Religion 'spielen'

Von: , Frage gestellt am Fr, 26. Jan 2007

Liebes Forum,

seit einer vergangenen Diskussion über das Mit- und Nebeneinander der Religionen geistert mir eine Frage im Kopf herum. Ich hoffe, es gelingt mir, sie so auszudrücken, dass sich keiner beleidigt fühlt:

Es gibt diverse Konventionen an die man sich hält, wenn man bei anderen Religionen zu Gast ist. In der Synagoge bedeckt sich der Mann den Kopf. In der Moschee zieht man die Schuhe aus, im christlichen Gottesdienst erhebt man sich zu bestimmten Stellen.

Ich möchte das am jüdischen Beispiel vielleicht etwas verdeutlichen. Wenn man den jüdischen Friedhof etwa zu einer Besichtigung besucht, dann ist man dazu aufgefordert, den Kopf mit einer Kippa oder einen Hut zu bedecken. Ich habe damit kein Problem, ich tue gerne das, worum mich die gastgebende Religion bittet. Auch, wenn das religiöse Gebot, das dieses fordert, mir nichts bedeutet.

Aber wenn meine Handlungsweise keinen religiösen Hintergrund hat, was mir klar ist, ebenso wie den gastgebenden Juden, heißt das nicht, dass ich dann irgendwie Jude spiele? Tue ich nicht nur äußerlich so, als ob ich dazugehören würde? Wieviel bedeutet es der gastgebenden Religion, dass die Gäste den eigenen Gepflogenheiten folgen?

Wäre es nicht ehrlicher, natürlicher, auf eine solche Anpassung zu verzichten?

Herzliche Grüße
Hardey

45 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 12 Minuten 1 hilfreich
    Re: Religion 'spielen'

    Lieber Hardey,

    When you're in Rome, do as the Romans do!

    Gruß - Rolf

    • Antwort von nach 52 Minuten 0 hilfreich
      Re^2: Religion 'spielen'

      Lieber Rolf When you're in Rome, do as the Romans do!
      Gerne. Aber mache ich mich nicht dann nicht eine ähnliche Figur, wie schuhplattelnde Japaner auf dem Oktoberfest?

      Gruß Hardey

      • Antwort von nach einer Stunde 2 hilfreich
        Re^3: Religion 'spielen'

        Lieber Hardey Gerne. Aber mache ich mich nicht dann nicht eine ähnliche
        Figur, wie schuhplattelnde Japaner auf dem Oktoberfest?
        Alles mit Maß (DAS Maß, nicht DIE Maß ...)!
        Schuhplatteln dünkt mich für Japaner fakultativ, aber das Bier in den
        Schlund und sonst nirgendwohin schütten – soweit darf die Anpassung
        aus Höflichkeit schon gehen.

        Dementsprechend: Eine Kippa aufsetzen würde mich ein Lächeln kosten,
        in jüdischer Manier zu beten würde mich ziemlich überfordern.

        Gibt es nicht ein Gefühl, das einem von Situation zu Situation spüren
        lässt, was angebracht und maßvoll ist?

        Freundliche Grüsse
        Rolf

      • Antwort von nach 4 Stunden 0 hilfreich
        Re^3: Religion 'spielen'

        Gerne. Aber mache ich mich nicht dann nicht eine ähnliche
        Figur, wie schuhplattelnde Japaner auf dem Oktoberfest?
        Lieber Gernot,

        kann ich nichts sagen, weil ich weder Oktoberfeste noch Schuhplattler schätze und Japaner eigentlich nur aus Düsseldorf kenne.
        Aber das Wesentliche - ich hatte mich Zeitmangels wegen auf den einen kurzen Satz beschränken müssen - haben Semiramis und Werner geschrieben.
        Dem pflichte ich uneingeschränkt bei, vor allem dem, was Werner über das Gespür für Heiligekit geschrieben hat.

        Gruß - Rolf

  2. Antwort von nach einer Stunde 1 hilfreich
    Re: Religion 'spielen'

    Hallo.
    Ich denke es geht darum Irritationen, Störungen zu vermeiden, nicht darum ein Bekenntnis vorzutäuschen.
    Die Besucher einer Synagoge haben bestimmte Erwartungen zum angemessenen Verhalten und Bekleidung der Besucher; weicht jemand davon ab, erweckt das im besten Fall Aufmerksamkeit, vielleicht Verwunderung und wenn es schief geht könnte eine Provokation vermutet werden und Ärger erzeugen.
    Die die dich in die Synangoge begleiten wissen ja Bescheid, aber vielleicht gibt es ja auch unbeteiligte, die sich dann in ihrer ungestörten Religionsausübung gestört sehen.
    Das wird durch die äußerliche Anpassung vermieden.
    Außerdem gibt es in manchen Religionen noch so etwas wie ein Empfinden von Heiligkeit, dass bestimmte äußere Formen des Respektes verlangt. diese nicht zu zeigen ist dann eine provozierende Respektlosigkeit.

    Mal an einem weltlichen Beispiel: Die englische Königin ignoriert man nicht oder ruft ihr ein lockeres "Moin" zu, wenn man ihr begegnet, selbst wenn sie einem als Deutschem nichts bedeutet. Als Repräsentanten des britischen Staates "schuldet" man ihr gewisse respektvolle Umgangsformen.

    Gruß
    Werner

  3. Antwort von nach 4 Stunden 2 hilfreich
    Re: Das Stichwort heisst...


    ... RESPEKT!

    Hallo Hardey!

    Ich denke, es hat nichts mit "spielen" zu tun, sich z.B. auf einem jüdischen Friedhof eine Kippa aufzusetzen, sondern es geht ganz einfach darum, dass man den nötigen Respekt zollt. Für mich basiert das eigentlich nur darauf.

