Warum wurden mehr Frauen als Hexen verurteilt?

Von: , Frage gestellt am Fr, 26. Mai 2006

Ich arbeite momentan an einer Facharbeit zum Thema: "Hexenwahn, Warum wurden im Mittelater mehr Frauen als Hexen verurteilt und hingerichtet als Männer?"
Zwar besitze ich einiges an Literatur und auch schon einen umfangreichen ersten Teil (Hexenverfolgung, Prozesse usw.) geschrieben, doch mit der oben genannten Frage komme ich nicht so recht weiter.
Kann mir jemand mit Literatur zu dieser Frage helfen?

Ich würde mich sehr über Antworten freuen.

Mit freuntlichen Grüßen
Marlies Böner

29 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach einer Stunde 0 hilfreich
    Re: Warum wurden mehr Frauen als Hexen verurteilt?

    schon Sakrileg gesehen??? ;-)
    das weibliche muss ausgemerzt werden... *gg*
    nee ernsthaft, da kann ich dir leider auch nicht weiterhelfen [Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

  2. Antwort von nach einer Stunde 1 hilfreich
    Re: Warum wurden mehr Frauen als Hexen verurteilt?

    Hallo,

    das hängt mit dem ganzen Verständnis der Rolle von Mann und Frau zusammen.
    Die Frau war ja damals eigentlich nichts. Rechtsfähig war nur der Mann, Eva ist ja nur Rippe von Adam, da war die Frau einfach zum Mann gehörig. Sie galt grundsätzlich als sündig und unrein. Aus diesem Verständnis heraus läßt ja die r.k. Kirche heute noch keine Frauen als Priester zu.

    Und daraus ergab sich die Rolle der Frau als Verführerin des Mannes - auch als Verführerin zur Sünde. Nicht der Mann war schuld, wenn er fremdging - es war die Frau, die ihn dazu verführt hat. In ihrter Gestalt wohnte der teufel - nicht in seiner. Das war einfach so im allgemeinen Verständnis.
    Und daraus entstand eine verrückte Sache: Wenn eine Frau der Hexerei angeklagt wurde oder sich unnpormal benahm - dann war die die hexe, die auf den Scheiterhaufen gehörte. Wenn das einem Mann passierte - dann hat man erst mal die Hiexe gesucht, die ihn behext hatte. wie auch immer - Schuld war in jedem Fall die Frau. Entweder durch ihre eigene Handlung oder dadurch, daß sie den Mann behext hatte.


    Gernot Geyer

    • Antwort von nach 17 Stunden 1 hilfreich
      Re^2: Frauen und Kirche

      Servus, Gernot! da war die Frau
      einfach zum Mann gehörig. Sie galt grundsätzlich als sündig
      und unrein. Aus diesem Verständnis heraus läßt ja die r.k.
      Kirche heute noch keine Frauen als Priester zu.
      Nein! Die Kirche beruft sich dabei
      1. auf Tradition: Das war schon immer so, es lief immer gut so, also bleibt´s auch so.
      2. auf Paulus: Der schrieb in seinen späteren Briefen, dass Männer die Gemeinden leiten sollten. Dass er in früheren Briefen mit Frauen als Gemeindevorstehern (entspricht den Priestern) korrespondierte, fällt dabei unter den Tisch.
      3. auf Jesus selber: Der hatte nur Männer als Apostel (nicht Jünger: Das waren alle seine Anhänger, da waren selbstverfreilich auch Frauen dabei), und nur denen hat er den Auftrag gegeben, zu missionieren, den Glauben in die Welt zu tragen (das ist was anderes als missionieren im Sinne von bekehren), und - in Person von Petrus - die Kirche aufzubauen und zu erhalten. Alles priesterliche Aufgaben. Darauf beruft sich die RKK hauptsächlich.
      Nachdem die Evangelien im Widerstreit von Petrus-Anhängern und Paulus-Anhängern geschrieben wurden, relativiert sich das auch wieder etwas...

      Ich hoffe, es ist klar geworden, daß das Fernhalten von Frauen aus geweihten Ämtern in der RKK nicht mein Fall ist. Aber man kann der römischen Kirche viel vorwerfen, aber nicht diese mittelalterliche Sicht, daß Frauen per se sündig wären. Das kann man ihr zumindest heute und derart pauschal definitiv nicht vorwerfen!

      VG
      Christian

      • Antwort von nach 18 Stunden 0 hilfreich
        Re^3: Unreinheit der Frau?

