Bilderschriften und Alphabete
Alle Formen, gesprochene Sprache in reproduzierbaren (und im Umfang endlichen) Zeichensätzen zu normieren, gehen auf Piktogramme und Ideogramme zurück, also auf bildliche Darstellungen von Gegenständen und abstrakten Begriffen.
Neben Knoten"schriften" (wampum in Nordamerika, quipus in Peru), die eine andere Geschichte haben, sind piktographisch/ideographische Schriften (mit begrenztem Zeichenvorrat) entwickelt worden in Sumer, Agypten, Zypern, Kreta, auf der Sinaihalbinsel, in Harappa, China, auf den Osterinseln, sowie bei den Mayas und Azteken.
Die Entwicklungsgeschichte der Schriften muß jeweils berücksichtigen, was genau diese einzelnen Zeichen bedeuten: ob ein komplettes Wort, oder eine Silbe, oder einen einzelnen Laut, oder andere sprachliche Komponenten, die für eine Darstellung hier zu kompliziert sind.
Die sumerischen Piktogramme (ca. 2500 v.Chr.) wurden von den (aus der arabischen Halbinsel eingewanderten) semitischen Akkadern übernommen, um ihre (gänzlich verschiedene) Sprache damit zu reproduzieren. Das war die Grundlage, diese Zeichen als Lautschrift zu abstrahieren. Sie wurde nach und nach von den Sumerern und Akkadern, später von den Babyloniern und Assyrern in Keilschrift-Konventionen verwandelt. Die Keilschrift der (altpersichen) Achämeniden (600 .. ca. 300 v.Chr.) war davon abgeleitet.
Die ägyptischen Hieroglyphen (um Verwiirung zu vermeiden, sollte man nur diese "Hieroglyphen" nennen) waren im Mittleren Reich auf einen Zeichenvorrat von ca 700 normiert. Dabei sind reine Piktogramme (die genau das bedeuten was sie darstellen) aber reine Lautzeichen (nur Konsonanten! und zwar 24), aber auch Zeichen für Doppelkonsonanten (ca 100) sowie Dreifachkonsonanten.
Diese Lautzeichen entstanden (zunächst) dadurch, daß die zu den Bildern gehörigen Wörter den gleichen Laut wiedergaben wie andere Wörter. Ein analoges Beispiel: wir bilden ein Zeichen, das (erkennbar) ein Auge darstellt, auf englich "eye". Dasselbe Zeichen kann nun verwendet werden, um das englische "I" (ich) wiederzugeben. Auf diese Weise entstanden nach und nach Zeichen, die reine Lautwerte repräsentierten, die aber keine piktografische Wertigkeit mehr hatten.
Wichtig aber, daß diese Lautzeichen nur einen Teil des Zeichenvorrats bilden. Dasselbe gilt für Silbenschriften anderer Kulturen. Immer sind zahlreiche andere (1 Zeichen = 1 Wort) dabei.
Anders entwickelte sich die chinesische Schrift. Das klassische Chinesisch hatte Ausschließlich Ein-Silben-Wörter. Hier wurden Zeichen zu komplexeren Zeichen kombiniert (allerdings auch hier solche, die Affixe wiedergeben). Bei einem Zeichenvorrat von über 60000 Zeichen war es notwendig, nach und nach deren Strichfolge zu normieren, so, daß dann mit einem Satz von 214 "Radikalen" alle anderen kombiniert werden konnten. Die Radikale werden nach der Anzahl der Einzelstriche geordnet, wobei die einfachsten aus 1 Strich bestehen und das komplexeste aus 19 (!) Strichen. Die Erfindung der Radikale (ich glaube ca. 200 v. Chr.) macht es heute überhaupt möglich, ein Zeichen im Lexikon zu finden.
Aus einer sog. proto-semitischen Bilderschrift, die man auf der Sinai-Halbinsel fand (Sinaischrift), und die man auf älter als 1500 v.Chr. datiert (aktuellere Datierungen weiß ich nicht),
entwickelten sich die meisten reinen Buchstabenschriften, die man Alphabetschriften nennt (warum, ist schon hier gemailt worden). Falls es stimmt, daß auch die indische Devanagari (über das Sabäische aus der Brahmi entstanden) darauf zurückzuführen ist, dann haben wir hier die Quelle von ALLEN reinen (!) Buchstabenschriften.
Das eigentümliche dieser Schrift war, daß die Zeichen den Lautwert des Anfangsbuchstabens (!) des Wortes repräsentieren, für das sie ein Bild waren. Darwinistisch könnte man sagen, daß darin das enorme Überlebens- und Verbreitungspotential bestand, denn man konnte es in ALLEN Sprachen benutzen - selbstverständlich bis auf Lautwerte, die es in anderen Sprachen nicht gab und bis auf Lautwerte anderer Sprachen, die die semitischen Sprachen nicht hatten.
Die ursprünglichen Zeichen wurden über viele Entwicklungsstufen vereinfacht und variiert. man muß sich das so vorstellen, daß es Zwischenstufen gab, die ihrerseits wieder eine "Verteiler"funktion hatten, von denen sich andere Schriften spezialisierten.
Hier einige Beispiele von "Verzweigungen" und Ableitungen von Schriften (NICHT von den zugehörigen Sprachen!!):
Protosemitisch -> Aramäisch, Phönizisch, Sabäisch
Sabäisch -> Äthiopisch, Brahmi
Brahmi -> Devanagari (für Sanskrit)
Devanagari -> Mongolisch, Tibetisch, Javanisch, Malaiisch etc.
Aramäisch -> Hebräisch, Nabatäisch, Griechisch, Awestisch
Nabatäisch -> Arabisch
Arabisch -> Türkisch (bis 1928), Persisch
Griechisch -> Kyrillisch, Armenisch, Etruskisch
Etruskisch -> Lateinisch, Runen
Lateinisch -> alle europäischen Alphabete
So, das wärs für heute
Grüße
M.G.