondern es war der Buddhismus der Gelug-Sekte, die den Anspruch erhob, sich exklusiv "um sein Volk, sein Land und alle Lebewesen zu kümmern". Alle anderen tibetischen Buddhisten (Nicht-Buddhisten sowieso) waren von der politischen Mitwirkung ausgeschlossen. Versteht sich, dass eine solche politische Ordnung mit militärischen Mitteln (z.B. mongolischen Truppen) und nicht unerheblichem Blutvergießen etabliert und aufrecht erhalten werden musste.

Ich will damit nichts rechtfertigen und auch nicht Opfer zu Tätern umdeklarieren - aber eine etwas differenziertere Sicht vermitteln. Vieles, was in westlichen Köpfen zu den Themen 'Tibet' und 'Dalai Lama' herumspukt, ist kaum mehr als Projektion einer verschwommenen Heile-Welt-Sehnsucht. Diese Problematik hast du aber nicht nur in Tibet, sondern auch in
anderen buddhistischen Ländern Asiens. Ich gehe jedenfalls davon aus,
dass du die Ausprägungsformen der Militärdiktatur in Burma auch
nicht mit buddhistischer Lehre vermengst.
Richtig - wobei es in Burma allerdings mW auch keine Überschneidung von politischen und religiösen Ämtern bzw. eine Personalunion von politischer und religiöser Autorität gibt. Und ich halte auch - aktuelles Thema - die Einmischung von Mönchen in die Politik Sri Lankas (noch dazu mit deutlich nationalistischen Untertönen) für äußerst bedenklich und unheilsam. Entsprechend scharf wird sie auch in Sri Lanka selbst von Buddhisten kritisiert.

Namo Guan Shi Yin Pusa,
Ralf

15 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 5 Stunden 0 hilfreich
    Re: Dalai Lama - Buddhismus und Politik

    Moin Ralf,

    darf ich meinen Handschuh wiederhaben ? :-) Der Dalai Lama ist ein tibetischer
    Exilpolitiker und war bis 1959 nominelles Haupt der Regierung
    Tibets, des Kashag. Mit Buddhismus hat das herzlich wenig zu
    tun.
    Zur Klarstellung: ich habe nicht gesagt, der Dalai Lama hat
    nichts mit Buddhismus zu tun, sondern tibetische
    (Exil-)politik hat nichts mit Buddhismus zu tun.
    hm...wer macht denn deiner Meinung nach tibetische (Exil)-politik ?
    Der ganze alte tibetische Feudaladel wurde meines Wissens von den Chinesen umgebracht. Darüber hinaus sind mir keine im Ausland lebenden "weltlichen" Tibeter bekannt, die irgend eine nennenswerte From der Exilpolitik betreiben. Die einzigen Tibeter, die hier eine nennenswerte Form der "Politik" betreiben, sind die geflohenen tibetischen Mönche (bis hinauf zum Dalai Lama) und deren Arbeit erkenne ich zu 95% darin, die in der buddhistischen Welt einzigartige Form des tibetischen Buddhismus zu bewahren und sich um den nach wie vor nicht enden Strom der tibetischen Flüchtlinge zu kümmern. Somit hat das für mich sehr wohl etwas mit Buddhismus zutun. Ohne die unermüdliche Arbeit dieser Exiltibeter wäre die buddhistische Welt um eine sehr hoch kultivierte, reiche Form des Buddhismus ärmer, die nur außerhalb von Tibet überleben konnte. Der Dalai Lama hat mit Buddhismus insofern etwas zutun, als dass
    er als Verkörperung des Bodhisattva Avalokitesvara gilt.
    Wie auch immer - ich habe nichts dagegen.
    So lange man nicht verpflichtet ist, so etwas zu glauben ...
    Du kannst natürlich glauben was du willst, aber darum ging es nicht. Es ging hier darum, die Position des Dalai Lama in einem Buddhistischen Kontext zu erklären und da wäre es vermutlich wenig hilfreich gewesen zu sagen: Ich glaube der Dalai Lama ist ein netter alter Typ mit Brille :-) Für die Tibeter verkörpert der Dalai Lama tatsächlich Avalokitesvara,
    wie er sich in unserer heutigen Welt manifestiert, also als ein Bodhisattva,
    der real unter uns lebt. Die Tibeter haben das Empfinden, dass durch den
    Dalai Lama das gesamte Tibet, ihre Tradition, ihr Leben in Kontakt mit
    dem Transzendenten der buddhistischen Lehre ist. Daraus erklärt sich
    auch die ungemeine Verehrung und Emotionalität vieler Tibeter gegenüber
    dem Dalai Lama.
    Das mag für viele oder sogar die meisten Tibeter durchaus
    zutreffen.
    Um etwas anderes ging es hier auch nicht. Eine allgemein buddhistische Doktrin ist es
    jedenfalls nicht.
    Einverstanden. Hat hier auch niemand behauptet. Avalokitesvara ist eine Personifikation
    spiritueller Qualitäten, ist Mitgefühl und unterscheidende
    Weisheit. Avalokitesvara manifestiert sich auf unzählige Arten
    - in jedem, der die Bodhisattva-Gelübde auf sich genommen hat.
    Richtig, das entspricht auch der Vorstellungswelt des tibetischen Buddhismus. Natürlich auch im Dalai Lama. Einen speziellen Menschen
    allerdings als DIE Verkörperung von Avalokitesvara
    anzusehen, halte ich schon für problematisch.
    Der Dalai Lama wird nicht als die Verkörperung von Avalokitesvara angesehen, auch nicht in Tibet, hat hier auch niemand behauptet. Und wenn nur aus
    dem einen Grund, dass es gilt, die Qualitäten, für die
    Avalokitesvara steht, in sich selbst freizulegen, anstatt sie
    auf andere Menschen zu projizieren.
    Verehren nicht auch die Zen-Buddhisten ihre Lehrer ohne "zu projizieren" ? Ansonsten finde ich, hängst du die Latte ganz schön hoch :-) Wenn man dann noch in Betracht zieht, dass der Dalai Lama ja
    gleichzeitig auch die Reinkarnation seiner Vorgänger sein
    soll, dann wird es schon recht schwierig, das noch irgendwie
    sinnvoll mit Buddhas Anatman-Lehre zu vereinbaren - wie
    überhaupt das ganze Tulku-System. [Anmerkung: Tulku = ein
    hochrangiger Mönch, der als Reinkarnation seines
    Amtsvorgängers betrachtet wird. Es gibt ca. 500 Tulkus, wobei
    der Dalai Lama der bekannteste ist.]
    Ein 'Tulku' scheint
    mir mit dem hinduistischen Konzept des Avatar sehr viel mehr
    gemein zu haben als mit dem Buddhadharma.
    Dann sei hier die Frage gestattet, in wieweit du dich mit der tibetischen Tulku-Vorstellung auseinandergesetzt hast. Ich nehme an, dir sind das tibetische Totenbuch und die darin beschriebenen karmischen Vorgänge bekannt. Es wird im tibetischen Buddhismus oft genug darauf hingewiesen, dass es nichts im Sinne von Person, Seele oder irgend etwas Beständigem gibt, was reinkarniert wird. Dies entspricht buddhistischer Lehre im Gegensatz zum Hinduismus. Dies ist auch kein Gegensatz zur Tulku-Vorstellung. Ein Tulku ist jemand, der Verwirklichung erlangt hat, für ihn spielen die Gesetze des Karma keine Rolle mehr, er hat sie gemeistert (statt dass er ihnen unterworfen ist). Bei einer Reinkarnation eines Tulku setzt sich aber nicht die selbse Persönlichkeit fort. Was weitergegeben wird, ist etwas, was man vielleicht als "Talent" oder "Fähigkeit" beschreiben könnte. So inkarniert sich (u.a.) im Dalai Lama die "Fähigkeit" des Avalokiteschvara, also das unendliche Mitgefühl. In einem Tulku sind jedoch lediglich diese Anlagen vorhanden, die geweckt und kultiviert werden müssen. Ein Tulku muss sich erst beweisen. Fällt er durch, war er wohl keiner :-) Und wie du weißt, sind ja auch in der Vergangenheit längst nicht alle designierten Dalai Lamas ihrer Rolle gerecht geworden. Manche haben es nicht mal bis zur Thronbesteigung geschafft (unter anderem auch, weil man sie vorher dahingemeuchelt hat). Nur, was solls, die Tibeter sind nicht sonderlich dogmatisch :-) Wenn man sich die Geschichte Tibets und speziell der Dalai
    Lamas seit dem späten 16. Jahrhundert (älter ist diese
    Institution ja nicht) anschaut, dann wird der machtpolitische
    Hintergrund solch frommer Legenden nur allzu deutlich.
    Religiöse Überhöhung als Herrschaftssicherung, das altbekannte
    Rezept.
    Naja, da hat man sich aber ein ziemlich miserables System ausgedacht, wenn es dazu dienen sollte, einen machtpolitischen Hintergrund zu erfüllen. Der Knackpunkt an diesem System ist nämlich, dass vom Tod des einen Dalai Lama bis zur Einsetzung des nächsten Dalai Lama mindestens 16-20 Jahre vergehen. In dieser Lücke hattest du jedes Mal eine Art Machtvakuum, das von Regenten, Panchen Lamas oder wem auch immer ausgefüllt wurde, der es geschafft hat, sich hochzuspielen. Zudem konnten dadurch keinerlei Dynastien gefestigt werden, wie es beispielsweise in anderen Ländern der Fall war. Kein Mensch konnte wissen, wo der nächste Dalai Lama auftauchen würde. Es konnte in deinem Nachbarhaus sein, in irgend einer adeligen Familie, bei rückständigen Nomaden oder wo auch immer. Mir ist zumindest kein Fall bekannt, dass der Dalai Lama zweimal hintereinander aus der gleichen Familie gekommen wäre. Was willst du da also machtpolitisch absichern ?