        Ich hoffe, es ist klar geworden, daß das Fernhalten von Frauen
        aus geweihten Ämtern in der RKK nicht mein Fall ist. Aber man
        kann der römischen Kirche viel vorwerfen, aber nicht diese
        mittelalterliche Sicht, daß Frauen per se sündig wären.
        Hallo miteinander,
        was mich dazu (über die ursprüngliche Frage hier hinaus) interessieren würde:
        Woher stammt der Zusammenhang von Körperflüssigkeiten (vor allem Blut; auch Sperma?) und Unreinheit? (Unreinheit durch Kontakt mit Toten gehört wohl nicht unmittelbar hierher.) Im AT ist er vorhanden; dazu auch die entsprechenden Reinigungsvorschriften (für Frauen nach Geburt und Menstruation) und Vorschriften zur Bewahrung der Reinheit (etwa für die Priester vor Antrittt ihres Dienstes: als sexuelle Enthaltsamkeit).
        Mir scheint, mit aller Vorsicht gesagt, dass derartige Tabu- Vorstellungen in der römischen Kaiserzeit von Osten her - und etwa gleichzeitig mit der Ausbreitung und lehrmäßigen Verfestigung des Christentums - íns Römische Reich eindrangen.
        Um Missverständnisse zu vermeiden: Das sind alles Fragen und Frag-
        Würdiges, keine Behauptungen, das sei so.
        D. h., es handelt sich um Bitte, Genaueres mitzuteilen, wer Genaueres weiß.
        Beste Grüße!
        H.

        • Antwort von nach 20 Stunden 0 hilfreich
          Re^4: Unreinheit der Frau?

          Servus! Woher stammt der Zusammenhang von Körperflüssigkeiten (vor
          allem Blut; auch Sperma?) und Unreinheit? (Unreinheit durch
          Kontakt mit Toten gehört wohl nicht unmittelbar hierher.) Im
          AT ist er vorhanden; dazu auch die entsprechenden
          Reinigungsvorschriften (für Frauen nach Geburt und
          Menstruation) und Vorschriften zur Bewahrung der Reinheit
          (etwa für die Priester vor Antrittt ihres Dienstes: als
          sexuelle Enthaltsamkeit).
          Mir scheint, mit aller Vorsicht gesagt, dass derartige Tabu-
          Vorstellungen in der römischen Kaiserzeit von Osten her - und
          etwa gleichzeitig mit der Ausbreitung und lehrmäßigen
          Verfestigung des Christentums - íns Römische Reich eindrangen.
          Diese Vorstellungen beruhen auf der allgemeinen antiken Vorstellung, daß alle ausgeschiedenen Körperflüssigkeiten schlecht seien, da in ihnen die Krankheiten gesammelt sind und krank machen.
          Deswegen waren z.B. die Färber und Gerber in mittelalterlichen Städten immer "unreine" Berufe (selbstverständlich gehört der Henker hier auch dazu - nicht weil er henkt, sondern weil er mit Toten zu tun hat): Das Färben und Gerben kam ohne den Einsatz von Urin nicht aus...
          Die Tabuvorstellungen im Zusammenhang mit Unreinheit kamen zwar aus dem OSten, aber nicht erst in der römischen Kaiserzeit, sonst wären sie nicht schon im AT von so großer Wichtigkeit. Wie viele religiösen Vorstellungen im AT lassen sich die Spuren zurück verfolgen bis zu den Sumerern und den mesopotamischen Religionen.
          Die Semiten Palästinas und Syriens, aus denen die Israeliten hervorgegangen sind, befanden sich im kulturellen Einflußbereich Mesopotamiens und haben diverse Vorstellungen übernommen bzw. adaptiert.

          VG
          Christian

          • Antwort von nach 23 Stunden 0 hilfreich
            Re^5: Unreinheit der Frau?

