Braucht der Mensch Religion?
Von: , Frage gestellt am Mo, 11. Sep 2000
Was meint ihr? Braucht der Mensch Religion??
Was meint ihr? Braucht der Mensch Religion??
Was meint ihr? Braucht der Mensch Religion??
Ich habe neulich eine provokante These gelesen: Religion ist definiert, als ein Versuch, unsere Existenz zu erklären. Warum sind wir? Woher kommen wir? Wozu sind wir?
Nach dieser Definition sind auch die Naturwissenschaften eine Art von Religion.
Ich denke, es lohnt sich mal darüber nachzudenken.
Lässt man diese Definition gelten, kann man Deine Frage glaube ich mit "Ja" beantworten, jeder stellt sich irgendwann die o.g. Fragen und glaubt an irgendeine Theorie, und seien es die Naturwissenschaften.
Im übrigen: Ich weiß, daß ich nichts weiß. (Sokrates zugeschrieben)
Gruß
Werner
Hallo, ein kluger Mann (Nietsche?) schrieb einmal: Religion ist Opium fürs Volk!
Sagt alles!
Grüße
Raimund
Nietsche richtig: Nietzsche war es nicht; es war Marx. Und er schreibt nicht: Religion ist Opium fürs Volk!, sondern: Opium des Volkes. Also eine Droge, die sich die Armen leisten können, im Unterschied zu den Reichen, die bessere Drogen einnehmen.
Gruß Fritz Ruppricht
Danke für die Korrektur. Nitzsche war ein Tippfehler (Adlersuchsystem: mit den Fingern kreisen, finden und darauf stürzen). Marx stimmt natürlich, nachdem ich Deine Antwort gelesen habe, ist´s mir wieder eingefallen. Hätte aber auch zu Nitzsche gepasst, oder? Und der genaue Wortlaut ist zwar schöner und korrekter, hat aber den gleichen Sinn!
Grüße
Raimund
Nach dieser Definition sind auch die Naturwissenschaften eine
Art von Religion.
Religion gibt ein Welt-/Glaubensbild vor, lässt meist auch keinen Zweifel daran zu, versucht häufig auch die beobachteten Dinge in dieses Schema hinein zu pressen. Das ist in den grossen Religionen wie in denen der Naturvölker so. Neueres Beispiel ist die "Schöpfungstheorie", die die Evolutionslehre (und den Urknall) bezweifelt und alles Beobachtete aus den Vorgaben der Bibel zu erklären versucht (Schöpfung des Lebens, Erschaffung des Universums vor ca. 6000 Jahren innerhalb von drei Tagen usw.).
Naturwissenschaft geht umgekehrt vor, versucht ein Weltbild, eine Theorie aus den Beobachtungen aufzustellen.
Insofern ist Naturwissenschaft natürlich keine Religion, auch wenn manche Leute Erklärungen der Naturwissenschaften hinnehmen wie eine "Bibel". Naturwissenschaft stellt i.d.R. auch keine Sinnfragen nach z. B. dem Leben. Auch werden in der Naturwissenschaft Weltbilder/Theorien in einer offenen Diskussion immer wieder verworfen oder den Beobachtungen angepasst.
Gruss, Stucki
Was meint ihr? Braucht der Mensch Religion??
Meiner Ansicht nach: NEIN!
Nun meint zwar unser großer Weimarer Klassiker:
"Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
der hat auch Religion;
wer jene beiden nicht besitzt,
der habe Religion!" (Zahme Xenien IX)
Religion scheint also nur als Anhängsel oder Ersatz da zu sein.
Doch ist das eine der unsterblichen Plattheiten, von denen er viele bereithält.
Freilich versucht die Religion, "die Welt" zu erklären, aber das ist doch wohl eher so zu betrachten, wie wenn ein an Magie glaubender Mensch das Funktioniern des Verbrennungsmotor mit magischen Kräften und der Wirkung von Geistern und Dämonen erklärt.
Ich möchte auch auf meinen Beitrag zu "Mitternachtsgedanken" von heute um 17:00 Uhr verweisen.
Gruß Fritz Ruppricht
Hallo allerseits.
