Bismarks politisches Werk: positiv oder negativ?

Von: , Frage gestellt am Di, 26. Sep 2000

Hallo liebe Historiker
Mich treibt seit längerem die Frage um, wie Bismarks politisches Werk und seine Auswirkungen auf die neuere deutsche Geschichte zu bewerten ist.
Stichwörter wären: Militärreform in Preussen, Deutsch-österreichischer Krieg, Annektion Norddeutschlands, Deutsch-franz. Krieg, Annektion Elsass-Lothringen, Deutsche Einheit, Kulturkampf, Sozialistengesetze, Sozialgesetze usw.

Persönlich glaube ich, das die Auswirkungen seiner Politik verhängnisvoll waren, insbes. die Annektion von Elsass-Lothringen war eine ewige Kriegssaat.

Was meint Ihr?

Gruss
Mike

48 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach einer Stunde 1 hilfreich
    Re: Bismarks politisches Werk: positiv oder negati

    Bin kein Historiker, nur interessierter Laie. Ich denke: außenpolitisch top, inenpolitisch flop! Außenpolitisch hat er das richtig gemacht, was er machen konnte, denn immerhin war er ja nicht der Kaiser, nicht mal Mitglied des Hochadels. Die Vernunft, die er bei Nikolsburg walten ließ, haben ihn die deutschnationalen Spinner in der Haltung gegen Frankreich
    leider nicht üben lassen.
    Innenpolitisch ist imho bezeichnend, dass er nach seinem Abgang die fehlenden Reformen beklagte (Wahlrecht, Einfluß des Parlaments, Verfassungsreform usw) und also klar gesehen hat, dass sein Genie-Kult die Entwicklung des Dt. Reiches zu einem modernen Staat verhindert hat - mit der Spätfolge Hitler???
    frank [Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

    • Antwort von nach 2 Tagen 1 hilfreich
      Re^2: Bismarks politisches Werk: positiv oder nega

      Bin kein Historiker, nur interessierter Laie. Ich denke:
      außenpolitisch top, inenpolitisch flop! Außenpolitisch hat er
      das richtig gemacht, was er machen konnte, denn immerhin war
      er ja nicht der Kaiser, nicht mal Mitglied des Hochadels. Die
      Vernunft, die er bei Nikolsburg walten ließ, haben ihn die
      deutschnationalen Spinner in der Haltung gegen Frankreich
      leider nicht üben lassen.
      Innenpolitisch ist imho bezeichnend, dass er nach seinem
      Abgang die fehlenden Reformen beklagte (Wahlrecht, Einfluß des
      Parlaments, Verfassungsreform usw) und also klar gesehen hat,
      dass sein Genie-Kult die Entwicklung des Dt. Reiches zu einem
      modernen Staat verhindert hat - mit der Spätfolge Hitler???
      frank
      Ich bin auch kein Historiker und was Bismark Außenpolitisch so auf die Reihe gebracht hat, habe ich zuletzt vor ca. 15 Jahren im Geschichtsunterricht in der Schule gehört, doch eins habe ich nicht vergessen: Bismark ist der Begründer unseres heutigen Sozialstaates. Krankenversicherung, Rentenversicherung, usw., so etwas hat der damalige Reichskanzler eingeführt. Man muss einfach mal sehen, dass die Soziale Absicherung die wir heute haben, auf Bismarks Anstrengungen hin aufgbaut wurden. Selbst die Amerikaner haben heute nicht eine solche soziale Absicherung wie die Deutschen.
      Ein kleiner Geschichtsfan

      • Antwort von nach 2 Tagen hilfreich
        Re^3: Bismarks politisches Werk: positiv oder nega

        Bismark ist der Begründer unseres
        heutigen Sozialstaates.
        Du vergisst, dass die sozialistische arbeiterbewegung vorher mächtig druck machen und mit der revolution drohen musste, ehe sich ein reaktionärer knochen wie Bismarck dazu bequemte, diese reformen den arbeitern zuzugestehen.
        Übrigens sind wesentliche teile des deutschen sozialwesens, vor allem arbeitszeitverkürzung (8-stunden-tag) und tarifvertraglich gesicherte löhne, erst durch die revolution von 1918 durchgesetzt worden.
        Gruß von Jens

      • Antwort von nach 4 Tagen hilfreich
        Re^3: Bismarks politisches Werk: positiv oder nega

        Bismark ist der Begründer unseres
        heutigen Sozialstaates. Krankenversicherung,
        Rentenversicherung, usw., so etwas hat der damalige
        Reichskanzler eingeführt. Man muss einfach mal sehen, dass die
        Soziale Absicherung die wir heute haben, auf Bismarks
        Anstrengungen hin aufgbaut wurden
        Stimmt! Nicht nur die heute (zu recht) negativ bewerteten Sozialistengesetze beruhen auf Bismark, sondern auch die heute unheimlich positiv bewerteten Sozialgesetze.