    Ich denke, man tut dem Dharma im Westen keinen guten Dienst, wenn man solch fragwürdige Lehren (oder sagen wir
    vorsichtig 'nationale Eigentümlichkeiten') kritiklos
    übernimmt, zumal sie der im Westen bei Nicht-Buddhisten häufig
    so verzerrten Auffassung von 'Buddhismus' (speziell was das
    Thema Reinkarnation angeht) Vorschub leisten.
    Da geb ich dir Recht. Aber ich finde, man tut dem tibetischen Buddhismus unrecht, wenn man ihn in der Weise kritisiert, wie du es hier machst. Die verzerrten Auffassungen von Buddhismus sind Folge von mangelnder fundierter Auseinandersetzung mit dem Buddhismus. Und dies gilt insbesondere auch für den tibetischen Buddhismus. Wohlgemerkt - ich halte die 'Tulku'-Doktrin (die man ja in
    anderen Schulen auch nicht findet) für unbuddhistisch und für
    eine durch den Hinduismus inspirierte und machtpolitisch
    motivierte Zutat.
    Jetzt immer noch ? Wenn ja, möchte ich dich bitten, dies zu begründen, falls möglich mit Verweis auf Literatur des tibetischen Buddhismus, in der die Tulku-Vorstellung erläutert wird. Es war durchaus nicht beleidigend gemeint. Ich halte diesen
    freundlichen älteren Herren für einen durchaus fähigen,
    verantwortungsvollen und vernünftigen Exilpolitiker und auch
    für jemanden, der spirituell außerordentlich gereift ist.
    Trotzdem ist er nicht - wie behauptet - "Führer der
    tibetischen Buddhisten". Das trifft weder in politischer noch
    in spiritueller Hinsicht in dieser Ausschließlichkeit zu.
    Da werden sowohl ich, wie vermutlich auch der Dalai Lama selbst dir zustimmen. Ich wüsste zumindest nicht, wo sich der Dalai Lama selbst als solchen bezeichnet hätte. Und dass andere Leute dummes Zeug quatschen, kannst du dem Dalai Lama nicht anhängen. Ohne dies nun speziell
    dem Dalai Lama anlasten zu wollen, so besteht doch bei vielen
    Tibetern und ihren wohlmeinenden westlichen Unterstützern die
    Tendenz, beides mehr oder weniger bewusst miteinander zu
    vermengen und den Buddhismus als Sympathieträger, als Mittel
    für Zwecke tibetischer Exilpolitik, in Beschlag zu nehmen und
    zu instrumentalisieren.
    In wiefern ? Kannst du Beispiele, für diese "Zwecke der tibetischen Exilpolitik" nennen ? Dabei ist der Dalai Lama das
    öffentlichkeitswirksame Aushängeschild. Ich für meinen Teil
    halte es nicht für heilsam, wenn man versucht, Menschen über
    den Dharma für einen politischen Kampf zu rekrutieren.
    Für welche politischen Kampf ? Und wie werden da deiner Meinung nach Menschen über den Dharma rekrutiert ? Ich versteh hier wirklich nicht, was du meinst. Übrigens steht der
    Dalai Lama in seiner eigenen Sekte erst an vierter Stelle der
    Hierarchie - nach den Leitern der Klosteruniversitäten Gaden
    und Sera (die allerdings nicht auf Lebenszeit amtieren) und
    dem Panchen Lama.
    Hierarchie bedeutet für mich auch Weisungsbefugnis. In wiefern
    siehst du die von dir genannten gegenüber dem Dalai Lama als
    weisungsbefugt ?
    Hierarchie bedeutet nicht per se Weisungsbefugnis. Es gibt
    auch protokollarische Hierarchieen.
    Ok, in wiefern also protokollarische Hierarchieen ? Und mit welchen machtpolitischen Auswirkungen ? Übrigens wusste ich nicht, dass es überhaupt noch Leiter der Kloseruniversitäten von Gaden und Sera gibt. Ganden wurde von den Chinesen komplett zerstört, von Sera gibt es noch ein paar Überreste, in denen ein paar Mönche leben. Wohl nichts, was man noch eine "Universität" nennen könnte. Der tibetische Buddhismus ist genau so repräsentativ für den
    Buddhismus, wie andere Schulen auch.
    Genau so viel, aber auch genau so wenig. Mir ging es bei
    meinem Ursprungsposting darum, den im Westen so stark
    verengten Blickwinkel (Buddhismus = tibetischer Buddhismus,
    der Dalai Lama als spiritueller Popstar) etwas zu weiten.
    Daher rührt ja auch das populäre Mißverständnis, der Dalai
    Lama sei so etwas wie der buddhistische Papst.
    Ja, und dafür gibt es ja unter anderem z.B. dieses Brett, damit Leute wie wir mit unserem Fachwissen dafür sorgen können, das mit diesen Missverständnissen aufgeräumt wird, und das, ohne möglichst neue zu erzeugen :-) Man sollte allerdings nicht den Fehler machen, und bespielsweise
    weltliche Angelegenheiten oder Fragen der Staatsführung mit denen
    der buddhistischen Lehre in einen Topf werfen auch wenn des im
    Fall des Dalai Lama als Bodhisattva ja quasi sein "Sinn" ist, sich um
    sein Volk, sein Land und alle Lebewesen zu kümmern.
    Zum ersten Halbsatz meine uneingeschränkte Zustimmung. Wie
    sicher klar geworden ist, halte ich jedoch den zweiten Punkt
    für eine sehr problematische und sogar potentiell für den
    Dharma im Westen schädliche Konstruktion. Tibet und Dalai Lama
    haben momentan eine gute Presse.
    Und wem nützt das was ?
    Wenn der Dalai Lama in D weilt, dann traut sich kein führender Politiker, ihn zu empfangen, weil es sich niemand mit den Chinesen verscherzen will. Das liegt allerdings unter
    anderem auch daran, dass über die soziale Wirklichkeit der
    tibetischen 'Theokratie' vor 1950 im Westen nicht viel bekannt
    ist.
    Nein, das liegt IMHO daran, dass der Dalai Lama in den Jahrzehnten seines Wirkens uns seines unermüdlichen Einsatzes für den Frieden und alle Lebewesen sich einen weltweiten Respekt und eine Anerkennung erworben hat, die weit über die buddhistische Welt hinaus gehen. Es handelte sich da keineswegs, wie gerne (auch durch
    Hollywood) suggeriert wird, um ein idyllisches, von weisen und
    abgeklärten Menschen bevölkertes Shangri-La, das durch
    bösartige kommunistische Horden überfallen und versklavt
    wurde.
    Nein, es handelte sich um ein nach unseren Maßstäben reichlich rückständies Feudalsystem mit einer spirituellen Bildung auf einem schier unglaublichen Niveau, das von der Armme des kommunistischen China überfallen wurden, die im Zuge dieses Überalls für den Tod von Hundertausenden Tibetern (entweder durch Massaker oder Hungersnöte) verantwortlich sind und ein buddhistischen Bildungssystem inklusive der dazugehörigen Bibliotheken zerstört haben, das auf der Welt nicht seinesgleichen hatte und woran gemessen der Brand der Bibliothek von Alexandria ein niedliches kleines Feuerchen war.

