Wie authentisch ist das neue Testament?

Von: , Frage gestellt am Fr, 26. Mai 2006

Hallo,

ich bin auf eine Sache gestoßen, die mich etwas irritiert.
Und zwar hat eine Bekannte von mir sich vor 2 Jahren als Erwachsene evangelisch taufen lassen und dabei eine Bibel bekommen. Und als ich da mal reingeschaut habe, habe ich festgestellt, daß das stilistisch alles Mögliche ist - aber mit Sicherheit nicht die mir bekannte Lutherbibel (die die ich kenne, i9st unsere Hausbbibel und stammt von 1909).
Dabei hat man ja nie was davon gehört oder gelesen, daß irgendeine große Kirchenkonferenz sich damit befaßt hätte und das Ganze neu gefaßt hätte - zumindest die breite Öffentlichkeit hat nix gemerkt davon.

Und nun frage ich mich, wie oft in den letzten 2.000 Jahren das schin geschehen ist - und was dabei alles auf der Strecke geblieben ist, neu eingefügt oder umgedeutet wurde.
Man weiß ja, daß z.B. im Mittelalter die heutigen Formen wissenschaftlicher Arbeit noch ungekannt waren und daß gerade dann, wenn es um Abschriften und Übersetzungen von Dokumenten ging, Ungereimtheiten und scheinbare Wiedersprüche mitunter recht großzügig geglättet wurden. Ich unterstelle da noch nicht mal, daß die Kirche selber bestimmte unangenehme Dinge entfernt oder andere, ihr scheinbar nötige, eingefügt hat - obgleich auch das ja durchaus drin war bei solchen Praktiken. Ich meine einfach Fehler und Eigenmächtigkeiten von Schreibern und Übersetzern, Mißverständnisse durch Worrtwandlungen und nicht mehr bekannte Wörter und so was.
Dann mag man sich zwar auf airgendwelchen Konzilen oder so immer mal wieder auf eine einheitliche Schrift geeinigt haben - aber wie authentisch ist die am Ende noch, was ist davon wirklich noch echt?

Denn immerhin - ich habe eigentlich ja angenommen, daß man bei einem Werk wie der Bibel um absolute Genauigkeit gemüht ist - und so unverständlich war Luthers Deutsch ja nicht. Aber wenn es da selbst heute in unserem wissenschaftlichen Medienzeitalter noch so sang- und klanglos möglich ist, einfach den Text zu ändern - dann war das ja früher noch viel einfacher und dann stimmt eventuell außer dem Titel gar nichts mehr.


Gernot Geyer

21 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 2 Stunden 5 hilfreich
    Re: Wie authentisch ist das neue Testament?

    Hallo Gernot
    es gibt auf dem (deutschen) Markt recht unterschiedliche Bibelübersetzungen unterschiedlicher Qualität.
    Und es gibt natürlich auch immer Neuauflagen (alleine schon durch die Anpassungen an moderne Rechtschreibung, aber auch, um eine Übersetzung behutsam zu modernisieren).
    Mein Favorit, was eine möglichst wörtliche Übersetzung, die immer noch verständlich ist, angeht, ist die Elberfelder Bibel.
    Die Lutherbibel hat 1984 ihre letzte Revision erfahren, auch hier ging es um sprachliche Modernisierung aber auch darum, die neuen Erkenntnisse, was den hebräischen und griechischen Urtext angeht, mit einzubeziehen.
    Deine Bekannte wird wahrscheinlich die sogenannte Einheitsübersetzung geschenkt bekommen haben, das ist eine rk verantwortete Übersetzung unter evangelischer BEteiligung.
    Eine gemeinsame Revision der Einheitsübersetzung ist gescheitert
    http://www.ekd.de/presse/pm163_2005_einheitsueberset...

    Ein anderes modernes Bibelübersetzungsprojekt ist die "Bibel in gerechter Sprache" http://www.bibel-in-gerechter-sprache.de/
    M.E. ein höchst fragwürdiges Projekt.