            Hallo Christian! Diese Vorstellungen beruhen auf der allgemeinen antiken
            Vorstellung, daß alle ausgeschiedenen Körperflüssigkeiten
            schlecht seien, da in ihnen die Krankheiten gesammelt sind und
            krank machen.
            Soweit mir bekannt, ist diese Beurteilung eine rein hygienische (naheliegend) und medizinische (aus der entsprechenden Fachliteratur), aber keine im Sinn der von mir gemeinten religiösen Unreinheit.
            So hat z. B. auch das alljährliche Waschen der Athena-Statue von der Akropolis in Athen im Meer (am Feste Plynthéria) nichts mit kultischer Verunreinigung zu tun, sondern ist im Gegenteil eine Art kultischer Hochzeit mit dem Meer(-Gott).
            Deinen Sprung durch die Zeit mach ich jetzt mal mit: Deswegen waren z.B. die Färber und Gerber in mittelalterlichen
            Städten immer "unreine" Berufe (selbstverständlich gehört der
            Henker hier auch dazu - nicht weil er henkt, sondern weil er
            mit Toten zu tun hat): Das Färben und Gerben kam ohne den
            Einsatz von Urin nicht aus.
            Der Henker hatte einen unreinen Beruf (mit einem eigenen Tisch im Wirtshaus und einem eigenen dort mit einer Kette angehängten Trinkkrug, damit ihn aus Versehen ja sonst niemand bekommt), weil er Gottes Schöpfung, Menschen, hin-richtet (in mittelalterlichen Urkunden häufig euphemistisch ausgedrückt: "... gen Himmel fertiget"). In der wissenschaftlichen Volkskunde wird übrigens auch für die "Unehrlichkeit" der Müller die Meinung vertreten, einer der Gründe sei die Vernichtung des Getreidekorns im Sinn einer Missachtung der Schöpfung.
            Ich springe in die Antike zurück: Im griechisch-römischen Bereich gab es die Vorstellung von - in vergleichbarem metaphysischen Sinn - unreinen Berufen nicht. Hier ist die Vorstellungswelt ganz unbefangen natürlich: Die Gerber und Wäscher gingen mit Eimern in der Stadt umher und sammelten den Urin ein (den sie genauso unbefangen erhielten). Ihre Betriebe waren zwar am Rand der Stadt, aber aus praktischen Gründen: Wie alle Großverbraucher von Wasser waren sie gleich am Ausfluss des Wasserverteilers an der Stadtmauer. Hätte man sie als "unrein" betrachtet, wäre ihr Platz ganz gewess nicht ganz oben an den Wasserleitungen gewesen. (Ein solches Wasserschloss und die Lage der Betriebe kann man in Pompeji gut sehen.) Die Tabuvorstellungen im Zusammenhang mit Unreinheit kamen
            zwar aus dem OSten, aber nicht erst in der römischen
            Kaiserzeit, sonst wären sie nicht schon im AT von so großer
            Wichtigkeit.
            Meinen wir mit AT schon beide das Alte Testament? lassen sich die Spuren zurück verfolgen bis zu den Sumerern und den
            mesopotamischen Religionen.
            Die Semiten Palästinas und Syriens, aus denen die Israeliten
            hervorgegangen sind, befanden sich im kulturellen
            Einflußbereich Mesopotamiens und haben diverse Vorstellungen
            übernommen bzw. adaptiert.
            Das ist ja auch meine Meinung über den Ursprung dieser Vorstellungen.
            (Es hat ja auch das Tabu, Pferdefleisch zu essen, gerade nichts mit Unreinheitsvorstellungen der Germanen zu tun, sondern mit ihrem heidnischen Opfermahl, das von den Missionaren bekämpft und dämonisiert wurde.)
            Wie man die Hygienevorstellungen und den Fortschritt in diesem Bereich, in dem sich Religion und Medizin überschneiden, einordnen soll, weiß ich überhaupt nicht: Ist die durch Unreinheitsvorstellungen verursachte Distanz der Bevölkerung zu den unreinen Berufen (Henker, Abdecker/Schinder), nicht auch ein Fortschritt in der Hygiene? Ähnlich auch das Gebot des Schlachtens durch Schächten? Oder die tabuisierenden Vorschriften zum Umgang mit Blut? Das kann ja alles auch der Niederschlag aus entsprechenden Erfahrungen sein.
            Beste Grüße!
            H.

            • Antwort von nach einem Tag 1 hilfreich
              Re^6: Unreinheit

              Servus Hannes! Diese Vorstellungen beruhen auf der allgemeinen antiken
              Vorstellung, daß alle ausgeschiedenen Körperflüssigkeiten
              schlecht seien, da in ihnen die Krankheiten gesammelt sind und
              krank machen.
              Soweit mir bekannt, ist diese Beurteilung eine rein
              hygienische (naheliegend) und medizinische (aus der
              entsprechenden Fachliteratur), aber keine im Sinn der von mir
              gemeinten religiösen Unreinheit.
              Das fließt aber ineinander: Viele der religiösen Tabuvorschriften in allen Religionen sind irgendwie auch auf medizinische/hygeniesche Gründe zurückzuführen. Manche sind zwar auch rein religiöser Natur wie das von Dir unten erwähnte Tabu des Essens von Pferdefleisch (wobei hier Politik und Reliogn ähnlich vermischt sind wie beim Blut Religion und Medizin), aber bei den meisten dieser Vorschriften kannst du einfach nicht trennen zwischen religiösem Tabu wegen Unreinheit und medizinischer Notwendigkeit z.B. wegen leichter Verderbnis.

