Linguistic turn

Hallo,

immer wieder bekomme ich das Schlagwort vom linguistic turn/linguistische Wende der Geschichtswissenschaften zu hören. Leider sind die entsprechenden Historiker entweder nicht willens oder nicht fähig (wahrscheinlich entspringt das eine aus dem anderen), mir genau zu erklären, was sie darunter verstehen, wie sie unter dieser Prämisse mit Quellen umgehen und warum dies nun besser ist, als alles, was vorher da war.
Mich interessiert zwar auch die Theorie, aber vor allem die praktische Anwendung in der Geschichtswissenschaft (vor allem in der Alten Geschichte, falls es hier einen Spezialisten geben sollte). Gibt es zur praktischen Anwendung empfehlenswerte Literatur?

Im voraus schon mal Danke,

Taju

Hallo,

http://www.gradnet.de/pomo2.archives/pomo99.papers/B…
http://www.uni-jena.de/ms/PRAGWENDE.html
http://zueri.ch/aha/blickpunkte/linguistik.htm
http://buecherei.philo.at/pragm.htm

Gruß

Thomas Miller

Weitere Links
Hallo,

http://www.uni-heidelberg.de/institute/fak5/igm/g47/…
Dieser erscheint mir besonders erhellend.

http://www.google.de/search?q=cache:-f3KVOo95Yk:www…

http://www.uni-heidelberg.de/institute/fak5/igm/g47/…

Gruß

Thomas Miller

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schon mal Danke
Hallo Thomas!

Das ging ja wirklich sehr schnell, Danke! Ich habe mir jetzt einiges ausgedruckt und hoffe, ich komme am WE dazu, es zu lesen. Hoffe, ich komme damit in meinem Versuch, die Historiker zu verstehen, ein wenig weiter:wink:
Hast Du vielleicht eine eigene Position zu Sinn und Nutzen des linguistic turn? Ich muß zugeben, daß ich bisher in endlosen interdisziplinären Sitzungen immer zu dem Ergebnis gekommen bin, daß ich mit meiner auf Troeltschs Axiomen beruhenden Methode des kritischen Quellenvergleichs eigentlich genauso weit gekommen bin… nur etwas schneller und verständlicher:wink:
Will aber nicht ausschließen, daß ich das nach gründlicher Beschäftigung mit dem lingustic turn anders sehen könnte.

Gruß,
Taju

Eigene Position
Hallo Taju,

Hast Du vielleicht eine eigene Position zu Sinn und Nutzen des
linguistic turn? Ich muß zugeben, daß ich bisher in endlosen
interdisziplinären Sitzungen immer zu dem Ergebnis gekommen
bin, daß ich mit meiner auf Troeltschs Axiomen beruhenden
Methode des kritischen Quellenvergleichs eigentlich genauso
weit gekommen bin… nur etwas schneller und verständlicher:wink:

vorweg: Ich bin kein Historiker, sondern Philosoph. Die linguistische Wende halte ich demnach (natürlich) für bedeutend, ganz einfach, weil ohne sie die Geschichte der Philosophie im 20. Jh. ganz anders verlaufen wäre.

Gleichwohl stehe ich mehr, aber nicht ausschließlich, auf der Seite der Hermeneutik (i.w.S., also Heidegger etc.). Gerade deswegen ist es mir aber wichtig zu betonen, dass mir Troetschs Historismuskritik sehr am Herzen liegt. Selbstverständlich kann man im Rahmen der Geschichtswissenschaft auch ohne Linguistik zum gleichen Ergebnis kommen. Aber die Methode ist nicht so exakt, denn sie vernachlässigt - nach meiner Erinnerung - weitgehend die subjektiv-sprachlichen Irrtümer. Aber ich habe Troeltsch das letzte Mal vor etwa 8 Jahren in der Hand gehabt - da kann ich mich auch irren.

Jetzt am WE bin ich nicht zuhause, sodass ich mich nicht um das Thema kümmern kann. Ich behalte es aber im Auge. Wir können nächste Woche nochmal darüber korrespondieren, wenn du willst.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Hallo Thomas,

hier bin ich wieder:wink:
Zwei Dinge habe ich nun über den Ansatz des „linguistic turn“ gelernt:

