Sonderkommando Elbe
Hallo Sue!
Nachdem hier schon einiges recht ungenau genannt wurde, hier mal der Versuch einer Art Zusammenfassung:
Wie schon richtig von Dir vermutet hatte man aufgrund europäischer Mentalität sowie auch dem christlichen Glauben Vorbehalte gegenüber solch eines Totaleinsatzes von Mensch und Maschine.
Als sich 1943 eine zunehmende Verschlechterung der Situation abzeichnete gab es allerdings schon die ersten Vorschläge für den sogenannten SO-Einsatz (Sondereinsatz). Diese wurden zu diesem Zeitpunkt noch alle abgelehnt.
Erst im Lauf des Jahres 1944 wurden verschiedene Ideen wieder aufgenommen. Aber selbst bei Projektion die offiziell die Titulierung SO hatten, baute man immer noch eine letzte Rettungsmöglichkeit für den Betrof-fenen ein, was alleine zeigt, dass man nie ganz von dieser Einsatzart überzeugt war.
Von allen Vorschlägen kam nur einer wirklich zur Ausführung (seltsamerweise hat den noch keiner erwähnt).
Im Herbst 1944 wurde das „Sonderkommando Elbe“ gebildet. Die Piloten dieser Einheit waren Freiwillige, die durch einen Totaleinsatz mit ihrem konventionellen Jagdflugzeug (vorgesehen waren Me109) - durch Rammen - US-Bomber zum Absturz bringen sollten und wollten!
Diese sind nicht zu verwechseln mit den Rammjägern (besser: Sturmjäger), die sich schon seit Frühjahr 1944 im Einsatz befanden (s.a. unten bei anderer Antwort).
Am 7.April 1945 kam es zum einzigen Einsatz dieses Verbandes. Ca. 120 Jäger starteten dabei zum Angriff auf US-Bomber. Da ich die genauen Angaben erst nachschlagen müsste nur soviel aus der Erinnerung dazu: Deutscherseits wurden ca. 35 Bomber als „abgeschossen“ gemeldet. Von US-Seite wurden für diesen Tag aber nur ca. 15 Verluste angegeben. Von den "Elbe-"Piloten kehrten nur ca. 15 mit ihren Maschinen zum Flugplatz zurück. Ausserdem konnte sich ein Teil mit dem Fallschirm retten. Ca. 80 Piloten sollen getötet worden sein. Später sollen auch noch kleinere Einsätze durch das Kommando im konventionellen Rahmen geflogen worden sein (ohne Selbstopferung).
Weitere Projekte:
##Luftwaffe:
Fieseler Fi-103 „Reichenberg“
SO-Einsatz gegen wichtige Punktziele (z.B. Kraftwerke, grosse Kriegsschiffe u.ä.) mit einer bemannten V1-Flugbombe (besser: Fieseler Fi-103).
Der Pilot sollte die „Reichenberg“ von einem Trägerflugzeug aus starten und die Flugbombe auf den Kurs zum Ziel bringen. Die Planung sah dabei eigentlich vor, das der Pilot kurz vorher absprang. Man wurde sich aber schnell darüber klar, dass dieser Einsatz nur funktionieren würde, wenn der Pilot bis zum Schluss am Steuer blieb.
Die „Reichenberg“ entstand durch Umbau aus bestehenden Fi-103. Probeflüge wurde noch durchgeführt und bewiesen die Durchführbarkeit (Testpilot war u.a. die bekannte Fliegerin Hanna Reitsch). Auch eine Übungs-variante mit Doppelsteuer für einen Fluglehrer sollte gebaut werden.
Insgesamt sollen sich ca. 200 Freiwillige gemeldet haben. Eine grosse Anzahl von „Reichenberg“ wurde noch umgebaut, bei Kriegsende aber von den Amerikanern unversehrt erbeutet. Taktisch unterstellt wurde das Projekt dem Kampfgeschwader 200 (KG200) - ein Spezialverband der Luftwaffe (flog u.a. auch die Misteleinsätze - unbemannte mit Sprengkopf versehene Ju88-Bomber, die von einem Trägerflugzeug ins Ziel gesteuert wurden - gegen die Oderbrücken).
Zum Einsatz kam es aufgrund der Bedenken gegen diese Einsatzart (zum Glück) nicht mehr.
Messerschmitt Me 328
Ursprünglich ein Projekt für ein billig herzustellendes Jagdflugzeug (u.a. auch eine Ausführung als Bordjäger für Bomber). Als Antrieb sollten die Pulso-Triebwerke der Fi-103 verwendet werden. Nach Einstellung des Jägerprojektes sollte die Maschine für den SO-Einsatz umkonstruiert werden. Die Arbeiten dazu verzögerten sich (gewollt?) und wurden nicht mehr beendet.
