Wilhelms (2) Interview für den 'Daily Telegraph'

Im Jahre 1908 provozierte Wilhelm der 2. mit einem für England in Passagen beleidigenden Interview für den „Daily Telegraph“ instinktlos eine schwere Staatskrise und Belastung der Beziehung zwischen Deutschen Reich und England, die erst der Rücktritt Kanzler v. Bülow (1909) bereinigte. Was genau hat der Kaiser denn von sich gegeben? Er galt ja als sehr tollpatschig!

Gruß
Christian

Hallo Christian!

„Daily-Telegraph“-Interview löst Proteste aus
Ein Interview mit der Londoner Zeitung „Daily Telegraph“, in dem Wilhelm II. im Oktober 1908 Stellung zum deutsch-britischen Verhältnis bezieht, sorgt für Aufregung. Zwar betonte der Kaiser seine Bemühungen um ein freundschaftliches Verhältnis zu Großbritannien, gleichzeitig verweist er allerdings darauf, daß er mit dieser Sympathie in Deutschland fast allein stehe.
Mit seinem bekannten Hang zur Selbstüberschätzung behauptete Wilhelm außerdem, er habe anläßlich des Burenkrieges in Südafrika eine antibritische Koalition zwischen dem Reich, Frankreich und Rußland verhindert. Auch sei er es gewesen, der seiner Großmutter, der 1901 verstorbenen Königin Victoria, ein Strategiepapier geschickt habe, das letztlich zum Sieg der Briten über die Buren führte. Wiewohl die Briten die Anmaßungen und die Überheblichkeit des deutschen Kaisers gewohnt waren, führten diese Behauptungen nun doch zum Teil zu wütenden Protesten. Zudem stand die angebliche Sympathie des Kaisers für Großbritannien in allzu krassen Widerspruch zu den forcierten Rüstungsbestrebungen des Reiches, die auch Großbritannien zu gewaltigen Rüstungsausgaben zwangen.
Auch in Deutschland rief das Interview ungewöhnlich scharfe Reaktionen hervor. Selbst im Reichstag wurde ungewohnt harte Kritik am Verhalten des Kaisers geübt.

Gruß Werner

Hallo Werner!

Ferner habe ich von einer Geschichte gehört, dessen Quellen ich nicht mehr aufspüren kann. Es stellt erneut die Tollpatschigkeit von unserem Kaiser unter Beweis. Ich kenne die Story nicht mehr so genau, aber es scheint mir in den Achtzigern des 19. Jahrhunderts passiert zu sein: In Afrika kam es zu Kämpfen zwischen englischen und deutschen Soldaten, um eine Kolonie. Wilhelm der Zweite forcierte den Kampf bis seine Truppen gewannen. Kurze Zeit später war er zum Geburtstag seiner Großmutter Victoria in England eingeladen. DOrt prahlte er mit seinen Taten in Afrika. Und so etwas war dt. Kaiser! Da ist es nicht verwunderlich, dass Deutschland, noch im Jahre 1890 vernetzt in ein System von Bündnissen, 20 Jahre später fast völlig isoliert war. Manchmal frage ich mich, ob ein Weltkrieg hätte verhindert werden können, wenn Bismarck nicht entlassen worden wäre. Er war zwar stockkonservativ als alter Junker, aber in der Außenpolitik ein Genie!

Gruß
Christian

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nicht das grundproblem
bismarck wäre schliesslich ohnehin irgendwann gestorben. es war also nur eine frage der zeit, bis seine politik ihr ende finden würde.
das grundproblem des kaiserreichs hat bismarck selbst begründet: ein verfassungsmässig starker kaiser und ein schwaches parlament, das ihn nicht kontrolliert, können eigentlich nicht funktionieren; es sei denn, ein ausnahmepolitiker (wie ebenbismarck selbst) betreibt eine ausgewogene politik und vermag es, den kaiser im zaum zu halten.

Im Jahre 1908 provozierte Wilhelm der 2. mit einem für England
in Passagen beleidigenden Interview für den „Daily Telegraph“
instinktlos eine schwere Staatskrise und Belastung der
Beziehung zwischen Deutschen Reich und England, die erst der
Rücktritt Kanzler v. Bülow (1909) bereinigte. Was genau hat
der Kaiser denn von sich gegeben? Er galt ja als sehr
tollpatschig!

insbesondere die wortwahl des kaisers muss sehr krass gewesen sein. ich las, er habe gesagt: „ihr engländer seid verrückt, verrückt wie die märzhasen! (…)“ wobei das (…) für ausführungen darüber steht, wie missverstanden er immer werde, wo er doch so auf einen ausgleich mit england aus sei.
in der tat…

Hi Christian,

hier findest du das ganze Interview

http://www.dhm.de/lemo/html/dokumente/telegraph/inde…

Gruss
Sarah

Hallo Christian!

Wilhelm II wurde erst 1888 Kaiser.

Die Rede, die Du meinst, bezog sich wahrscheinlich auf den Boxeraufstand und wurde später die „Hunnenrede“ genannt. (Eine lange Geschichte, der Boxeraufstand, mußt Dich selbst informieren).

Der Führer der Buren in Südafrika, Ohm Krüger, bat Deutschland um Hilfe, ebenso die holländische Königin. Es ging nicht um eine Kolonie, um die sich Deutschland und England stritten! Sondern um den Einfluß in Südafrika.