    Sprachlich kenne ich keine Übersetzung, die mit der Lutherbibel konkurrieren könnte - was allerdings wahrscheinlich daran liegt, dass das Lutherdeutsch so sehr (gerade sprichwörtlich) in unseren alltäglichen Sprachgebrauch Einzug gefunden hat, dass man mit Luthers Stil am ehesten vertraut ist. Dabei hat man ja nie was davon gehört oder gelesen, daß
    irgendeine große Kirchenkonferenz sich damit befaßt hätte und
    das Ganze neu gefaßt hätte - zumindest die breite
    Öffentlichkeit hat nix gemerkt davon.
    Da ich annehme, dass sich das auf die Einheitsübersetzung bezieht: Sie wurde 1972 (NT)/1980 (AT) hergestellt. Nun weiß ich nicht, ob dieses Projekt es bis in die NAchrichten geschafft hat, aber gerade in evangelischen Gemeinden war dieses Projekt heiß diskutiert, die Kirchenzeitungen waren voll davon, die Synoden haben darüber diskutiert. Also die kirchliche breite Öffentlichkeit sollte es mitbekommen haben... Und nun frage ich mich, wie oft in den letzten 2.000 Jahren
    das schin geschehen ist - und was dabei alles auf der Strecke
    geblieben ist, neu eingefügt oder umgedeutet wurde.
    Das eine wäre die Fage nach dem Urtext: Da wurde eigentlich recht wenig eingefügt. Das berühmte Comma Iohanneum natürlich schon, auch die hier schon diskutierte Perikope von der Ehebrecherin ("Wer von Euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein") ist zwar eine frühe, aber doch eine Einfügung. Die neutestamentliche Textforschung erkennt in den Handschriften i.d.R. das Werk von SChreibern (nicht Theologen). Es gibt Fehler, Ungenauigkeiten, die sich oft durch "Schlamperei" beim Abschreiben erklären lassen (also Zeilensprünge, Wortsprünge, so was in der Art, man schreibe mal das NT auf Deutsch ab;). Ein anderes häufig aufkommendes Problem sind die parallelen Perikopen bei den Synoptikern, da merkt man, dass offensichtlich jemand eine Perikope aus dem "falschen" Evangelium schreibt.
    Andere "Einfügungen" sind grammatischer Natur (das NT-Griechisch ist nun wahrhaft nicht das Beste).
    Tatsächlich ist die Überlieferung des NT zuverlässig, auch wenn wir nie (außer durch neue Funde) über das 2. Jh. hinauskommen werden. Man weiß ja, daß z.B. im Mittelalter die heutigen Formen
    wissenschaftlicher Arbeit noch ungekannt waren und daß gerade
    dann, wenn es um Abschriften und Übersetzungen von Dokumenten
    ging, Ungereimtheiten und scheinbare Wiedersprüche mitunter
    recht großzügig geglättet wurden.
    Nun ja, einige Formen wissenschaftlicher Arbeit waren schon bekannt;)
    Bei den Abschreibern des NT haben wir oft, gerade im Hochmittelalter, das Problem, das die Leute nicht die griechische Sprache beherrschten, glätten hätten sie da eh nichts gekonnt.
    Und Ihnen war schon klar, dass sie nichts irgendetwas abschrieben...
    Im Mittelalter war außerdem die Vulgata (Latein), auch im theologischen Gebrauch, nicht das Griechische NT.
    Die erste griechische Ausgabe des NTs nach Erfindung des Drucks stammt von ERasmus, eine höchst schlampige Arbeit...
    Sie war übrigens Grundlage Luthers Übersetzung, allein schon deswegen muss man neuere (Luther-)Übersetzung den heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstand anpassen.
    Ich unterstelle da noch Dann mag man sich zwar auf airgendwelchen Konzilen oder so
    immer mal wieder auf eine einheitliche Schrift geeinigt haben
    - aber wie authentisch ist die am Ende noch, was ist davon
    wirklich noch echt?
    Hat man nicht. Denn immerhin - ich habe eigentlich ja angenommen, daß man bei
    einem Werk wie der Bibel um absolute Genauigkeit gemüht ist -
    und so unverständlich war Luthers Deutsch ja nicht. Aber wenn
    es da selbst heute in unserem wissenschaftlichen
    Medienzeitalter noch so sang- und klanglos möglich ist,
    einfach den Text zu ändern - dann war das ja früher noch viel
    einfacher und dann stimmt eventuell außer dem Titel gar nichts
    mehr.
    Jetzt reden wir von Übersetzungen - und Übersetzen ist immer ein schwieriges Geschäft (siehe die Links oben).
    Ich selbst übersetze derzeit Märtyrerakten, und da ist auch die Frage, wie man übersetzen soll: So wörtlich wie mögliche? Soll man boule mit "Stadtrat" übersetzen, oder aufgrund möglicher Missverständnisse "boule" stehen lassen. Soll man das in Fußbnoten erklären? Übersetze ich in ein gepflegtes Deutsch oder aber soll ich möglichst die grammatische Struktur des griechischen/Lateinischen Satzes nachahmen, damit ein Leser, der vielleicht rudimentäre Kenntnisse dieser Sprachen hat, meine Übersetzung besser nachvollziehen und kontrollieren kann? Wie übersetze ich "HÄretiker", schließlich bedeutet das erst einmal nur "der, der anders lehrt" und nicht "Ketzer"?
    Wer überestzt, muss also nicht nur die Sprache beherrschen, die er übersetzt, sondern, und das ist viel Schwieriger, auch den Sprachgebrauch der Zielsprache kennen und seine Übersetzung daran prüfen.
    Beispiel: "Eingeborener Sohn" : Das versteht heute keiner mehr, soll ich also besser "einziggeborener SOhn" übersetzen, um Missverständnisse zu vermeiden, auch wenn uns dieser Begriff arg fremd ist?

