Aus der geschichte lernen?

hallo!!

je länger ich mich umsehe umso mehr bekomme ich den eindruck dass der satz „wer nicht aus der geschichte lernt ist dazu verdammt sie zu wiederholen“ sehr sehr wahr ist.

kann mir jemand auch nur eine einzige sache nennen die vom prinzip her komplett verschieden ist wie vor 100 jahren??

bin mal gespannt was so kommt!

tschüss

matthias

Hi Matthias,

kann mir jemand auch nur eine einzige sache nennen die vom
prinzip her komplett verschieden ist wie vor 100 jahren??

Zuwenig Unerfreuliches was es schon vor 100 Jahren gab ist heute bereinigt und zuviel Unerfreuliches ist hinzugekommen - und zu wenig Erfreuliches.

Geändert haben sich Machtinstrumente und Kräfteverhältnisse, was gewisse, aber keineswegs durchweg erfreuliche Veränderungen mit sich brachte. Vor 100 Jahren gab es Kolonialismus und rivalisierende Nationalstaaten, die aus heftigen aber kurzen (!) Prügeleien hervorgegangen sind. Und ein bisschen Vökermord gab es natürlich auch schon.

Heute haben wir ein paar Dutzend Staaten, deren Chefs mehr Geld in der Schweiz etc. haben als „ihren“ Ländern an Budgets zur Verfügung steht, oder sie erwirtschaften können, ein paar War-Lord Beissereien mit Konzernen und Kindersoldaten in diesen Ländern, ein paar Privat-Propheten mit erstaunlichen Mitteln und eine Supermacht mit einem gering ausgeprägten Verständnis für das Ganze, was wiederum Teil des Problems ist.

Und wir haben ethnische Konflikte, die die Beteiligten gern im Stil des 19 Jahrhunderts austragen würden und das aber heutzutage so nicht dürfen oder können wegen der Kräfteverhältnisse und den Massenvernichtungsmitteln. (Im 19. Jahrhundert wären Nahost- oder der Kosovokonflikt halt ausgetragen worden und „Blut und Eisen“ hätten halt ihr Resultat gezeitigt. Noch vor 80 Jahren wurden Millionen Griechen und Türken zwischen Kleinasien und dem Balkan hin und verfrachtet, was als eine völlig in Ordnung gehende Lösung galt, weil sie einem Kriegsergebnis erntsprach.)

Der Nahostkonflikt bleibt uns als Dauerstrapaze auch deswegen erhalten, weil er nicht mehr mit einem Krieg entschieden werden kann. Seine Fortdauer ist auch der Preis dafür, dass heute „Krieg kein Mittel der Politik mehr ist“. Aber wenn sie schon nicht Krieg machen dürfen, dann manchen wir halt auch keinen Frieden, sagen sich da die Konfliktparteien.

je länger ich mich umsehe umso mehr bekomme ich den eindruck
dass der satz „wer nicht aus der geschichte lernt ist dazu
verdammt sie zu wiederholen“ sehr sehr wahr ist.

Das mit dem Lernen, zumal aus der Geschichte ist eine tückische Angelegenheit: Es liegt in der Natur des Lernens, das man lernt, was man vorgemacht bekommt, auch wenn die Ergebnisse noch so schlimm aussehen. Die heutigen ethnischen Konfliktparteien sind alle davon überzeugt, dass sie ordentlich aus der Geschichte gelernt haben und sie trauen sich zu, gestützt auf ihre historischen Lehren, heute zu gewinnen, wenn man sie nur richtig machen ließe. Darüber, dass ihnen aufsichtführende Großmächte mit Friedenstruppen das verwehren, sind sie echt sauer.

Als gelernter Historiker fürchte ich, dass wir für die Zukunft nicht sehr viel aus der Geschichte lernen sollten. Denn die Geschichte lehrt, was schief ging, aber nicht, wie wir unsere heutigen Probleme geregelt kriegen können. Sie lehrt, was wir lassen sollten und wir lassen es auch wirklich insoweit es nicht mehr geht. Nur versuchen es die Konfliktparteien immer wieder, fast schon guten Gewissens, weil sie ja doch nicht richtig durchziehen können, ihr Ding durchzuziehen und jedenfalls nicht ernsthaft nach vorne zu schauen. Die Fortdauer der Konflikte entspricht auch leider den Wünschen breitester Schichten in den betreffenden Gegenden, sich auch lieber als heroische Konfliktpartei aufzuführen, denn als Zivilgesellschaft sich um so langweilige Dinge wie Infrastruktur, Korruption oder Staatsbürgerschaftsrecht zu kümmern.