    Ich bedauer nicht den Verlust der goldenen Buddhastatuen Ralf, aber ich weine um die Bibliotheken von Sera und Ganden.

    Ansonsten geb ich dir völlig recht, so hoch entwickelt die Religion in Tibet war, so destaströs war die Staatspolitik. Dass es der nomale tibetische Michel unter den Chinesen leichter hat, wage ich aber arg zu bezweifeln. Nicht abreißende Flüchtlingsströme aus Tibet sprechen da jedenfalls eine andere Sprache. Ich will damit nichts rechtfertigen und auch nicht Opfer zu
    Tätern umdeklarieren - aber eine etwas differenziertere Sicht
    vermitteln. Vieles, was in westlichen Köpfen zu den Themen
    'Tibet' und 'Dalai Lama' herumspukt, ist kaum mehr als
    Projektion einer verschwommenen Heile-Welt-Sehnsucht.
    Einverstanden. Richtig - wobei es in Burma allerdings mW auch keine
    Überschneidung von politischen und religiösen Ämtern bzw. eine
    Personalunion von politischer und religiöser Autorität gibt.
    Und ich halte auch - aktuelles Thema - die Einmischung von
    Mönchen in die Politik Sri Lankas (noch dazu mit deutlich
    nationalistischen Untertönen) für äußerst bedenklich und
    unheilsam. Entsprechend scharf wird sie auch in Sri Lanka
    selbst von Buddhisten kritisiert.
    Tja, das ist nun wieder ein ganz anderes Thema, in wieweit sich Buddhisten (und insbesonere Ordinierte) politisch betätigen sollten. Vielleicht stellt sich hier die Situation für einen Teravadin (Sri Lanka) auch noch anders dar, als für einen Mahayana-Buddhisten. Wie war das weiter oben mit Alvalokitesvara und den Bodhisattva-Gelübten ? Namo Guan Shi Yin Pusa,
    -)
    Om Tare Tuttare Ture Svaha.
    Marion

    • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
      Re^2: Dalai Lama - Buddhismus und Politik

      Namnd Marion, darf ich meinen Handschuh wiederhaben ? :-)
      Aber sicher doch. Ich sammle sowas nicht (zumindest bewahre ich sie nicht auf) ;-) hm...wer macht denn deiner Meinung nach tibetische
      (Exil)-politik ?
      Nun, vor allem die Assembly of Tibetan People's Deputies (ATPD). 46 Delegierte, dabei sind jeweils zwei von den vier großen buddhistischen Sekten und der Bön-Sekte nominiert. Drei werden vom Dalai Lama nach Gutdünken ernannt. Der Rest wird gewählt; wahlberechtigt ist jeder Tibeter über 25 Jahre, wobei dieses Recht natürlich nur Exilanten wahrnehmen können. Dann der Nachfolger des Kashag, die Central Tibetan Administration (CTA) und die Supreme Justice Commission (SJC). Klassische Gewaltenteilung, allerdings mit einer institutionell verankerten sehr deutlichen Führungsrolle des Dalai Lama. Erinnert (mich zumindest) ein wenig an eine konstitutionelle Monarchie. Zur Klarstellung: ich habe nicht gesagt, der Dalai Lama hat
      nichts mit Buddhismus zu tun, sondern tibetische
      (Exil-)politik hat nichts mit Buddhismus zu tun.
      Also eine weitere Klarstellung: ich habe nicht gesagt, der Dalai Lama hat nichts mit Politik zu tun (ich habe ihn im Gegenteil einen "Exilpolitiker" genannt). Aber ich frage mich, was tibetische Exilpolitik mit Buddhismus hat. Die Verbindung ist ja wohl nur eine indirekte - eben über den Dalai Lama. Macht das diese Politik 'buddhistisch'? Und wenn, was ist dann das spezifisch 'buddhistische' daran im Vergleich zu - sagen wir - kurdischer Exilpolitik? Die Gewaltfreiheit? Bevor Präsident Nixon 1972 Beijing besuchte und sich die politische Großwetterlage änderte, sah das ja auch etwas anders aus. Danach beendeten die USA den Stellvertreterkrieg, die CIA zahlte keine Subsidien mehr und bildete keine Khampa mehr aus. Der Dalai Lama forderte per Tonbandbotschaft die Khampa in Mustang (ca. 6000 Guerillakämpfer, in chinesischer Diktion 'Terroristen') auf, die Waffen niederzulegen. Die Wenigen, die sich weigerten, wurden dann von der nepalesischen Armee massakriert, ohne Deckung durch die USA konnte Nepal keinen Konflikt mit China riskieren. Auf den Kleinkrieg folgte - durchaus begrüßenswert - eine noch immer anhaltende politische Offensive des Lächelns. Ich habe wohl schon erwähnt, dass der Dalai Lama für diese Art Politik meine Hochachtung und meinen Respekt besitzt. Trotzdem darf man sich durchaus fragen, ob das Lob des Friedensstifters nicht eher Nixon als ihm zukommt. O.K. - das war jetzt bewusst provokant; im Unterschied zum Dalai Lama unterstelle ich Nixon nun wirklich keine humanitären Motive. Der ganze alte tibetische Feudaladel wurde meines Wissens von
      den Chinesen umgebracht. Darüber hinaus sind mir keine im
      Ausland lebenden "weltlichen" Tibeter bekannt, die irgend eine
      nennenswerte From der Exilpolitik betreiben.
      Aber wie ist der Strategiewechsel 1972 zu erklären? Hatte sich der Dalai Lama unter dem Druck der Lage zum Pazifisten gewandelt? Oder hat sich eine pazifistische Fraktion gegen eine militante durchgesetzt (ich neige eher zu dieser Annahme)? Wenn Letzteres, was ist aus der militanten Fraktion geworden? Und welche Rolle spielen oder spielten dort ordinierte Mönche?

      Mehr als an einer Antwort auf diese Fragen bin ich allerdings an dem grundsätzlichen Problem interessiert, das hier sichtbar wird - dem Verhältnis von buddhistischen Amts- und Würdenträgern zur staatlichen ('legitimen') Gewalt. Ich will hier keine Tibetpolitik diskutieren, dafür wäre es das falsche Brett. Mich interessiert die Vereinbarkeit von buddhistischem Lehramt und politischer Gewalt. Lassen wir den 14. Dalai Lama mal beiseite - fassen wir die 13 Vorgänger ins Auge (o.k., dass man Nr. 1 und 2 sowie meinen Lieblings-Dalai-Lama Nr. 6 nicht so ganz mitrechnen darf, weiss ich ...). Also Avalokitesvara als Politiker und Staatsoberhaupt, nicht als machtloser Exilpolitiker. Als jemand, der Truppen befehligt und sie in den Kampf schickt, über Hinrichtungen oder Inhaftierungen von Kriminellen und natürlich auch von politischen Gegnern entscheidet. Sicherlich oft genug nur nominell, als Marionette - aber beileibe nicht immer. Mich erinnert das sehr fatal an parallele Entwicklungen in der europäischen Geschichte, an den Kirchenstaat. Mit allem häßlichen Drum und Dran.

