röm. Recht: nepos

Von: , Frage gestellt am Mo, 22. Aug 2005

Hallo,
ich bitte um Antwort auf eine Frage, die ich nicht beantworten konnte:
Wieso heißt das lat. Wort "nepos" Enkel und Neffe?
Ich vermute: Wie filius/filia (Sohn/Tochter) die Kinder des gleichen Elternpaares sind, so bezeichnet an mit nepotes die Abkömmlinge des gleichen Großelternpaars.
Ist das so? Hat die Vernachlässigung des Unterschieds Enkel - Neffe evtl. (erb-)rechtliche Gründe?
(Gibt es in w-w-w ein Brett "Rechtsgeschichte"?)
Weiß-wer-was?
Mit Dank und Gruß
H.

13 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 3 Stunden 0 hilfreich
    Zusatz

    Hallo Hannes,

    Deine Frage kann ich zwar nicht beantworten, aber noch für etwas Verwirrung sorgen:

    Erstmal heißt "nepos" nicht nur Neffe und Enkel, sondern auch allgemein Verwandter und Nachkomme. Mein Erbstück von Opa, Langenscheidts Taschenwörterbuch von 1937 (okay, für Latein reicht das), weist auch noch in übertragener Bedeutung "Verschwender" aus (aha!).

    Zweitens ist es schon verwunderlich, daß es für Neffe und Enkel keine verschiedenen Begriffe gibt, andererseits aber in den Seitenlinien für Mutter- und Vaterlinie peinlich genaue Unterscheidungen gibt. Beispiel für Vettern: "patrueles", wenn die Väter Brüder waren, "consobrini", wenn die Mütter Schwestern waren, "amitini", wenn die Mutter des einen und der Vater des andern Geschwister waren.

    Wer sich das mal im Detail antun will, mag sich die folgende Seite anschauen, die leider nur noch im Google-Cache verfügbar ist:
    http://66.249.93.104/search?q=cache:LS1nLHZMWmIJ:www...

    An einer Erklärung wäre ich auch interessiert!

    Gruß
    mowei

    • Antwort von nach 10 Stunden 0 hilfreich
      Re: wieso Verwirrung?

      noch füretwas Verwirrung sorgen:
      Erstmal heißt "nepos" nicht nur Neffe und Enkel, sondern auch
      allgemein Verwandter und Nachkomme.
      Hallo,
      das stimmt so allgemein nicht. "nepos" ist immer direkter Abkömmling; aber über die Enkelgeneration geht es so selten hinaus, dass man das vernachlässigen kann.
      Allgemein "Verwandter" heißt es nur bei Dichtern; das ist für die gewöhnliche Sprache, auf die ich mich in meiner Frage bezogen habe, ebenfalls zu vernachlässigen.
      Freilich heißt es auch "Filou" und "Verschwender", aber das hat mit meiner Anfrage genau so wenig zu tun, als wenn ich hier noch hinzufüge, dass es bei Fachschriftstellern über Landwirtschaft auch den Schössling am Weinstock bezeichnet. Zweitens ist es schon verwunderlich, daß es für Neffe und
      Enkel keine verschiedenen Begriffe gibt, andererseits aber in
      den Seitenlinien für Mutter- und Vaterlinie peinlich genaue
      Unterscheidungen gibt. Beispiel für Vettern: "patrueles", wenn
      die Väter Brüder waren, "consobrini", wenn die Mütter
      Schwestern waren, "amitini", wenn die Mutter des einen und der
      Vater des andern Geschwister waren.
      (Zu "patruelis" gibt es auch das Pendant "matruelis"; es gibt eine ganze Reihe sehr differenzierter Verwandtschaftsbezeichnungen.
      Auch "Onkel" und "Tante" heißen väterlicher- und mütterlicherseits verschieden.)

      Die Tatsache, dass römische Verwandtschaftbezeichnungen so genau sind führte ja zu der Frage nach dem Grund, die ich gern beantwortet haben möchte: Das römische Leben war auf das Recht fixiert und in vielen Dingen rechtlich genau geregelt; sind die Gründe also rechtlicher Natur(, wobei mich hier nur die Antwort für "nepos" interessiert)?
      Gruß
      H.

      • Antwort von nach 12 Stunden 0 hilfreich
        Re^2: auch hier keine Auflösung...

        Hallo Hannes! Die Tatsache, dass römische Verwandtschaftbezeichnungen so
        genau sind führte ja zu der Frage nach dem Grund, die ich gern
        beantwortet haben möchte: Das römische Leben war auf das Recht
        fixiert und in vielen Dingen rechtlich genau geregelt; sind
        die Gründe also rechtlicher Natur(, wobei mich hier nur die
        Antwort für "nepos" interessiert)?
        Leider kann auch ich deine Frage nicht beantworten. Ich glaube mich allerdings erinnern zu können, dass wir im Lateinunterricht (der aber schon ein paar Jährchen zurückliegt) einen Text gelesen hätten, der deine Annahme bestätigt. Um es kurz zu machen: Ich würde diese Anfrage mal im Rechtsbrett einstellen, vielleicht weiss ja dort jemand Rat.

