Filmgeschichte

Von: , Frage gestellt am Mo, 8. Jan 2007

Hallo allerseits,

ich mache z. Z. einen Kurs in Filmgeschichte und habe in einem Fachbuch gelesen, dass die expressionistischen deutschen Stummfilme der 20er Jahre (bes. 'Das Kabinett des Dr. Caligari') zum Triumph der Nazis gefuehrt haben sollen. Es gab leider keine weiteren Erklaerungen.

Kann mir jemand diesen Zusammenhang erklaeren? Ich kann das nicht so wirklich nachvollziehen. Waere schoen, wenn es keine "ich glaube, meine, denke"-Antworten waeren, sondern etwas von jemandem der es wirklich weiss.

Vielen Dank
M.

2 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 2 Stunden 1 hilfreich
    Re: Filmgeschichte

    Hallo, ich mache z. Z. einen Kurs in Filmgeschichte und habe in einem
    Fachbuch gelesen, dass die expressionistischen deutschen
    Stummfilme der 20er Jahre (bes. 'Das Kabinett des Dr.
    Caligari') zum Triumph der Nazis gefuehrt haben sollen. Es gab
    leider keine weiteren Erklaerungen.
    was ein klarer Mangel des Fachbuches ist, denn man kann diese Zusammenhänge so sehen, man könnte aber auch genau anders rum einen Film wie den Caligari -so wie die Nazis auch- als "entartete Kunst" betrachten ...

    Anders gesagt: ohne zu sagen, aus welcher Perspektive man diese Aussage trifft, macht die Aussage sinnlos.

    Die klassische Studie schlechthin, auf die Dein Buch wohl auch anspielt, ist Kracauers "Von Caligari zu Hitler" von m.W. 1947:
    http://www.amazon.de/Caligari-Hitler-psychologische-...

    Leider finde ich im Netz auf die Schnelle keine Inhaltsangabe, am ehesten vielleicht noch hier:
    http://www.thies-albers.de/seminar/filmsoziologie/PD...
    in kritischer Ablehnung hier:
    http://www.satt.org/film/00_12_caligari_1.html
    oder eine teilweise "Anwendung" hier:
    http://www.ilmondodisofia.it/archiviotesi/lingue/01l...
    (Text ist auf deutsch!)

    Wenn es Dir aber nicht speziell um den Caligari geht, sondern um den Expressionismus, dann würde ich dir "Metropolis" ans Herz legen, denn da ist nicht nur die Ästhetik des Films (wie laut Kracauer und anderen beim Caligari), sondern da ist recht klar ersichtlich das Sujet selbst ganz eindeutig faschistisch (zumindest in der Lesart, in der die Nazis selbst den Film sich angeeignet hatten).

    Pathetisch könnte man mit Hegel sagen, dass in "Metropolis", also am Ende des Expressionismus", dessen Wesen zur Erscheinung kommt, also seine Formmerkmale Gehalt werden ;-)

    Hier könnte ich die Vorlesung von Prof. Decker an der Uni Kiel empfehlen, die es zum kostenlosen Download gibt:
    http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/...

    In dieser Vorlesung geht es nicht speziell um den faschistischen Gehalt des Films, aber er wird dort klar ersichtlich;

    copy&paste-Auszüge aus meiner Mitschrift zur Vorlesung:

    Metropolis als der teuerste Film der ufa-ever -> er trieb die ufa in den Ruin bzw. zur Aktienübernahme durch Alfred Hugenberg

    -> als Metropolis uraufgeführt wurde, war die ufa schon in der Hand Hugenbergs, aus der Uraufführung wurde eine Staatsakt

    Drei Schichte: oben (Führerschicht; Technokratie) – unten (vollkommen entindividualiserte Arbeiter) – ganz unten (Katakomben; Maria; Mittler-Ebene)

    Leitformel: „Mittler zwischen Hirn und Hand muss das Herz sein“

    -> das Herz als Metapher für die emotionale Bande zwischen Arbeiterschaft und Führung wird in en oppositionellen Gegensatz von Arbeitern und Führern eingeführt

    -> damit wird der hierarchische Gegensatz zementiert statt aufgelöst

    -> die gesellschaftlichen Gruppen werden durch die Vermittlung auf ein größeres Ganzes, den Bestand der Gesellschaft verpflichtet

    zentrale Botschaft des Film: die Klassen-Grenzen müssen kommunikativ überwunden werden

