Heute lese ich völlig an meinem Weltbild zerrüttet untenstehenden Artikel. Handelt es sich hierbei um nachkriegliche Propaganda, oder warum hat man bisher über solche Dinge Todschweigen verhängt?
Gruß Klaus
Artikel:
Für Laien auszumachen
Beim abendlichen Umtrunk im Weimarer HO-Restaurant am Bahnhof gab Dr. Perthen, Sektionschef des Demokratischen Kulturbundes, aktiver SED-Genosse und scharfer Antifa-Mann, vor seinen Stammtischbrüdern Auszüge aus seinem demnächst steigenden Großreferat zum besten. Die Auffindung von einhundert unschuldig ermordeten KZ-Häftlingen unweit von Weimar war gerade das Richtige, um daran einmal wieder treffende Vergleiche zwischen den Terror-Methoden der Faschisten und der anglo-amerikanischen Imperialisten aufzuhängen.
Die Stammtisch-Genossen waren begeistert, bis auf Oberkommissar Menzel, den Weimarer Volkspolizei-Chef. Menzel nahm sich den Dr. Perthen beiseite. „Ich gebe dir den guten Rat, laß die Geschichte mit dem Grab weg.“ Mehr ließ sich Vopo-Chef Rudolf Menzel, Weimar, Carl-Alexander-Allee 6, nicht entlocken. Denn was er wußte, konnte er selbst seinem Stammtisch-Intimus Perthen nicht anvertrauen. Es war streng vertraulich.
Am 15. Februar 1951 war die Pflugschar des Neubauern Kramer bei der Frühjahrsbestellung beim Flugplatz Nohra, 15 km westlich Weimar, auf einen Widerstand gestoßen. „Schon wieder ein Stein“, dachte Kramer. Er bückte sich, um den Stein aufzuheben; da hatte er einen Totenschädel in der Hand.
Beim Weiterpflügen wurden Uniformfesten und Gebeine aufgeworfen. Neubauer Kramer alarmierte seine Nachbarn. Er war auf ein Massengrab gestoßen. Die Bauern gruben 95 Leichen aus. An Bekleidungsfetzen erkannten sie, daß es sich um deutsche Soldaten und Offiziere handelte. Die Todesursache war bei vielen selbst noch für Laien auszumachen: Genickschuß. Papiere oder andere Erkennungszeichen wurden nicht gefunden.
Die schnell benachrichtigte Volkspolizei Weimar raste mit ihrem Bereitschaftswagen heran. Absperrkommandos riegelten die Fundstätte hermetisch ab. Neubauer Kramer und seine Mitausgräber wanderten geschlossen zu den sowjetischen Genossen zur Vernehmung.
Sie wurden von Kapitän Jussuff, Rayonchef der MWD Thüringen, freundlich empfangen. Jussuff machte den Bauern klar, daß eine Verbreitung der Fundnachricht der „deutsch-sowjetischen Freundschaft und dem Wiederaufbau der DDR“ nicht zuträglich sei. Kramer und seine mitvernommenen Bauern sahen das ein. Schon in Erinnerung an das, was sie gerade ausgegraben hatten.
Kapitän Jussuff und Oberst Bertikow vom benachbarten Weimarer Militärbezirk sorgten für die diskrete Beseitigung der toten deutschen Soldaten. Die Volkspolizisten mußten im selben Tempo verschwinden, wie sie gekommen waren. Man traute ihnen nicht.
Dafür konnte sich Oberst Bertikow auf seine Pioniere verlassen. In der Nacht verschwanden die 95 Leichen auf sowjetischen Lkw’s und fuhren einem neuen, besser verdeckten Massengrab entgegen, wo man sie nicht wieder aufpflügen kann.
MWD-Kapitän Jussuff tat noch ein übriges, um alle Spuren zu verwischen. Er lancierte das Gerücht, die Toten seien liquidierte Buchenwald-Häftlinge aus der Zeit der faschistischen Gewaltherrschaft. Aber in Sachsen und Thüringen glaubt es niemand. Weimars SED-Presse und ihre Satellitenblätter hätten das Thema mehr ausgeschlachtet, wenn es wirklich so gewesen wäre.
Kulturbund-Sektionschef Dr. Perthen mußte seine großangelegte Propagandarede umplanen. Er stellte sich ein neues Thema: „Die deutsch-sowjetische Freundschaft als Garant des Weltfriedens“.
Ende des Zitats