    Etwas länger geworden;)

    Grüße,
    Taju

    • Antwort von nach 18 Stunden 1 hilfreich
      Re^2: Wie authentisch ist das neue Testament?

      M.E. ein höchst fragwürdiges Projekt.
      In den ersten Sätzen sind schon seltsame Dinge drin. "Angesichts der Wasser" anstatt "an der Wasseroberfläche". "Tag eins" statt "ein Tag". Ich finde das ist vergleichbar mit Synchrondeutsch à la "Gute Arbeit!" für "good job". :-)

      Gruß
      dataf0x

      • Antwort von nach 5 Tagen 0 hilfreich
        Re^3: Wie authentisch ist das neue Testament?

        Hallo!
        Leider kenne ich die Übersetzung, über die ihr sprecht nicht.Aber das, was du daraus zitierst klingt für mich so als hätten sie eine ziemlich wörtliche Übersezung aus dem Hebräischen versucht.
        Lg,ek

        • Antwort von nach 5 Tagen 0 hilfreich
          Re^4: Wie authentisch ist das neue Testament?

          Aber das, was du daraus zitierst klingt für mich so als
          hätten sie eine ziemlich wörtliche Übersezung aus dem Hebräischen versucht.
          eben nicht, das ist ja der Witz an diesem netten Beispiel.
          al_pne entspricht am ehesten dem engl. "in front of", und wer sich auch nur ein bißchen in der alten hebräischen Kosmologie auskennt, weiß, daß "angesichts" totaler Nonsense ist.

          Gruß

          Metapher

          • Antwort von nach 6 Tagen 0 hilfreich
            Re^5: Wie authentisch ist das neue Testament?

            eben nicht, das ist ja der Witz an diesem netten Beispiel.
            al_pne entspricht am ehesten dem engl. "in front of"
            Rein sprachlich betrachtet fallen mir da noch mehr Dinge dazu ein.

            pnei hamajim ist (auch) einfach die "Wasseroberfläche". Noch besser ist der "Wasserspiegel" (auch ein Bild). pne adama wäre die Erdoberfläche, pne jam ist der "Meeresspiegel" usw. Der Rand eben, wo das eine das andere trifft. und wer sich auch nur ein bißchen in der alten hebräischen
            Kosmologie auskennt, weiß, daß "angesichts" totaler Nonsense
            ist.
            panim ist (auch) "das Gesicht". Da wollte jemand wohl besonders wörtlich sein.

