Wie steht die Kirche zu den Verfassern der Bibel?

Von: , Frage gestellt am Sa, 9. Sep 2000

Ich hoffe jemand hilft mir bei der Beantwortung der folgenden zwei Fragen:
1) Wie steht die Kirche (spezielle die katholische, aber auch andere) zu der Problematik der menschlichen Verfasser oder "Schreiber" der Bibel? Innerhalb des Christentums wird der Mensch als im Besitz eines freien Willens zur Wahl zwischen Gut und Böse betrachtet, d. h. er kann gegen den Willen Gottes verstoßen. Die Bibel wird als von Gott inspiriert betrachtet. Bedeutet das nun, daß ein Argument gegen das allzu wörtlich nehmen der Bibel darin besteht, daß ihre Autoren zwar von Gott inspiriert waren, aber dennoch seine Botschaft gemäß ihrer eigenen Interessen verzerrt darstellen konnten? Dies interessiert mich v.a. im Zusammenhang mit dem mosaischen Homosexualitätsverbot (Leviticus). Historisch gesehen gab es wohl ein starkes Interesse an diesem Verbot, insofern zur Besiedelung des Gelobten Landes ja mögliuchst viel Nachwuchs benötigt wurde. (Diese Betrachtung ist zumindest ziemlich geläufig.)

2)Stimmt es, daß im Prinzip durch Jesus die alten Ge- und Verbote des Alten Testamentes aufgehoben wurden, auch wenn er sagte, daß sich wahre Gläubige wohl an die meisten halten würden, da sie deren Wert für das Zusammenleben erkennen könnten? Sind das mosaische und das noachitische Gebot in ihrer bisherigen Kraft damit aufgehoben?

Ich bedanke mich gleichvorweg für jede Hilfe.

Barbara

72 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 6 Stunden hilfreich
    Re:Kirche und Verfasser der Bibel/Homosexualität

    Hallo Barbara.

    "Man soll die Bibel ernst, aber nicht wörtlich nehmen."...Die Schrift ist inspiriert meint nicht eine Verbalinspiration( d. h. die Bibel ist von Gott oder einem Engel dem Schreiber wortwörtlich diktiert worden).Inspiration meint vielmehr, dass es einen Raum der Begegnung gegeben hat zwischen Gottes Geist und dem bibl. Schreiber: So ist die Bibel Gottes Wort in Menschen Wort getaucht. Gottes Geist sorgt dafür( so denken wir Gläubige), dass keine groben Irrtümer geschehen, dass die Botschaft von der Liebe Gottes zu uns Menschen erhalten bleibt. Trotzdem können kleinere Irrtümer geschehen: geographische Fehler zum Beispiel, damaliges Weltbild etc.
    Auch der griechische Sprachstil der 4 Evangelisten ist unterschiedlich.
    Oder ein Beispiel aus dem AT: Lots Töchter verführen ihren Vater und werden schwanger von ihm.( Gen. 19/30-38). Die Kinder dieser inzestuösen Beziehung hiessen MOAB und Ben-Ammi, die Stammväter der Moabiter und Ammoniter.......Natürlich ist das nicht Gottes Offenbarung: Das Volk Israel hatte etwas gegen die Ammoniter und Moabiter und in dieser Geschichte wurden sie gleichsam von ihrem Ursprung her schon verächtlich gemacht.
    Oder Paulus im 1 Kor.11.....die Frau soll ein Kopftuch tragen, wenn sie betet... auch das ist nicht göttliches Gebot, sondern die Meinung des Paulus: daher haben sich die Kirchen nie daran gehalten: nur ab und zu sieht man noch in Italien und Spanien, Frauen die schöne Kopftücher anziehen, bevor sie in die Kirche gehen. Man muss unterscheiden zw. göttl. Gebot und menschl. zeitbedingter Ansicht, die in den Text eingeflossen ist.
    Zu Lev. 18 und 20: Der Horizont solcher Bestimmungen ist zunächst die kultische und ethische Situation des damaligen Volkes Israel. Das Verbot der Homosexualität( WOBEI DER BIBL. AUTOR NICHTS VON HOMOSEXUELLER PARTNERSCHAFT MIT GEGENSEITIGER LIEBE; ANZIEHUNG WEISS ), gehört zum Heiligkeitsgesetz: es soll Götzendienst abwehren und gegen Andersgläubige abgrenzen. Da es im Umkreis Israels Fruchtbarkeitskulte gab mit Tempelprostitution( auch homosex.), hat sich Israel gegen alles gewehrt, was nur irgendwie den Anstrich von Polytheismus hatte.HOMOSEXUALITÄT war den Juden nur aus dem Fruchtbarkeitskult bekannt.( die altkanaanitische Religion verband Tempelkult und Sexualität.)
    Der Ausdruck:.....ist für den Herrn ein GREUEL.. muss aus dem Hebr. Kontext betrachtet werden: Greuel meint nicht Abscheu sondern kult. Tabu, das die Reinheit des Jahweglaubens gefährdet, also ein Verhalten, das in Israel aus Kulten für fremde Gottheiten bekannt war und im Verdacht des Götzendienstes stand. Fatal ist, dass man dieses kult. Gesetz immer wieder zitiert, um beweisen zu wollen, dass auch die Hl. Schrift etwas gegen Homosexualität sagt(so wie wir sie heute verstehen.) Dem ist aber nicht so. Lies einmal den ganzen Abschnitt: Lev. 19. Da steht auch....DU sollst deinen Bart nicht stutzen.....Ihr sollt euer Kopfhaar nicht rundum abschneiden....Ihr dürft euch keine Zeichen einritzen lassen............wer würde sagen: dies hat auch heute noch zu gelten??? Man darf nicht Stellen aus dem Kontext herausreissen. Es gäbe noch viel zu sagen dazu: ein andermal: wenn dich die Problematik Homosexualität und Bibel interesssiert: ich bin gerne bereit darauf einzusteigen.
    2) Jesus sagt bei MT: Ich bin nicht gekommen das Gesetz aufzuheben, sondern um es zu erfüllen. Die Gebote des At gelten auch im NT. Der Bund, den Gott mit Noah und Abraham geschlossen, gilt immer noch. Jesus, als der Herr, nahm sich aber die Freiheit korrigierend einzugreifen, wo nötig: ...Zu den Alten ist gesagt worden......., ICH aber sage euch.......
    Die Kirche(so Paulus), ist das neue Israel,dass aus der Wurzel des alten hervorgegeangen ist. Das AT ist also nicht passe für uns Christen.
    Gruss ACHILL ( ein bißchen lang geworden)