  • Man geht davon aus, daß das in den Quellen dargestellte die subjektive Interpretation des Vorhandenen ist. Wir können also eine Quelle nicht so verwenden, als wäre sie ein objektives Abbild der - historischen - Ereignisse
  • Dies hängt damit zusammen, daß jeder in einer bestimmten Sprachwelt lebt. Sprache bestimmt unser Denken, nicht umgekehrt.
    Ich hoffe mal, dies, auf meine einfachere Weise formuliert, ist soweit richtig.
    Diese Erkenntnisse sind sicher plausibel. Vielleicht hängen also meine Kommunikationsprobleme mit Historikern damit zusammen, daß meine Disziplin (Patrologie) sowieso immer schon interessiert hat, was die Menschen dachten, weniger, wer, was, wann, wo gemacht hat, wie es wohl zumindest die „alte“ Geschichtswissenschaft versucht hat, zu untersuchen. Allerdings gibt es spätestens seit Harnack (davor kenne ich mich nicht so aus) durchaus ein Bewußtsein dafür, daß man das Denken nicht von den historischen Ereignissen lösen kann. Umgekehrt gehe ich davon aus, daß das Denken historische Ereignisse erst in Gang setzt.
    Das konkrete Problem besteht nun darin, daß Historiker mir z.B. sagen, ich könne nicht herausfinden, was Euseb gedacht hat. Für mich ist das aber eine zentrale Frage. Mein Ansatz ist es, in diesem konkreten Fall, erst die Geschichtstheologie Eusebs herauszufinden, um von dort aus seine Darstellung der kirchengeschichtlichen Ereignisse zu analysieren. Dazu benutze ich dann besonders alle mir zugänglichen Quellen von Euseb selber (der Historiker erklärt mir, dies sei „illegitim“), sowie auch durchaus andere Quellen, um ihn geistesgeschichtlich einordnen zu können oder aber auch andere Interpretationen der Wirklichkeit zu untersuchen.
    Als ein Historiker-Kollege die Kirchengeschichte Eusebs interpretierte, hat er ein Schema gemacht, wann Euseb über wen spricht. Er nennt das dann Dekonstruktion. Leider hat er mir nicht gesagt, was er dann mit dieser Dekonstruktion anfangen will, sondern mir nur, auf meine These, es wäre ja nun interessant herauszufinden, warum Euseb den Text so und nicht anders arragiernt, erklärte, daß man eben dies nicht könne.
    Ich bin also durchaus der Ansicht, daß ich herausfinden kann, was ein Kirchenvater gedacht hat. Daß die Sprache dabei ein wesentliches Axiom ist, ist wohl, wenn ich mal ein bißchen lapidar werden darf, jedem anständigen Theologen bekannt, der sich mit den trinitarischen Streitigkeiten auskennt.
    Wenn also das wichtigste am „linguistic turn“ der Geschichtswissenschaften die Entdeckung der Subjektivität der Quellen ist, dann würde ich sagen, daß das zwar richtig ist, man aber mit unterschiedlichen Methoden damit umgehen kann.

Vielleicht würde es mir, wenn es Dir nicht zuviel ist, zu einem besseren Verständnis helfen, wenn Du ein Beispiel nennen kannst, wie sich der philosophische Erkenntnisweg unter den Prämissen des „linguistic turn“ von anderen unterscheidet…

Höchst verwirrt und dankbar, daß es auch noch nicht linguistische Historiker gibt, grüßt
Taju

Linguistische und klassische Methode
Hallo Taju,

hier bin ich wieder:wink:

hallo, ich auch.

Ich hoffe mal, dies, auf meine einfachere Weise formuliert,
ist soweit richtig.

Ja.

Dazu benutze ich dann besonders alle mir zugänglichen Quellen
von Euseb selber (der Historiker erklärt mir, dies
sei „illegitim“),

Es kommt auf die Art der Verwendung der Primärquellen an. Sie wörtlich zu nehmen, scheint mir tatsächlich etwas problematisch.

interessant herauszufinden, warum Euseb den Text so und nicht
anders arragiernt, erklärte, daß man eben dies nicht könne.

Das ist nur hypothetisch und auch dann nur in gewissem Rahmen möglich.

Ich bin also durchaus der Ansicht, daß ich herausfinden kann,
was ein Kirchenvater gedacht hat.

Begründet vermuten, nicht herausfinden.

Wenn also das wichtigste am „linguistic turn“ der
Geschichtswissenschaften die Entdeckung der Subjektivität der
Quellen ist, dann würde ich sagen, daß das zwar richtig ist,
man aber mit unterschiedlichen Methoden damit umgehen kann.

Das verstehe ich nicht ganz. Natürlich kann man methodisch verschieden vorgehen, je nach Erkenntnisinteresse.