Ich glaube nicht, daß die Religion die Welt erklären möchte oder sollte. Sie hat den Sinn, den Menschen inneren Halt zu geben und eine Ethik zu formulieren und zu begründen, nach welcher Gsellschaften überlebensfähig sind.
Der Versuch, wirklich etwas zu erklären, also echte argumentative Beweisketten aufzustellen, machte meines Wissens nach nur die christliche Kirche (noch weit entfernt von Naturwissenschaft und auch nicht um des Wissens Willen, sondern um die Macht und Position der Kirche zu festigen) um den freien philosophischen Tendenzen entgegenwirken zu können.
Wirkliche Erklärungen haben immer nur Philosophen gesucht (die auch zu oft von der rReligion beeinflußt waren, was aber nicht bedeutet, daß die Religion Grundlage der Philosophie ist). Mit der klaren Formulierung eines logischen Systems und der Forderung nach der Kontrollierbarkeit einer Theorie durch das Experiment war die Naturwissenschaft das Instrument oder auch die Bewegung, welche eine Erklärung für die Welt sucht.
Gruß,
Jochen
Ich glaube nicht, daß die Religion die Welt erklären möchte
oder sollte.
Liebe Diskussionsteilnehmer,
es wäre sicher hilfreich, wenn wir uns einigten, worüber wir sprechen.
„die Welt erklären“ - um das klar zu stellen - meint nicht nur und eher weniger, wissenschaftliche Erklärungen zur Astronomie, Chemie, Physik und Biologie zu geben, sondern erklären, warum es Krankheit und Tod und Schuld und Unglück und Katastrophen in der Welt gibt; und warum gerade ich kurzsichtig, fettleibig und klein bin, während mein Bruder groß und schlank und dazu noch blond ist; warum habe ich Krebs, was ist nach dem Tod und was der kleinen Alltagssorgen noch mehr ist in der Welt.
Außerdem:
Ist mit Religion, das Phänomen gemeint, das etwa die Vergleichende Religionswissenschaft, die Soziologie oder die Psychologie zu beschreiben versuchen; also ein Phänomen, das es zu allen Zeiten und allen Kulturen gab?
Oder reden wir von Religionen, wie sie sich heute im Islam, der auch nicht als homogenerer Block zu betrachten ist, in den verschiedenen christlichen Spielarten und gar noch in all den neuzeitlichen Sekten zeigen?
Gruß Fritz Ruppricht
Hallo auch!
Ja:
erklären, warum es Krankheit und Tod ...
und Katastrophen in der Welt gibt;
gibt, ist EINE Sache,
und Schuld und Unglück
ist eine ANDERE Sache.
Die muß man auseinanderhalten. Während dei eine Sache naturwissenschaftlich erklärt werden kann, ist das mit der anderen prinzipiell nicht möglich.
und warum gerade ich
kurzsichtig, fettleibig und klein bin, während mein Bruder
groß und schlank und dazu noch blond ist;
Diese Fragen gehören in dem Kontext wohl zur "anderen" Sache und zeigen, daß hier eigentlich eine SINNFRAGE gestellt wird. Das ist auch der Grund, warum derartige Fragen von der Naturwissenschaft nicht beantwortet werden können: Sie kann den (absoluten) SINN von etwas nicht finden oder beschreiben. Der wäre nur dann aus wissenschaftlichen Aussagen zu erhalten, wenn diese "wahr" sind und man die "Wahrheit versteht". Eine Erklärung haben heißt eben NICHT, daß man etwas versteht. Erklärungen sind nur Beschreibungen eines Phänomens auf einer tieferen, grundlegenderen Ebene. Zu jeder Ebene gibt es aber eine noch tiefere... und selbst wenn es eine tiefste gäbe, bezweifele ich, daß wir damit etwas anfangen könnten (so in der Art wie "42" in "Per Anhalter durch die Galaxis").
Wenn man aber das Bedürfnis hat, eine Antwort auf Sinnfragen zu haben, hat man nur einen Ausweg: Man setzt sich einen absoluten Sinn, der nicht hinterfragt werden kann und hält dies für die Wahrheit. Sowas führt zu mystischen und religiösen Weltbildern. Das SETZT aber einen Sinn in die Dinge; es ERKLÄRT nicht.
OK ?
Gruß Jochen