Deutsche Einwanderer in Südamerika

hallo-mir fällt schon länger auf, dass viele Südamerikaner (vor allem bei Sportlern bemerke ich das) deutsche Nachnamen haben. Also muß es eine große Auswanderungswelle gegeben haben- wann war das?- handelte es sich bei den Auswanderern hauptsächlich um Deutsche oder um Österreicher?
danke und cu

Hallo,
für Argentinien kenne ich die Geschichte einigermaßen; ich nehme an, daß es mit den Nachbarländern ähnlich war.

Wir hatten zwei große Einwanderungswellen: Die erste ging von Ende der 1700er Jahre bis etwa 1850; in Deutschland gab es eine breite Schicht verarmter Bauern und Handwerkern, die es im Ausland versuchen wollten. Die argentinische Regierung (damals hieß das Land noch gar nicht so; erst 1810 sagten sich die „Provincias Unidas del Río de la Plata“ von Spanien los und wurden 1853 als Republik Argentinien unabhängig) betrieb eine aktive Zuwanderungspolitik und hieß sie gerne willkommen; sie stattete sie sogar mit großzügigen Starthilfen aus - auf dem Papier; meist wurden die Leute mehrfach betrogen durch unerfüllte Zusagen. Aber sie blieben, denn sie hatten ihre letzten Ersparnisse für die Hinreise ausgegeben.
Eine Zwischenwelle hatten wir gegen Ende des ersten Weltkrieges. Die eigentliche zweite Welle kam aber gegen Ende des zweiten und danach. Lustigerweise flüchteten sowohl die Juden als auch die Nazis nach Argentinien, um ihre Schicksale notgedrungen bei uns zu teilen.
Die Deutschen bildeten gerne „Kolonien“, d.h. sie blieben gern unter sich und behielten ihre Bräuche, Sprache und Kultur bei. Es gibt noch heute Gegenden mitten im Urwald am Dreiländereck (Arg./Paraguay/Brasilien), bei denen blonde Argentinier oder Paraguayer leben, die Deutsch mit einem archaischen Akzent sprechen. Dies führte z.B. dazu, daß meine Mutter einen bundesdeutschen Pass erhalten konnte, sie konnte ihre Abstammung bis zum Jahr 1779 nachweisen.

Der deutsche Bevölkerungsanteil macht eine relativ großen Prozentsatz aus; ich habe die Daten nicht im Kopf, aber nach den Italienern und Spaniern sind sie schon die drittgrößte Gruppe. Mittlerweile sind sie auch in Argentinien angekommen und heiraten auchg außerhalb der „Kolonie“ :smile: Aber wer heute kann, versucht eben die Abstammung nachzuweisen, um die Gegenreise anzutreten: heute geht es Argentinien dreckig.

Gruß

J.
(der von Italienern, Deutschen, Kroaten, Spaniern und Indianern stammt und einen englischen Namen trägt)

Der deutsche Bevölkerungsanteil macht eine relativ großen
Prozentsatz aus; ich habe die Daten nicht im Kopf, aber nach
den Italienern und Spaniern sind sie schon die drittgrößte
Gruppe.

Nein, das sind die Mestizen - oder die Ausländer, wenn man sie als Gesamtgruppe einbezieht:
Argentinien, Bevölkerung (Zählung 1991): 32 615 528 Einwohner über 90% Weiße (v.a. europäischer Herkunft, u.a. 36% italienischer - das wären 11 741 590 - und 29% spanischer - das wären 9 458 503 - sowie ca. 500 000 deutscher Herkunft - das wären 1,5%), 5% Mestizen - das wären 1 630 776 -, ca. 35 000 indian. Ureinwohner; außerdem etwa 2,3 Mio. Ausländer (v.a. Italiener und Spanier).

Quelle: Fischer Weltalmanch 2000 S. 81.

In Brasilien sind übrigens 3% der Einwohner deutscher Herkunft.

Der deutsche Bevölkerungsanteil macht eine relativ großen
Prozentsatz aus; ich habe die Daten nicht im Kopf, aber nach
den Italienern und Spaniern sind sie schon die drittgrößte
Gruppe.

Nein, das sind die Mestizen - oder die Ausländer, wenn man sie
als Gesamtgruppe einbezieht:

Wow! Aber die Richtung stimmte. Eigentlich meinte ich die größte Gruppe der Einwanderer.

Gruß

J.

Hi Jose,

habe eben zufällig eure Beiträge zu dem Thema gelesen und da stellte sich mir doch ganz spontan eine Frage:
Wohe rkommt der hohe italienische Anteil? Ich meine, der spanische ist klar (Kolonialgeschichte) und den deutschen hast du ja gut erklärt, aber was hat es mit dem enorm hohen Anteil von Italienischstämmigen auf sich?

