Hallo Wolfgang!
Meine Antwort ist vielleicht etwas an der Frage vorbei, aber, was ich mit ihr sagen will, es war nicht alles so schlimm, vieles blieb erhalten. Es kam ganz auf die jeweilige Besatzung an und vor allem, auf die Deutsche lokale „Führung“ nach 1945.
Die waren viel schlimmer, als die Alliierten.
Als sich bei uns im Ort abzeichnete, daß kanadische und polnische Armeeeinheiten bald da sein könnten (man hörte sie schon) nahm mein Vater die Hitlerbüste, das große Hitlerbild, „Mein Kampf“ und die üblichen Propagandablätter in den Garten, knallte Adolf gegen die Hauswand und zündete den Rest an. Alles, was ihm verdächtig vorkam, landete im Feuer. In den Nachbargärten brannte es auch schon.
Die Hakenkreuzflagge wurde nicht vernichtet, daraus wurde schnell noch ein Rock für meine Schwester genäht bzw sie (die Flagge, nicht meine Schwester) wurde erstmal unkenntlich gemacht. Wochen später liefen die meisten Mädchen mit schwarz, weiß, roten Röcken durch die Gegend. Die BDM-Bluse wurde weiter getragen, das Halstuch wurde Taschentuch und der Lederknoten blieb als Andenken und ich griff Jahre später auf ihn zurück, als ich bei den Pfadfindern war.
Da auch Ausweise usw, selbst die standesamtlichen Siegel in unseren Geburtsurkunden mit Reichsadler und Hakenkreuz verschönt waren, ließ mein Vater diese Dinge so, wie sie waren. Also habe ich heute noch meine Geburtsurkunde mit Hakenkreuz. Obwohl von der Besatzung der Befehl kam, alle Hakenkreuze unkenntlich zu machen. Aber, kaum jemand hielt sich daran.
Unsere kleine Tageszeitung durfte sämtliche zwischen 33 und 45 herausgekommenen Zeitungen im Archiv behalten, ohne jede Ausgabe zu verändern.
In vielen Bücherschränken tauchte dann „Mein Kampf“ wieder auf. Ungelesen, was man an den nicht aufgeschlitzten Seiten erkennen konnte.
Es war alles halb so schlimm.(Das mit der Vernichtung von Nazimaterial nach 45!!!)
Als dann eines morgens vor unserem Haus Panzer der polnischen Exilarmee standen, krochen die Besatzungen heraus, legten sich in irgendein Bett, schliefen sich aus und fuhren weiter Richtung Wilhelmshaven. Diese Stadt war für sie nur von Interesse, unsere Hakenkreuze interessierten sie nicht.
Einen Tag später kamen Kanadier und die plünderten dann ein wenig. Liefen mit langen Sonden durch die Gärten, (wie beim Lawinenunfall) und suchten vergrabene Schätze.
Gleichzeitig plünderten Deutsche die Post und Hitlermarken wehten durchs Dorf. Ein paar Tage später waren genau diese Hitlermarken wieder gültig, nur mit einem V aufgedruckt, für Victory.
In unseren Ort hatte man einen Großteil der Kriegsmarinewerft ausgelagert. Sämtliche Werkzeuge und Schulungsmaterialien waren mit dem Adler und Hakenkreuz gezeichnet. Dieses Werkzeug übernahm nahtlos die Berufsschule. Ich denke, es gibt das Werkzeug heute noch.
Als ich bei der Bundeswehr war, bekamen wir fachliches, technisches Schulungsmaterial der Kriegsmarine, natürlich mit Adler und Hakenkreuz. (Mit Bleistift leicht unkenntlich gemacht). Ersatzteile auf den neuen S-Booten der Bundesmarine war immer noch von der Kriegsmarine und mit Hakenkreuz und Adler gekennzeichnet.
In unserer Nachbarschaft war eine alte Kneipe in der hingen noch in den 70er Jahren Holzschnitzerein vom RAD (Reichsarbeitsdienst).
Also, es gab eigentlich keine 100%ige Bilderstürmerei nach 1945. Vieles blieb, wie es war.
Wer wollte, hätte alles verstecken können und es später wieder hervorholen können.
Wir Jungen trugen noch bis weit in die 50er Jahre die Kluft der Hitlerjugend. Dunkelblaue „Skihosen“ und ähnliche Jacken. Und die bekannte „Skimütze“.
Ich denke, Du meinst vor allem Bücher und Zeitschriften aus der Zeit, aber man muß daran denken, daß bei den Nazis auch wirklich alles gekennzeichnet wurde und somit nicht nur Bücher und Zeitschriften „Nazigut“ waren.
Vernichtet und zerstört wurde das, was man vernichten wollte. Heute findest Du aber alles wieder, also war die Vernichtung von Nazigut nicht 100%ig, sondern wurde sehr lasch gehandhabt.
Gruß Werner