Es gibt Wandel und es gibt Kontinuität; in beiden stecken Probleme, Risiken und mögliche Lösungen und Chancen. Im „Rückspiegel Geschichte“ sehe ich aber kaum Chancen oder Lösungen. Wir müssen völlig anders denken. „Im Recht“ ist jeder irgendwie. Bösewichte und Dummköpfe gibt es auch. Die sind ärgerlich, sie aber nicht das Problem sondern verärken Probleme nur.

Das Problem ist, das zu viele „im recht sind“ und sich ihr Glück nur vorstellen können als ihr durchgesetztes Recht. Das, zusammen mit der Tatsache, dass sie es nichts durchsetzen können, machen unsere ätzenden ethnischen Konfliktprobleme aus. Vorlagen aus der Geschichte damit klarzukommen, sehe ich kaum welche. Aus der Geschichte kann man lernen, warum wer wen hasst, aber nicht, wie man den Hass los wird und wie man was noch erfreulicheres findet als „sein Recht“.

Pfingstliche Grüsse,

Thomas

Wow!
Das ist eine der besten Problemerörterungen, die ich je dazu gelesen habe…

Hi Sandra,

Das ist eine der besten Problemerörterungen, die ich je dazu
gelesen habe…

Na ja, so direkt dazu gibt es ja auch nicht soviel…

Und wenn du das bereits in deinen jungen Jahren und nicht erst nach komplexen biografischen Läuterungen so finden kannst, dann bist du aber auch nicht ohne :smile:

Ich in deinem Alter weis dagegen nicht, wie ich mir gefallen hätte, so wie ich heute schreibe. Ich war damals noch zielmlich auf den guten alten gut-böse-Krawall aus, so wie er heute noch z.B. auf dem Inlandspolitikbrett besichtigt werden kann.

Ich habe dort auch ein bischen mitpolemisiert und mal versucht, die Verschachtelungen des Antisemitismusbegriffs auseinander zu falten. Ist aber ziemlich schwer, wenn die Leute so verhakt sind ineinander. Deswegen habe ich auf dem Auslandsbrett mal versucht, diesen ganzen Nahostkonflikt überhaupt mal „auf den Begriff“ zu bekommen. Wenn du meine Stemmversuche goutierst (bzw. auch, wenn mal nicht, natürlich) lass es mich ruhig wissen.

Ich merke manchmal zu wenig bzw. zu spät, wenn ich Leute inhaltlich „abhänge“ bei meinen Problemumrundungen. Wenn du dich ab und zu solch einer Lektüre widmen magst, dann ruf mir ruhig zu, wie es in den (gedanklichen) Kurven war, wo evtl. Schleudergefahr ist etc.

Den Gedanken vom begrenzten Nutzen der Historie habe ich einaml von Edward de Bono und zum anderen von einem ehemaligen polnischen Aussenminister, auf dessen Namen ich gerade nicht komme.

Gruß,
Thomas

Aus der Geschichte kann man lernen, warum wer wen hasst, aber nicht, wie man den Hass los wird und wie man was noch erfreulicheres findet als „sein Recht“.

Grüß Dich, Thomas,

ich muß Dir inhaltlich bezüglich Deines oben nochmal zitierend aufgeführten Statements widersprechen.

Bei Jesus Christus lernt man bereits vor 2.000 Jahren bis heute, zugegeben nicht immer in den sich nach ihm nennenden Amts-Kirchen oder Stein-Tempeln, die der Religions-Stifter auch gar nicht wollte, wie er selber sagte, wie man Hass, den ein jeder Mensch mehr oder weniger ausgeprägt in seinem Busen trägt, überwinden kann. Und wie man durch Liebe, sogenannte Nächstenliebe, indem man auch mal die andere Wange zum Streiche darbietet!, durchaus aus Hass und Ärger eine sinnvolle, quasi wundersame Wandlung hervorrufen kann. Im Wohlergehen seines Mitmenschen und dessen fröhlichen Augen - gewinnt man selber mehr als nur sein bloßes Recht, man gewinnt einen Freund und Gemeinsamkeit.

Aber, dies zu erkennen, ist uns oft genug bei der wissenschaftlich betrachteten Geschichtsanalyse verstellt, fast könnte man meinen, absichtlich verstellt. Um diesen Ausweg, der aufgrund von Geduld, Beharrlichkeit, Ausdauer, Barmherzigkeit auf einer Grundgestimmtheit von Liebe basierend - nicht zu finden!

Wohl dem, der dergleichen kostbare Wässer sich zu ergraben versteht. Der dürstet nimmermehr, um meinen Herrn und Meister, zugleich lieben Freund und Gott zugleich sinngemäß, also im Geiste, zu zitieren.
Otto.