Im 15. Jhdt. war Spanien die beherrschende Macht nicht nur auf dem Meer. Später gings dann bergab, England kam bekanntlich hoch.
Was sind die Ursachen für den Niedergang Spaniens gegenüber England? Nur am Untergang der Armada und damit einem schweren Verlust als Seemacht kann’s doch kaum gelegen haben. Welche gesellschaftlichen Kräfte, Ursachen sind verantwortlich?
Grusss, Stucki
Hallo Stucki!
Mehrere Ereignisse sind für Spanien im 16. Jahrhundert von Nachteil :
1557 Staatsbankrott.
1581 Verlust Hollands nach langen Kämpfen.
1588 Flottensieg Englands.
1597 Flottensieg Englands.
Im 17. Jahrhundert:
1640 Verlust Portugals.
1648 Westfälischer Friede.
1655 Verlust Jamaikas.
1658 Niederlage bei Dünkirchen.
1659 Vormacht in Mexiko verloren.
1668 Verlust von Flandern.
1678 Gebiete an Frankreich abtreten.
1701 Erbfolgekrieg.
1590 Spaniens Eingreifen in den Hugenottenkrieg stärkt den nationalen Widerstand Frankreichs. Es schließt sich Holland und England an.
1595 Krieg Frankreichs gegen Spanien.
1598 Friede von Vervins: Spanien verzichtet auf jede Einmischung in Frankreich.
1598-1621 Philipp III überläßt den erschöpften Staat seinem Günstling Graf Lerma, dem größten Dieb Spaniens.
1610 die rücksichtslose Vertreibung der Moriskos zerstört den Wohlstand des Landes vollends.
1621-43 Die Einmischung in den 30jährigen Krieg und die Erneuerung des ndl. Krieges beschleunigt den Machtverfall. 1640 fallen Portugal und Katalonien ab.
Gruß Werner
Werner hat ja schon die Stationen des Niedergangs genannt. Erfreulicherweise hat dieser Niedergang schon früh die Historiker interessiert, so dass Dich in den Büchern zum Thema geradezu vergraben könntest.
Ich greife mal drei Beispiele heraus, die mir gerade einfallen.
Machtpolitik.
Literatur dazu:
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3717582208
Noch leicht zu erklären; wenn eine Macht zu stark wird, schließen sich die anderen zusammen, um sie nicht noch stärker werden zu lassen. Mit der Wahl Karls zum römischen Kaiser war eine Grenze überschritten, die die anderen Mächte (Frankreich!) herausfordern musste.
Religion.
Literatur dazu:
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3406330053
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3518580566
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3442755220
Spanien hatte sich durch sein rigorose erzkatholische Politik (spanische Inquisition - nicht zu verwechseln mit der „normalen“ Inquisition) von innen geschwächt.
Insbesondere England verstand es, den Schwung der Reformation auch im weltlichen Bereich umzusetzen und Kräfte freizusetzen. Frankreich hatte sich im Religionsstreit mit dem Toleranzedikt Luft verschafft, während Deutschland, das ja auch von den Habsburgern beherrscht wurde, als Machtfaktor endgültig ausschied.
Und wo die Gegenreformation in vielen Ländern auch auf katholischer Seite zu Fortschritt und Reform führte, blieb es in Spanien bei Repression und Reaktion.
Wirtschaft
Literatur dazu:
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/346340138X
Hier ist die paradoxe Situation, dass Spanien eigentlich das reichste Land war (amerikansiches Gold und Silber). Aber gerade dadurch holte man sich die Inflation ins Haus. England führte gleichzeitig das Budgetercht des Parlaments ein, war also wesentlich kreditwürdiger als der mehrfach bankrotte Philipp. Außerdem gelang es Spanien nicht, seine eigene Wirtschaft zu modernisieren und damit zu mobilisieren. Die anderen Seemächte nutzten die neue Welt, um das Mutterland zu aktivieren, was letztendlich zur Industrialisierung führte.
Man könnte fast sagen, Spaniens Niedergang währte bis zum Eintritt in die EG 1982. Es war ein Land des politischen, religiösen und wirtschaftlichen Rückschritts.
Alle drei Themen sind natürlich auch ineinander verwoben, wie z.B. Weber in seinem Klassiker behauptet hat:
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3895477222
Reicht das fürs erste?
Andreas
Hallo Werner,
bevor ich das Folgende hier rein brachte, hat ja auch Andreas geantwortet.
Die von Dir genannten Ursachen müssen ja zumindest teilweise eine tiefere Ursache in der spanischen Gesellschaft selbst gehabt haben. Ich bin darauf gekommen, als ich ein bisschen über die Geschichte der Kanarischen Inseln las (wo wir gerade Urlaub gemacht hatten): „… sorgte das praktisch völlige Fehlen einer aufgeschlossenen bürgerlichen Führungsschicht (auf den Kanaren) für Probleme. Letzteres schädigte die Wirtschaft viel nachhaltiger als Seeräuberüberfälle und Attacken der englischen Marine“, heisst es in einem Buch. Das scheint mir einleuchtend und könnte doch auch für ganz Spanien gelten, oder?
