Luthers Einfluss auf Hitler

Von: , Frage gestellt am So, 13. Nov 2005

Hallo Gemeinde
Wie hoch schätzt Ihr Luthers Einfluss (auch subtilerer, indirekter Art, z.B. durch Erziehung) auf Hitler ein?
Konkreter: War Luthers 7-Punkte-Plan zur Verfolgung der Juden (Anleitung zum Niederbrennen von Synagogen, Verteufelung der Juden etc.) in der Lage, Einfluss auf die Systematisierung des Antisemitismus durch die Nazis zu nehmen?
Immerhin war einigen Kreisen die Aufzeichnungen Luthers hierzu zugänglich.
Gruß,
Branden

23 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 4 Stunden 0 hilfreich
    Re: Luthers Einfluss auf Hitler

    Hallo Branden,

    ich denke, einen solchen Einfluß gab es nicht.
    Hitler war Österreicher und lebte später in Bayern (München). Und das sind heute noch erzkatholische Gegenden, in denen von Luther kaum die Rede ist. Und Hitler war auch nicht unbedin gt der Mann, der seine Weltanschauung auf großen Studien aufbaute - er reagierte aus dem Gefühl heraus.
    Sein Antisemitismus hatte wohl andere Ursachen. Er sah, daß scheinbar die Juden überwiegend vermögend waren als Händler und Unternehmer (die jüdischen Arbeiter nimmt man ja dabei nicht wahr, die fallen in der Masse der Arbeiter gar nicht auf). Und er griff die Idee der Herrschaft des jüdischen Kapitales auf, die schon andere ausgebrütet hatten (páßte ja scheinbar auch alles so schön zusammen).

    Luther brauchte er dazu nicht. Der hätte sogar gestört dabei. Denn der wollte die Juden ja bekehren und nicht umbringen. Das hätte aber nun gar nicht zu Hitlers Rassentheorie gepaßt, weil es zu einer Vermischung der nun mehr bekehrten Juden mit seiner germaischen Herrenrasse geführt hätte - und genau dagegen hat er sich ja gewehrt. Für ihn mußtzen die Juden als Personen jüdischen Blutes weg und nicht als Angehörige einer Religion - zumindest aus Deutschland und später dann buchstäblich total.


    Gernot Geyer

    • Antwort von nach 5 Stunden 0 hilfreich
      Re^2: Luthers Einfluss auf Hitler

      Ebenfalls Danke, Gernot. Dein Statement entspricht dem von Mike (eines drunter) und ist sicherlich im wesentlichen richtig.
      Gruß,
      Branden

  2. Antwort von nach einer Stunde 2 hilfreich
    Re: Luthers Einfluss auf Hitler

    Konkreter: War Luthers 7-Punkte-Plan zur Verfolgung der Juden
    (Anleitung zum Niederbrennen von Synagogen, Verteufelung der
    Juden etc.) in der Lage, Einfluss auf die Systematisierung des
    Antisemitismus durch die Nazis zu nehmen?
    He, Branden,
    auch hier wieder scheint mir deine Optik seltsam verschoben.
    Man sollte nicht vergessen, dass Luther vor allem ein Kind seiner Zeit war und seine Sicht auf die Juden dem Zeitgeist entsprach.
    Was sie zwar nichtsdestoweniger dumpf und töricht macht,
    daraus aber Luther zu einem Vorläufer oder gar Vordenker des nationalsozialistischen Rassedenkens zu konstruieren halte ich denn doch für etwas verwegen.
    Gruß
    Eckard

  3. Antwort von nach einer Stunde 1 hilfreich
    Re: Luthers Einfluss auf Hitler

    Hallo Branden

    Ich meine der Antisemitismus Luthers, wenn man ihn so nennen mag, war eher religiös begründet. Mit anderen Worten, er entstand aus einer ethisch/religiösen Überzeugung.

    Ganz anders aber bei Hitler. Der A. des 20. Jahrhunderts war rein politischer Art. Man beschuldigte die Juden am Untergang des Deutschen Reiches und machte sie für die Repressalien verantwortlich, die sich daraus ergaben.

    Ob das noch einer Bestätigung früherer Judenverfolgungen bedurfte, ist fraglich. Aber es mag ihm (Hitler) sehr entgegengekommen sein und es lieferte ihm eine moralische Rechtfertigung für eine große Unmoral.

    gruß
    rolf

  4. Antwort von nach 2 Stunden 4 hilfreich
    Re: Luthers Einfluss auf Hitler

    Hi Branden,

    nun darf man nicht vergessen, dass im NS-Regime auch viele, viele evangelische Priester in Konzentrationslager gesessen haben (bekanntestes Beispiel ist wohl Dietrich Bonhoeffer).