MfG CLAUS

Hi,
die italienischen Einwanderer kamen auch in Wellen nach Argentinien. Die stärkste war in den 3oer Jahren, wo es in Italien wohl fast Hungersnot gab. Ganze Familien, ja Dörfer haben sich auf den Weg gemacht. Argentinien erlebte gerade einen Wirtschaftsaufschwung (beginnende Industrialisierung wg. Eisenbahn und Kühlhäuser (Rindfleisch!) und brauchte billige Arbeitskräfte. Die Italiener, vor allem Genueser und Neapolitaner, siedelten sich im Süden von Buenos Aires und um den Hafen an. Von dort aus wurde zunächst Buenos Aires und dann Restargentinien „erobert“.
Die italienischen Einwanderer haben Argentinien maßgeblich geprägt. Das Spanisch, das bei uns gesprochen wird, hat eindeutig italienischen Klang. Pizza, Lasagne, Cannelloni, Agnolotti, usw. sind typisch argentinische Speisen, von denen ich erst später erfahren habe, daß sie aus Europa stammen :smile:

Dazu eine Anekdote aus einem Roman von Abel Posse (Name natürlich italienisch): Es geht um Kolumbus, und während der Überfahrt steht er irgendwo mitten im Ozean und kein Lüftchen ist zu spüren. Er lamentiert mit einem typischen argentinischen Wort („Qué mishiadura!“), und in einer Fußnote erklärt der Autor: wie alle Argentinier war Kolumbus ein spanischsprechender Italiener…

Gruß

J.

herzlichen Dank erstmal für die Antworten!nt
+++

Ergänzung und Nachfrage
Hallo José,

ergänzen kann ich deinen Beitrag in Bezug auf Chile, das einen bedeutenden deutschstämmigen Bevölkerungsanteil hat. Wie groß er zahlenmäßig ist, kann ich nicht sagen, aber er ist recht einflussreich, da viele Führungspositionen ausüben, Fabrikanten, Geschäftsinhaber oder Großgrundbesitzer sind. Deshalb sind in Chile Witze über Deutsche an der Tagesordnung, in denen sie immer etwas dümmlich dargestellt werden, was aber Zeichen einer nicht neidlosen Bewunderung ist. Der Sektenführer Schäfer, der auf seinem Landbesitz nicht nur kleine Jungen vernaschte, sondern auch eine eigene polizeiähnliche Truppe unterhielt, ging ja vor einigen Jahren weltweit durch die Presse.

Dass viele Deutsche sich in Chile wohlfühlen, liegt neben der für Lateinamerika stabilen politischen Struktur, die es bis zum Pinochet Putsch hatte wohl auch an der klimatischen und landschaftlichen Ähnlichkeiten mit einer deutschen Alpenlandschaft in weiten Bereichen südlich von Santiago. Dort fährst du in ein bayrisch wirkendes Dorf hinein und am Eingang grüßt ein Schild: „Schwärzwälder Kirschtorte immer frisch in Tante Ernas Andenstüberl.“

Weshalb ich aber hier hängen geblieben bin, nachdem ich zufällig in dieses selten von mir besuchte Brett hineingestolpert bin, ist dieser Satz von dir:

Dies führte z.B. dazu, daß meine Mutter einen bundesdeutschen Pass erhalten konnte, sie konnte ihre Abstammung bis zum Jahr 1779 nachweisen.

Ich dachte bisher, nur Ostland-Bewohner (Polen, Russland, etc.) hätten das Recht auf einen deutschen Pass, wenn sie irgendeinen deutschen Vorfahren nachweisen können. Gilt das überall?

Gruß
Lothar

Hi,

Dies führte z.B. dazu, daß meine Mutter einen bundesdeutschen Pass erhalten konnte, sie konnte ihre Abstammung bis zum Jahr 1779 nachweisen.

Ich dachte bisher, nur Ostland-Bewohner (Polen, Russland,
etc.) hätten das Recht auf einen deutschen Pass, wenn sie
irgendeinen deutschen Vorfahren nachweisen können. Gilt das
überall?

Ehrlich gesagt - ich habe mich mit dem Thema nicht so genau auseinandergesetzt. Was mir erklärt wurde, war, daß Deutschland im Gegensatz zu Argentinien (und dem überwiegenden Rest der Welt) das „ius sanguini“ (Gesetz des Blutes) bei Abstammungsfragen anwenden würde: Dein Kind ist Deutscher, wenn Du Deutscher bist, egal, wo es geboren ist. Da meine Mutter aufgrund eines Hobbygenealogen in der Familie lückenlos nachweisen konnte, von wem sie stammt, war die Sache klar.

Unklar war die Frage, ob ihre Kinder (also ich und meine Geschwister) damit auch nachgewiesen hätten. Die Kette war auf de männlichen Linie und bis zu meiner Mutter durchgehend; nun ist sie meine Mutter und nicht mein Vater. Es gab wohl irgend ein Erlaß mitte der 70 Jahre, der besagte, daß die Abstammung nur väterlicherseits nachgewiesen werden kann. Aber es gab Gegenstimmen: die einen meinten, daß alle Nachkommende benachteiligt würden, da der Erlass erst ab 197* galt; ander meinten, generell sei das eine Benachteiligung der Frau und somit verfassungswidrig.

Ich habe das seinerzeit nicht weiter verfolgt, da diejenigen, die es angig, das Thema anders gelöst hatte: mein Bruder hat bereits die deutsche Staatsangehörigkeit, und ich brauche sie nicht, da ich eine unbefristete Aufenthaltsberechtigung habe und aufgrund der Länge meines Aufenthalts jederzeit die Staatsangehörigkeit erhalten könnte.

Gruß

J.