Liebe Sina,
offiziell wird es keiner der nachfolgend Hingerichteten
in dieser makaberen Genauigkeit gewußt haben. Inoffiziell
aber ganz sicher. Erstens durch eigene Logik: Wissend daß
alle drei zum Tod verurteilt wurden und daß der Vollzug
nicht an verschiedenen Tagen stattfindet muß es ihnen klar
gewesen sein, daß sie je einer in der Reihe der Hinzurich-
tenden sind, also je vor oder nach einer geliebten Seele
sterben. Zweitens: So ein Knast ist kein Trappistenklos-
ter. Spätestens seit Stammheim wissen auch die "Ausge-
schlossenen", daß Isolierungshaft ohne unverhältnismäßigen
Aufwand eine Illusion ist. Ich bin mir sicher, daß jeder
der Nachfogenden genau wußte, in welcher Reihenfolge vor
ihm wer getötet wurde. (Wenn man von allen Außenreizen ab-
getrennt lebt, entwickelt man eine Wahrnehmungssensibilität,
welche das übliche Maß übertrifft.) Zudem gibt es Innerknas-
tisch diverse Möglichkeiten der Informationsübertragung.
Drittens: bin ich mir sicher, daß die Lakaien des Regimes
es sich nicht haben nehmen lassen, den Hinzurichtenden
ihr Sterbedatum nicht nur mitzuteilen, sondern als Demon-
stration der Macht in allen Kleinigkeiten des Ablaufs der
Serienhinrichtung bürokratisch zu ziselieren. Letztlich
würden die Wärter, für gewöhnlich mit einfachem Gemüt und
sadistischen Zügen ausgestattet (Wer will mir dieses Kli-
schee widerlegen?!), mit ihrem Verhalten, ihrer Verdruckst-
heit oder ihren Schlaumeiersprüchen den Gang der Dinge er-
klären. So oft fanden selbst damals in München Hinrichtungen
nicht statt.
"Psychologisch": Er wußte es. Und ich bin mir sicher, daß
es ihn in gleicher Weise bekümmerte und bestärkte. Das rigo-
rose Gottvertrauen, welches den inneren Zirkel der Weißen
Rose auszeichnet(vgl. Briefwechsel im S.Fischer-Verlag) machte
es ihnen (relativ) leicht, konsequent zu sein. Ich glaube (und
hoffe für sie), daß sie mit dem Todesurteil keine Unsicherheit
mehr kannten.
Das ist schwerer Stoff...
Ich hoffe Dir geholfen zu haben.
x-nada