        Zuckerbrot und Peitsche halt. So war er nun mal.

        Stefan.

  2. Antwort von nach 2 Stunden 2 hilfreich
    zwiespältig

    Mich treibt seit längerem die Frage um, wie Bismarks
    politisches Werk und seine Auswirkungen auf die neuere
    deutsche Geschichte zu bewerten ist.
    Stichwörter wären: Militärreform in Preussen,
    Deutsch-österreichischer Krieg, Annektion Norddeutschlands,
    Deutsch-franz. Krieg, Annektion Elsass-Lothringen, Deutsche
    Einheit, Kulturkampf, Sozialistengesetze, Sozialgesetze usw.
    Die "Revolution" -oder besser: die angetäuschte Reovlution von 48- hatte ja eindeutig bewiesen, dass das liberale Bürgertum nicht in der Lage sein würde, Deutschland zu einigen.
    Insofern stellt sich die Frage, ob das Deutsche Reich ohne Bismarck jemals ein einheitlicher Bundesstaat geworden wäre.
    Im Krieg von 1866 hatte Bismarck ja noch weitsichtig gegen eine Demütigung der unterlegenen Österreicher agiert und auf Siegesparaden u.ä. verzichtet. 1871 gab es jedoch die von Dir erwähnte Annektion des ewigen Zankapfels Elsass und überdies die Proklamation des deutschen Kaiserreiches in Versaille, was eine ebenso grosse politische Provokation war. Vielleicht auch ein Revancheakt, den man im "Bruderkampf" gegen Ö nicht nötig gehabt hatte, gegen Frankreich aber eine Genugtuung für die deutsche Volksseele darstellte. (der Krieg war schliesslich auch und grade aus innenpolitischen Gründen ->Einheit des Reiches geführt worden).
    Die deutsche Verfassung von 71, die ihm auf den Leib geschnitten war, führte später, unter schwächeren Kanzlern zu einer zu grossen Entscheidungsgewalt des erwiesenermassen leicht geisteskranken Wilhelm2.
    Die ENtdemokratisierung Deutschlands und das Obrigkeitsdenken a la "wenn xyz sagt ..., dann müssen wir das auch tun" ist m.E. auf diese Zeit zurückzuführen. Insbesondere die SPD wurde auf ewig als vaterlandslose Partei gebrandmarkt, was möglicherweise im Nachhinein sogar dazu geführt haben mag, das der Burgfrieden im 1.WK zustande kam, da die SPD sich als patriotische Partei beweisen musste, um dieses Image los zu werden.
    Seine ENtspannungspolitik nach dem d-fr Krieg hingegen hat massgeblich zur Stabilisierung Europas im ausgehenden 19ten Jahrhundert geführt. Klug war auch seine jahrelange Verweigerung zur Forderung nach Kolonialpolitik, die von der deutschen Industrie erhoben wurde. (ERst kurz vor Ende seiner AMtszeit hat er diesem nachgegeben.)
    Als Fazit würde ich sage: Bismarck war ein sehr harter Machtpolitiker mit klaren, vernünftigen und auch wichtigen Zielen für Deutschland, der jedoch die Zarte Pflanze der Demokratie auf Jahrzehnte hinweg vergiftet hat.

    • Antwort von nach 2 Tagen hilfreich
      Re: zwiespältig

      Eine anmerkung dazu habe ich eine ebene höher eingefügt.
      Gruß von Jens

  3. Antwort von nach 2 Tagen hilfreich
    Re: Bismarck: Militarismus

    Das schlimmste an der politik Bismarcks war sein militarismus, seine verherrlichung von militärischer gewalt, oder wie er sich auszudrücken beliebte, von "eisen und blut".
    Diese erblast hat auf ziemlich direktem wege in den Ersten Weltkrieg geführt, und die in Deutschland unverstandene niederlage der deutschen militaristen, die sich bereits im Sept. 1914 abzeichnete (von wegen dolchstoß), hat dann auch den weg in faschismus und II. Weltkrieg gewiesen.
    Seine außenpolitik kann gar nicht so topp gewesen sein; dazu muss man sich ansehen, wie die meisten Franzosen Bismarck und sein Reich gehasst haben. Ein kluger machtpolitiker hätte es verstanden, diesen hass zu vermeiden oder wenigstens abzumildern.
    Gruß von Jens