        Gruß
        Martin

      • Antwort von nach 12 Stunden 0 hilfreich
        Re^2: wieso Verwirrung?

        Hallo,

        ich habe Dir nicht widersprochen. Peace! Hallo,
        das stimmt so allgemein nicht. "nepos" ist immer direkter
        Abkömmling; aber über die Enkelgeneration geht es so selten
        hinaus, dass man das vernachlässigen kann.
        Äh... unter einem direkten Abkömmling würde ich nur Nachfahren der direkten Linie, also Sohn/Enkel/Urenkel usw. verstehen, das würde dann aber den Neffen ausschließen? Für Urenkel gibt es dann aber doch wieder einen eigenen Begriff: "pronepos". Allgemein "Verwandter" heißt es nur bei Dichtern; das ist für
        die gewöhnliche Sprache, auf die ich mich in meiner Frage
        bezogen habe, ebenfalls zu vernachlässigen.
        Das habe ich zwar den mir zugänglichen Wörterbüchern nicht entnehmen können, aber Du wirst in der Materie firmer sein, dünkt mich. Freilich heißt es auch "Filou" und "Verschwender", aber das
        hat mit meiner Anfrage genau so wenig zu tun, als wenn ich
        hier noch hinzufüge, dass es bei Fachschriftstellern über
        Landwirtschaft auch den Schössling am Weinstock bezeichnet.
        Im Prinzip ja, aber könnte es nicht auch eine Wertung ausdrücken? Könnte da nicht ein Zusammenhang bestehen, daß das Wort für Neffe oder Enkel gleichzeitig auch noch eine negative Bedeutung hat? Zweitens ist es schon verwunderlich, daß es für Neffe und
        Enkel keine verschiedenen Begriffe gibt, andererseits aber in
        den Seitenlinien für Mutter- und Vaterlinie peinlich genaue
        Unterscheidungen gibt. Beispiel für Vettern: "patrueles", wenn
        die Väter Brüder waren, "consobrini", wenn die Mütter
        Schwestern waren, "amitini", wenn die Mutter des einen und der
        Vater des andern Geschwister waren.
        (Zu "patruelis" gibt es auch das Pendant "matruelis"; es gibt
        eine ganze Reihe sehr differenzierter
        Verwandtschaftsbezeichnungen.
        Auch "Onkel" und "Tante" heißen väterlicher- und
        mütterlicherseits verschieden.)
        Ja, wie im Link aufgeführt. Ich fand das mit den Vettern eben noch anschaulicher, weil es drei Begriffe gibt. Die Tatsache, dass römische Verwandtschaftbezeichnungen so
        genau sind führte ja zu der Frage nach dem Grund, die ich gern
        beantwortet haben möchte: Das römische Leben war auf das Recht
        fixiert und in vielen Dingen rechtlich genau geregelt; sind
        die Gründe also rechtlicher Natur(, wobei mich hier nur die
        Antwort für "nepos" interessiert)?
        Wie gesagt, ich kann Deine Frage nicht beantworten. Es mag rechtliche Gründe haben, aber für die Alltagssprache hätte es trotzdem eine Differenzierung geben können. Es macht schließlich schon einen Unterschied, ob man von seinem Enkel oder Neffen spricht, und es sollte doch wohl auch bei Erbangelegenheiten einen machen.

        Achtung, persönlicher Eindruck: Mir scheint eher, daß es kulturelle Gründe hat: Für so ziemlich alle Varianten von Verwandtschaft in den älteren und "gleichalten" Generationen gibt es eigene Begriffe, für die nachfolgenden Generationen dann nur noch "filius", "nepos" und "pronepos". Hat man die salopp ausgedrückt nicht für voll genommen?

        Gruß
        mowei

        • Antwort von nach 20 Stunden 0 hilfreich
          Re^3: Verwirrung!

