Als bekennender marxist muss ich dir leider in vielen punkten recht geben, in anderen dagegen widersprechen.
Marx geht von der Gleichheit der Menschen aus. Die Menschen
sind sicher gleichwertig, aber sie sind auch verschieden. Und
dieses Grundübel Marxscher Ideologie führt direkt in die
Fehler des „realen Sozialismus“. Die Missachtung des
Individuums ist die direkte Quelle der Unfreiheit.
Marx hat m.w. nicht gesagt, dass die menschen gleich seien. Er hat von einer zulünftigen gesellschaft gesprochen, in der „die freie entwicklung eines jeden die bedingung für die freie entwicklung aller ist“. Das macht nur dann sinn, wenn sich die „freien entwicklungen“ verschiedener menschen voneinander unterscheiden.
Trotzdem ist auch was dran an deiner kritik. Irgendwas an der verschiedenheit der menschen hat Marx in der tat missachtet.
Marx konnte sich nicht vorstellen, dass die Kapitalisten
selbst das Problem der sozialen Frage sehen und anpacken
würden.
Damit hat er recht gehabt. Von sich aus hat die große mehrheit der kapitalisten nichts, aber auch gar nichts getan, um das schicksal der arbeiter zu verbessern. Die katholische kirche hat was dafür getan, das stimmt; aber päpste und pfarrer sind keine kapitalisten!
Jede lohnerhöhung, jede arbeitszeitverkürzung, jede maßnahme für arbeitssicherheit, jede lohnfortzahlung im krankheitsfall usw. wurde den kapitalisten mühsam abgerungen - von den streikenden oder streikbereiten arbeitern. Und seit 1917 hat dazu auch die existenz der Sowjetunion beigetragen, denn dadurch wurde die drohung mit der revolution für die kapitalisten erst konkret.
weil sie das Schicksal der Arbeiter
konkret verbessern half, statt wie die Marxisten
Verbesserungen sogar zu verhindern, damit nur endlich die
Revolution beginne.
Das trifft zwar viele (sektiererische) marxisten, nicht aber Marx selbst. Der hat jeden sozialen fortschritt begrüßt.
Schon der gesunde
Menschenverstand weiß, dass es keine Zwangsläufigkeit in der
Geschichte geben kann.
Das ist richtig! Hier liegt wohl Marx’ größter irrtum. Niemand kann den lauf der geschichte vorhersehen; auch die kapitalisten nicht. Deshalb misstraut allen wachstums- und fortschritts-, aber auch allen untergangsprognosen! In wirklichkeit haben die menschen immer wieder aufs neue die wahl, in welche richtung sie sich weiterentwickeln sollen.
Das heißt aber auch, dass die sog. marktwirtschaft mit ihrem heiligen konkurrenzprinzip nicht das letzte wort der geschichte ist. Die menschen könnten sich eines tages doch noch darauf besinnen, dass wirkliche werte stets durch kooperation, solidarität und freundschaft entstehen, und dass konkurrenz die entwicklung der menschheit und der menschlichen vernunft furchtbar verzerrt.
Mein Hauptpunkt ist aber immer die fehlende Freiheit. Mit der
Diktatur des Proletariats ist der GULag vorgezeichnet.
Das sehe ich ein bisschen anders. Auch die kapitalisten und ihre freiheitsapostel in USA, das dürfen wir nie vergessen, haben immer wieder bereitwillig zu diktatorischen maßnahmen gegriffen (z.b. Chile 1973, Argentinien 1976), zu massakern und völkermord (Vietnamkrieg), ohne dadurch ihren gesamten herrschaftsbereich in ein KZ zu verwandeln. Auch die bürgerlichen revolutionen kamen nicht ohne gewalt aus, trotzdem konnten auf ihrer basis später zivile systeme mit gebändigter gewalt und garantierten bürgerrechten entstehen. Von daher müsste das prinzipiell auch für eine sozialistische revolution möglich sein. Eine wesentliche voraussetzung dafür ist wahrscheinlich, dass man niemals anfängt, die gewalt zu verherrlichen. Sie muss immer abscheulich bleiben, auch dann, wenn man gezwungen ist, sie anzuwenden. Haben Fischer und Scharping diesen grundsatz in ihrem krieg gegen Serbien beherzigt?
Am Ende
meinte er (Marx), den Fixpunkt gefunden zu haben, mit dem von der
Antike bis in die Zukunft alles zu erklären ist. Ein
klassischer menschlicher Fehler, dem übrigens viele große
Denker unterlagen.
Damit dürftest du recht haben. Merkwürdig ist in diesem zusammenhang, dass Marx viel vom wert der arbeit geschrieben hat, aber m.w. nichts über den besonderen wert der kreativen arbeit, z.b. über den seiner eigenen arbeit.
Gruß von tonikal