    • Antwort von nach 9 Stunden hilfreich
      Re^2:Kirche und Verfasser der Bibel/Homosexualität

      Danke, da hast du mir wirklich sehr weiter geholfen. Eine weitere Diskussion zu diesem Thema würde mich auch sehr interessieren.
      Wenn du Zeit hast, könntest du mir vielleicht noch sagen wie man im Zusammenhang mit der Gültigkeit der Gebote des Alten Testaments den Ausspruch Jesus' (ich habe vergessen wo er steht)"Der Sabbat wurde für den Menschen geschaffen, nicht der Mensch für den Sabbat" verstehen könnte. Steht hier "Sabbat" im weiteren Sinn für alle Gebote, oder eben auch nur für die kultischen?

      Besten Dank noch,

      Barbara

      • Antwort von nach einem Tag hilfreich
        Re^3:Kirche und Verfasser der Bibel/Sabbatgebot

        Hallo Barbara

        Am 7. Tag ruhte der Herr von seinem Schöpfungswerk aus; das ist der SABBAT, unser Samstag. Denn obwohl in unserer Sprache zum Wochenende der Sonntag gehört, ist der Sonntag der erste Tag der Woche. Der Sabbat war bei den Juden heilig, viele Dinge durften nicht erledigt werden an diesem Tag. Und nun "bricht" Jesus dieses Gebot, indem er Kranke heilt an diesem Tag. Unerhört sagen einige Pharisäer und Schriftgelehrte. Sie haben wieder einen Grund gefunden, ihm zu schaden. Der von dir zitierte Ausspruch Jesu: der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat....rückt nur das Sabbatgebot des AT wieder in die richtige Richtung. Gott wollte , dass es einen Tag gebe, an dem der Mensch zum Nachdenken, zum Ausruhen komme, auf dass er sich erfreue an der wunderbaren Schöpfung Gottes, und so auch an ihn denke, den Geber alles Guten. Und nicht dass er sich sklavisch an unendlich viele Regeln halten muss, hinter denen er verschwindet. Jesus sah den Menschen im Mittelpunkt, nicht den Buchstaben des Gesetzes. Das ist keine Aufhebung der Gebote, aber ein Verständlichmachen dessen, was Gott damit bezweckt hat.

