Ethikfrage: Todesstrafe ja oder nein?!

Von: , Frage gestellt am Do, 12. Okt 2000

Hallo Ihr Lieben,

seeeeeeeeehr brisantes Thema, ich weiß... Trotzdem (und bitte nicht falsch verstehen; ich überlege laut).

Ich grübele immer wieder über die Frage, ob und unter welchen Voraussetzungen wir - also die Gesellschaft: schließlich wird jedes Urteil "im Namen des Volkes" (in den USA halt auch das Todesurteil) verkündet - das Recht haben, jemandem das Leben zu nehmen.

Die Todesstrafe ist doch im Grunde genommen nichts anderes, als ein staatlich angeordneter Mord "im Namen des Volkes". Stellt sich im Nachhinein heraus, daß es ein Justizirrtum war, dürfte doch das gesamte Volk verantwortlich sein und - theoretisch - jeder einzelne Bürger von den Hinterbliebenen auf Schadenersatz verklagt werden können.

Versteht mich bitte nicht falsch: ich habe keinerlei Verständnis für Mörder, ob sie nun Kinder oder Erwachsene umbringen. Allerdings stehe ich der Todesstrafe-Problematik sehr zwiespältig gegenüber.

Es ist auch nicht meine Absicht, die diversen in den letzten Tagen aufgekommenen Diskussionen (in Deutschland wurden schon wieder zwei kleine Mädchen umgebracht; in den USA wurde ein Mann trotz Geschworenenprotesten hingerichtet) anzuheizen.

Vielmehr interessiert es mich, wie Ihr das ganze Thema seht. Ob nun aus ehtischer oder aus religiöser Sicht (Das Gebot "Du sollst nicht töten" ist mir durchaus bekannt, also bitte keine Auslegungsversuche dazu).

Viele Grüße

Tessa

41 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 35 Minuten hilfreich
    Re: Ethikfrage: Todesstrafe ja oder nein?!

    Hallo Tessa,
    seeeeeeeeehr brisantes Thema, ich weiß... Trotzdem (und bitte
    nicht falsch verstehen; ich überlege laut).

    Ich kann dir die Frage auch nicht beantworten, aber vielleicht einen interessanten Denkanstoß liefern. Die beiden berühmten Profiler John Douglas und Robert Kessler haben lange Jahre Seite an Seite gearbeitet, in denselben Fällen recherchiert, dieselben Mörder und Opfer kennen gelernt. Fazit: Douglas ist ein glühender Verfechter der Todesstrafe, Kessler ebenso leidenschaftlich dagegen. Beide haben ausgezeichnete Argumente zur Hand.
    gruß,
    bb

    • Antwort von nach 5 Tagen hilfreich
      Re^2: Todesstrafe ja oder nein?! Nein, aber...

      Hallo Tessa,
      seeeeeeeeehr brisantes Thema, ich weiß... Trotzdem (und bitte
      nicht falsch verstehen; ich überlege laut).
      Ich bin gegen die Todesstrafe! Es gib zuweilen aber "Menschen" die gefährlicher sind als Raubtiere und die geradezu Lust am töten haben. Bei solchen gefährlichen und nicht wieder eingliederbaren "Menschen" frage ich mich, ob es nicht eine Ausnahme geben sollte. Natürlich nur, wenn alles astrein bewiesen werden kann.
      Was ich bei dieser Gelegenheit auch ansprechen möchte ist die Formel: "Im Namen des Volkes". Nach meiner Ansicht sollte diese Formel nie mehr angewendet werden, da mit ihr schon zuviel Schindluder getrieben wurde. Meinetwegen könnte es lauten: "Im Namen des Gesetzes"
      Gruß Helmut

  2. Antwort von nach 45 Minuten hilfreich
    NEIN!!!

    Hi Tessa

    Lassen wir mal den Justizirrtum aussen vor.

    Zunächst mal: Wozu dient der Strafvollzug?
    Er soll abschrecken und (bitte nicht lachen) eine Resozialisierung des Täters ermöglichen. Resozialisierung bei Triebtätern ist allerdings eher unwahrscheinlich, dafür gibt es dann aber Sicherungsverwahrung.