    Es liegt im Allgemeinen im Ansinnen eines Regimes, andere Machteinwirkungen und potentielle Oppositionen so gut wie möglich auszulöschen. Somit passt auch eine Kirche (vor allem eine evangelische, die nicht an Weisungen von Kirchenoberhäuptern gebunden ist) nicht ins Wunschbild. Die Erfahrung zeigt, dass (außer bei Gottesstaaten) Kirchen in diktatorischen Strukturen füher oder später abgeschafft oder verstaatlicht werden. Da gibt's dann statt den kirchlichen Jugendgruppen, staatliche; statt den Gottesdiensten, Vaterlandsdienste (Nationalsongs singen, Schwüre auf die Fahne, etc.), statt den Heilsverkündungen der Kirchen, ein plumpes "Heil Hitler", etc.

    Luthers Einfluss auf Hitler halte ich also für nicht vorhanden.
    Theologisch ist Judenhass überhaupt nicht zu rechtfertigen, somit auch von Luther nicht, obwohl er in den meisten anderen Punkten ein großartiger Mann war!

    Beste Grüße,
    Typhoon :) [Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

  5. Antwort von nach 3 Stunden 1 hilfreich
    Re: Luthers Einfluss auf Hitler

    Hallo,

    das ist eine ganz heikle Angelegenheit. Der Einfluss war sicher da, genau so wie der anderer Denker und kultureller Größen - denke nur an Wagner, Nietzsche (Hitlers Lieblingsphilosoph). Man darf nur nicht so weit gehen und daraus eine Schuldzuweisung machen - auch wenn, wie im Falle Luthers, alles was er über, gegen die Juden sagte - und das war nicht "von Pappe"! - schlimm war und so ziemlich gegen alles, was in der Bibel steht, verstößt.
    Man muss bedenken, dass die Nazis fast alles an Begriffen, Anschauungen rücksichtslos "besetzt" haben, was ihnen nützlich erschien - Lagerfeuerromantik, Pfadfinder, religiöse Begriffe (manche Reden waren ja bewusst im Stil einer Predigt gehalten!) usw. Und sie haben Strömungen wie Antisemitismus, Zigeunerhass u.ä. "nur" verstärkt, bewusst ausgenutzt. Darin allerdings liegt das Problem der "Vordenker". Sie waren damit unbeabsichtigt die "Steigbügelhalter" von all dem, was da kam. Auschwitz wäre ohne den fast 2000-jährigen Antijudaismus des Christentums wohl nur schwer denkbar. Aber da gibt es noch andere Säulenheilige: Die ganzen Kirchenväter wie z.B. Augustinus haben ja schon vor 1600 Jahren in unflätigster Weise auf Juden gehetzt.

    Noch was (etwas oT): "Steigbügelhalter" der Nazis waren auch viele Konservative der Weimarer Republik. Viele haben durch ihre Hetze das Aufkommen der Nazis begünstigt, was sie dann aber nicht vor Verfolgung und Ermordung geschützt hat.

    Noch was zu "Typhoons" Aussagen:
    "nun darf man nicht vergessen, dass im NS-Regime auch viele, viele evangelische Priester in Konzentrationslager gesessen haben (bekanntestes Beispiel ist wohl Dietrich Bonhoeffer)."
    Und viele, viele evangelische und katholische Priester begeistert von den Nazis waren - Kardinal Faulhaber, Bischoff Otto Dibelius, viele Pfarrer sind zur SS gegangen. Nein, da sieht die Kirche wohl nicht besser aus als der Durchschnitt der Bevölkerung.

    "Luthers Einfluss auf Hitler halte ich also für nicht vorhanden."
    Hmm ... siehe oben ...

    "Theologisch ist Judenhass überhaupt nicht zu rechtfertigen, ."
    Auch hier: Hmm ... Steht nicht in der Bibel "euer Vater ist der Teufel"? (ich meine von Johannes Jesus in den Mund gelegt). Ausserdem: Theologisch lässt sich so ziemlich alles begründen, z.B. das Verbrennen bei lebendigem Leibe, Rädern, Vierteilen, Sklavenhaltung usw. - die Geschicht zeigt es ... leider.

    Gruß, Stucki

    • Antwort von nach 4 Stunden 0 hilfreich
      Re^2: Luthers Einfluss auf Hitler

      Hi Stucki denke nur an Wagner, Nietzsche (Hitlers
      Lieblingsphilosoph).
      Dem guten alten Nietzsche wird leider immer wieder Antisemitismus unterstellt, obwohl er diesen nicht hatte, sondern sogar spöttisch auf Antisemiten herabblickte. Nietzsche war ein Intellektueller, seine Schwester und die Nazis haben iuhn in Gänze eigentlich nicht verstanden. Man muss bedenken, dass die Nazis fast alles an
      Begriffen, Anschauungen rücksichtslos "besetzt" haben, was
      ihnen nützlich erschien - Lagerfeuerromantik, Pfadfinder,
      religiöse Begriffe (manche Reden waren ja bewusst im Stil
      einer Predigt gehalten!) usw.
      Das ist richtig, aber hier bei LUTHER haben wir es ja nun wirklich mit massivsten Ausfällen gegen das Judentum zu tun. Das würde ich doch scharf unterscheiden wollen von den auslegbaren Äußerungen der Genannten.
      Gruß,
      Branden

      • Antwort von nach 6 Stunden 1 hilfreich
        Nietzsche Anti-Antisemit ?