      Einmal eine sehr ketzerische Überlegung: was wäre, wenn sich der tibetische Klerus glaubhaft und vollständig aus der Politik zurückzöge? Sicher, die tibetische Exilregierung würde weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden und könnte etwa mit iranischen Exilanten um die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit konkurrieren. Aber das chinesische Regime sähe durch tibetische Buddhisten nicht mehr automatisch die Machtfrage gestellt. Ist es denkbar, dass dies das Beste wäre, was den Buddhisten und dem Buddhismus in Tibet passieren könnte? Du kannst natürlich glauben was du willst, aber darum ging es
      nicht. Es ging hier darum, die Position des Dalai Lama in
      einem Buddhistischen Kontext zu erklären und da wäre es
      vermutlich wenig hilfreich gewesen zu sagen: Ich glaube
      der Dalai Lama ist ein netter alter Typ mit Brille :-)
      Das war schon klar. Nur wie gesagt - Avalokitesvara als Politiker halte ich für einen Irrweg, und ich denke, die Geschichte beweist es. Das einzig Positive, was der tibetische Kirchenstaat bewirkt hat, ist sein eigener Zusammenbruch - weil dadurch viele fähige Dharma-Lehrer in den Westen gekommen sind, als der Westen reif für sie war.

      Kommen wir zum Thema Tulkus. Dann sei hier die Frage gestattet, in wieweit du dich mit der
      tibetischen Tulku-Vorstellung auseinandergesetzt hast.
      Nicht sehr tiefgehend. Wie Du weißt, komme ich aus einer anderen Schule, und 'Tulkus' sind ein speziell tibetisches Thema. Speziell tibetisch insofern, als die Tulku-Doktrin als ein sehr spätes Anhängsel des Mahayana bzw. Vajrayana entstand (daher hatte ich mir auch erlaubt, sie als "verzichtbar" bzw. "überflüssig" zu bezeichnen). Meines Wissens entstand sie erst mit der 'Auffindung' des dritten Karmapa (1284-1339); gelegentlich wird auch der 2. Karmapa (1204-1283) als erster Tulku genannt. Ich kenne mich also mit den Feinheiten dieser Doktrin wie gesagt nicht sonderlich aus, doch wird mW zu ihrer Erklärung in der Regel die Trikaya- (Dreikörper-)Lehre bemüht. Die Interpretation der Trikaya-Lehre in meiner Tradition weicht offensichtlich stark von der tibetischen ab. Jedenfalls kann ich persönlich vermittels der Trikaya-Lehre nicht den Widerspruch zwischen kontinuierlichen 'Existenzlinien' und den lakshana (Seinsmerkmalen) anitya und anatman (Unbeständigkeit und Wesenslosigkeit) auflösen. Womöglich ist das ein zu speziell buddhologisches Problem, um es hier zu diskutieren. Ich denke, wir können uns damit begnügen, hier unterschiedliche Standpunkte zu konstatieren. Bekanntlich hat selbst Shakyamuni Spekulationen über Reinkarnation als fruchtlos verworfen ... Wenn man sich die Geschichte Tibets und speziell der Dalai
      Lamas seit dem späten 16. Jahrhundert (älter ist diese
      Institution ja nicht) anschaut, dann wird der machtpolitische
      Hintergrund solch frommer Legenden nur allzu deutlich.
      Religiöse Überhöhung als Herrschaftssicherung, das altbekannte
      Rezept.
      Naja, da hat man sich aber ein ziemlich miserables System
      ausgedacht, wenn es dazu dienen sollte, einen machtpolitischen
      Hintergrund zu erfüllen. Der Knackpunkt an diesem System ist
      nämlich, dass vom Tod des einen Dalai Lama bis zur Einsetzung
      des nächsten Dalai Lama mindestens 16-20 Jahre vergehen.
      Der Knackpunkt ist der, dass dieses System Kontinuität sichert. Der Dalai Lama ist tot, aber sein 'Kabinett', sein Mitbeiterstab, seine Berater behalten die Macht in Händen und erziehen ein Kind in ihrem Sinne. Ein erwachsener Nachfolger würde seine eigenen Günstlinge einsetzen und die alte Clique nach Möglichkeit entmachten. Ein Mechanismus, der sich in jeder absoluten Monarchie beobachten lässt. Unmündige Thronfolger waren schon immer die beste Garantie für die Bewahrung bestehender Verhältnisse. 1959 allerdings hatte diese Politik endgültig versagt.

      Übrigens gibt es auch aus den Reihen tibetischer Dharma-Lehrer Kritik am Tulku-System. Ein Korrespondenzpartner von mir nennt da als Beispiel seinen eigenen Lehrer Dagyab Kyabgön Rinpoche - selbst ein hochrangiger Tulku. Er hat mir etwas Material dazu angeboten, werde mich da noch etwas einlesen. Übrigens wusste ich
      nicht, dass es überhaupt noch Leiter der Kloseruniversitäten
      von Gaden und Sera gibt. Ganden wurde von den Chinesen
      komplett zerstört, von Sera gibt es noch ein paar Überreste,
      in denen ein paar Mönche leben. Wohl nichts, was man noch eine
      "Universität" nennen könnte.
      Ganden wird z.Z. in Mundgod im indischen Bundesstaat Karnataka wieder aufgebaut. Der 'Posten' des Ganden Tripa, des höchsten Repräsentanten der Gelug-Tradition, blieb von der Zerstörung 1959 unberührt. Das zum Sera-Kloster gehörende Mé-College hat noch ca. 125 Mönche (vor 1959 3000-5000). Außerdem gibt es seit 1970 in Byalakuppe (ebenfalls in Karnataka) eine Neugründung.

      Freundliche Grüße,
      Ralf

      • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
        Fundstück

        In seinem "Handbuch des Buddhismus", S.340-346, schreibt H. W. Schumann über Tulkus und zitiert dort Lharampa Samdhong Rinpoche (Vorsitzende der tibet. Exilregierung) aus einem Vortrag 1994 an der Uni Bonn:

        "... die Tulku-Praxis weise innere Unstimmigkeiten auf und gehe mit der
        Lehre des Buddha allenfalls konform auf der Basis der Bodhisattva-Lehre.
        ... Es sei Zeit, die Tulku-Praxis nicht weiterzuführen, sondern sie als
        historisches und zeitfremd gewordenes Phänomen dem ´Religionsmuseum´
        einzuordnen."

        • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
          Re: Fundstück

          Moin, "... die Tulku-Praxis weise innere Unstimmigkeiten auf und
          gehe mit der
          Lehre des Buddha allenfalls konform auf der Basis der
          Bodhisattva-Lehre.
          ... Es sei Zeit, die Tulku-Praxis nicht weiterzuführen,
          sondern sie als
          historisches und zeitfremd gewordenes Phänomen dem
          ´Religionsmuseum´
          einzuordnen."

          Schön, wenn die tibetischen Buddhisten die Tulku-Praxis aufgeben wollten, soll mir das recht sein. Ich hab da persönlich keine Aktien drin. Ich würde es sogar befürworten, da die meisten Tulkus heutzutage aus politischen Gründen von den Chinesen ernannt werden. Das hat mir Buddhismus nun überhaupt gar nichts mehr zutun. Das ändert aber nichts daran, in wiefern man das Tulku-Prinzip durchaus vor buddhistischem Hintergrund beleuchtet.