    Welchen Effekt hat die Todesstrafe?
    Die Resozialisierung eins Hingerichteten dürfte schwer möglich sein.
    Abschreckend wirkt sie offenbar auch nicht, z.B. hat Deutschland eine erheblich niedrigere Mordrate als die USA. Für die Zahl der Morde in einer Gesellschaft sind ganz andere Faktoren verantwortlich.

    Warum wird sie also durchgeführt:
    Nimmt der Staat stellvertretend Rache für die Angehörigen der Opfer -- Eine überlegte Tötung aus Rache ist nicht gerade ein edles Motiv, wenn es ein Privatmann machen würde, wäre er wg. Totschlag oder gar Mord dran.

    Oder weil sich der Staat die Kosten für das lebenslänglich einsperren sparen will? Tötung aus Geldgründen ist Mord!

    Mit der Anwendung der Todesstrafe stellt sich ein Staat IMHO auf die gleiche Stufe wie seine Verbrecher, denn er handelt aus niedrigen Motiven.

    Gruss
    Mike

    • Antwort von nach 2 Stunden hilfreich
      seh ich genauso (o.T.)

      ganz klar dagegen!

    • Antwort von nach 5 Stunden hilfreich
      Re: jein!

      Hallo, Michael,
      es gibt noch ein Argument für die Todesstrafe:
      zuvor aber eine Unterscheidung: Totschlag und Mord.
      Totschlag ist ohne lange Überlegung und Planung. Also aus dem Affekt! Der ist oft resozialisierbar. Meist kommt er nicht mehr in die Situation, das gleiche Verbrechen noch mal zu machen!
      Der Mörder plant. Er bereitet den Tod des anderen vor! Ob der resozialisierbar ist, wage ich zu bezweifeln! So einen kann ich auch nicht mit der Androhnung von harten Strafen beindrucken: er meint ja, ihn erwischen sie nicht! Er wird das perfekte Verbrechen (das es tatsächlich gibt) schaffen. Also kann man sagen, Abschreckung hilft nicht... aber weg vom Fenster ist er! Das kann er nicht mehr machen. Einer weniger! Eigentlich wäre ich auch dafür.... wenn nicht die furchtbare Angst wäre, einen Unschuldigen hinzurichten! Und das kann jedem passieren!
      Grüße
      Raimund

      • Antwort von nach 23 Stunden hilfreich
        Problem

        Hi Raimund

        Nun gut, gehen wir mal von einem nachgewiesenen, absolut wasserdichten Mörder aus.
        Wenn ich sozusagen als Privatperson den Kerl umniete, dann bin ich entweder wg. Totschlag oder gar Mord dran (nicht wg, Verletzung des staatsmonopols, also Amtsanmaßung)
        Wenn es der Staat tut, bleibt er straffrei.
        hm.

        Es ist natürlich schon so, das der Staat ein Gewaltmonopol ausüben muss, sonst würde gemeinschaftliches Zusammenleben fast unmöglich (traurig, aber wahr).
        Aber gelten für einen Staat nicht in etwa die gleichen Regeln wie für Personen, u.A niemanden aus Rache und Gewinnsucht zu töten, oder um potentielle (!) weitere Gewalttaten dieser Person zu verhindern (sozusagen prophylaktische Hinrichtungen).

        Gruss
        Mike

        • Antwort von nach einem Tag hilfreich
          Re: Problem

          Hallo, Michael,
          das ist ein Problem, das keiner lösen kann! Ist die prophyaktische Kastrierung von Sexualstraftätern nicht eine unzumutbare Gewaltanwendung? Fast alle werden nun sagen: nein, es ist Schutz für evtl. zukünftige Opfer. Genau das Gleiche kann man jetzt beim Mörder (nur den meine ich, keinen Totschäger) sagen.
          Das nächste Problem: es gibt keinen 100% bewiesenen Mord. Selbst wenn der "Täter" gestanden hat. Gerade habe ich in einer Zeitung gelesen, dass ein Mann 18 Jahre unschuldig im Gefängnis saß. Er hatte geleugnet, dann gestanden, dann geleugnet, dann gestanden und wieder geleugnet. Jetzt hat sich durch Zufall herausgestellt, dass er es tatsächlich nicht war! ein Fremdenlegionär (hat nichts mit dem Beruf zu tun) hat kurz vor seinem Tod gestanden, den Mord begangen zu haben. Auf die Frage (an den Verurteilten), warum er gestanden hat, antwortete er, er hätte nach all diesen Kreuzverhören nicht mehr gewußt, was wahr und was falsch ist.