        Hallo Branden, Dem guten alten Nietzsche wird leider immer wieder
        Antisemitismus unterstellt, obwohl er diesen nicht hatte,
        sondern sogar spöttisch auf Antisemiten herabblickte.
        Der Fall stellt sich, wenn man genau hinsieht, anders dar.
        Falls dich's interessiert, lies mal:
        Thomas Mittmann
        Friedrich Nietzsche - Judengegner und Antisemitenfeind.

        Sutton-Verlag, Erfurt 2001, 159 pp. (z.Z. nur noch antiquarisch)
        Klappentext:
        "...Nietzsche war ein Judenfeind, dessen antijüdische Ausfälle
        während der Bekanntschaft mit Richard Wagner ihren Höhepunkt
        erreichten. Erst spät - und lediglich aufgrund persönlicher
        Negativerfahrungen - distanzierte er sich von den führenden Köpfen
        des deutschen Antisemitismus. Seine antijüdische Geisteshaltung legte
        er jedoch nie ab."

        Servus
        Nescio

        • Antwort von nach 8 Stunden 0 hilfreich
          Re: oT: Nietzsche Anti-Antisemit ?

          Hallo Nescio,

          ich bin gewiß kein großer Nietzsche-Freund, aber ... Dem guten alten Nietzsche wird leider immer wieder
          Antisemitismus unterstellt, obwohl er diesen nicht hatte,
          sondern sogar spöttisch auf Antisemiten herabblickte.
          Der Fall stellt sich, wenn man genau hinsieht, anders dar.
          Falls dich's interessiert, lies mal:
          Thomas Mittmann
          Friedrich Nietzsche - Judengegner und Antisemitenfeind.

          Sutton-Verlag, Erfurt 2001, 159 pp. (z.Z. nur noch
          antiquarisch)
          Klappentext:
          "...Nietzsche war ein Judenfeind, dessen antijüdische Ausfälle
          während der Bekanntschaft mit Richard Wagner ihren Höhepunkt
          erreichten. Erst spät - und lediglich aufgrund persönlicher
          Negativerfahrungen - distanzierte er sich von den führenden
          Köpfen
          des deutschen Antisemitismus. Seine antijüdische
          Geisteshaltung legte
          er jedoch nie ab."
          ... man findet halt für beides Belege bei ihm;
          nach ca. 1 Minute suchen diesen in "Jenseits von Gut und Böse":
          "Man muß es in den Kauf nehmen, wenn einem Volke [...] mancherlei Wolken und Störungen über den Geist ziehen, kurz, kleine Anfälle von Verdummung: zum Beispiel bei den Deutschen von heute bald die antifranzösische Dummheit, bald die antijüdische [...]"
          Wenige Zeilen darunter dann: "so unbedingt auch die Ablehnung der eigentlichen Antisemiterei [...] sein mag"
          Wenige Zeilen darunter: "Daß Deutschland reichlich genug Juden hat"
          Wenige Zeilen darunter: "Die Juden sind aber ohne allen Zweifel die stärkste, zäheste und reinste Rasse, die jetzt in Europa lebt".

          Alles doch ziemlich uneindeutig, oder?
          Am meisten das letzte Zitat. Es nimmt im Grunde den Gemeinplatz des Antisemitismus auf: Juden als zähe Rasse;
          auf der anderen Seite spricht Nietzsche bekanntlich voll Hochachtung von allem Zähen und Starkem und Reinem

          Ein paar Zeilen danach kommt wieder der antisemitische Gemeinplatz, dass die Juden leicht das Übergewicht in Europa haben könnten, gefolgt einen Satz später davon, dass man "die antisemitischen Schreihälse des Landes verweisen" solle (alle Zitate: N., Jenseits von Gut und Böse, 1984, 165ff.)

          Kann man da wirklich noch in Kategorien wie Antisemit, Anti-Antisemit denken?

          Klar ist, dass er -in der Breitenwirkung- viel stärker auf den Antisemitismus gewirkt hat als auf den Anti-Antisemitismus.

          Wenn also der Autor gleich seiner Wirkung ist, dann ist Nietzsche zweifelsfrei Antisemit, wenn nicht, dann - keine Ahnung.

          Viele Grüße
          franz



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