Mythologie und Wahrheit

Hallo,

lese seit einiger Zeit griechische Mythologie und stoße immer wieder auf Stellen, wo sich Wahrheit und Mythologie vermischen.
Wie war das z.B. mit Romolus und Remus, wie mit Gründung der Stadt Alba, Kreta (Europa) etc. Wo fängt die Wahrheit an?
Ich finde es weder in der Literatur, noch wenn ich andere frage. Immer nur Schulterzucken.
Gibt es evt. Fachliteratur?

Gruß Aurikel

Hallo, Aurikel,

(eine wundervoller Nick! - wenn ich das sagen darf.)

geh mal davon aus, dass in diesem Mythologien kein Satz steht, der auch nur ein Fünkchen Wahrheit enthält, wenn du die konkret erzählten Ereignisse betrachtest.

Niemals hat ein Iulus, Sohn des Aeneas, Alba Longa gegründet.
Keine von einer Wölfin gesäugten Zwillinge haben Rom gegründet.
Kein noch so schöner und kraftvoller Stier hat die phönizische Prinzessin Europa nach Kreta gebracht. Das sind Erdichtungen!

Man wird aber sagen können, dass die kretisch-minoische Kultur Einflüssen aus Phönizien ausgesetzt war.
Sicher hat irgend jemand irgendwann einen Ort gegründet, der später Alba Longa genannt wurde.
Und irgendeine Gruppe von Leuten hat sich da angesiedelt, wo heute die Stadt Rom liegt.

Alles drum rum ist Erfindung, sind schöne, beschönigende Märchen, die sich die Leute später erzählten, um sich einer schönen Vergangenheit zu versichern.

Du kannst die ganze Bibel genauso betrachten.

Wenn du dich intensiver und seriös mit diesen Verhältnissen auseinander setzen willst, empfehle ich dir als Literatur:

Die Eröffnung des Zugangs zum Mythos Ein Lesebuch Herausgegeben von Karl Kerényi ISBN 3-534-00884-7 Buch anschauen

Das Buch ist fast dreißig Jahre alt, aber sicher noch nicht veraltet. Es zeigt die Entwicklung der Mythenforschung auf. Ich hoffe, es ist nicht vergriffen. Aber es gibt ja Bibliotheken.

Speziell zur griechischen Mythologie hat eben dieser Autor ein zweibändiges Buch verfasst:

Karl Kerényi, Die Mythologie der Griechen, Bd. I: Die Götter- und Menschheitsgeschichten, Bd. II: Die Heroen-Geschichten

Hier wird versucht, zu zeigen, was sich die gebildeten Griechen so zur Zeit des Perikles dachten und vorstellten, wenn sie diese Geschichten als Epos oder Drama oder Kulthandlung in den Tempeln sahen und hörten.

Soweit ich weiß, sind diese Bände zur Zeit nur in ziemlich teuren Ausgaben zu haben. Es sei denn, man hätte inzwischen einen neue Taschenbuchausgabe aufgelegt.

Vielleicht hilft dir das weiter.

Gruß Fritz

Alles drum rum ist Erfindung, sind schöne, beschönigende
Märchen, die sich die Leute später erzählten, um sich einer
schönen Vergangenheit zu versichern.

Du kannst die ganze Bibel genauso betrachten.

Hallo Fritz,

wenn du die Bibel ins Spiel bringst…

Die alten mythischen Erzählungen sind überhaupt nicht immer „schön“, sondern höchst konfliktgeladen, und es gibt keineswegs immer ein happy end. Ihre Leistung ist gerade, Konflikte aussagbar und erinnerbar zu machen. Man kann sogar davon ausgehen, dass gerade dem Konflikthaften oft Erinnerungen an tatsächliche Auseinandersetzungen zugrundeliegen (z.B. zwischen Römern und Etruskern).

Der Übergang vom „bloßen“ Märchen zur Faktenreportage (falls es die denn gibt) ist fließend; manche uralte Sage hat mehr Tatsachengehalt, als man lange glaubte - und manche Zeitungsmeldung ist zielgruppenorientierte Mythologie… Wo genau der Übergang liegt, ist naturgemäß schwer auszumachen. Grundsätzlich kann man sagen: Jede Erzählung ist zugleich Deutung.

Gruß,
Pietro

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‚Schönes Gespräch‘
heißt in Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“ die Unterhaltung, die der „Israel-Clan“ abends am Lagerfeuer pflegt, bei der sie sich an ihre Vätergeschichten erinnern, sich ihrer Vorgeschichte, ihrer Herkunft, ihres Platzes in der Welt und in der Geschichte vergewissern.

So meinte ich „schön“.

Ansonsten stimme ich mit dir überein.

Gruß Fritz

Hallo, Fritz!

Vielen herzlichen Dank! Endlich mal eine handfeste Information!
Werde mich gleich auf die Bücher stürzen.

Gruß Aurikel

Hallo, Fritz!

Noch was. In ein paar Tagen bekomme ich die Bücher (sogar die 2 als Taschenbuchausgabe), aber wollte doch vorher wissen, wer denn nun der erste König von Rom war. In manchen Lexica steht Romulus, in anderen gar nichts.War’s Romulus? Ob nun mit oder ohne Wölfin . . .
Kann eben nicht warten.

Danke! Aurikel

Romulus und Remus,
liebe Aurikel,

waren die Zwillinge aus Alba Longa, die von der Wölfing gesäugt worden waren. Sie sind Kinder einer Königstochter, deren Vater von seinem Bruder, also dem Onkel der Prinzessin getötet wurde. Der Onkel steckte sie ins Kloster, will sagen unter die Vestalinnen. Sie wurde vom Gott Mars geschwängert, gebar die Zwillinge, die dann ertränkt werden sollen. Sie wurden aber wie Schneewittchen gerettet, durch die Wölfin genährt, später zu Königen in Alba und so weiter.
Als Alba Longa zu klein wurde, begannen sie mit einer neuen Stadtgründung. Bei der Namensgebung kam es zum Streit, Romulus erschlägt Remus und so weiter.

Diese Geschichte ist ab Ende des 4. Jhdts durch bildhafte Darstellung belegt.

Reicht das für den Anfang?
Gruß Fritz

Danke, Fritz!
Da sind wir wieder bei der Mythologie. Dachte immer, sie hätten ihren Großvater wieder auf den Thron geholt und sind deshalb weiter gezogen . . .
Was ich suchte, war der geschichtliche erste König von Rom.

Gruß Aurikel

Ist vielleicht nicht ganz seriös, aber habe vor Kurzem ‚Die Söhne der Wölfin‘ von Tanja Kinkel gelesen. Ist zwar viel dichterische Freiheit, aber dennoch spannend zu lesen. Und natürlich die Charaktere in ihrem Extremen klarer herausgearbeitet. Naja, freue mich trotzdem auf die Sachliteratur.