          Hallo,

          ich habe Dir nicht widersprochen. Peace!
          Hallo,
          tut mir aufrichtig Leid, wenn ich mich so ungeschickt ausgedrückt habe, dass Du meinst Dich entschuldigen zu müssen: sorry! Äh... unter einem direkten Abkömmling würde ich nur Nachfahren
          der direkten Linie, also Sohn/Enkel/Urenkel usw. verstehen,
          das würde dann aber den Neffen ausschließen? Für Urenkel gibt
          es dann aber doch wieder einen eigenen Begriff: "pronepos".
          Aber es geht mir ja gerade darum, dass die Enkel und die Neffen als (direkte!) Abkömmlinge des gleichen Großelternpaares ohne Unterschied "nepotes" sind - wo doch sonst solche differenzierten Bezeichnungen je nach Art der Verwandtschaft im Lateinischen vorhanden sind. Freilich heißt es auch "Filou" und "Verschwender", aber das
          hat mit meiner Anfrage genau so wenig zu tun, als wenn ich
          hier noch hinzufüge, dass es bei Fachschriftstellern über
          Landwirtschaft auch den Schössling am Weinstock bezeichnet.
          Im Prinzip ja, aber könnte es nicht auch eine Wertung
          ausdrücken? Könnte da nicht ein Zusammenhang bestehen, daß das
          Wort für Neffe oder Enkel gleichzeitig auch noch eine negative
          Bedeutung hat?
          Gut möglich. In einem Kommentar aus dem Jahr 1850 zu einem Gedicht von Horaz (Epode 1, v. 34) finde ich eine amüsante und vielleicht richtige Erklärung:
          "On nommait les dissipateurs 'nepotes', sans doute à cause de l'excessive indulgence ordinaire aux grands parents à l'égard de leurs petits-enfants."
          [Man nannte die Verschwender 'nepotes', zweifellos wegen der gewöhnlich übertriebenen Nachsicht bei den Großeltern hinsichtlich ihrer Enkel."]
          Achtung, persönlicher Eindruck: Mir scheint eher, daß es
          kulturelle Gründe hat: Für so ziemlich alle Varianten von
          Verwandtschaft in den älteren und "gleichalten" Generationen
          gibt es eigene Begriffe, für die nachfolgenden Generationen
          dann nur noch "filius", "nepos" und "pronepos". Hat man die
          salopp ausgedrückt nicht für voll genommen?
          Danke für diesen Hinweis! Vielleicht hat das mit der totalen Abhängigkeit der noch nicht Volljährigen in der Hausgemeinschaft zusammen: Der Hausvater (pater familias) war hier König und - wenn er es sein wollte - Tyrann.
          Gruß
          H.

          • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
            Re^4: Verwirrung!

            Aber es geht mir ja gerade darum, dass die Enkel und die
            Neffen als (direkte!) Abkömmlinge des gleichen
            Großelternpaares ohne Unterschied "nepotes" sind - wo doch
            sonst solche differenzierten Bezeichnungen je nach Art der
            Verwandtschaft im Lateinischen vorhanden sind.
            Hallo Hannes,
            Das Argument mit dem "Großelternpaar" finde ich wenig überzeugend: Hast du dir dabei überlegt, dass zwischen Enkeln und Neffen eine Generation dazwischen liegt?
            Grüße
            Oranier

            • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
              Re^5: Verwirrung!

              Hallo, Oranier!
              Du hast mit Deinem Einwand natürlich Recht.
              Aber (ohne "aber" geht es nicht) ich meine die Tatsache, dass für dieses unterschiedliche Verwandtschaftsverhältnis und der Gemeinsamkeit einer Zwischenstufe (Nachkomme des eigenen Kindes oder eines Geschwisters) die gleiche Benennung gilt, bei sonst so präzisen und differenzierten Verwandtschaftbezeichnungen, muss doch einen Grund haben. Ich vermute ihn immer noch im Erbrecht: Waren die gleichgestellt?
              Dank und Gruß!
              H.

              Ps.: An der Uni, an der ich studiert habe, wurde Römisches Recht nicht von den Philologen, sondern von den Juristen gelesen, und da kam man ja nie hin. Deshalb meine diesbezügliche Ignoranz.

            • Antwort von nach 2 Tagen 1 hilfreich
              Nepoten

              Hallo Hannes,

              ich kann hier leider z.T. nicht mit präzisem Wissen aufwarten, allenfalls einige Hinweise geben und Spekulationen anstellen.

              I. Im Stowasser findet sich für nepos nur die Bedeutung "Enkel", nicht "Neffe", dafür aber der interessante Hinweis auf das griechische anephios, was tatsächlich "Geschwistersohn" bedeutet, und altindisch na pat. Zudem gibt es neben "Verschwender" noch allgemein "Nachkomme".

              II. Spekulationen und soziologische Fantasie (nach O. Negt):
              1. Die Übereinstimmung mit gr. und ai. deutet auf eine gemeinsame idg. Wurzel hin, auf ein Wort, das möglicherweise "Nachkomme" bedeutete und unspezifisch die männlichen Vertreter der nächsten Familiengeneration(en) bezeichnete.