              Noch ein Exkurs: Viele Tiere - und das Verspeisen selbiger - galten als tabu oder unrein, einfach weil sie gespaltene Klauen oder Zungen hatten, oder bei Nachbarvölkern verehrt wurden, mit denen man absolut nix zu tun haben wollte. Manchmal war es also reiner Aberglaube, manchmal auch die schon angesprochene Vermischung von Religion und Politik, sehr oft aber eben Religion+Medizin. So hat z. B. auch das alljährliche Waschen der Athena-Statue
              von der Akropolis in Athen im Meer (am Feste Plynthéria)
              nichts mit kultischer Verunreinigung zu tun, sondern ist im
              Gegenteil eine Art kultischer Hochzeit mit dem Meer(-Gott).
              Deinen Sprung durch die Zeit
              (sorry for that) mach ich jetzt mal mit: Deswegen waren z.B. die Färber und Gerber in mittelalterlichen
              Städten immer "unreine" Berufe (selbstverständlich gehört der
              Henker hier auch dazu - nicht weil er henkt, sondern weil er
              mit Toten zu tun hat): Das Färben und Gerben kam ohne den
              Einsatz von Urin nicht aus.
              Der Henker hatte einen unreinen Beruf (mit einem eigenen Tisch
              im Wirtshaus und einem eigenen dort mit einer Kette
              angehängten Trinkkrug, damit ihn aus Versehen ja sonst niemand
              bekommt), weil er Gottes Schöpfung, Menschen, hin-richtet (in
              mittelalterlichen Urkunden häufig euphemistisch ausgedrückt:
              "... gen Himmel fertiget"). In der wissenschaftlichen
              Volkskunde wird übrigens auch für die "Unehrlichkeit" der
              Müller die Meinung vertreten, einer der Gründe sei die
              Vernichtung des Getreidekorns im Sinn einer Missachtung der
              Schöpfung.
              Nein. Brot war ein Grundnahrungsmittel und darüber hinaus etwas Heiliges (siehe Hostien). Um Brot zu kriegen, musst du Getreide bearbeiten. Das Korn wird verwandelt, nicht zerstört.
              Der Grund war, daß es für Müller sehr leicht war, zu betrügen. Entweder, indem sie dem Bauern klarmachen wollten, dass in ihren Körnern halt einfach weniger Mehl war oder - das kam öfter vor - indem sie die Gewichte fälschten, mit denen das Mehl abgewogen wurde. Bei einem Grundnahrungsmittel, das Brot war und ist, sind die Leute sehr empfindlich... Ich springe in die Antike zurück: Im griechisch-römischen
              Bereich gab es die Vorstellung von - in vergleichbarem
              metaphysischen Sinn - unreinen Berufen nicht. Hier ist die
              Vorstellungswelt ganz unbefangen natürlich: Die Gerber und
              Wäscher gingen mit Eimern in der Stadt umher und sammelten den
              Urin ein (den sie genauso unbefangen erhielten).
              Bzw. sie stellten die Behälter am Strassenrand auf. So sparten die Stadtväter auch die öffentlichen Toiletten...Ne, halt, mit der "Festmasse" konnten die Gerber ja nix anfangen. Ihre Betriebe
              waren zwar am Rand der Stadt, aber aus praktischen Gründen:
              Wie alle Großverbraucher von Wasser waren sie gleich am
              Ausfluss des Wasserverteilers an der Stadtmauer. Hätte man sie
              als "unrein" betrachtet, wäre ihr Platz ganz gewess nicht ganz
              oben an den Wasserleitungen gewesen. (Ein solches
              Wasserschloss und die Lage der Betriebe kann man in Pompeji
              gut sehen.)
