Hai, Deconstruct (Kaputt-Macher? ;-)),
Wieso setzt du das "Befreiern" so abwertend in
Anführungszeichen?
Auch ich schreibe "Befreier" üblicherweise in
Anführungsstriche - allerdings nicht abwertend, sondern weil
wir Deutschen nicht befreit wurden. Wir waren es, von denen
Europa befreit wurde - wir haben, verdientermaßen, kräftig
eine auf's Maul bekommen.
Da hast du zwar recht, dass Europa von Deutschland befreit wurde,
aber Deutschland wurde dadurch auch von Hitler befreit. Ich denke,
dass es auch für die Deutschen eine Befreiung war. Ein Staat in dem
man nur sagen darf, was der Staat vorgibt und in dem Menschenrechte
überhaupt nichts golten, kann seinen Bürgern alles mögliche geben,
aber sicher keine Freiheit.
Dass sie uns von der
Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten befreit haben, ist
Genau das meine ich: wenn ich als Deutsche (mit deutschen
Vorfahren...) das so ausdrücke, wie Du es tust, dann
impliziere ich, daß die Nationalsozialisten eine
Fremdherrschaft über uns ausübten, daß die Deutschen ja "ganz
unschuldig in Not geraten" sind. So stimmt das aber nicht. Die
Deutschen haben Europa mit Krieg überzogen und Tod und Leid
verbreitet...
Natürlich waren sie nicht ganz unschuldig. Schließlich haben sie ihn
ja mal gewählt bzw später unterstützt. Allerdings darfst du auch
nicht vergessen, welche Propaganda dort betrieben wurde. Die Leute
konnten sich nicht ihr eigenes Bild von alledem machen. Und wenn sie
es machen wollten, gabs Ärger.
Ich denke, die Deutschen sind damals aus eigener Schuld dort
hineingeraten, aber sie wären aus eigener Kraft nicht wieder
herausgekommen. Ein Drogenabhängiger z.B. ist auch zunächst mal
selbst schuld, dass er abhängig wird, er hätte es ja nur nicht nehmen
müssen. Aber ist er mal abhängig, dann schafft er es nicht selbst,
sich davon zu lösen, weil er nicht erkennen kann, welches Unglück die
Droge für ihn bringt. Subjektiv glaubt er, dass die Droge ihm gutes
tut, später, wenn er davon loskommt (also befreit wurde) empfindet er
es auch als Befreiung. Ich denke mal, dass das hier auch so ähnlich
ist.
Ansonsten stimmen wir aber überein: wir, heutzutage, haben
keine Schuld abzutragen, müssen uns nicht im Staub wälzen,
weil unsere Vorfahren üblen Mist gebaut haben, wir müssen auch
nicht auf den Knien rutschen und alles, was die Siegermächte
heute tun, für vollkommen gut und richtig halten...
Diese angebliche "Schuld" die jeder herumtragen würde, das ist meiner
Meinung nach, lediglich eine Erfindung der Rechten, denn dadurch soll
den Leuten eingeredet werden, dass uns den Deutschen so großes
Unrecht zu Teil geworden ist und wir uns dass zurückholen sollten,
was wir durch diese ungerechtfertigte Schuld verloren haben.
Desweiteren wollen sie damit erreichen, dass das Erinnern aufhört,
weil versucht wird Erinnerung mit Schuld gleichzusetzen.
Ich habe sicherlich keine Schuld, weil selbst meine Eltern damals
erst Kleinkinder waren, aber ich finde es gut, daran zu erinnern. Und
den Anfängen zu wehren. Das hat doch nichts mit Schuld zu tun. Wir
sollten froh sein, dass wir heute in so einem freien und reichen Land
leben können. So gut gings uns noch nie! Noch nie war der Reichtum,
die Lebensqualität und die Rechte des einzelnen so groß wie heute.
Auch wenn das oftmals viele nicht wahr haben wollen, die der
angeblich so "guten alten" Zeit nachtrauern.
Doch mal ehrlich betrachtet: Kein Mensch in diesem Land der damals
noch nicht am Leben war oder noch ein Kind war, ist sich heute
irgendeiner Schuld bewusst. Also was soll diese blödsinnige
Unterstellung immer, dass die Deutschen vor lauter Schuld im Dreck
kriechen? Das ist schlichtweg Unsinn.
Unabhängig davon, daß ich die Siegermächte als solche
bezeichne, einfach weil ich diese "Entschuldung durch die
Hintertür" nicht mag (nicht wir Deutschen, sondern
die Nazis haben...), bin ich ihnen durchaus dankbar,
daß sie meine Vorfahren aufgemischt haben. So bin ich
schließlich in einem äußerst demokratischen Land aufgewachsen.
So sehe ich das auch.
Wenn mir auf der Strasse jemand hilft, weil ich überfallen bin, dann
bin ich auch dankbar, aber ich sehe keine Verpflichtung, diesem mein
Leben lang in den Arsch zu kriechen. Die einzige Verpflichtung die
ich für längere Zeit anerkennen würde, ist, dass ich dasselbe tun
sollte, wenn es ihm passiert. Aber das sollte sowieso eine
Selbstverständlichkeit sein...
mfg
deconstruct