Re^2: Clemenceau und der Diktatfriede von Versaill
Hi,
die unterschiedlichen Ansätze bei den Versailler Verhandlungen dürften vor allem auf die unterschiedlichen politischen Kulturen in Frankreich und Großbritannien sowie auf die verschiedenartigen Auswirkungen des WWI auf die beiden Länder zurückzuführen sein.
Großbritannien hatte sich aus seiner "splendid isolation" heraus nie wirklich als Teil Europas gesehen. Seine langjährige Strategie war es gewesen, die europäischen Mächte im Gleichgewicht zu halten und bis zu einem gewissen Grad gegeneinander auszuspielen. Deshalb hatte Großbritannien auch nach dem WWI das Interesse, Frankreich und Deutschland als zwei in etwa gleichstarke Blöcke zu erhalten, die sich gegenseitig neutralisieren sollten. Die als offizieller Grund angegebene und tatsächlich sehr vorausschauende Befürchtung, dass revanchistische Kräfte in einem zu sehr beschnittenen Deutschland eine große Gefahr darstellen würden, war imho eher ein Unterstützungsargument.
In Frankreich spielte dagegen ähnlich wie in Deutschland der "Erbfeind"-Gedanke eine große Rolle. Man wollte die europäische Macht, in der man den "historischen" Gegner sah, möglichst klein halten. Dazu kam natürlich noch, dass ein großer Teil der Kriegsverwüstungen auf französischem Gebiet stattgefunden hatten. Das verständliche Rachebedürfnis dürfte einen großen Teil zu den französischen Forderungen beigetragen haben. Darüber hinaus waren die Kriegsschäden natürlich auch ein Argument den Briten gegenüber, die "nur" einen (zwar gigantischen) Expeditionsfeldzug unternommen hatten. Dementsprechend war die britische Verhandlungsbasis für ein mildes Vorgehen gegenüber Deutschland natürlich schwächer als die der Franzosen, die einen gewaltigen Blutzoll gezahlt hatten.
Gruß
Volker