Auch las ich schon vor einer Weile, dass die Vertreibung von Nichtchristen - Juden, Moslems usw. - nach Abschluss der Reconquista „das Land so stark geschädigt hat, dass es sich bis heute (!) nicht davon erholt hat.“ Scheint etwas übertrieben. Könnten darin die tieferen Ursachen liegen?
Gruss, Stucki
Hallo Andreas,
mich interessierte das nur so ein bisschen, da ich durch einen Kanaren-Urlaub auf die Frage stiess. Bin da kein Experte. Habe das in der Antwort an Werner geschrieben.
Insbesondere England verstand es, den Schwung der Reformation
auch im weltlichen Bereich umzusetzen und Kräfte freizusetzen.
Passt doch zu dem, was ich meinte: Ausbildung einer aufgeklärten, staatstragenden (!) bürgerlichen, Schicht.
Und wo die Gegenreformation in vielen Ländern auch auf
katholischer Seite zu Fortschritt und Reform führte, …
Wo? Die Gegenreformation wirkte, so viel ich gehlesen habe, in den meisten Ländern verheerend!?
Hier ist die paradoxe Situation, dass Spanien eigentlich das
reichste Land war (amerikansiches Gold und Silber). Aber
gerade dadurch holte man sich die Inflation ins Haus.
Gold und Silber für sich sind eben noch keine Werte!
Man könnte fast sagen, Spaniens Niedergang währte bis zum
Eintritt in die EG 1982. Es war ein Land des politischen,
religiösen und wirtschaftlichen Rückschritts.
Siehe meine Antwort an Werner!
Reicht das fürs erste?
Sehr gut!
Gruss, Stucki
Was sind die Ursachen für den Niedergang Spaniens gegenüber
England? Nur am Untergang der Armada und damit einem schweren
Verlust als Seemacht kann’s doch kaum gelegen haben. Welche
gesellschaftlichen Kräfte, Ursachen sind verantwortlich?
Werners Auflistung in allen Ehren - aber es waren nicht die Kriege gegen England und Frankreich oder der Verlust Portugals, der zu Spaniens Abstieg führte.
Nach der Entdeckung Amerikas und der Eroberung der Azteken- und Inkareiche kamen so gigantische Gold- und Silbermengen nach Spanien, daß die gesamte Wirtschaft Spaniens (Landwirtschaft, Handwerk) in sich zusammenbrach. Spanien schwamm sprichwörtlich in Edelmetall - warum sollte da also noch jemand hart und für wenig Lohn arbeiten. Man trieb Handel mit der Neuen Welt oder machte sich selbst auf den Weg, drüben ein Vermögen zu machen. Der Staat selbst gab Unsummen für Rüstung aus (Schiffe, Armeen) und glaubte, daß der Geldsegen nie ausginge - was er dann doch eines Tages tat. Da die spanische Wirtschaft auf dieses Ereignis nicht vorbereitet war, ging es mit dem Land in 17./18.Jahrhundert dramatisch bergab.
Grüße
Siegfried
Hallo Stucki!
Wer weiß heute schon genau, warum ein Land vor 400 Jahren plötzlich seine Macht verlor und aus der Geschichte verschwand.
Eine Ursache war ganz sicher der zu große Einfluß der katholischen Kirche in Spanien. Man verbrauchte sämtliche Kräfte, um die Araber aus dem Land zu vertreiben.
Dann opponiert der spanische Hochadel gegen das Königtum (Rezeption des römischen Rechtes).
Es kommt zu Fehden bis zur Staatsauflösung. Wie soll ein Staat, der im Inneren nicht mehr existiert, nach Außen stark sein?
So lange selbst die Spanier sich nicht einig sind, warum es mit ihnen plötzlich zu Ende ging, so lange brauchen wir darüber nicht nachzudenken. Man kommt doch zu keinem Ergebnis!
Heute lagern in den Kellern der span. Museen zigtausende von Dokumenten und Schriftstücken aus der Zeit, ohne, daß sie ausgewertet geschweige denn gelesen wurden.
Gruß Werner
Und wo die Gegenreformation in vielen Ländern auch auf
katholischer Seite zu Fortschritt und Reform führte, …
Wo? Die Gegenreformation wirkte, so viel ich gehlesen habe, in
den meisten Ländern verheerend!?
Das kann man so nicht sagen. Zwei Aspekte hierzu:
* Jesuiten. Die Bemühungen dieses Ordens auf dem Gebiet der Volksbildung waren enorm und erfolgreich. Es gelang hier, die humanistische Bildung auch in den katholischen Ländern auf breiter Grundlage einzuführen.
* Barock. „Der“ Stil der Gegenreformation führte auf allen Gebieten zu neuer Blüte, auch des Klosterlebens, was wiederum positive wirtschaftliche und wissenschaftliche Folgen hatte.
Natürlich gilt das nicht für alle Länder; das Gegenbeispiel Spanien hatten wir ja schon. Der große Kancks für Mitteleuropa ist natürlich der 30-jährige Krieg, an dessen zerstörerischer Wirkung nicht einmal die beiden Weltkriege heranreichen.
Gruß,
Andreas