Vielleicht würde es mir, wenn es Dir nicht zuviel ist, zu
einem besseren Verständnis helfen, wenn Du ein Beispiel nennen
kannst, wie sich der philosophische Erkenntnisweg unter den
Prämissen des „linguistic turn“ von anderen unterscheidet…

Ich bin kein Historiker, aber es gibt ein sehr wichtiges Beispiel, das dir vielleicht vom traditionellen Standpunkt her geläufig ist: Die Interpretation des Begiffes „Ding an sich“ bei Kant.

Bevor man linguistische Methoden einsetzte, vermutete man (praktisch von 1781 bis 1970 etwa), dass Kant mit dem Begriff „Ding an sich“ das Gegenteil vom „Ding als Erscheinung (für mich)“ meinte, also etwas völlig außerhalb unseres „Geistes“ (ich drücke mich hier etwas vorsichtig aus).
Das führte schon bei Hegel zur Setzung eines „Ding-an-sich“, also einer jenseitigen Größe. Diese Auffassung ist aber - da sind sich fast alle einig - systematisch unhaltbar, zumindest jedenfalls äußerst problematisch.

Nun entdeckte Anfang der 70er Jahre Gerold Prauss (zuerst Prof. in Bonn, dann in Münster, jetzt auf dem Heideggerlehrstuhl in Freiburg) mit sprachanalytischen Mitteln, das die sprachliche Wendung „Ding an sich“ bei Kant nur sporadisch in dieser Form auftaucht und eigentlich eine Verkürzung der Wendung „Ding an sich selbst betrachtet“ ist. Die zweite Wendung erscheint innerhalb des Kantischen Werkes statistisch signifikant öfter als die erste. „Ding an sich selbst betrachtet“ ist aber etwas ganz anderes als „Ding an sich“ oder gar „Ding-an-sich“, den die Langform hat durch das Wort „betrachtet“ noch den Subjektbezug erhalten. Mit anderen Worten: Es ist mit der vermeintlichen Formel „Ding an sich“ nicht etwa etwas Jenseitiges gemeint, sondern lediglich ein Aspekt am erkannten Ding, der aber nicht Erscheinung (für mich) ist.

Das ist natürlich alles sehr verkürzt von mir dargestellt. Wenn du dich dafür interessierst, lies Gerold Prauss, „Kant und das Problem der Dinge an sich“ (1974?, inzwischen mehrere Auflagen), vorher vielleicht das wesentlich schwierigere Buch „Erscheinung bei Kant“ vom selben Autor. Man kann das zweite Buch aber durchaus separat verstehen, wenn man ein wenig mit Kant und der traditionellen Deutung bekannt ist.

Das ist ein gutes Beispiel für den Wert der linguistischen Methode in der Textkritik. Ein anderes Beispiel ist das Buch von Konrad Cramer, „Nicht-reine synthetische Urteile a priori“, in dem mit sprachlichen Mitteln nachgewiesen wird, dass Kant nicht nur - wie man bisher weitgehend dachte - analytische und synthetische Urteile unterschieden wissen wollte, wobei er scheinbar „rein“ mit „a priori“ und „empirisch“ mit „nicht-rein“ gleichsetzte, sondern dass Kant eine Dreiteilung vornahm (die er nicht explizit äußerte)
zwischen

  1. reinen Erkenntnissen a priori
  2. nicht-reinen Erkenntnissen a priori
  3. empirischen Erkenntnissen.
    Diese Erkenntnis ist entscheidend deshalb, weil unter Punkt 2 auch die Kausalität fällt und damit der Status der Naturwissenschaften bei Kant neu zu überdenken ist.

Als drittes Beispiel (diesmal nicht Kant) fällt mir der frühe Wittgenstein ein, der ja erst die linguistische Betrachtungsweise im gemeinten Sinn veranlasst hat. Sein frühes Werk, der Tractatus, ist nämlich von den einen Interpreten als Ablehnung jeglicher Metaphysik, von den anderen Interpreten gerade als Verweis auf die Wichtigkeit und Notwendigkeit von Metaphysik verstanden worden. Die erste Gruppe verstand die Philosophie Wittgensteins als Wissenschaftsphilosophie und als nichts anderes. Die zweite Gruppe nahm die Sprechweise Wittgensteins in den Einzelheiten ernst, wodurch die Brüche zwischen der Frühphilosophie Wittgensteins und seiner Spätphilosophie geglättet werden können.

Und noch ein viertes Beispiel (bei dem meine Eitelkeit ins Spiel kommt). Ich selbst habe nämlich mit sprachlichen Mitteln nachgewiesen, dass Hans Driesch, den man früher als reinen Spätidealisten ansah, durch seine sprachlichen Formulierungen eigentlich zu den frühen (methodischen) Konstruktivisten zu zählen ist.

