Nazi-Deutschland

Von: , Frage gestellt am Fr, 15. Jul 2005

Guten Abend,

in DIE ZEIT war letztens ein Artikel über die Deutschen und das 3. Reich. Der Autor schrieb u.a.: "Eines der wesentlichen Merkmale der Naziherrschaft war das Downsizing einer Kulturnation auf Unterschichtniveau" (sinngemäß), womit hauptsächlich der Juden- und Zigeunerhaß gemeint war.
Das ist ja nun ein starker Spruch. Dazu hätte ich doch ein paar Meinungen.

Danke, Stucki

29 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 2 Stunden 1 hilfreich
    Re: Nazi-Deutschland

    Hi! in DIE ZEIT war letztens ein Artikel über die Deutschen und
    das 3. Reich. Der Autor schrieb u.a.: "Eines der wesentlichen
    Merkmale der Naziherrschaft war das Downsizing einer
    Kulturnation auf Unterschichtniveau" (sinngemäß), womit
    hauptsächlich der Juden- und Zigeunerhaß gemeint war.
    Das ist ja nun ein starker Spruch. Dazu hätte ich doch ein
    paar Meinungen.
    Ich verstehe den Satz grundlegend anders. Das Downsizing einer Kulturnation auf Unterschichtniveau verknüpfe ich mit der Vertreibung und Vernichtung der kulturellen Intelligenz im damaligen Deutschen Reich. Trotz oder gerade wegen der politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen in der Weimarer Republik konnte sich in der Vor-NS-Zeit eine kulturelle Vielfalt bilden, wie sie wohl einmalig war. Ob Film, Musik, Theater, Malerei - Deutschland bot absolute Weltklasse.

    Nach dem 30.Januar 1933 wurden viele Künstler von den Nazis konsequent verfolgt, entweder weil sie den rassischen Vorstellungen der Nazis nicht entsprachen, die Nazis die Werke für "entartet" hielten oder die Künstler schlicht in Opposition zu den Nazis standen. Wer Deutschland nicht rechtzeitig verließ, wurde verhaftet oder mindestens mit Arbeitsverbot belegt.

    Der "künstlerische Blutzoll" im Dritten Reich war hoch.

    Betroffene Schriftsteller:
    Lion Feuchtwanger, Erich Kästner, Heinrich Mann, Thomas Mann, Erich Maria Remarque, Stefan Zweig, Kurt Tucholsky, Anna Seghers, Bertolt Brecht, Carl von Ossietzky

    Betroffene Maler:
    Paul Klee, Emil Nolde, Oskar Kokoschka, Otto Dix, Ernst Barlach, Käthe Kollwitz

    Betroffene Regisseure und Schauspieler:
    Fritz Lang, Max Ophüls, Billy Wilder, Erich von Stroheim, Curt Sidomak, Robert Siodmak, Max Reinhardt, Otto Preminger, Marlene Dietrich, Peter Lorre, Curt Bois

    Die Folgen dieses Exodus waren so stark und dauerhaft, dass sie bis weit in die 1950er und Anfang der 1960er hineinwirkten. Nicht ohne Grund wird gesagt, dass der Mainstream der deutschen Kinofilmproduktionen in den 1950ern der Reichskulturkammer unter Führung von Goebbels sehr gut gefallen hätte.

    Grüße
    Heinrich

  2. Antwort von nach 13 Stunden 2 hilfreich
    Kästner dazu

    Hallo!

    »Das interessanteste und traurigste Buch, das über das Dritte Reich geschrieben werden muss, wird sich mit der Verderbung des deutschen Charakters zu beschäftigen haben. Niemals in unserer Geschichte hat ein solcher Generalangriff auf die menschlichen Tugenden stattgefunden. Nie zuvor sind Eigenschaften wie Zivilcourage, Ehrlichkeit, Gesinnungstreue, Mitleid und Frömmigkeit so grausam und teuflisch bestraft, nie vorher sind Laster wie Rohheit, Unterwürfigkeit, Käuflichkeit, Verrat und Dummheit so maßlos und so öffentlich belohnt worden.«

    Erich Kästner (eine Meinung)

  3. Antwort von nach 17 Stunden 0 hilfreich
    Re: Nazi-Deutschland

    Gründlicher lassen sich die Zustände in Deutschland zu dieser Zeit wohl kaum beschreiben. Es begann mit Geschrei und Anpöbelei und endete mit der systematischen Vergasung jüdischer systematisch entrechteter Menschen und sowjetischer Kriegsgefangener. Deutschland war bis zu diesen 12 Jahren eine Kulturnation, während dieser 12 Jahre und auch heute bin ich da nicht sicher. Sergej Kulibaba [Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

  4. Antwort von nach 18 Stunden 0 hilfreich
    Re: Nazi-Deutschland

    Guten Abend,

    in DIE ZEIT war letztens ein Artikel über die Deutschen und
    das 3. Reich. Der Autor schrieb u.a.: "Eines der wesentlichen
    Merkmale der Naziherrschaft war das Downsizing einer
    Kulturnation auf Unterschichtniveau" (sinngemäß), womit
    hauptsächlich der Juden- und Zigeunerhaß gemeint war.
    Das ist ja nun ein starker Spruch. Dazu hätte ich doch ein
    paar Meinungen.
    Das ist auch nur eine teilweise richtige Antwort. Der Nationalsozialismus war auch in erster Linie eine Folge der Repressalien und Demütigungen europäischer Nationen, die als Sieger im Ersten Weltkrieg hervortraten.