        Zum Thema Homosexualität und Bibel dann ein ander Mal. Stell einfach eine Frage, um das Ganze zu beginnen.
        TSCHÜSS. ACHILL

        • Antwort von nach 5 Tagen hilfreich
          Re^4:Sabbatgebot

          Hallo Achill. [...] Der Sabbat war bei den Juden heilig, viele
          Dinge durften nicht erledigt werden an diesem Tag.
          Danke, aber ich halte und heiligen den Schabbes immer noch ;-) Und statt Dinge zu schaffen (besser als erledigen), heiligen wir den Tag und den E'igen, was keine leichte Aufgabe ist. [...] Und nun
          "bricht" Jesus dieses Gebot, indem er Kranke heilt an diesem
          Tag. Unerhört sagen einige Pharisäer und Schriftgelehrte.
          Die Figur Jesus hält sich hier streng an die Mitzwot. Jeder gläubige Jude würde nicht anders handeln. In diesem Sinn sind die Abgrenzung (von den Schriftgelehrten) im sogenannten 'neuen Testament' immer zu hinterfragen und nicht einfach auf DAS Judentum zu übertragen.

          Schalom,
          Eli

          • Antwort von nach 5 Tagen hilfreich
            Re^5:Sabbatgebot

            Shalom Elimelech

            Danke für dein Mail. Ich hoffe nicht, dass du den Eindruck hattest, ich wollte das Judentum mit dem Sabbatgebot schlecht machen. Natürlich bedarf es immer einer Differenzierung und vor allem im Bestand des NT muss immer berücksichtigt werden, an wen die Schrift verfasst wurde und was die Intention der jeweiligen Stelle ist. Eigentlich ging es um die Frage, ob das AT obsolet sei für den Christen, und ich antwortete mit Jesu Zitat: Ich bin nicht gekommen....... aufzuheben, sondern..... zu erfüllen.
            Die Juden sind , wie der Selige Papst Johannes XXIII. sagte, unsere älteren Brüder. Und beiläufig für einen anderen Zweck fiel dann die Erwähnung des Sabbatgebotes. Es ist immer schwer auf wenigen Zeilen so komplexe Themen zu behandeln. Aber gut, wenn andere mitdenken.
            Also dann. Gottes reichen Segen für dich.
            ACHILL.

    • Antwort von nach einem Tag hilfreich
      Re^2:Kirche und Verfasser der Bibel/Homosexualität

      Hi Achill,

      darf ich als "Ungläubiger" an dieser Stelle einhaken? Kirche gehen. Man muss unterscheiden zw. göttl. Gebot und
      menschl. zeitbedingter Ansicht, die in den Text eingeflossen
      ist.
      Glücklicherweise brauche ich mich jetzt gar nicht dumm stellen, sondern kann mich ganz natürlich geben. Also jetzt bitte nicht erschrecken, wie jemand so etwas dummes fragen kann:

      Vor mir liegt ein Text. Dieser enthält zwei Arten von Aussagen: solche, die ein göttliches Gebot wiedergeben und solche, die menschliche (zeitbedingte) Ansichten darstellen. Wie unterscheide ich die und woher weiß ich, ob meine Unterscheidung richtig ist? Inwieweit ist die Entscheidung darüber, welche Aussagen in die jeweiligen Kategorien gehören, von meinen eigenen (zeitbedingten) Ansichten abhängig?

      Gruß
      Michael

      • Antwort von nach 3 Tagen hilfreich
        Re^3:Kirche und Verfasser der Bibel/Homosexualität

        Hallo!
        Ich weiß, deine Anfrage war eigentlich an Achill gerichtet. Ich kann kaum so theologisch-biblisch versiert antworten wie er. Wenn es dich interessiert kannst du aber hier meine Meinung zum hier angeschnittenen Problem lesen.
        Ein Leitgedanke von mir hat mit der Unmöglichkeit von dem zu tun, was wir Objektivität nennen. Er lautet so: Wenn mich jemand als Subjekt sieht, muß ihm auch klar sein, daß alles, was ich sage, subjektiv ist.
        Anders als subjektiv kann man wohl auch die Bibel nicht interpretieren, und geschrieben wurde sie auch von Subjekten - noch dazu solchen, von denen wir nicht viel wissen. Allerdings, aus eigener Erfahrung möcht ich das sagen, kann das Glaubenserlebnis an sich, welches für mich nicht sonderlich viel mit Kirche und Bibel zu tun hat, nicht geleugnet werden. Auswirkung eines Glaubenserlebnisses (wie immer man es persönlich erlebt) ist wohl ein größeres Bewußtsein für Moral. Meiner Meinung nach führt das Erlebnis Gottes (oder wie ich in meinem Fall sagen möchte: des Menschen; aber das ist für mich nur ein Bezeichnungsunterschied) weder zu rücksichtlosem moralischem Eifer, noch Weltfremdheit, noch zu dem Gefühl, Gesetze zu benötigen. Ich denke man wird einfach versuchen gut zu handeln, und für dieses Handeln mag man sich Anregungen aus religiösen Schriften holen. Die letzte Instanz bleibt das Gewissen, Produkt der eigenen Erfahrung in dieser Welt.
        Wie gesagt, ich bin subjektiv, wenn ich sage, wer glaubt braucht keine Gesetze. (Und ich meine damit das Gefühl des Bedürfnisses nach rigider Ordnung und Geboten, nach denen wahrscheinlich jeder von uns immer wieder Sehnsucht hat - in den Phasen, die ich eine Glaubenskrise nennen würde.)