          Im übrigen wäre es mir auch recht, wenn die Zen-Buddisten endlich ihre schwar/grauen Wallegewänder ins Religionsmuseum hängen würden. Meinst du nicht, da ist ein bisschen zuviel japanische Folklore und ein bisschen zu wenig Konformität mit buddhistischer Lehre dabei ? *zwinker*

          Lieben Gruß
          Marion

          • Antwort von nach 2 Tagen 0 hilfreich
            Re^2: Fundstück

            Im übrigen wäre es mir auch recht, wenn die Zen-Buddisten
            endlich ihre schwar/grauen Wallegewänder ins Religionsmuseum
            hängen würden.
            Oooch - die sind doch so bequem beim Sitzen ... Meinst du nicht, da ist ein bisschen zuviel
            japanische Folklore und ein bisschen zu wenig Konformität mit
            buddhistischer Lehre dabei ? *zwinker*
            Nun ja, unsere Kesas mögen zwar nicht mehr aus gesammelten Lumpen bestehen, aber immerhin nähen wir sie noch immer selbst ... ;-)

            Herzliche Grüße,
            Ralf

      • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
        Re^3: Dalai Lama - Buddhismus und Politik

        Moin Ralf darf ich meinen Handschuh wiederhaben ? :-)
        Aber sicher doch. Ich sammle sowas nicht (zumindest bewahre
        ich sie nicht auf) ;-)
        Passt er ? :-) Administration
        (CTA) und die Supreme Justice Commission (SJC). Klassische
        Gewaltenteilung, allerdings mit einer institutionell
        verankerten sehr deutlichen Führungsrolle des Dalai
        Lama. Erinnert (mich zumindest) ein wenig an eine
        konstitutionelle Monarchie.
        Mich erinnert das ein wenig an einen Schützenverein. Welche "Gewalt" hat denn dieser ATPD ? Ich hab jedenfalls ehrlich gesagt noch nie was bemerkenswertes von diesen Leuten vernommen. Also eine weitere Klarstellung: ich habe nicht gesagt, der
        Dalai Lama hat nichts mit Politik zu tun (ich habe ihn im
        Gegenteil einen "Exilpolitiker" genannt). Aber ich frage mich,
        was tibetische Exilpolitik mit Buddhismus hat.
        Nun ja, das hab ich dich auch gefragt :-)
        Du warst schließlich derjenige, der tibetische Exilpolitik in diese Diskussion reingebracht hat. Die Verbindung
        ist ja wohl nur eine indirekte - eben über den Dalai Lama.
        Macht das diese Politik 'buddhistisch'?
        Gibt es eine buddhistische Art und Weise, den Garten zu haken ? Ja und nein. Mich wundert, dass diese Anmerkungen von einem Zen-Buddhisten kommen :-) Und wenn, was ist dann
        das spezifisch 'buddhistische' daran im Vergleich zu - sagen
        wir - kurdischer Exilpolitik?
        Dazu müsste man sich die tibetische Exilpolitik im einzelnen Anschauen und vergleichen, in wiefern diese (bzw. eben einzelen Bestandteile davon) in Übereinstimmung mit der buddhistischen Lehre stehen. Das scheint mir eine recht aufwendige Frage zu sein, aber warum nicht. Dazu muss man die tibetische Exilpolitik aber erstmal im einzelnen kennen. Ich frag mich allerdings ein wenig nach dem Sinn dieses Unterfangens. Was bringt es dir, wenn du letztendlich sagen kannst, diese politische Maßnahme ist in Übereinstimmung mit der buddhistischen Lehre, jene aber nicht ? Der ganze alte tibetische Feudaladel wurde meines Wissens von
        den Chinesen umgebracht. Darüber hinaus sind mir keine im
        Ausland lebenden "weltlichen" Tibeter bekannt, die irgend eine
        nennenswerte From der Exilpolitik betreiben.
        Aber wie ist der Strategiewechsel 1972 zu erklären? Hatte sich
        der Dalai Lama unter dem Druck der Lage zum Pazifisten
        gewandelt? Oder hat sich eine pazifistische Fraktion gegen
        eine militante durchgesetzt (ich neige eher zu dieser
        Annahme)? Wenn Letzteres, was ist aus der militanten Fraktion
        geworden? Und welche Rolle spielen oder spielten dort
        ordinierte Mönche?
        Wie wäre es, wenn wir dies im Brett Auslandspolitik oder Geschichte weiterdiskutieren ? Ich sehe hier nicht mehr den Zusammenhang zum Brett "Religion" und finde, allein die Anzahl der von dir angesprochenen Aspekte, macht den thread hier sehr schwierig zu handhaben. Mehr als an einer Antwort auf diese Fragen bin ich allerdings
        an dem grundsätzlichen Problem interessiert, das hier sichtbar
        wird - dem Verhältnis von buddhistischen Amts- und
        Würdenträgern zur staatlichen ('legitimen') Gewalt.
        Ich nehme an, es ist das gleiche Verhältnis wie das eines Zen-Meisters zum Haken seines Gartens. Ich will
        hier keine Tibetpolitik diskutieren, dafür wäre es das falsche
        Brett. Mich interessiert die Vereinbarkeit von buddhistischem
        Lehramt und politischer Gewalt.
        Wo siehst du hier Unvereinbarkeiten ?
        Im übrigen war es auch im "alten" Tibet selten so, dass sich diese beiden Aufgabenbereiche überschnitten, allein schon deshalb, weil "weltliche" Anforderungen den Leuten gar keine Zeit ließ, nebenher noch ein "Lehramt" auszuüben oder umgekehrt. Also
        Avalokitesvara als Politiker und Staatsoberhaupt, nicht als
        machtloser Exilpolitiker.
        ??? Avalokitesvara ist ein buddhistischer Aspekt, ein Symbol wenn du so willst, aber sicher keine Person, die irgendwas machen oder befehligen kann. Mich
        erinnert das sehr fatal an parallele Entwicklungen in der
        europäischen Geschichte, an den Kirchenstaat. Mit allem
        häßlichen Drum und Dran.
        Wenn du hier Parallelen siehst, dann erklärt das zumindest für mich deine bisher doch etwas aggressiv ablehnend erscheinende Haltung gegenüber dem tibetischen Buddhismus. Nur, ehrlich gesagt, ich sehe diese Parallelen nicht. Bist du sicher, dass du genug über die "alte" tibetische Gesellschaft und den tibetischen Buddhismus weißt, um zu einem entsprechenden Urteil zu kommen ? Einmal eine sehr ketzerische Überlegung: was wäre, wenn sich
        der tibetische Klerus glaubhaft und vollständig aus der
        Politik zurückzöge?
        Was verstehst du unter tibetischem Klerus ? Jeden, der die Ausbildung bis zum Geshe durchlaufen hat und monastisch lebt ? Falls ja, wäre deine Frage vergleichbar mit der Frage: was wäre, wenn sich Menschen mit Promotion und Doktortitel glaubhaft und vollständig aus der Politik zurückzögen ? Macht das Sinn ? Wenn ja, welchen ? Sicher, die tibetische Exilregierung würde
        weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden und
        könnte etwa mit iranischen Exilanten um die Aufmerksamkeit der
        Weltöffentlichkeit konkurrieren. Aber das chinesische Regime
        sähe durch tibetische Buddhisten nicht mehr automatisch die
        Machtfrage gestellt. Ist es denkbar, dass dies das Beste wäre,
        was den Buddhisten und dem Buddhismus in Tibet passieren
        könnte?
        Nicht der Dalai Lama ist eine Gefahr für die Chinesen, sondern der tibetische Buddhismus. Das beste, was einem Tibeter in Tibet passieren kann ist, kein Buddhist mehr zu sein. Nur dies entscheidet weder der Dalai Lama, noch die Chinesen, sondern jeder einzelne Tibeter ganz allein für sich. Das einzig Positive, was der tibetische
        Kirchenstaat bewirkt hat, ist sein eigener Zusammenbruch -
        weil dadurch viele fähige Dharma-Lehrer in den Westen gekommen
        sind, als der Westen reif für sie war.
        Du meinst, wir sollten den Chinesen dankbar dafür sein, dass sie Tibet überfallen, hunderttausende von Tibetern massakriert, fast die gesamte tibetische Kultur ausgerottet und zerstört und hunderttausende in die Flucht geschalgen haben, weil wir im Westen so auch ein paar gute Dharma-Lehrer abbekommen haben ? Sorry, ich finde diese Einstellung reichlich zynisch. Dann sei hier die Frage gestattet, in wieweit du dich mit der
        tibetischen Tulku-Vorstellung auseinandergesetzt hast.
        Nicht sehr tiefgehend. Wie Du weißt, komme ich aus einer
        anderen Schule, und 'Tulkus' sind ein speziell tibetisches
        Thema. Speziell tibetisch insofern, als die Tulku-Doktrin als
        ein sehr spätes Anhängsel des Mahayana bzw. Vajrayana entstand
        Das ist nicht richtig.
        Einen kleinen link zum Thema Tulkus, den ich auf die Schnelle im Netz gefunden hab, hab ich dir hier angehängt: http://www.wisdom-books.com/FocusDetail.asp?FocusRef=11 (daher hatte ich mir auch erlaubt, sie als "verzichtbar" bzw.
        "überflüssig" zu bezeichnen).
        Ach Ralf, ich gehe davon aus, dass einem tibetischen Buddhisten der Zen-Buddhismus genau so unverständlich erscheinen mag und er sicher auch viel darin findet, was er als "verzichtbar" ansieht. Aber das ist nicht die Ebene der Kommunikation zwischen unterschiedlichen buddhistischen Schulen, die ich mir wünsche. Wie wäre es, wenn wir statt nach "Verzichtbarem" lieber nach Aspekten suchen würde, wo die unterschiedlichen Schulen voneinander lernen könnten ? Ich kenne mich also mit den Feinheiten dieser
        Doktrin wie gesagt nicht sonderlich aus, doch wird mW zu ihrer
        Erklärung in der Regel die Trikaya- (Dreikörper-)Lehre bemüht.
        Die Interpretation der Trikaya-Lehre in meiner Tradition
        weicht offensichtlich stark von der tibetischen ab.
        In wiefern ? Jedenfalls
        kann ich persönlich vermittels der Trikaya-Lehre nicht den
        Widerspruch zwischen kontinuierlichen 'Existenzlinien' und den
        lakshana (Seinsmerkmalen) anitya und anatman (Unbeständigkeit
        und Wesenslosigkeit) auflösen.
        Musst du auch nicht, da es diese kontinuierlichen "Exisxtenzlinien" auch beim Tulku-Konzept nicht gibt. Sogyal Rinpoche hat es mal so ausgedrückt, dass man sich das Tulku-Konzept nicht wie eine Perlenkette vorstellen sollte, wo sich die Perlen auf einer Schnur (welche wohl dieser von dir angesprochenen Existenzlinie entsprechen) aneinanderreihen (und diese Vorstellung wäre in der Tat mehr hinduistisch, als buddhistisch), sondern eher wie einen Turm aus individuellen Würfeln, die aufeinander stehen. Bekanntlich hat
        selbst Shakyamuni Spekulationen über Reinkarnation als
        fruchtlos verworfen ...
        Mag sein, aber er hat sich ziemlich deutlich zu anatman geäußert und witziger Weise finde ich die beiden buddhistischen Schulen, die auf diesen Aspekt das größte Schwergewicht setzen und in ihrer Praxis am höchsten verfeinert haben, ausgerechnet den tibetischen Buddhismus und den Zen-Buddhismus. Um hier den Bogen spannen zu können, möchte ich dir das Buch "ZEN" von Chung-Yuan Chang, ISBN 3810503665 [Buch anschauen] empfehlen, der mit seinen Erläutereungen im Wesentlichen zum chinesischen Buddhismus hier das Bindeglied zwischen tibetischem Buddhismus und japanischem Zen-Buddhismus schafft. Naja, da hat man sich aber ein ziemlich miserables System
        ausgedacht, wenn es dazu dienen sollte, einen machtpolitischen
        Hintergrund zu erfüllen. Der Knackpunkt an diesem System ist
        nämlich, dass vom Tod des einen Dalai Lama bis zur Einsetzung
        des nächsten Dalai Lama mindestens 16-20 Jahre vergehen.
        Der Knackpunkt ist der, dass dieses System Kontinuität
        sichert. Der Dalai Lama ist tot, aber sein 'Kabinett', sein
        Mitbeiterstab, seine Berater behalten die Macht in Händen....
        hm... du meinst also, wenn unser Bundes-Schröder morgen das zeitliche segnet, und mit einer Reinkarnation gerechnet wird, die in ca. 20 Jahren wieder die Regierungsgeschäft übernehmen kann, dann sichert das Kontinuität ? Ich wage da mal berechtigte Zweifel anzubringen, zumal es sich in 20 Jahren bei dem jetzigen Kabinett um ziemliche Greise handeln dürfte, sofern sie überhaupt noch am Leben sind. Aber vielleicht klappt es ja, wenn wir die Opposition, allen voran Stäuber und Merkel so lange in einem buddhistischen Kloster parken *fg*. Übrigens gibt es auch aus den Reihen tibetischer Dharma-Lehrer
        Kritik am Tulku-System. Ein Korrespondenzpartner von mir nennt
        da als Beispiel seinen eigenen Lehrer Dagyab Kyabgön Rinpoche
        - selbst ein hochrangiger Tulku.
        Natürlich, warum sollten tibetische Buddhisten das Tulku-System nicht kritisieren ? Nach meiner Erfahrung zeichnet sich der tibetische Buddhismus durch ein hohes Maß an Selbstreflektion und eigener Kritikfähigkeit aus. Die meisten sogenanten Tulkus werden nach einem Losverfahren eingesetzt. Na und ? Ein Lehrer ist ein Lehrer, wenn er Schüler hat, nicht wenn er sich Tulku nennt. Ich glaube, die Tibeter selbst sehen das wesentlich gelassener, als du vielleicht denkst :-) Ganden wird z.Z. in Mundgod im indischen Bundesstaat Karnataka
        wieder aufgebaut. Der 'Posten' des Ganden Tripa, des höchsten
        Repräsentanten der Gelug-Tradition, blieb von der Zerstörung
        1959 unberührt. Das zum Sera-Kloster gehörende Mé-College hat
        noch ca. 125 Mönche (vor 1959 3000-5000). Außerdem gibt es
        seit 1970 in Byalakuppe (ebenfalls in Karnataka) eine
        Neugründung.
        Eben. Im Vergleich zur Hochblüte der tibetischen Kultur ist das reichlich traurig. Aber ich bin froh um wenigstens das, und ohne den Einsatz der Exiltibeter gäbe es vermutlich nicht mal das.