    Das man dabei auf einen (zu allem entschlossenen) Urwillen für Gerechtigkeit und Sühne stieß, der sich aus Deutschen Tiefen erhob, sollte nicht verwundern. Diese Kraft liegt nun mal in den Tiefen und man sollte nicht von ihr erwarten, geistige Freiheiten kultivieren zu wollen.

    Damit will ich natürlich den NS nicht entschuldigen, aber es ist immer gut, alles im Gesamt zu sehen.

    gruß
    rolf

    • Antwort von nach 19 Stunden 0 hilfreich
      Re^2: Nazi-Deutschland

      Lieber Rolf,

      Du gibst hier einen unglaublichen Scheiß von Dir!
      (Ok, liebe Mods, ich entschuldige mich und formuliere besser: einen nicht zu beschreibenden Denkmüll!) Das ist auch nur eine teilweise richtige Antwort. Der
      Nationalsozialismus war auch in erster Linie eine Folge der
      Repressalien und Demütigungen europäischer Nationen, die als
      Sieger im Ersten Weltkrieg hervortraten.
      Erstens setzt Du hier voraus, daß die "Repressalien und Demütigungen" reiner Willkür entsprangen - dem ist nicht so: spätestens seit Fritz Fischers "Der Griff nach der Weltmacht" ist klar und am Tage und unwiderlegbar, daß Deutschland (natürlich im Verein mit Österreich-Ungarn) den Krieg gewollt und mit aller Macht darauf hingearbeitet hat.
      Zweitens übersiehst Du augenscheinlich, daß der Nationalsozialismus Wurzeln in irrationalen Ideologien hatte, die schon vor dem 1. WK virulent waren. Das man dabei auf einen (zu allem entschlossenen) Urwillen für
      Gerechtigkeit und Sühne stieß, der sich aus Deutschen Tiefen
      erhob, sollte nicht verwundern. Diese Kraft liegt nun mal in
      den Tiefen und man sollte nicht von ihr erwarten, geistige
      Freiheiten kultivieren zu wollen.
      Der "Urwille für Gerechtigkeit und Sühne"? Und dann "aus deutschen Tiefen"? Wo doch die Deutschen am 1. WK schuld waren?

      Deutlicher kannst Du die Behauptung vom "Downsizing einer Kulturnation" nun wirklich nicht bestätigen!
      Hätte es nicht im Vermögen und der Fähigkeit einer "Kulturnation" liegen müssen, Verantwortung für das Geschehene, Gewollte, sehenden Auges Betriebene zu übernehmen?

      Gruß - Rolf

      • Antwort von nach 21 Stunden 0 hilfreich
        Re^3: Nazi-Deutschland


        Erstens setzt Du hier voraus, daß die "Repressalien und
        Demütigungen" reiner Willkür entsprangen - dem ist nicht so:
        spätestens seit Fritz Fischers "Der Griff nach der Weltmacht"
        ist klar und am Tage und unwiderlegbar, daß Deutschland
        (natürlich im Verein mit Österreich-Ungarn) den Krieg gewollt
        und mit aller Macht darauf hingearbeitet hat.
        Ich habe das Buch nicht gelesen, aber es ist ein Buch und nicht mehr. Und es gibt viele Bücher. Zweitens übersiehst Du augenscheinlich, daß der
        Nationalsozialismus Wurzeln in irrationalen Ideologien hatte,
        die schon vor dem 1. WK virulent waren.
        Ich kenne diese Szenerie sehr gut. Sie hat dazu beigetragen, dem NS einen ideologischen Boden zu geben, kann aber meines Erachtens, nicht für das eigentliche Entstehen des NS verantwortlich gemacht werden.
        gruß

      • Antwort von nach 21 Stunden 0 hilfreich
        Re^3: Nazi-Deutschland

        Hallo Rolf, Das ist auch nur eine teilweise richtige Antwort. Der
        Nationalsozialismus war auch in erster Linie eine Folge der
        Repressalien und Demütigungen europäischer Nationen, die als
        Sieger im Ersten Weltkrieg hervortraten.
        Erstens setzt Du hier voraus, daß die "Repressalien und
        Demütigungen" reiner Willkür entsprangen -
        Der Diktatfrieden von Versailles war Willkür und sowohl die
        Hauptursache für die Wirtschaftsmisere in Deutschland als
        auch für die Sympathien mit dem Revisionisten Hitler. Sogar
        Friedrich Ebert sprach vom "Schanddiktat von Versailles"!