    -> und zwar eben durch Freder und Maria, Priester- und Erlöserfiguren

    durch die Personifizierung von Metropolis werden die gegensätzlichen Klassen zu Teilen eines größeren Ganzen

    -> zur einer Person gehören nicht nur Hirn und Hand, auch das Herz

    -> dadurch wird auch der Klassengegensatz naturalisiert, in das Wesen der Welt gelegt, zu unhistorischen, unwandelbaren Größen gemacht -> anti-Revolution

    Losung: Der Klassengegensatz kann nur durch vermitteltes Kommunizieren zwischen den Klassen unschädlich gemacht werden

    Metropolis geht um die Disziplinierung des Menschen, z.B. der Arbeiter, im idealen Fall um die Selbstdisziplinierung wie im Fall Freders, dessen Beziehung zu Maria keine leidenschaftlich-erotische ist, sondern eine ent-erotisiserte Zweckbeziehung für die „Vermittlung“

    Freder muss als Erlöser-Christus-Figur seinen Körper aufgeben, als anderer weidergeboren werden nach dem Kreuzes-Opfer-tod an der Zeit-Maschine und der Auferstehung in den Katakomben

    -> Befreiung Freders von seinem Körper, seiner Sexualität

    das Sexuelle ist das Maschinenhafte, etwas Unmenschliches; die Roboter-Maria tanzt im Nachtclub, während die menschliche Maria eine nicht-sexuelle, mütterliche ist

    die Auflösung der gesellschaftlichen Ordnung droht durch die Entfesselung der sexuellen Triebe, wie die todbringende Roboter-Maria zeigt

    Mythen im Film:

    christliche und biblische Mythen: Christus, Moloch, Babylon, Turmbau zu Babel, Vertröstung der leidenden Arbeiter auf den Erlöser

    -> dies kann vom Film heraus auch auf den Film selbst übertragen werden: als ideologische Beeinflussung der Massen im Dienste der Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung


    Und ähnliches sieht eben Kracauer auch am Caligari bzw. allgemein am Expressionismus, aber eben vornehmlich in der Form des Films, nicht im Gehalt wie hier.

    Viele Grüße
    Franz

    • Antwort von nach 2 Tagen 0 hilfreich
      Re^2: Filmgeschichte

      Hallo Franz,

      danke fuer die ausfuehrliche Antwort. Diese Inhaltsangaben helfen mir leider nicht wirklich weiter und weil das Thema erst am Ende des Semesters kam ist es nun auch zu spaet um das Buch von Kracauer zu bestellen bw. zu lesen.

      Um 'Metropolis' geht es hier nicht, der Dozent meint Murnau war der 'groessere' Regisseur. Lang kommt an ihn nicht heran. Und 'Caligari' hat halt die expressionistischen Filme gestartet.

      Leider ist das 'mangelhafte' Buch aber nun mal die Grundlage fuer die Pruefung.

      Trotzdem danke,
      was ein klarer Mangel des Fachbuches ist, denn man kann
      diese Zusammenhänge so sehen, man könnte aber auch genau
      anders rum einen Film wie den Caligari -so wie die Nazis auch-
      als "entartete Kunst" betrachten ...

      Anders gesagt: ohne zu sagen, aus welcher Perspektive man
      diese Aussage trifft, macht die Aussage sinnlos.

      Die klassische Studie schlechthin, auf die Dein Buch wohl auch
      anspielt, ist Kracauers "Von Caligari zu Hitler" von m.W.
      1947:
      http://www.amazon.de/Caligari-Hitler-psychologische-...

      Leider finde ich im Netz auf die Schnelle keine Inhaltsangabe,
      am ehesten vielleicht noch hier:
      http://www.thies-albers.de/seminar/filmsoziologie/PD...
      in kritischer Ablehnung hier:
      http://www.satt.org/film/00_12_caligari_1.html
      oder eine teilweise "Anwendung" hier:
      http://www.ilmondodisofia.it/archiviotesi/lingue/01l...
      (Text ist auf deutsch!)