            Gruß
            dataf0x

            • Antwort von nach 6 Tagen 1 hilfreich
              Oberflächen

              pnei hamajim
              pne adama
              pne jam
              ja, es ist halt das, wo man von außen draufschaut: Daher auch "Gesicht" - sur-face halt. Es wird eine Grenze damit gesetzt.

              Und nur so nebenbei:
              Interessant ist, daß in Gen 1.2 schoschek al_pne tehom
              und in 1.3 ruah al_pne hammajim. Das vor-weltliche tehom (→ tiamat) wird ja zugleich als primordiales Wasser verstanden, das als tiamat/tamtu auch personalisiert gedacht war. Wasser (mem), Finsternis (kek) und Luft/Wind (heh) gab es gleichzeitig in der Kosmologie des ägyptischen Hermopolis, wo das Urwasser als Amun personalisiert war. Als Viertes zählte dann dazu die Leere (niu) - und auch die ist in Gen.1.2 als tohu/bohu enthalten.

              Eine Verwandtschaft ist da nicht von der Hand zu weisen ...

              Gruß

              Metapher

            • Antwort von nach 6 Tagen 0 hilfreich
              Re: Oberflächen

              Eine Verwandtschaft ist da nicht von der Hand zu weisen ...
              Spannend! Ganz nach meinem GEschmack. Dafür ein Sternchen. Da Kulturen ja nicht im luftleeren Raum existieren, ist fast banal, daß sich Gemeinsamkeiten finden MÜSSEN.

              Ein weiteres Indiz dafür, daß die so gerne gebrachte Aussage "Die Bibel sind alles beliebige Lügengebilde" so gar nicht stimmt. Ist es eben nicht, das ist Kosmologie, das war damals Theorie.

              Der Ursprung von ALLEM wäre natürlich noch interessanter. (Wer fing wie warum damit an, ausgerechnet so etwas zu schreiben?)

              Gruß
              dataf0x

            • Antwort von nach 6 Tagen 0 hilfreich
              Re^2: Die Tiefen


              Der Ursprung von ALLEM wäre natürlich noch interessanter. (Wer
              fing wie warum damit an, ausgerechnet so etwas zu schreiben?)

              Hallo Datafox

              Der Ursprung ist immer transzendental. Die Transzendenz hat ihre eigene Dynamik. Der Mensch hat dann versucht, diesem eine begreifbare Form zu geben, die sich aber von Kultur zu Kultur unterschiedlich darstellt.

              Wenn man überhaupt von einem Anfang sprechen kann, dann sind es in unserem Zyklus wohl die Veden, die man als die ältesten Schriften ansehen kann, die diese Transzendenz von der ich oben sprach auszudrücken versuchten.

              gruß
              rolf

            • Antwort von nach 6 Tagen 0 hilfreich
              Kosmologie, mythisch

              Ein weiteres Indiz dafür, daß die so gerne gebrachte Aussage
              "Die Bibel sind alles beliebige Lügengebilde" so gar nicht
              stimmt. Ist es eben nicht, das ist Kosmologie, das war damals
              Theorie.
              So ist es. Denn eine Unterscheidung zwischen subjektiver (d.i. für diese Zeit gleich stammes- oder kulturinterner) Deutung und objektiver Überprüfung gab es damals noch gar nicht. Es gab das Bedürfnis dazu nicht und daher auch keine Kriterienkataloge. Im Übrigen hatten Schöpfungsmythen ganz andere Zwecke als eine Theorie über die Vergangenheit. Der Ursprung von ALLEM wäre natürlich noch interessanter. (Wer
              fing wie warum damit an, ausgerechnet so etwas zu schreiben?)
              Ich hab darüber mal etwas publiziert. Über die Zwecke und warum diese Mythen weltweit so viele analoge Elemente enthalten. Eine digitalisierte Version davon kann ich dir bei Interesse gerne mailen.

              Gruß

              Metapher



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