Wilhelm II schickte eine Depesche (Telegramm) an Ohm Krüger, in dem er ihm, den Präsidenten der Transvaal-Buren, dazu beglückwünschte, eine Woche nach dem „Jameson Raid“, daß er sein Land bisher ohne Hilfe befreundeter Nationen verteidigt habe.
(Über den Burenkrieg mußt Du Dich erstmal informieren. Man kann nichts beantworten, ohne daß der andere über diese Geschichte informiert ist).

Was immer man im Ausland darüber dachte: Wilhelm II hatte in Reden, Interwiews und Telegrammen meist nicht mehr als das gesagt, was viele Deutsche am Stammtisch auch sagten.

Gruß Werner

Hallo Christian!

Entschuldigung, aber die Hunnenrede hielt er bei der Verabschiedung der deutschen Soldaten, als sie Richtung China abfuhren.

Gruß Werner

Hi Sarah!

Danke für den sehr interessanten Link! Da bekommt man schon richtig Mitleid mit unserem armen Kaiser, der ja so friedlebend, zu allen Völkern freundlich gesinnt war und keine bösen Absichten hatte. Leider wurde er immer nur von allen missverstanden.

Gruss
Christian

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Du unterstellst Bismarck demokratische Absichten! Er war der Anhänger der Monarchie schlecht hin. Das Parlament hat ihn stets gestört. Deswegen hat er es mit seiner Lückentheorie stets versucht auszuschalten. Man hätte Bismarcks Politik fortführen müssen, doch kurz vor seiner Entlassung hätte er Deutschland fast In arge Schwierigkeiten gebracht. War er es doch, der den Orientdreibund zw. Österreich, England un Italien billigte und gleichzeitig Russland unterstütze mit den Türken aufzuräumen. Im Konfliktfall hätte Deutschland zw. den Stühlen gesessen. Deswegen wurde der Rückversicherungsvertrag mit Russland 1890 aufgekündigt und somit war Wilhelms (2) neue Politik auch gar nicht so falsch, auch wenn ich ihn hier nicht schützen will. War er es doch der uns die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts brachte.

Gruss
Christian

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bismarck wäre schliesslich ohnehin irgendwann gestorben. es
war also nur eine frage der zeit, bis seine politik ihr ende
finden würde.
das grundproblem des kaiserreichs hat bismarck selbst
begründet: ein verfassungsmässig starker kaiser und ein
schwaches parlament, das ihn nicht kontrolliert, können
eigentlich nicht funktionieren; es sei denn, ein
ausnahmepolitiker (wie ebenbismarck selbst) betreibt eine
ausgewogene politik und vermag es, den kaiser im zaum zu
halten.

Du unterstellst Bismarck demokratische Absichten!

Ich habe Bismarck mit keinem Wort demokratische Absichten unterstellt. Fakt ist aber, dass die Verfassung von 1870 auf ihn zugeschnitten war, da Wilhelm I das Regieren Bismarck überliess. Genau das ist doch der Punkt - der Kaiser war niemandem verantwortlich und hätte daher niemals Äußerungen wie die im Daily Telegraph tätigen dürfen ohne vorher den verantwortlichen Kanzler zu konsultieren.

Er war der

Anhänger der Monarchie schlecht hin. Das Parlament hat ihn
stets gestört. Deswegen hat er es mit seiner Lückentheorie
stets versucht auszuschalten. Man hätte Bismarcks Politik
fortführen müssen, doch kurz vor seiner Entlassung hätte er
Deutschland fast In arge Schwierigkeiten gebracht. War er es
doch, der den Orientdreibund zw. Österreich, England un
Italien billigte und gleichzeitig Russland unterstütze mit den
Türken aufzuräumen. Im Konfliktfall hätte Deutschland zw. den
Stühlen gesessen. Deswegen wurde der Rückversicherungsvertrag
mit Russland 1890 aufgekündigt und somit war Wilhelms (2) neue
Politik auch gar nicht so falsch, auch wenn ich ihn hier nicht
schützen will. War er es doch der uns die Urkatastrophe des
20. Jahrhunderts brachte.

Über den Rückversicherungsvertrag und seine Widersprüchlichkeit wird seit ca. 50 Jahren diskutiert. Ich schliesse mich den Historikern an, die hierin kein böswilliges Hintergehen des Verbündeten Österreich sehen, sondern eine präventive Maßnahme zur Vorbeugung eines Krieges. Dass Bündnisse in dann doch auftretenden Kriegszeiten nicht immer verbindlich sein müssen hat ja bspw. Italien im WK1 gezeigt.
Wilhelm 2 war aber zu unerfahren um eine dermassen ausbalancierte Politik voller Hintertürchen und Klauseln durchzuziehen. Ausserdem hatte er mit Leuten wie Tirpitz oder der Führung der Reichswehr Lobbyisten um sich, die eine ausgewogene Politik überhaupt nicht wollten. Wilhelms „Neuer Kurs“ in der Außenpolitik war auf jeden Fall grundlegend falsch; der jämmerliche deutsche Versuch „einen Platz an der Sonne“ zu ergattern war von vornherein zum Scheitern verurteilt und konnte nur internationale Konflikte auslösen. Total falsch auch die Kalkulation, England, Frankreich und Russland würden niemals ein Bündnis eingehen…

Gruss
Lars