    Mit Respekt zeige ich dem anderen: "Schau, ich akzeptiere Deine Art / Religion und ordne mich den für Dich wichtigen Werten ebenfalls unter". Das gilt natürlich nur in gewissen Kontexten: wie eben auf dem jüdischen Friedhof, einer Moschee, gewissen Ländern etc. Ansonsten müssten wir ja andauernd mit Taschen voller Kippas, Schleier etc. herumlaufen um diese dann im Notfall sofort aufsetzen zu können. Dann wäre es ein "spielen".

    Hier kommen wir auch zum Punkt, inwieweit das Zeigen von Respekt auch übertrieben werden kann: ich kann mir auf dem jüdischen Friedhof die Kippa aufsetzen und dann übertrieben versuchen "jüdisch" zu sein bzw. zu spielen oder in einer Mosche übertrieben gläubig zu wirken. Das allerdings ist eher eine Affront und wirkt sehr unfreundlich. Ich habe z.B. schon nur Mühe damit, wenn Touristen das Gefühl haben, mir dauernd ein "Grützi, Grützi" in einem ganz besonderen Unterton nachwerfen zu müssen, obwohl sie sonst kein Wort Schweizderdeutsch sprechen. Das ist jetzt ein sehr harmloses Beispiel, aber da fängt es an mit dem "spielen". Ich fühle mich dann, als ob sich jemand lustig über mich macht. Schliesslich sagen wir nicht "Grützi" sondern "Grüetzi" (üe = Diphtong). Das ist dann nicht mehr respektvoll sondern eher respektlos (oder es wird zumindest so aufgefasst, was dann schlussendlich aufs Gleiche herauskommt).

    Respektlos andererseits empfinde ich auch Leute, die sich z.B. ein ein muslimisches Land begeben und sich nicht den dortigen Gepflogenheiten wie z.B. der Kleiderordnung anpassen. Ich sah sehr oft europäische Frauen, die in Shorts und Trägershirt ihre Reise durch Jordanien absolvierten... Wer sich da verteidigt "er wolle den Leuten nichts vorspielen" versteckt sich meiner Meinung nach nur hinter einer sehr fadenscheinigen Ausrede. Genauso ist es mit dem jüdischen Friedhof. Ist man nicht bereit sich den da herrschenden Regeln anzupassen, geht man eben einfach nicht dahin. Meist geht es ja nur um eine bestimmte Zeit, in der man sein Äusseres und evtl. sein Auftreten etwas ändern muss - und ich denke, dass das wohl keinem einen Zacken in der Krone abbricht. Im Gegenteil, das animiert m.E. eher noch dazu, sich mit der eigenen und dieser fremden Identität etwas näher auseinander zu setzen.

    Natürlich sollte "When in Rome, do as the Romans do" gelten, doch irgendwie gefällt mir "leben und leben lassen" doch besser - denn neben dem Respekt darf es eben auch nie an Akzeptanz fehlen... von beiden Seiten aus.

    Gruss,


    Semiramis

    • Antwort von nach 4 Stunden 0 hilfreich
      Re^2: Das Stichwort heisst...

      Hallo, Meist geht es ja nur um eine
      bestimmte Zeit, in der man sein Äusseres und evtl. sein
      Auftreten etwas ändern muss - und ich denke, dass das wohl
      keinem einen Zacken in der Krone abbricht.
      Und wenn doch - und das möchte ich in meinem Fall nicht für jede Handlung ausschließen - dann MUSS man ja nicht diese besonderen Orte besuchen. So würde ich es jedenfalls halten, wenn ich mich einer tatsächlich "unakzeptablen" Forderung gegenüber sehen würde.

      Grüße,

      Anwar

      • Antwort von nach 6 Stunden 0 hilfreich
        Re^3: Das Stichwort heisst...

        Hallo Anwar!
        Und wenn doch - und das möchte ich in meinem Fall nicht für
        jede Handlung ausschließen - dann MUSS man ja nicht diese
        besonderen Orte besuchen. So würde ich es jedenfalls halten,
        wenn ich mich einer tatsächlich "unakzeptablen" Forderung
        gegenüber sehen würde.
        vgl. in meinem Post: Ist man nicht bereit sich den da herrschenden Regeln anzupassen,
        geht man eben einfach nicht dahin.
        Ich bin da völlig Deiner Meinung. Heutzutage gibt es genug Möglichkeiten sich besondere Orte z.B. anzuschauen - über praktisch alles gibt es Dokus im Fernsehen, Artikel in Zeitungen, Fotos...

        Gruss,

        Semiramis

  4. Antwort von nach 6 Stunden 2 hilfreich
    Re: Religion 'spielen'

    Hallo, Hardey,
    ich werde mich, sollte ich eine katholische Kirche zur Zeit des Gottesdienstes besuchen, zwar nicht den liturgischen Leibesübungen unterziehen, werde mich aber im Hintergrund stehend möglichst unsichtbar machen. Auch ich werde dort nicht mit Stachelbeerbeinen in Shorts wild fotografierend durch die Gegend rennen.

    Ich werde selbstverständlich dort, wo es üblich ist, den Kopf bedecken (Synagoge) oder entblößen (Kirche) oder die Schuhe ausziehen (Moschee).

    Schließlich erwarte ich auch von Gästen, dass sich sich in meinem Haus nach meinen Regeln aufführen.

    Es ist also nicht eine Frage des "Anbiederns" sondern eine Sache des Taktes und der Umgangsformen.

    Gruß
    Eckard



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