        Lies mal was über z.b. das völkerrechtswidrige Ignorieren der
        Abstimmung über die nationale Zugehörigkeit von Oberschlesien
        und die Vorstösse der polnischen Armee gegen Deutschland und
        Russland in den 20er Jahren. Ohne dieses Wissen beurteilt man
        notgedrungen die Repression gegen Polen unvollständig.


        dem ist nicht so:
        spätestens seit Fritz Fischers "Der Griff nach der Weltmacht"
        ist klar und am Tage und unwiderlegbar, daß Deutschland
        (natürlich im Verein mit Österreich-Ungarn) den Krieg gewollt
        und mit aller Macht darauf hingearbeitet hat.
        LOL - der schreibt aber über die Ursachen des 1. Weltkrieges
        und hier geht es um die Demütigungen nach diesem ... und un-
        umstritten ist Herr Fischer wahrlich nicht.
        http://de.wikipedia.org/wiki/Kriegsschulddebatte Zweitens übersiehst Du augenscheinlich, daß der
        Nationalsozialismus Wurzeln in irrationalen Ideologien hatte,
        die schon vor dem 1. WK virulent waren.
        Aus diesen Wurzeln kroch so manches: Homöopathie, Wunschelrutengänger,
        'Urkostfreunde' und andere Okkulte saugen heute noch davon *grins*
        Dazu nur -> Dr. Mengele war Homöpath und wollte in den KZs deren
        Wirksamkeit nachweisen. Die SS-Wachmänner waren selbstverständlich
        durch Mittel der 'jüdischen' Medizin geschützt.


        Das man dabei auf einen (zu allem entschlossenen) Urwillen für
        Gerechtigkeit und Sühne stieß, der sich aus Deutschen Tiefen
        erhob, sollte nicht verwundern.
        Wo doch die Deutschen am 1. WK schuld waren?
        Diese Sichtweise wurde in den 60er Jahren, also lange nach dem
        Nationalsozialismus, propagiert und kann allein deshalb als Vor-
        wurf an die politische Diskussion in Weimar nicht erhoben werden. Hätte es nicht im Vermögen und der Fähigkeit einer
        "Kulturnation" liegen müssen, ...
        Wenn du die Latte für eine 'Kulturnation' so hoch hängst, dann
        gab es bisher auf diesen Planeten keine einzige! ...Verantwortung für das Geschehene, Gewollte, sehenden Auges
        Betriebene zu übernehmen?
        So kann man die Frage nur stellen, wenn all das was du in der Frage
        schon behauptest, wirklich der damaligen Sichtweise entspräche. So
        eine Position hat meines Wissens nach aber niemand in der Weimarer
        Republik der ganzes 'Kulturnation' gegenüber öffentlich vertreten.
        Das gab es nur als Kritik 'der Linken' an 'das Kapital'.


        In dem Zusammenhang sollte man auch den Begriff 'Kulturnation' mal
        gründlich hinterfragen. Eigentlich stammt er doch aus dem Sprach-
        schatz des Imperialismus und wurde geschaffen um die Unterdrückung
        der Kolonien zu rechtfertigen. Wenn man über die Negation davon,
        die 'Nicht-Kulturnation' nachdenkt die sich z.B auf Indien bezog,
        wird einem einiges klar und man hütet sich dieses Begrifflichkeit
        zu verwenden.


        Viele Grüße

        Jake

        • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
          'Schanddiktat von Versailles'

          Hallo Jake,

          Ich will auf Deine Aussagen hier nicht im Einzelnen eingehen, nur einige (oberlehrerhafte ;-)) Anmerkungen. Der Diktatfrieden von Versailles war Willkür und sowohl die
          Hauptursache für die Wirtschaftsmisere in Deutschland als
          auch für die Sympathien mit dem Revisionisten Hitler.
          Na ja, da sind noch einige Dinge hinzu gekommen: absolute Ablehnung und Bekämpfung der Republik und Demokratie durch die führenden Schichten, Weltwirtschaftskrise u.a. Der wirtschaftliche Todesstoß kam meines Wissens durch das Abziehen amerikanischer Kredite, die Amerikaner hatten selbst genug Probleme. Sogar Friedrich Ebert sprach vom "Schanddiktat von Versailles"!
          "Schanddiktat" bzw. "Schandvertrag" ist ein Begriff von Scheidemann: "Wer diesen Schandvertrag unterschreibt, dem soll die Hand verdorren!"

          Gruß, Stucki

          • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
            Re: 'Schanddiktat von Versailles'

            Sogar Friedrich Ebert sprach vom "Schanddiktat von Versailles"!
            "Schanddiktat" bzw. "Schandvertrag" ist ein Begriff von
            Scheidemann: "Wer diesen Schandvertrag unterschreibt, dem soll
            die Hand verdorren!"
            Aber das Schanddiktat von Brest-Litowsk, dagegen hatte in D keiner was....

            tatsächlich war Brest-Litowsk mit eine Ursache, dass die Westalliierten nicht mehr an einen Verhandlungsfrieden glaubten und bereit waren, die Sache auszukämpfen.

            Gruß
            Mike



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