        Lieben Gruß
        Marion

        • Antwort von nach 2 Tagen 0 hilfreich
          Re^4: Dalai Lama - Buddhismus und Politik

          Namnd Marion.
          ist ein bißchen viel, um da jetzt so auf die Schnelle eine Antwort zurechtzuschustern. Bin nicht weg - nur ab morgen früh im Sesshin / Retreat (bis Montag).

          Bis denne,
          herzliche Grüße,
          Ralf

        • Antwort von nach 7 Tagen 2 hilfreich
          Re^4: Dalai Lama - Buddhismus und Politik

          Hallo Marion,
          bin wieder zurück auf dem Marktplatz ... Passt er ? :-)
          Nein, der Handschuh will nicht so recht passen ... dann erklärt das zumindest für mich deine bisher doch etwas aggressiv
          ablehnend erscheinende Haltung gegenüber dem tibetischen Buddhismus.
          Ich habe mich mehr als einmal bemüht, deutlich zu machen, dass es mir gar nicht um Kritik am tibetischen Buddhismus selbst geht, sondern um seine Funktion als Herrschaftsideologie einer in vieler Hinsicht (vor allem sozialer) rückständigen Feudalgesellschaft vor 1959 bzw. als Instrument internationaler Sympathiewerbung für die ins Exil getriebenen Verteidiger dieser alten Ordnung nach 1972.