        Mich würde interessieren, inwieweit du mit diesen Vorstellungen etwas anfangen kannst. Wenn es dich nicht interessiert, dann übergeh es einfach, macht ja nix.

        Barbara

        • Antwort von nach 3 Tagen hilfreich
          Re^4:Kirche und Verfasser der Bibel/Homosexualität

          Hi Barbara,

          wenn ich den Bezug zu meiner Frage richtig verstehe, dann ist die Bibel für Dich ein von Menschen geschriebenes Buch. Punkt.

          So kann dann also die Bibel, wie auch andere von Menschen geschriebene Bücher, eine (Teil-) Grundlage zu Deiner "persönlichen Ethik" sein. Soweit korrekt, oder bin ich da auf einem falschen Pfad?

          Das bedeutet dann, nehme ich an, daß Du die Bibel nicht in dem Sinne für inspiriert hältst, daß einzelne Aussagen (oder der gesamte Text) unmittelbar den göttlichen Willen wiedergeben?

          Gruß
          Michael

          • Antwort von nach 3 Tagen hilfreich
            Re^5:Kirche und Verfasser der Bibel/Homosexualität

            Hallo Michael! wenn ich den Bezug zu meiner Frage richtig verstehe, dann ist
            die Bibel für Dich ein von Menschen geschriebenes Buch. Punkt.
            Kannst du so sagen. Um das ganze etwas zu "mystifizieren" füge ich hinzu: Mensch und Gott ist das gleiche. So kann dann also die Bibel, wie auch andere von Menschen
            geschriebene Bücher, eine (Teil-) Grundlage zu Deiner
            "persönlichen Ethik" sein. Soweit korrekt, oder bin ich da auf
            einem falschen Pfad?
            Nein, bist du nicht. Das bedeutet dann, nehme ich an, daß Du die Bibel nicht in dem
            Sinne für inspiriert hältst, daß einzelne Aussagen (oder der
            gesamte Text) unmittelbar den göttlichen Willen wiedergeben?
            Unmittelbar sicher nicht. Wenn du meine Mystifizierung weiter oben ansiehst, kann ich mir unter Inspiration aber schon durchaus etwas vorstellen, was viele Autoren der Bibel erlebt haben. Wenn ich sage "Erleuchtung" oder "annähernde Erleuchtung" sind wir wiedermal beim Buddhismus. (Wenn ich mich recht erinnere hab ich mal zu dem Thema auf eine Frage von dir aus Zeitgründen nicht mehr geantwortet.) Erleuchtung bedeutet Einsicht in das wahre eigene Wesen, und damit in die Welt (Weißt schon, Aufhebung des Subjekt-Objekt Dualismus im Buddhismus.)Erleuchtung kann aber in Worten niemals weitergegeben werden, laut buddhistischer Ansicht ist die gewonnene Erkenntnis eine der "Undenkbarkeiten" (und daher eine der "Unsprechbarkeiten"). Und trotzdem möchten sie alle immer vermitteln, aber wie gesagt, eigentlich ist das unmöglich. Die eigene Inspiration mag aber durchaus zu besonders gelungenen Methaphern, Bildern, Sprüchen führen - wie man auch viele in der Bibel findet -, die in ihrer Vielschichtigkeit die innere Entwicklung des Lesers anregen können. Das ist meiner Meinung nach nicht bei allen Büchern so, und in vieler Hinsicht betrachte ich die Bibel in der Hinsicht als gut gelungen, auch wenn mich vieles daran stört.

            Beantwortet das die Frage?

            Grüsse,

            Barbara



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