Kurze Geschichte der deutschen Kolonien
Mich beschäftigt schon seit geraumer Zeit die Frage, warum Deutschland die Kolonialisierung von Überseegebieten, außer Namibia, Teile von Papua New Guinea und ein paar anderen Enklaven vollig verschlafen hat, dies nicht gewollt war oder nicht umgesetzt werden konnte. Oder konnte man sich einfach nicht mit England, Frankreich oder gar Belgien zur Durchsetzung der eigenen Interessen messen?
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DEUTSCHE Kolonien konnte es frühestens ab der staatlichen Einigung 1871 geben. Vorher hatten die deutschen Staaten andere Probleme, und es existierte auch keine deutsche Flotte, ohne die es halt einmal keine überseeischen Kolonien geben konnte (es sei denn, man verfuhr wie Belgien, das sich für seine Kolonien die britische Flotte geradezu "auslieh"; Belgien war mit England fest verbündet).
Bismarck hielt nicht viel von Kolonien. "Hier liegt Rußland, und hier liegt Frankreich, und wir sind in der Mitte. Das ist meine Karte von Afrika", soll er gesagt haben.
Dann machte Bismarck doch einen etwas über ein Jahr dauernden Ausflug in die Kolonialpolitik. In den Jahren 1883/84 erwarb Deutschland Kolonialbesitz von der fünffachen Größe seines europäischen Territoriums:
- Deutsch-Südwestafrika, heute Namibia;
- Deutsch-Ostafrika, heute Tansania;
- Kamerun und Togo
- Teile Neuguineas, der Salomoneninseln, der Samoainseln
- die Marshall-Inseln.
Viel eher wäre das auch nicht gegangen. Einem 1875 beschlossenen Gesetz folgend hatte Deutschland bis 1882 eine recht ordentliche Flotte aus zwölf hochseefähigen Panzerschiffen gebaut und war damit viertstärkste Seemacht der Welt (hinter England, Frankreich, Rußland). Und ohne die Flotte ging nichts.
Was letztlich der Auslöser für diesen kurzen Trip war, ist umstritten. Großbritannien hatte sich 1882 in Ägypten eingemischt, als dort innere Kämpfe ausgebrochen waren, und steckte dann in Schwierigkeiten mit einem Kolonialkrieg im Sudan. Und Bismarck machte den Staaten, die ohnehin schon Schwierigkeiten hatten, gern noch ein paar mehr davon, nur um zu zeigen, daß die anderen auf Deutschlands Wohlwollen angewiesen sind. (Beiläufig gesagt: Solche Gedanken sind dem Herrn Außenminister Fischer fremd.)
Dabei blieb es bis 1898, dann folgte ein zweiter und letzter Schub. Deutschland kaufte von Spanien, das gerade einen Krieg gegen die USA verloren hatte, den Restbesitz an pazifischen Kolonien auf: die Karolinen, die Marianen und die Palau-Inseln. Außerdem wurde der Hafen Kiautschou von China "gepachtet".
Mehr war nicht zu holen. Zum einen war die Welt spätestens ab 1890 aufgeteilt. Zum anderen waren die Kolonien wirtschaftlich eine Reinfall. In den 1880er Jahren wanderten jährlich rd. 200.000 Menschen aus Deutschland aus, Deutschland war Auswanderungsland, und der mittlere Westen der USA sprach deutsch. Wer gehofft hatte, diesen Menschenstrom in die Kolonien umleiten zu können, wurde enttäuscht. In den "besten Zeiten" kurz vor 1914 lebten 25.000 Deutsche in den Kolonien. Hafen-, Straßen- und Eisenbahnbauten in den Kolonien fraßen ungeheure Gelder, ohne erkennbaren Nutzen zu bringen. Als einzige deutsche Kolonie erwirtschaftete Togo einen Überschuß; der übrige Kolonialbesitz war ein Gewinnverzehrer.
"Verschlafen" hat Deutschland nichts. Deutschland erschien als Staat erst sehr spät auf der Bildfläche, und die Alternative zu dem, was tatsächlich passierte, hätte nur in einem Krieg gegen eine alte, verfallene Kolonialmacht bestanden, so wie sich das auch erst 1870 entstandene Italien "seine" Kolonien an der Mittelmeerküste durch Krieg gegen das Osmanische Reich "holte".
- Django -