          Wenn ich speziell das Tulku-System angegriffen habe, dann ging es mir auch da vorrangig um dessen Funktion. Dass ich es (auch) in buddhologischer Hinsicht für nicht konsistent halte, ist eher nebensächlich (und ich befinde mich dabei durchaus in guter Gesellschaft). Was die Kritik der Funktion angeht, so hat diese kein geringerer als ein gewisser Dalai Lama mit dem Verfassungsentwurf (Draft Constitution) von 1962 selbst eingeleitet. Danach sollte die soziale Rolle eines Tulku auf seiner Persönlichkeit und seinen Qualifikationen und nicht auf einem besonderen Status oder Titel beruhen. Der Titel 'Tulku' samt seiner Privilegien würde damit eines Tages entbehrlich. Es ist ja auch logisch: wenn ein Kind besondere Fähigkeiten und Qualitäten besitzt, so werden sie auch von allein und auf natürliche Weise zum Vorschein kommen - auch dann, wenn kein Titel und Privilegien damit verbunden werden.

          Kurz zum 'Exilparlament': Mich erinnert das ein wenig an einen Schützenverein. Welche "Gewalt" hat denn
          dieser ATPD ? Ich hab jedenfalls ehrlich gesagt noch nie was bemerkenswertes
          von diesen Leuten vernommen.
          Der ATPD ist die gewählte Vertretung der Exiltibeter. Erst diese Institution gibt dem Dalai Lama die Möglichkeit, als legitimer Repräsentant der Exiltibeter aufzutreten. Auch der Bundestag erinnert häufig an einen Schützenverein und im Ausland ist über die Abgeordneten wohl auch nicht allzu viel Bemerkenswertes bekannt. Aber ohne ihn könnte sich unsere Regierung nicht darauf berufen, im Auftrag des Volkes zu handeln. Das einzig Positive, was der tibetische
          Kirchenstaat bewirkt hat, ist sein eigener Zusammenbruch -
          weil dadurch viele fähige Dharma-Lehrer in den Westen gekommen
          sind, als der Westen reif für sie war.
          Du meinst, wir sollten den Chinesen dankbar dafür sein, dass sie Tibet
          überfallen, hunderttausende von Tibetern massakriert, fast die gesamte
          tibetische Kultur ausgerottet und zerstört und hunderttausende in die Flucht
          geschalgen haben, weil wir im Westen so auch ein paar gute Dharma-Lehrer
          abbekommen haben ? Sorry, ich finde diese Einstellung reichlich zynisch.
          Nein, das meine ich nicht. Und gesagt habe ich das auch nirgendwo. Was unterstellst Du mir da eigentlich? Was ich meine ist, dass sich die Herrschaft der Gelugpa über Tibet in politischer Hinsicht als nicht heilsam erwiesen hat. Der historische Versuch einer direkten Herrschaft durch eine buddhistische Elite ist gescheitert. Nicht nur, aber auch aus inneren Ursachen heraus. Eine solche Diagnose ist etwas völlig anderes, als eine Rechtfertigung der Annexion durch die chinesische Regierung. Wie wäre es, wenn wir dies im Brett Auslandspolitik oder Geschichte
          weiterdiskutieren ? Ich sehe hier nicht mehr den Zusammenhang zum Brett
          "Religion"
          Das ist mir mittlerweile klar. Anscheinend ist nicht sichtbar geworden, worum es mir geht. Es geht mir nicht um tibetische Geschichte oder Politik und schon gar nicht um eine Kritik des tibetischen Buddhismus; es geht mir um das Verhältnis des Buddhadharma zum Rajadharma - dem Gegenstück zum 'christlichen' Thema "Staat und Kirche". Und natürlich geht es mir dabei auch um die ethischen Implikationen, die eine Personalunion von spiritueller Autorität und Staatsgewalt mit sich bringt - und im weiteren Sinne um die ethischen Implikationen jedes politischen Handelns. Avalokitesvara als Politiker (??). Der Staat als Upaya (???). Diese Thematik gehört mE durchaus in dieses Brett hier.

          Aber es ist wohl zu problematisch, dies anhand des tibetischen Beispiels zu diskutieren. Wir könnten dies gerne auch anhand der Verhaltens japanischer Buddhisten zwischen 1870 und 1945 erörtern; ich habe da keine Vorbehalte. Das Thema selbst ist ja auch kein neues, wir können also auch über die Allianz von Teilen des Sangha mit dem 'Kaiser' Ashoka im 3. Jahrhundert v.u.Z. (und über die interessanten Parallelen zu Kaiser Konstantin) sprechen. Wobei da natürlich evt. wiederum mit Empfindlichkeiten von Theravada-Seite aus zu rechnen ist (habe ich auch schon erlebt). Wie auch immer, ich ziehe es vor, eine solche Problematik anhand konkreter Erscheinungen zu erörtern, statt ohne Boden unter den Füßen zu theoretisieren.

          Vielleicht macht auch diese ganze Diskussion hier (auf www) nicht allzu viel Sinn. Wie die Zahlen rechts oben bei unseren Beiträgen nahelegen, hält sich das allgemeine Interesse an unserem Dialog doch sehr in Grenzen - und bislang mochte sich auch niemand in unseren Dialog einschalten.

          Herzliche Grüße,
          Ralf

          P.S.: Danke für den Buchtip. Chung-yuan Changs wirklich sehr empfehlenswerte Teilübersetzung des Jingde Chuandenglu gehört allerdings schon seit geraumer Zeit zu meiner Handbibliothek - länger, als es die deutsche Übersetzung gibt ;-).

          • Antwort von nach 8 Tagen 0 hilfreich
            Re^5: Dalai Lama - Buddhismus und Politik

            Moin Ralf, Ich habe mich mehr als einmal bemüht, deutlich zu machen, dass
            es mir gar nicht um Kritik am tibetischen Buddhismus selbst
            geht, sondern um seine Funktion als
            Herrschaftsideologie einer in vieler Hinsicht (vor allem
            sozialer) rückständigen Feudalgesellschaft vor 1959 bzw. als
            Instrument internationaler Sympathiewerbung für die ins Exil
            getriebenen Verteidiger dieser alten Ordnung nach 1972.
            Das hat ich schon verstanden, nur würde ich mich freuen, wenn du deine Ansichten auch begründen würdest. Bislang bist du mir Antworten auf diesbezügliche Fragen schuldig geblieben. Also bitte: wo siehst du den tibetischen Buddhismus als Herrschaftsideologie? Wo denkst du, stützte dieser eine sozial rückständige Feudalgesellschaft? Wen bezeichnest du als "Verteidiger der alten Ordnung" und wo siehst du durch diese Menschen den Buddhismus mißbraucht ? Wenn ich speziell das Tulku-System angegriffen habe, dann ging
            es mir auch da vorrangig um dessen Funktion.
            Welche Funktion genau kritisierst du ? Dass ich es
            (auch) in buddhologischer Hinsicht für nicht konsistent halte,
            ist eher nebensächlich (und ich befinde mich dabei durchaus in
            guter Gesellschaft).
            Mag sein, dann würde ich mich freuen, wenn du diesbezüglich auf meine Frage im letzten Posting eingehen würdest. Was die Kritik der Funktion
            angeht, so hat diese kein geringerer als ein gewisser Dalai
            Lama mit dem Verfassungsentwurf (Draft Constitution) von 1962
            selbst eingeleitet. Danach sollte die soziale Rolle eines
            Tulku auf seiner Persönlichkeit und seinen Qualifikationen und
            nicht auf einem besonderen Status oder Titel beruhen.
            Das war aber schon immer so Ralf. Das Tulku-System wurde meines Wissens nie als "unfehlbar" angesehen. Wie ich vorher schon sagte: wenn ein designierter Tulku sich als unfähig herausstellte, war er wohl keiner. Der
            Titel 'Tulku' samt seiner Privilegien würde damit eines Tages
            entbehrlich.
            Welche Privilegien sind das denn deiner Meinung nach ? Die einer besonders anspruchsvollen Erziehung ? Es ist ja auch logisch: wenn ein Kind besondere
            Fähigkeiten und Qualitäten besitzt, so werden sie auch von
            allein und auf natürliche Weise zum Vorschein kommen - auch
            dann, wenn kein Titel und Privilegien damit verbunden werden.
            Genau, und dann nennt man das in Tibet einen Tulku. Ein Tibeter hätte vermutlich auch Mahatma Ghandi als Tulku bezeichnet. Der ATPD ist die gewählte Vertretung der Exiltibeter. Erst
            diese Institution gibt dem Dalai Lama die Möglichkeit, als
            legitimer Repräsentant der Exiltibeter aufzutreten.
            Für wen muss sich der Dalai Lama legitimieren ? Ganz sicher nicht für die Tibeter in und außerhalb Tibets, die in ihm die Verkörperung von Avalokitesvara verehren. Entweder ein Tibeter glaubt an den Dalai Lama oder nicht. Mit Wahl hat das wohl überhaupt gar nichts zutun. Bundestag erinnert häufig an einen Schützenverein und im
            Ausland ist über die Abgeordneten wohl auch nicht allzu viel
            Bemerkenswertes bekannt. Aber ohne ihn könnte sich unsere
            Regierung nicht darauf berufen, im Auftrag des Volkes zu
            handeln.
            Vermutlich gibt es auch niemanden, der den Bundeskanzler für eine Verkörperung des Mitgefühls ansieht.



