Re: Latenter Bürgerkrieg ?
Es hat m.E. wenig Zweck, sich in theoretische Erörterungen
über die WRV zu vertiefen. Sie war in der Praxis weder von den
Herrschenden noch von den Regierten anerkannt.
- Django -
Wie Django die Lage 1930 schildert, trifft schon zu. Aber bei allen derartigen Schilderungen muß man berücksichtigen: erzählt und beschrieben wird meist nur das, was sensationell und spektakulär ist. Das Normale findet kaum Gehör.
Ich gehöre zu den wenigen noch Lebenden, die diese Zeit und was da geschah, mit vollem Bewußtsein erlebt und gut in der Erinnerung behalten haben - dies aus der Sicht eines der radikalsten Arbeiter-Viertel in einer mitteldeutschen Industrie-Großstadt:
Sonntags - denn samstags arbeitete man damals noch - zogen die genannten Kampfverbände der Parteien durch die Straßen. Die einem mit Schalmeien-Musik, die anderen mit klingendem Spiel alter Militärmärsche. Begegneten sie sich an der Straßenkreuzung - was offensichtlich sogar angestrebt war - setzte eine wilde Prügelei ein. Schüsse habe haben wir Jungen, die das natürlich mit regestem Interesse beobachteten, nie gehört. Dem wilden Treiben setze bald die Sipo (Sicherheitspolizei), die unter starken Sirenengeheul in offen Mannschaftswagen angerast kam, mit schwingenden Gummiknüppel wirksam ein Ende.
Wochentags lief der Alltag recht brav bürgerlich. Der Familienvater stand in der Fabrik an der Drehbank, die damals noch mit Transmissionsriemen angetrieben wurde, und lüftete, wenn der Herr Ingenieur durch die Werkshalle ging, zum Gruße leicht seine Schiffermütze. Und der Junge saß in der Schule artig und in gerader Haltung auf der aus dicken Holz gezimmerten Schulbank. Oben links hatte das Pult eine Kuhle, in der stand das Tintenfaß. Dort tippte er zum Schön-Schreiben seinen Federhalter rein.
Insgesamt ein recht ambivalentes Bild. Aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbar. Hätte man diesen Menschen die Frage nach einem latenten Bürgerkrieg gestellt, sie das hätten eindeutig verneint.
Aus allem dem den Schluß zu ziehen, die Menschen dieser Zeit, ob "oben" oder "unten", hätten die Verfassung nicht anerkannt, hätte ich Bedenken.
Grüße
Alexander