              War in Pompeji auch nicht so wichtig: Wie in vielen römischen Städten gab´s hier eine Kanalisation. Das Brauchwasser der Färber und Gerber (und Metzger und Kürschner und...) wurde abgezweigt, der Rest war noch das gleiche reine Trinkwasser und konnte auch so verwendet werden.
              Im Mittelalter holte man das Wasser einfach aus dem Bach und ließ das Abwasser wieder in den Bach laufen oder auf die Strasse.
              Da, wo die Gerber und Färber waren, wurden also Trink- und Brauchwasser vermischt.
              Nachdem man beobachtet hatte, daß es nicht gut ist, das Abwasser der Gerber und Färber zu trinken (ganz abgesehen vom Gestank), zwang man diese Handwerker, am AUSgang der städtischen Wasserversorgung zu siedeln. Die Tabuvorstellungen im Zusammenhang mit Unreinheit kamen
              zwar aus dem OSten, aber nicht erst in der römischen
              Kaiserzeit, sonst wären sie nicht schon im AT von so großer
              Wichtigkeit.
              Meinen wir mit AT schon beide das Alte Testament?
              Ja.
              (snip) Wie man die Hygienevorstellungen und den Fortschritt in diesem
              Bereich, in dem sich Religion und Medizin überschneiden,
              einordnen soll, weiß ich überhaupt nicht: Ist die durch
              Unreinheitsvorstellungen verursachte Distanz der Bevölkerung
              zu den unreinen Berufen (Henker, Abdecker/Schinder), nicht
              auch ein Fortschritt in der Hygiene?
              Ja. Das war aber keine Vorher-Nachher-Abfolge, sondern ging Hand in Hand. Wurde jemand krank, war ein Gott bzw. häufiger einer der vielen Dämonen des mesopotamischen Kosmos zuständig. Aus Beobachtungen wußte man, wie man bestimmte Krankheiten verhindern konnte, also wurden dem Dämon entsprechende Eigenschaften zugesprochen. Götter waren die Gegenspieler der Dämonen, also musste man im Krankheitsfalle dem Gott huldigen oder ihn anbeten oder den zuständigen Priester für Beschwörungen bezahlen oder wasweissichnichtalles tun, um die Krankheit abzuweisen.
              Im Gegenzug durfte man halt bestimmte Dinge nicht tun, weil das den Dämon herbeirufen würde. Schon hast du eine direkte Beziehung zwischen Medizin und religiösem Tabu.
              Vereinfacht und verallgemeinert dargestellt. Ähnlich auch das Gebot
              des Schlachtens durch Schächten?
              Jein. Den Juden ist der Genuß von Blut verboten. Man wird schnell krank davon, besonders im heißen Klima des Nahen Ostens. Also schauen die Juden, dass in ihren Tieren ja kein Tropfen Blut mehr ist, wenn sie sie verspeisen. Man kann aber auch anders verhindern, daß man vom im Fleisch enthaltenen Blut krank wird. Die Juden machten´s halt nach alter Hirtentradition so und behielten es auch bei, als die Nachbarvölker schon andere Methoden kannten, mit dem Blut im Schlachtvieh umzugehen. Der Grund war wohl, dass sich die Juden stets von den polytheistischen Nachbarn abgrenzen wollten bzw. an ihrem Gott und seinen einmal gegebenen Vorschriften eisern festhielten, wo die Nachbarn flexibler waren.
              Schau mal in die Bibel: Dort wird sehr oft betont, daß rein äußerliche Handlungen nicht ausreichen, um den Menschen rein zu machen. Innere Festigkeit gehört dazu. Man kann das positiv als Standhaftigkeit betrachten oder negativ als Unflexibilität. Oder die tabuisierenden
              Vorschriften zum Umgang mit Blut? Das kann ja alles auch der
              Niederschlag aus entsprechenden Erfahrungen sein.
              Ist es auch. Die entsprechenden gewundenen Gedankengänge siehe oben.