            Das einzig Positive, was der tibetische
            Kirchenstaat bewirkt hat, ist sein eigener Zusammenbruch -
            weil dadurch viele fähige Dharma-Lehrer in den Westen gekommen
            sind, als der Westen reif für sie war.
            Du meinst, wir sollten den Chinesen dankbar dafür sein, dass sie Tibet
            überfallen, hunderttausende von Tibetern massakriert, fast die gesamte
            tibetische Kultur ausgerottet und zerstört und hunderttausende in die Flucht
            geschalgen haben, weil wir im Westen so auch ein paar gute Dharma-Lehrer
            abbekommen haben ? Sorry, ich finde diese Einstellung reichlich zynisch.
            Nein, das meine ich nicht. Und gesagt habe ich das auch
            nirgendwo. Was unterstellst Du mir da eigentlich?
            Was du gesagt hast steht ja noch da oben. So hab ich dich zumindest verstanden. Was ich
            meine ist, dass sich die Herrschaft der Gelugpa über
            Tibet in politischer Hinsicht als nicht heilsam
            erwiesen hat.
            Kannst du das begründen ? Der historische Versuch einer direkten
            Herrschaft durch eine buddhistische Elite ist gescheitert.
            Kannst du das begründen ? Nicht nur, aber auch aus inneren Ursachen
            heraus.
            Kannst du das begründen ? Eine solche Diagnose ist etwas völlig anderes, als
            eine Rechtfertigung der Annexion durch die chinesische
            Regierung.
            Ich sprach nicht von Annexion sondern von Vertreibung und Völkermord. Wie wäre es, wenn wir dies im Brett Auslandspolitik oder Geschichte
            weiterdiskutieren ? Ich sehe hier nicht mehr den Zusammenhang zum Brett
            "Religion"
            Das ist mir mittlerweile klar. Anscheinend ist nicht sichtbar
            geworden, worum es mir geht.
            Stimmt. Aber vielleicht können wir das ganze abkürzen. Da weder du noch ich im "alten" Tibet gelebt haben, dürften wir beide unserer Informationen vermutlich aus der Literatur beziehen. Wenn du mir also verrätst, auf welche Publikationen du deine Meinungen stützt, könnte ich ja mal nachlesen. (Vielleicht jeweils zu meinen obigen Fragen, das erspart zumindest die Tipperei). Es geht mir nicht um tibetische
            Geschichte oder Politik und schon gar nicht um eine Kritik des
            tibetischen Buddhismus; es geht mir um das Verhältnis des
            Buddhadharma zum Rajadharma - dem Gegenstück zum
            'christlichen' Thema "Staat und Kirche".
            Es gibt im Buddhismus keine Institution, welche der Kirche vergleichbar wäre. Buddhismus ist nunmal eine sehr persönliche Sache. In wieweit jemand dem buddhistischen Weg folgen will und welche Konsequenzen das für sein Leben hat, ist jedem selbst überlassen, sei er deutsche Hausfrau, tibetischer Lama oder Mitglied der burmesischen Militärdiktatur. Und natürlich geht es
            mir dabei auch um die ethischen Implikationen, die eine
            Personalunion von spiritueller Autorität und Staatsgewalt mit
            sich bringt
            Welche "spirituelle Autorität" sollte ein buddhistischer "Führer" denn haben ? Das einzige, was mir dazu einfällt ist, dass sich die burmesischen Mönche mal weigerten, betteln zu gehen, bis die Militärdiktatur eine bestimmte Anordnung zurückgenommen hatte. Meinst du sowas mit "spiritueller Autorität" ?.

            - und im weiteren Sinne um die ethischen Implikationen jedes politischen Handelns. Avalokitesvara als
            Politiker (??). Der Staat als Upaya (???). Diese Thematik
            gehört mE durchaus in dieses Brett hier.
            DAs hatten wir bereits oben angesprochen. Es geht beim Dalai Lama um die Verkörperung von Avalokitesvara, aber nicht um Avalokitesvara als handelnde Person. Aber es ist wohl zu problematisch, dies anhand des tibetischen
            Beispiels zu diskutieren. Wir könnten dies gerne auch anhand
            der Verhaltens japanischer Buddhisten zwischen 1870 und 1945
            erörtern; ich habe da keine Vorbehalte. Das Thema selbst ist
            ja auch kein neues, wir können also auch über die Allianz von
            Teilen des Sangha mit dem 'Kaiser' Ashoka im 3. Jahrhundert
            v.u.Z. (und über die interessanten Parallelen zu Kaiser
            Konstantin) sprechen. Wobei da natürlich evt. wiederum mit
            Empfindlichkeiten von Theravada-Seite aus zu rechnen ist (habe
            ich auch schon erlebt). Wie auch immer, ich ziehe es vor, eine
            solche Problematik anhand konkreter Erscheinungen zu erörtern,
            statt ohne Boden unter den Füßen zu theoretisieren.
            Buddhistische Ethik ist eine persönliche Entscheidung. Man kann sich zwar als "Machtmensch" in seinen persönlichen Entscheidungen von der buddhistischen Ethik leiten lassen, aber nirgendwo steht geschrieben, dass man das auch muss und in welchem Maße. Insofern sehe ich nicht so recht deinen Diskussionsbedarf. Vielleicht macht auch diese ganze Diskussion hier (auf www)
            nicht allzu viel Sinn. Wie die Zahlen rechts oben bei unseren
            Beiträgen nahelegen, hält sich das allgemeine Interesse an
            unserem Dialog doch sehr in Grenzen - und bislang mochte sich
            auch niemand in unseren Dialog einschalten.
            Wir könne auch gerne per mail weiterdiskutieren. P.S.: Danke für den Buchtip. Chung-yuan Changs wirklich sehr
            empfehlenswerte Teilübersetzung des Jingde Chuandenglu gehört
            allerdings schon seit geraumer Zeit zu meiner Handbibliothek -
            länger, als es die deutsche Übersetzung gibt ;-).
            Schön. Und stimmst du mit meiner Einschätzung überein, dass er eine sehr hilfreiche Brücke zwischen den Lehren des tibetischen Buddhismus und den Lehren des Zen-Buddhismus in Japan bildet ?

            Gruß
            Marion



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