      Wenn es Dir aber nicht speziell um den Caligari geht, sondern
      um den Expressionismus, dann würde ich dir "Metropolis" ans
      Herz legen, denn da ist nicht nur die Ästhetik des Films (wie
      laut Kracauer und anderen beim Caligari), sondern da ist recht
      klar ersichtlich das Sujet selbst ganz eindeutig faschistisch
      (zumindest in der Lesart, in der die Nazis selbst den Film
      sich angeeignet hatten).

      Pathetisch könnte man mit Hegel sagen, dass in "Metropolis",
      also am Ende des Expressionismus", dessen Wesen zur
      Erscheinung kommt, also seine Formmerkmale Gehalt werden ;-)

      Hier könnte ich die Vorlesung von Prof. Decker an der Uni Kiel
      empfehlen, die es zum kostenlosen Download gibt:
      http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/...

      In dieser Vorlesung geht es nicht speziell um den
      faschistischen Gehalt des Films, aber er wird dort klar
      ersichtlich;

      copy&paste-Auszüge aus meiner Mitschrift zur Vorlesung:

      Metropolis als der teuerste Film der ufa-ever -> er trieb
      die ufa in den Ruin bzw. zur Aktienübernahme durch Alfred
      Hugenberg

      -> als Metropolis uraufgeführt wurde, war die ufa schon in
      der Hand Hugenbergs, aus der Uraufführung wurde eine Staatsakt

      Drei Schichte: oben (Führerschicht; Technokratie) – unten
      (vollkommen entindividualiserte Arbeiter) – ganz unten
      (Katakomben; Maria; Mittler-Ebene)

      Leitformel: „Mittler zwischen Hirn und Hand muss das Herz
      sein“

      -> das Herz als Metapher für die emotionale Bande zwischen
      Arbeiterschaft und Führung wird in en oppositionellen
      Gegensatz von Arbeitern und Führern eingeführt

      -> damit wird der hierarchische Gegensatz zementiert statt
      aufgelöst

      -> die gesellschaftlichen Gruppen werden durch die
      Vermittlung auf ein größeres Ganzes, den Bestand der
      Gesellschaft verpflichtet

      zentrale Botschaft des Film: die Klassen-Grenzen müssen
      kommunikativ überwunden werden

      -> und zwar eben durch Freder und Maria, Priester- und
      Erlöserfiguren

      durch die Personifizierung von Metropolis werden die
      gegensätzlichen Klassen zu Teilen eines größeren Ganzen

      -> zur einer Person gehören nicht nur Hirn und Hand, auch
      das Herz

      -> dadurch wird auch der Klassengegensatz naturalisiert, in
      das Wesen der Welt gelegt, zu unhistorischen, unwandelbaren
      Größen gemacht -> anti-Revolution

      Losung: Der Klassengegensatz kann nur durch vermitteltes
      Kommunizieren zwischen den Klassen unschädlich gemacht werden

      Metropolis geht um die Disziplinierung des Menschen, z.B. der
      Arbeiter, im idealen Fall um die Selbstdisziplinierung wie im
      Fall Freders, dessen Beziehung zu Maria keine
      leidenschaftlich-erotische ist, sondern eine ent-erotisiserte
      Zweckbeziehung für die „Vermittlung“

      Freder muss als Erlöser-Christus-Figur seinen Körper aufgeben,
      als anderer weidergeboren werden nach dem Kreuzes-Opfer-tod an
      der Zeit-Maschine und der Auferstehung in den Katakomben

      -> Befreiung Freders von seinem Körper, seiner Sexualität

      das Sexuelle ist das Maschinenhafte, etwas Unmenschliches; die
      Roboter-Maria tanzt im Nachtclub, während die menschliche
      Maria eine nicht-sexuelle, mütterliche ist

      die Auflösung der gesellschaftlichen Ordnung droht durch die
      Entfesselung der sexuellen Triebe, wie die todbringende
      Roboter-Maria zeigt

      Mythen im Film:

      christliche und biblische Mythen: Christus, Moloch, Babylon,
      Turmbau zu Babel, Vertröstung der leidenden Arbeiter auf den
      Erlöser

      -> dies kann vom Film heraus auch auf den Film selbst
      übertragen werden: als ideologische Beeinflussung der Massen
      im Dienste der Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung


      Und ähnliches sieht eben Kracauer auch am Caligari bzw.
      allgemein am Expressionismus, aber eben vornehmlich in der
      Form des Films, nicht im Gehalt wie hier.

      Viele Grüße
      Franz

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