          Grüße
          Raimund

    • Antwort von nach 20 Stunden hilfreich
      Re: NEIN!!!

      Hallo Michael,

      wie wäre es als "Ziel" denn mit: Wiederholung ausschließen? Wenn ein Serienmörder aus dem Knast ausbricht und seine Serie fortführt, sterben mehr Menschen als wenn der gute gleich ausgeschaltet wird.

      Dann: Wer sagt denn, daß lebenslang hinter Gittern für einen Verbrecher angenehmer ist als der Tod? Warum bringen sich denn so viele selbst im Gefängnis um?

      Und dann noch (zugegebenermaßen makaber): Einbuchten kostet deutlich mehr Geld als hinrichten - Geld, für das es sicher auch noch andere gute Verwendungsmöglichkeiten gibt.

      Ich will nicht der Todesstrafe das Wort reden, aber diese Punkte sollten auch bedacht werden. So einfach ist die Sache nicht.

      Gruß, Kubi

      • Antwort von nach 21 Stunden hilfreich
        Re^2: Widerspruch

        Hallo,

        da muss ich leider Widerspruch einlegen: wie wäre es als "Ziel" denn mit: Wiederholung ausschließen?
        Wenn ein Serienmörder aus dem Knast ausbricht und seine Serie
        fortführt, sterben mehr Menschen als wenn der gute gleich
        ausgeschaltet wird.
        Wiederholung ausschliessen ist gut - umbringen aber keine Lösung. Die Liebmann-Studie der Columbia University of Law belegt bei immerhin 41% der Capital Punishment Cases Verfahrensfehler, die eigentlich eine Wiederaufnahme bedeuten müssten. Seit 1973 mussten 80 Menschen aus der Death Row entlassen werden, weil neue Erkenntnisse ihre Unschuld bewiesen. Für weitere 23 kam der Beweis zu spät, sie sind bereits exekutiert worden.

        Die Todesstrafe muss für ein zivilisiertes Land schlicht ausserhalb jeglicher Diskussion liegen. Eine human vertretbare Art staatlichen Tötens gibt es nicht. Selbst in den so aufgeklärten USA wird man in 11 Staaten elektrisch gegrillt, in 5 in die Gaskammer geschickt, in 3 aufgehängt und in drei weiteren vor ein Erschiessungskommando gestellt. Abscheulich. Dann: Wer sagt denn, daß lebenslang hinter Gittern für einen
        Verbrecher angenehmer ist als der Tod? Warum bringen sich denn
        so viele selbst im Gefängnis um?
        Seitwann soll Strafe angenehm sein? Und dann noch (zugegebenermaßen makaber): Einbuchten kostet
        deutlich mehr Geld als hinrichten - Geld, für das es sicher
        auch noch andere gute Verwendungsmöglichkeiten gibt.
        Eine Studie der Duke University von 1993 belegt dazu, dass in North Carolina die Kosten für einen Todeskandidaten um §2,16 Mio. über denen für einen Lebenslänglichen liegen.

        Der Staat Florida gab für 18 Hinrichtungen insgesamt §57 Mio. aus, das sind schlappe §3,16 Mio. pro Fall.

        In Californien sind die Kosten sogar 6x höher wie für einen "normalen" Prozess.

        In Texas kostet eine Hinrichtung im Schnitt $2,3 Mio., das ist etwa das dreifache der Kosten für 40 Jahre Einzelhaft im Hochsicherheitsgefängnis.

        Die Haftkosten werden in Deutschland mit 160,-- DM pro Tag beziffert. Einmal Umbringen kostet also soviel wie 89 Jahre Haft. Und so lange sitzt bei uns keiner.

        Gruss
        Peter



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