Linguistische und klassische Methode
Hallo Taju,
hier bin ich wieder:wink:
hallo, ich auch.
Ich hoffe mal, dies, auf meine einfachere Weise formuliert,
ist soweit richtig.
Ja.
Dazu benutze ich dann besonders alle mir zugänglichen Quellen
von Euseb selber (der Historiker erklärt mir, dies
sei „illegitim“),
Es kommt auf die Art der Verwendung der Primärquellen an. Sie wörtlich zu nehmen, scheint mir tatsächlich etwas problematisch.
interessant herauszufinden, warum Euseb den Text so und nicht
anders arragiernt, erklärte, daß man eben dies nicht könne.
Das ist nur hypothetisch und auch dann nur in gewissem Rahmen möglich.
Ich bin also durchaus der Ansicht, daß ich herausfinden kann,
was ein Kirchenvater gedacht hat.
Begründet vermuten, nicht herausfinden.
Wenn also das wichtigste am „linguistic turn“ der
Geschichtswissenschaften die Entdeckung der Subjektivität der
Quellen ist, dann würde ich sagen, daß das zwar richtig ist,
man aber mit unterschiedlichen Methoden damit umgehen kann.
Das verstehe ich nicht ganz. Natürlich kann man methodisch verschieden vorgehen, je nach Erkenntnisinteresse.
Vielleicht würde es mir, wenn es Dir nicht zuviel ist, zu
einem besseren Verständnis helfen, wenn Du ein Beispiel nennen
kannst, wie sich der philosophische Erkenntnisweg unter den
Prämissen des „linguistic turn“ von anderen unterscheidet…
Ich bin kein Historiker, aber es gibt ein sehr wichtiges Beispiel, das dir vielleicht vom traditionellen Standpunkt her geläufig ist: Die Interpretation des Begiffes „Ding an sich“ bei Kant.
Bevor man linguistische Methoden einsetzte, vermutete man (praktisch von 1781 bis 1970 etwa), dass Kant mit dem Begriff „Ding an sich“ das Gegenteil vom „Ding als Erscheinung (für mich)“ meinte, also etwas völlig außerhalb unseres „Geistes“ (ich drücke mich hier etwas vorsichtig aus).
Das führte schon bei Hegel zur Setzung eines „Ding-an-sich“, also einer jenseitigen Größe. Diese Auffassung ist aber - da sind sich fast alle einig - systematisch unhaltbar, zumindest jedenfalls äußerst problematisch.
Nun entdeckte Anfang der 70er Jahre Gerold Prauss (zuerst Prof. in Bonn, dann in Münster, jetzt auf dem Heideggerlehrstuhl in Freiburg) mit sprachanalytischen Mitteln, das die sprachliche Wendung „Ding an sich“ bei Kant nur sporadisch in dieser Form auftaucht und eigentlich eine Verkürzung der Wendung „Ding an sich selbst betrachtet“ ist. Die zweite Wendung erscheint innerhalb des Kantischen Werkes statistisch signifikant öfter als die erste. „Ding an sich selbst betrachtet“ ist aber etwas ganz anderes als „Ding an sich“ oder gar „Ding-an-sich“, den die Langform hat durch das Wort „betrachtet“ noch den Subjektbezug erhalten. Mit anderen Worten: Es ist mit der vermeintlichen Formel „Ding an sich“ nicht etwa etwas Jenseitiges gemeint, sondern lediglich ein Aspekt am erkannten Ding, der aber nicht Erscheinung (für mich) ist.
Das ist natürlich alles sehr verkürzt von mir dargestellt. Wenn du dich dafür interessierst, lies Gerold Prauss, „Kant und das Problem der Dinge an sich“ (1974?, inzwischen mehrere Auflagen), vorher vielleicht das wesentlich schwierigere Buch „Erscheinung bei Kant“ vom selben Autor. Man kann das zweite Buch aber durchaus separat verstehen, wenn man ein wenig mit Kant und der traditionellen Deutung bekannt ist.
Das ist ein gutes Beispiel für den Wert der linguistischen Methode in der Textkritik. Ein anderes Beispiel ist das Buch von Konrad Cramer, „Nicht-reine synthetische Urteile a priori“, in dem mit sprachlichen Mitteln nachgewiesen wird, dass Kant nicht nur - wie man bisher weitgehend dachte - analytische und synthetische Urteile unterschieden wissen wollte, wobei er scheinbar „rein“ mit „a priori“ und „empirisch“ mit „nicht-rein“ gleichsetzte, sondern dass Kant eine Dreiteilung vornahm (die er nicht explizit äußerte)
zwischen
- reinen Erkenntnissen a priori
- nicht-reinen Erkenntnissen a priori
- empirischen Erkenntnissen.
Diese Erkenntnis ist entscheidend deshalb, weil unter Punkt 2 auch die Kausalität fällt und damit der Status der Naturwissenschaften bei Kant neu zu überdenken ist.
Als drittes Beispiel (diesmal nicht Kant) fällt mir der frühe Wittgenstein ein, der ja erst die linguistische Betrachtungsweise im gemeinten Sinn veranlasst hat. Sein frühes Werk, der Tractatus, ist nämlich von den einen Interpreten als Ablehnung jeglicher Metaphysik, von den anderen Interpreten gerade als Verweis auf die Wichtigkeit und Notwendigkeit von Metaphysik verstanden worden. Die erste Gruppe verstand die Philosophie Wittgensteins als Wissenschaftsphilosophie und als nichts anderes. Die zweite Gruppe nahm die Sprechweise Wittgensteins in den Einzelheiten ernst, wodurch die Brüche zwischen der Frühphilosophie Wittgensteins und seiner Spätphilosophie geglättet werden können.
Und noch ein viertes Beispiel (bei dem meine Eitelkeit ins Spiel kommt). Ich selbst habe nämlich mit sprachlichen Mitteln nachgewiesen, dass Hans Driesch, den man früher als reinen Spätidealisten ansah, durch seine sprachlichen Formulierungen eigentlich zu den frühen (methodischen) Konstruktivisten zu zählen ist.
Ich hoffe, dass du mit diesen wenigen Beispielen, die leider keine historischen sind, etwas anfangen kannst. Für Rückfragen bin ich aber immer da. Entscheidend an der linguistischen Methode scheint mir zu sein, dass man einen Denker durch sie besser verstehen kann als mit konventionellen Methoden, manchmal sogar - und das ist das Überraschende - besser als er sich selbst.
Herzliche Grüße
Thomas Miller