Das Zeitalter des Opfers

Das Jahrtausend des Opfers

Etwas ratlos, scheint mir, dringe ich hier in diesen Winkel des Forums ein; aber die Diskussion hier macht mir Mut, eine Frage aufzuwerfen, die mir als sowohl 48er (geboren) als auch 68er (2tes Mal geboren), der unter dem Dilemma der (partiellen) Vergeßlichkeit und der geschichtlichen „Abrechnung“ mit dem Naziregime („aber w i r waren da nicht dabei und wir wußten alle von nichts“; und denn noch: "das hat >der Führer

Hallo Manfred,

die von Dir gegebenen Informationen über Deinen Lebenslauf lassen die Vermutung zu, daß Du über viel Denk- und Kritikfähigkeit verfügst.

Die kritisch gemeinte Betrachtung der Zeitgeschichte auf der Grundlage der unkritisch übernommenen Dämonisierungsideologie ist wie das Leben in einem Pferch bei Dunkelheit. Entweder findet man sich (freudig) mit der Enge ab, oder man stößt immer wieder nach wenigen Schritten geradeaus mit der Stirn an ein Brett.

Gruß,

Wolfgang Berger

K&Q
Lieber Wolfgang, ich bin allerdings ein Kauz und Quer, oder auch einfach „KaiKjuh“.
Klar isses auch ein „Opfer“, wenn man 10Euro riskiert, um nen 6er im Lotto zu kriegen.

Ich beziehe mich allerdings tatsächlich (daher meine jetzige Energie) auf die von uns vor, während und nach 68 verlangte „Ordentlichkeit“. (als Opfer zwecks anständiger Karriere usw.). Bei mir turnte das damals und bis inne 70er in das unbedingte Opfer „für das Proletariat“. Dabei war dies aber zugegebener Weise auch für mich ein Weg, der falschen Wahl des Studienfachs zuuu entfliehen.
Ich finde, wir sollten das Schicksal der RAF-Leute hoide als Teil unserer aller eigenen Geschichte erkennen.

Ich freute mich, wenn sich auch einige zumindest der inzwischen retablierten Aktivisten des „ehemaligen Roten Osten“ mit dieser Geschichte auseinandersetzen würden.

Beginnen wir unsere „Récréactivité“ ???

Ordentlichkeit
Hallo Manfred,

Energie) auf die von uns vor, während und nach 68 verlangte
„Ordentlichkeit“. (als Opfer zwecks anständiger Karriere

Zum Opfer geworden, weil von den Eltern zu Ordentlichkeit und Anstand angehalten für den Berufserfolg vorbereitet?

Oder zum Opfer geworden, weil durch verinnerlichte Propaganda den Eltern entfremdet?

Ich finde, wir sollten das Schicksal der RAF-Leute hoide als
Teil unserer aller eigenen Geschichte erkennen.

Ja, und ganz besonders als Auswirkung der Holocaust-Rezeption.

Gruß,

Wolfgang Berger

Intensivierung von Teufelskreisen
Hallo,

ich glaube, man sollte dies nicht so zugespitzt nur unter dem Aspekt der Opferrollenbetrachtung sehen. Es gab immer alle möglichen Teufelskreise und auch zahllose unglückliche Opfer von fatalen Entwicklungen, wo die Komplexität von Spannungen zu groß und die Mittel zu konstruktiver Kooperation zu schwach waren.

Durch Technisierung und sonstige soziale Umwälzungen hat sich vieles intensiviert, so dass auch gutgemeinte Ansätze zu Verbesserungen oft nur einen weiteren Strudel der Erosion auslösten und auch schon bald wieder überholt waren einschließlich der Herausbildung neuer Filzsysteme, die neue Chancen noch einseitiger zu ihrer skrupellosen Profilierung nutzen konnten.

Dennoch ergibt sich nun zumindest durch allgemeine Technisierung und Computerisierung für jeden die Möglichkeit, höchst kreativ sein zu können, in einem Maße, wovon auch höchst Privilegierte vor ein oder zwei Generationen zur träumen konnten.

Der Lohn für viele und zu oft auch übertriebene und gedankenlose Opfer waren immer mehr die Errungenschaften technischen Fortschritts und die sich hiermit ergebenden Potenziale. Leider war dies am Anfang sehr stark mit einer Zentralisierung von Macht und Ressourcen verbunden. Dennoch konnte mit der Elektrisierung auch in vieler Hinsicht das Bewusstsein der Menschen verschärft und gefördert werden. Auch hat dies zu einer intensiverten Entladung reaktionärer Verspannungen und Missständen geführt. Aber zu viele sind immer wieder dem Schein erlegen, dies könnte ein vorzeitiges Ende haben oder die Probleme wären mit Beseitigung irgendwelcher Hindernisse und Barrieren gelöst. Die Aufgabe der Bedeutung technischer Entwicklungen über die Schaffung neuer Bequemlichkeit hinaus wird immer wieder massiv unterschätzt. Auch war es seit jeher üblich, Menschen tief in Teufelskreise einzuspannen und einzuekeln und hiermit sonst nicht lösbare Probleme konform zum Druck allgemeiner Erosion auszureiten. Bei fehlendem sonstigen konstruktiven Halt ergaben sich hier auch immer wieder große Eigendynamiken, die auch mit heutigen Mitteln oft kaum zu kontrollieren sind, was nach wie vor eine sehr große Herausforderung darstellt.

Insofern hat sich der Einsatz für mehr individuelle Freiheiten und Abschaffung politischer Polarisierungen und Hetzereien schon gelohnt. Da aber durch die breiter verfügbare Technik und Dynamisierung von Wissensmanagement mit den Möglichkeiten auch die Anforderungen viel komplexer wurden, ist es natürlich nun erneut ein großes Problem für den Einzelnen, sich hier auf dem besten Stand zu halten, was dann auch wieder dazu führen kann, dass vor allem sehr klar und militarisiert ihre Linie verfolgende den größten Gewinn daraus ziehen, während sich allzu sorgsame eher verzetteln. Daher ist es erneut eine große ökonomische Herausforderung, seine Kräfte in diesem Sinne optimal zu managen. Wenn einem dies einigermaßen gelingt, wird es nicht nur Opfer geben, sondern es ist auch beispielloser Nutzen zu erzielen. Man darf nur nicht erwarten, dass dies einem von politischen Trends oder Lobbywirtschaft vorrationiert wird, sondern sollte stets auf sein eigenes konstruktives Gleichgewicht bedacht sein.

Gruß
Gerald