Ich hoffe, dass du mit diesen wenigen Beispielen, die leider keine historischen sind, etwas anfangen kannst. Für Rückfragen bin ich aber immer da. Entscheidend an der linguistischen Methode scheint mir zu sein, dass man einen Denker durch sie besser verstehen kann als mit konventionellen Methoden, manchmal sogar - und das ist das Überraschende - besser als er sich selbst.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

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Hallo Thomas,
erst einmal ganz vielen Dank! Leider konnte ich nicht eher antworten, weil mein Computer, gleich nachdem ich den „Lobpunkt“ verteilt habe, seinen Geist aufgegeben hat…

Es kommt auf die Art der Verwendung der Primärquellen an. Sie
wörtlich zu nehmen, scheint mir tatsächlich etwas
problematisch.

Mir auch. Wörtlich kann man die Texte wohl schon deswegen nicht nehmen, weil sie von anderen Menschen zu einer anderen Zeit zu einem anderen Publikum gesprochen (-schrieben) wurden. Interessant und in meiner Disziplin zu oft übersehen ist auch der andere Ort der Texte.

Ich bin also durchaus der Ansicht, daß ich herausfinden kann,
was ein Kirchenvater gedacht hat.

Begründet vermuten, nicht herausfinden.

Nun, ich hätte mich, gerade angesichts unseres Themas, wohl tatsächlich präziser ausdrücken sollen! Letztlich verstehe ich meine Arbeit genau so, begründet und nach Darlegung meiner Voraussetzungen und Erkenntniswege (vor dem Begriff „Methode“ schrecke ich im derzeitigen Stadium noch zurück) zu vermuten.

Vielleicht würde es mir, wenn es Dir nicht zuviel ist, zu
einem besseren Verständnis helfen, wenn Du ein Beispiel nennen
kannst, wie sich der philosophische Erkenntnisweg unter den
Prämissen des „linguistic turn“ von anderen unterscheidet…

Ich bin kein Historiker, aber es gibt ein sehr wichtiges
Beispiel, das dir vielleicht vom traditionellen Standpunkt her
geläufig ist: Die Interpretation des Begiffes „Ding an sich“
bei Kant.

Deine Beispiele sind wirklich gut, auch wenn ich mit Schrecken meiner Kant-Defizite feststellen mußte!
Wahrscheinlich helfen mir die Beispiele aus der Philosophie weiter, da ich, wie erwähnt, primär an Geistesgeschichte interessiert bin. Einen Kirchenvater zu untersuchen heißt letztlich seine Systematik zu analysieren.
Dazu gehören für mich selbstverständlich „Wortfeldanalysen“. Wenn ich z.B. bei Origenes untersuche, was er unter pronoia versteht, sammle ich erst einmal die entsprechenden Stellen. In welcher Textgattung (Homilie, Kommentar) wird pronoia - eventuell - häufiger gebraucht? Der jeweilige Kontext ist zu beachten, gibt es typische Wortverbindungen (Adjektive, Prädikate) mit pronoia, gibt es explizite Definitionen des Begriffs? Desweiteren untersuche ich dann die „Geschichte“ des Begriffs und Verwendung bei zeitgenössischen Autoren (hier sind oft erstaunliche und erhellende Inkulturationsleistungen der Kirchenväter zu erkennen!) sowie durchaus auch die Wirkungsgeschichte des spezifischen pronoia-Verständnisses. Wenn ich Deine Ausführungen richtig verstehe, dann beherrsche ich vieleicht die linguistische Methode nicht (wie könnte ich das behaupten, wo sie mir bis vor kurzem nicht bekannt war), aber meine Vorgehendweise zur Erschließung einer Quelle unter meiner spezifischen Fragestellung scheint mir soweit nicht entfernt zu sein von jener Methode. Bisher hätte ich immer gedacht, daß ich mich einer für meine Disziplin klassischen Vorgehensweise bediene. Es wäre interessant und wohl auch nicht überrschend, wären wir Thelogen nicht auch hier von der Philosophie beeinflußt worden. Ich werde versuchen, daß herauszufinden.

Noch einmal ganz vielen Dank! Du hast mein Interesse an Methodenfragen gesteigert und das an Kant wieder geweckt!

Herzliche Grüße,
Taju

Kant
Hallo Taju,

Ich werde versuchen, daß herauszufinden.

Vielleicht lässt du mich am Ergebnis teilhaben …

Du hast mein Interesse an Methodenfragen gesteigert

Das freut mich.

und das an Kant wieder geweckt!

Das freut mich noch mehr.

Herzliche Grüße

Thomas Miller