              2. Dazu würde ggf. die Erbrechts-Überlegung passen. Das Erbrecht war sehr verschieden von unserem, was auch damit zusammenhängt, dass "Familie" etwas anderes bedeutete, nämlich "Hausgemeinschaft", die durchaus auch z.B. Schwestern und Schwesternkinder umfassen konnte.

              Die am unmittelbarsten Erbberechtigten waren nicht unbedingt die leiblichen Kinder, sondern die Familienmitglieder, die in der Hausgemeinschaft des Erblassers verblieben (Testaments-Erbschaften, die es auch gab, spielen für unsere Überlegung ja keine Rolle).

              3. Ist es nicht möglich, dass in klassischer Zeit durch den Einfluss des Griechischen das ursprünglich auf "Enkel" bedeutungsverengte lateinische Wort über die Verwandschaft mit "anephios", Neffe (was ja wohl etymologisch verwandt ist, oder?) wieder eine Bedeutungserweiterung erfahren hat, so dass "nepos" nun erneut beide Bedeutungen umfasste? Ob es solcherart bedingte Bedeutungsveränderungen (-erweiterungen) gab, müsstest du als Altphilologe besser wissen.

              Im Neulateinischen erscheint nepos gar auch in der Bedeutung "Vetter", ja "Verwandter" überhaupt.

              4. Die Bedeutung "Verschwender" stelle ich mir bedingt durch Renten für Seitenverwandte ohne Amt von aristokratischen Familien, wie sie heute noch im Hochadel üblich sind. Familienmitglieder königlicher Familien ohne Amtsverpflichtungen neigen zu luxuriösem und ausschweifendem Müßiggang.

              5. Die unterschiedlichen Verwandschaftsbezeichnungen für Schwestern- und Bruderkinder stammen nach den Gentilgesellschaftsforschern des 19. Jhd., Bachofen, Morgan u.a. von als unterschiedlich empfundenen und definierten Verwandschaftsgraden in der Stammesgesellschaft her, die noch Relikte des Matriarchats repräsentieren.

              Auch heute noch, zumindest in protoindustriellen Gesellschaften, werden die Verwandschaftsbeziehungen und -verpflichtungen (Pate usw.) von Kindern zu Onkeln mütterlicherseits, die auch vielfach Stütz- und Schutzfunktionen für die schwesterliche Familie übernehmen, als enger empfunden als zu denen väterlicherseits.

              Grüße
              Oranier

            • Antwort von nach 2 Tagen 0 hilfreich
              Re: anephios?

              Hallo,
              für die Hinweise besten Dank!

              Ein paar Anmerkungen: Im Stowasser findet sich für nepos nur die Bedeutung
              "Enkel", nicht "Neffe",
              Könnte es sein, dass Dein Lexikon nicht den ganzen Bereich der antiken lateinischen Literatur abdeckt, also nicht alle Autoren oder nur bis zu einer bestimmten Zeit berücksichtigt? dafür aber der interessante Hinweisauf das griechische anephios
              anephios kenne ich aus dem klassischen Griechisch nicht, im Stowasser nachsehen kann ich nicht: habe ich nicht. Für "Geschwistersohn"
              kenne ich nur adelphidús, die Nichte ist adelphidé. (adelphós / adelphé: Bruder / Schwester) es neben "Verschwender" noch allgemein "Nachkomme".
              Wie oben schon einmal gepostet: allgemein "Nachkomme" bedeutet "nepos" nur bei Dichtern, und ich will den poetischen Sprachgebrauch hier vernachlässigen. Im Neulateinischen erscheint nepos gar auch in der Bedeutung
              Vetter, Verwandter überhaupt.
              Ja; es später, desto mehr. (Deshalb mein Hinweis auf das im Lexikon berücksichtigte oder nicht berücksichtigte Latein) Die Bedeutung "Verschwender" stelle ich mir bedingt durch
              Renten für Seitenverwandte ohne Amt von aristokratischen
              Familien, wie sie heute noch im Hochadel üblich sind.
              Familienmitglieder königlicher Familien ohne
              Amtsverpflichtungen neigen zu luxuriösem und ausschweifendem
              Müßiggang.
              Vgl. dazu die von mir früher gepostete Erklärung aus dem Horazkommentar von 1850. Auch heute noch, zumindest in protoindustriellen
              Gesellschaften, werden die Verwandschaftsbeziehungen und
              -verpflichtungen (Pate usw.) von Kindern zu Onkeln
              mütterlicherseits, die auch vielfach Stütz- und
              Schutzfunktionen für die schwesterliche Familie übernehmen,
              als enger empfunden als zu denen väterlicherseits.
              Da hast Du ganz Recht, die Ethnologie bestätigt es: Es gibt in Afrika Völker, die haben aus diesem Grund Namen für Verwandtschaftbeziehungen, die für uns geradezu schon grotesk sind.

              Gruß
              H.



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