Absolut keine Selbstopferprojekte der Luftwaffe waren:
Mistelflugzeuge (s.o.) oder auch
Raketenjäger (neben der schon genannten Me163 auch nicht die senkrecht startende Bachem Ba 349 „Natter“)
Marine:
Er wurden in den anderen Antworten schon einige Dinge genannt, aber ausgesprochene Selbstopferungspro-jekte gab es hier nie! Einigen der genannten Marinekleinkampfmittel haftet dieser Ruf zu Unrecht an. Allen gemeinsam ist allerdings, dass sie zu schnell, zu spät und meist als zu provisorische Konstruktionen (insbe-sondere „Neger“ und „Marder“) zum Einsatz kamen (Zeit hatte man eben keine). Dazu hier noch einiges:
Bemannte Torpedos
„Neger“ und „Marder“ (Folgetyp des „Neger“) waren beides Einmanntorpedos (unten schon erklärt) und ver-schossen modifizierte normale Torpedos auf ihre Ziele.
Projekte für den Einsatz von Kamikazetorpedos (Mann und Torpedo gehen gemeinsam ins Ziel) wie bei den Japanern (dort auch noch eingesetzt) gab es nicht!
Die hohen Verluste insbesondere der „Neger“ waren eine Folge der noch improvisierten Konstruktion, schlechter Einsatzplanung und schlechter Schulung der Fahrer.
Sprengboote
Diese Einsatzart war nicht neu. Schon im 1.Weltkrieg gab es dazu Versuche. U.a. wurden vor der flandri-schen Küste ferngelenkte Sprengboote deutscherseits versuchsweise eingesetzt.
Vor und zu Beginn des 2.Weltkrieges waren u.a. die Italiener führend. Im Mittelmeer wurden auch einige Einsätze mit geringen Erfolgen ausgeführt (1941 wurde in einer Bucht von Kreta der englische Kreuzer York so schwer beschädigt, das er aufgegeben werden musste; ein Unternehmen gegen Malta 1942 misslang völ-lig).
Nach italienischem Vorbild setzen dann auch die Deutschen ab Sommer 1944 ihre Sprengboote ein (eben „Linsen“ genannt). Wie schon hier in einer Antwort richtig erwähnt wurden die Fahrer von einem Führungs-boot aufgenommen und die „Linse“ dann per Fernlenkung ins Ziel gesteuert.
Erfolge hatte man hier aus gleicher Ursache wie bei den Einmanntorpedos nur im beschränkten Rahmen.
Übrigens setzten auch die Japaner dieses Kampfmittel ein - zur Abwechslung mal nicht als ausgesprochenes Selbstmordgerät.
Klein-U-Boote (i.d.R. mit 1 bis 2 Mann Besatzung)
Hier spricht schon der Name für sich: Es handelte sich um U-Boote! D.h. sie verschossen Torpedos gegen Ziele. Typisch sind hier auf deutscher Seite die Typen „Biber“ und „Seehund“ (letzterer noch relativ erfolgreich, in einer anderen Antwort schon ausreichend beschrieben).
Die Besatzungen sollten hier auf jeden Fall vom Einsatz zurückkehren. Dies macht schon aus Sicht der auf-wendigeren Ausbildung Sinn.
Ein Grenzfall stellt das Klein-U-Boot „Delphin“ dar (nur ein Prototyp gebaut). Es sollte als eine Art Spreng-boot unter Wasser eingesetzt werden. Wichtig ist hierbei aber : Da man nicht recht wusste, wie sich der Fahrer retten sollte, wurden andere Bewaffnungsmöglichkeiten getestet und der Spreng-U-Boot-Gedanke wieder aufgegeben.
Heer
Hier gelten sinngemäss die bei der Marine schon gemachten Feststellungen.
Manchmal werden hier die „Ladungsträger“ fälschlicherweise als Selbstopferfahrzeuge angegeben.
Dabei handelt es sich um kleine gepanzerte Fahrzeuge, die ferngelenkt eine Sprengladung zu einem Ziel bringen und dort ablegen. Per Funkbefehl kann aber auch das gesamte Fahrzeug gesprengt werden. Da die Fern-lenkung nicht unbedingt zuverlässig arbeitete, konnten die grösseren Fahrzeuge auch von einem Fahrer im Fahrzeug gesteuert werden. Da dies möglichst lange der Fall sein sollte (da die Fernlenkung eben anfällig war), waren die Fahrer sehr gefährdet durch Feindfeuer. Eine Selbstopferung war hier nie geplant (und kam meines Wissens auch nicht vor).
Typische Fahrzeuge sind der „Ladungsträger BIV“ von Borgward, der „Springer“ von NSU (auf Basis des bekannten Kettenkrades) oder der generell unbemannte „Goliath“ (zu klein für einen Fahrer). Der Erfolg dieser Fahrzeuge hielt sich aber trotz nicht unerheblich gefertigter Mengen eher in Grenzen, zumal sie sich für eine der ursprünglich vorgesehenen Aufgaben - das Minenräumen - als ungeeignet erwiesen.
So - hoffe etwas geholfen zu haben.
Gruss
Tom