    • Antwort von nach 2 Tagen 2 hilfreich
      Re^2: Bismarck: Militarismus

      Diese erblast hat auf ziemlich direktem wege in den Ersten
      Weltkrieg geführt, und die in Deutschland unverstandene
      niederlage der deutschen militaristen, die sich bereits im
      Sept. 1914 abzeichnete (von wegen dolchstoß),
      Moment! Die Deutschen sind im I.WK nicht militärisch geschlagen worden, sondern auf dem Papier. Was sich im Sep. 14 abzeichnete, spielte 18 keine Rolle. Uabhängig davon, ob die Deutschen den I.WK gewonnen hätten oder nicht, sie haben ihn miltiärisch gesehen nicht verloren! Sie haben ihn politisch verloren! hat dann auch
      den weg in faschismus und II. Weltkrieg gewiesen.
      Fast. Da spielten auch andere Faktoren wie die Weltwirtschaftskrise, die hohe Arbeitlosigkeit und die instabile politische Situation in der Weimarer Republik eine nicht unwichtige Rolle. Seine außenpolitik kann gar nicht so topp gewesen sein; dazu
      muss man sich ansehen, wie die meisten Franzosen Bismarck und
      sein Reich gehasst haben.
      Was interessiert einen Deutschen die Meinung der Franzosen über seine Politiker an? Das Verhältniss Germany-France war zu dieser Zeit eh kein Gutes, hier damit jetzt Gründe für eine schlechte Aussenpolitik zu suchen, wäre falsch. Ein kluger machtpolitiker hätte es
      verstanden, diesen hass zu vermeiden oder wenigstens
      abzumildern.
      Heute ja, damals war das anders.

      CIAo

      • Antwort von nach 2 Tagen hilfreich
        Re^3: Bismarck: Militarismus

        Hi Reiko
        Ich weiss, man muss nix begründen, aber ich kann mein Maul trotzdem nicht halten *g* ... die sich bereits im
        Sept. 1914 abzeichnete (von wegen dolchstoß),
        Moment! Die Deutschen sind im I.WK nicht militärisch
        geschlagen worden, sondern auf dem Papier. Was sich im Sep. 14
        abzeichnete, spielte 18 keine Rolle. Uabhängig davon, ob die
        Deutschen den I.WK gewonnen hätten oder nicht, sie haben ihn
        miltiärisch gesehen nicht verloren! Sie haben ihn politisch
        verloren!
        Wie bitte? Glaubst Du etwa an die Dolchstosslegende?
        Mal ein paar Fakten:
        Sommer 1918: Eintreffen massiver Verstärkungen der USA
        08.08.1918: Schlacht bei Amiens, schwerer Panzerdurchbruch der Aliierten, deutscher Rückzug...
        15. 09.: Zusammenbruch der Balkanfront, Kurz darauf Kapitulation Bulgariens und milit. Zusammenbruch Österreichs.

        Das OKH hat am 29. 09. selbst eingestanden, das jeder weitere Kampf sinnlos ist...
        ich frag mich jetzt, was noch zu einer Niederlage fehlt.
        By the way, die sog Meuterei der Matrosen (Wiederstand gegen regierungsuntreue Offiziere) begann im Oktober. hat dann auch
        den weg in faschismus und II. Weltkrieg gewiesen.
        Fast. Da spielten auch andere Faktoren wie die
        Weltwirtschaftskrise, die hohe Arbeitlosigkeit und die
        instabile politische Situation in der Weimarer Republik eine
        nicht unwichtige Rolle.
        ... Die wiederum zu einem Gutteil auf den (zugegebenermaßen dämlichen) Versailler Friedensvertrag zurückgeführt werden können. Allerdings, wenn man Versailles mit dem Frieden von Brest-Litowsk (D-Russland) 1918 vergleicht, dann war Versailles durchaus im Rahmen. Das Verhältniss Germany-France war zu
        dieser Zeit eh kein Gutes, hier damit jetzt Gründe für eine
        schlechte Aussenpolitik zu suchen, wäre falsch.
        Aber warum war es so schlecht: 1970 kämpfte Frankreich nach Sedan nur weiter, weil Deutschland auf der Abtretung von Elsass-Lothringen bestand. NICHTS konnte diesen kapitalen Bock wettmachen. Man sollte seinem Feind immer die Möglichkeit lassen, wieder zum Freund zu werden... (Oder alle erschiessen und dann die Leichen zählen... -ist jetzt im übertragenen Sinne gemeint-) Demütigungen schluckt niemand so leicht runter.

        Gruss
        Mike



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