              VG
              Christian

            • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
              Re^7: Unreinheit

              Hallo Christian, In der wissenschaftlichen
              Volkskunde wird übrigens auch für die "Unehrlichkeit" der
              Müller die Meinung vertreten, einer der Gründe sei die
              Vernichtung des Getreidekorns im Sinn einer Missachtung der
              Schöpfung.
              Nein.
              Brot war ein Grundnahrungsmittel und darüber hinaus
              etwas Heiliges (siehe Hostien). Um Brot zu kriegen, musst du
              Getreide bearbeiten. Das Korn wird verwandelt, nicht zerstört.
              Der Grund war, daß es für Müller sehr leicht war, zu betrügen.
              Entweder, indem sie dem Bauern klarmachen wollten, dass in
              ihren Körnern halt einfach weniger Mehl war oder - das kam
              öfter vor - indem sie die Gewichte fälschten, mit denen das
              Mehl abgewogen wurde. Bei einem Grundnahrungsmittel, das Brot
              war und ist, sind die Leute sehr empfindlich...
              Es wird auch noch das nächtliche Rumpeln im Mahlwerk angeführt als Gespensterglaube; aber eben auch die magische Vorstellung von der Vernichtung. (Is ja nicht meine Idee, sondern These aus der Wissenschaft.) So ähnlich, wie in manchen Kulturkreisen der Schlächter sich beim Schlachttier entSCHULDigt, weil/obwohl er es töten muss. Ihre Betriebe
              waren zwar am Rand der Stadt, aber aus praktischen Gründen:
              Wie in vielen römischen
              Städten gab´s hier eine Kanalisation. Das Brauchwasser der
              Färber und Gerber (und Metzger und Kürschner und...) wurde
              abgezweigt, der Rest war noch das gleiche reine Trinkwasser
              und konnte auch so verwendet werden.
              Ja, das ist die chemische Erklärung; aber die würde nicht zutreffen, wenn man an kultische Unreinheit geglaubt hätte. Nachdem man beobachtet hatte, daß es nicht gut ist, das
              Abwasser der Gerber und Färber zu trinken (ganz abgesehen vom
              Gestank), zwang man diese Handwerker, am AUSgang der
              städtischen Wasserversorgung zu siedeln.
              Ja eben, nicht wegen irgendwelcher kultischer Vorstellungen. Das Mittelalter kennt dafür doch keine religiöse Begründung. Die Tabuvorstellungen im Zusammenhang mit Unreinheit kamen
              zwar aus dem OSten, aber nicht erst in der römischen
              Kaiserzeit, sonst wären sie nicht schon im AT von so großer
              Wichtigkeit.
              Meinen wir mit AT schon beide das Alte Testament?
              Ja.
              Dann verstehe ich aber den zitierten Begründungszusammenhang nicht.
              Sie können doch ruhig im AT wichtig gewesen sein und trotzdem erst in der Kaiserzeit sich im Westen verbreitet haben.
              Schön' Gruß!
              H.

            • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
              Re^8: kultische Unreinheit

              Hallo Hannes, Ja eben, nicht wegen irgendwelcher kultischer Vorstellungen.
              Das Mittelalter kennt dafür doch keine religiöse Begründung.
              Achso. Ich habe mich rein auf die von Dir ins Spiel gebrachten "unreinen Berufe" bezogen. Da trat natürlich religiöse Unreinheit in den Hintergrund. Obwohl sie letzten Endes doch dahinter steckte - im Mittelalter stand ALLES in irgendeinem religiösen Zusammenhang. Auch wenn einige Tabus aus sozialen Reglementierungen stammten, irgendwann fand sich auch eine religiöse Begründung dafür - siehe meinen Exkurs in die altmesopotamischen Religionen.
              Ein Beispiel (und schon wieder ein zeitlicher Sprung): In einigen ländlichen Gegenden Deutschlands war es bis in die Zwischenkriegszeit ungeschriebenes Gesetz, dass Mütter auch der Taufe nicht beiwohnen durften, da sie noch nicht "ausgesegnet" waren. Es bedurfte eines besonderen Segens, um den Zustand der Reinheit wiederherzustellen. Die Tabuvorstellungen im Zusammenhang mit Unreinheit kamen
              zwar aus dem OSten, aber nicht erst in der römischen
              Kaiserzeit, sonst wären sie nicht schon im AT von so großer
              Wichtigkeit.
              Meinen wir mit AT schon beide das Alte Testament?
              Ja.
              Dann verstehe ich aber den zitierten Begründungszusammenhang
              nicht.
              Sie können doch ruhig im AT wichtig gewesen sein und trotzdem
              erst in der Kaiserzeit sich im Westen verbreitet haben.
              Mein Fehler. Ich hatte "Kaiserzeit" irgendwie mit der Zeit ab Konstantin assoziiert. Natürlich gab´s auch eine Kaiserzeit ohne christliche Einflüsse.
              Nur hatte auch die altrömische Religion ihre religiösen Tabuvorstellungen. Einige stammten bestimmt originär aus altitalischen Quellen, einige wurden auf dem Umweg über die Griechen aus dem Osten übernommen - aus den gleichen Quellen wie die im AT überlieferten Vorschriften. *sich rauswind*

              VG
              Christian



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