Mich treibt seit längerem die Frage um, wie Bismarks
politisches Werk und seine Auswirkungen auf die neuere
deutsche Geschichte zu bewerten ist.
Stichwörter wären: Militärreform in Preussen,
Deutsch-österreichischer Krieg, Annektion Norddeutschlands,
Deutsch-franz. Krieg, Annektion Elsass-Lothringen, Deutsche
Einheit, Kulturkampf, Sozialistengesetze, Sozialgesetze usw.
Die "Revolution" -oder besser: die angetäuschte Reovlution von 48- hatte ja eindeutig bewiesen, dass das liberale Bürgertum nicht in der Lage sein würde, Deutschland zu einigen.
Insofern stellt sich die Frage, ob das Deutsche Reich ohne Bismarck jemals ein einheitlicher Bundesstaat geworden wäre.
Im Krieg von 1866 hatte Bismarck ja noch weitsichtig gegen eine Demütigung der unterlegenen Österreicher agiert und auf Siegesparaden u.ä. verzichtet. 1871 gab es jedoch die von Dir erwähnte Annektion des ewigen Zankapfels Elsass und überdies die Proklamation des deutschen Kaiserreiches in Versaille, was eine ebenso grosse politische Provokation war. Vielleicht auch ein Revancheakt, den man im "Bruderkampf" gegen Ö nicht nötig gehabt hatte, gegen Frankreich aber eine Genugtuung für die deutsche Volksseele darstellte. (der Krieg war schliesslich auch und grade aus innenpolitischen Gründen ->Einheit des Reiches geführt worden).
Die deutsche Verfassung von 71, die ihm auf den Leib geschnitten war, führte später, unter schwächeren Kanzlern zu einer zu grossen Entscheidungsgewalt des erwiesenermassen leicht geisteskranken Wilhelm2.
Die ENtdemokratisierung Deutschlands und das Obrigkeitsdenken a la "wenn xyz sagt ..., dann müssen wir das auch tun" ist m.E. auf diese Zeit zurückzuführen. Insbesondere die SPD wurde auf ewig als vaterlandslose Partei gebrandmarkt, was möglicherweise im Nachhinein sogar dazu geführt haben mag, das der Burgfrieden im 1.WK zustande kam, da die SPD sich als patriotische Partei beweisen musste, um dieses Image los zu werden.
Seine ENtspannungspolitik nach dem d-fr Krieg hingegen hat massgeblich zur Stabilisierung Europas im ausgehenden 19ten Jahrhundert geführt. Klug war auch seine jahrelange Verweigerung zur Forderung nach Kolonialpolitik, die von der deutschen Industrie erhoben wurde. (ERst kurz vor Ende seiner AMtszeit hat er diesem nachgegeben.)
Als Fazit würde ich sage: Bismarck war ein sehr harter Machtpolitiker mit klaren, vernünftigen und auch wichtigen Zielen für Deutschland, der jedoch die Zarte Pflanze der Demokratie auf Jahrzehnte hinweg vergiftet hat.