die Kinder belügen

Von: , Frage gestellt am Fr, 19. Aug 2005

Hallo,

die Frage von MeToo hat mich daran erinnert, daß ich ein Problem bezüglich "den Kindern immer die Wahrheit sagen" habe. Bislang ist es nicht aktuell, aber der Zeitpunkt kommt näher...

Zur Vorgeschichte:

Meine Schwiegermutter ist...sagen wir mal "psychisch auffällig". Die Folge ist, sie lehnt "Fremde" in der familiären Umgebung kathegorisch ab. Fremd sind dabei auch ihre Schwiegersöhne (derer zwei). Meine Frau ist die älteste Tochter, sie war auch die erste, die heiratete.

Kurz nachdem wir zusammengezogen sind (gut zwei Jahre vor der Hochzeit), versuchte sie durch Einreden auf meine Frau dazwischen zu funken. Da dies nicht von Erfolg gekrönt war, versuchte sie es sogar mit einer Anzeige (ihre Tochter würde gegen ihren Willen festgehalten, ich wäre ein Schwerverbrecher etc.). Die Anzeige war ausgesprochen wirr formuliert (der ermittelnde Beamte hat sie uns vorgelesen), so daß sich die Geschichte mit einem Besuch auf dem Präsidium leicht klären ließ. Danach hat sie sich mit gelegentlichen Spitzen gegenüber meiner Frau begnügt. Wenn es zuviel wurde, ist meine Frau halt kurzerhand abgereist (wir wohnen ca. 200km auseinander). Meine Frau ist zwei- bis dreimal im Jahr für ein paar Tage bei ihren Eltern.

Ich hatte bislang nicht das "Vergnügen" Schwiegermama persönlich kennen zu lernen, lediglich ein Telefonat haben wir (versehentlich) miteinander geführt (in dem sie mich darüber aufgeklärt hat, daß die Kinder abends pünktlich ihr Essen brauchen und meine Frau eine Wäschespinne im Garten und ich gefälligst die Hufe schwingen solle, sonst käme sie mit der Polizei vorbei...). Mein Schwiegervater hingegen ist eine Seele von Mensch und ich habe einen riesen Respekt davor daß er seine Frau nicht schon vor Jahren verlassen hat.

Nun hat sich Schwiegermama vor vier Jahren trotzdem riesig über ihren ersten Enkel gefreut (obwohl dazu ja ein fremder Mann nötig ist...*fg*). Und sie ist wohl auch eine tolle Oma (persönlich kann ich das ja schwerlich beurteilen), jedenfalls lieben unsere Jungs (besonders der Große) sie abgöttisch. Wenn der Große (gerade vier geworden) hört, daß Opa ihn abholt und er zu Oma und Opa "in den Urlaub" fahren darf, ist er nicht mehr zu halten. Er rennt tagelang als HB-Männchen durchs Haus und kann den Zeitpunkt der Abreise kaum erwarten. Meine Frau kommt dann ein paar Tage später mit dem Kleinen nach, bleibt selbst ein paar Tage und nimmt dann beide mit nach hause (worauf er sich dann immer genauso freut wie auf die Reise zur Oma).

Bislang ist das noch kein großes Problem, da ich ja arbeiten muß und es deshalb auch für ihn einsichtig ist daß ich gerade jetzt nicht mitkommen kann. Und daß Oma nie zu uns kommt, liegt halt daran, daß sie auf das Haus und die Möbel aufpassen muß (diese Erklärung hat er uns irgendwann selbst präsentiert und wir haben ihr nicht widersprochen). Aber er glaubt, daß wir schon alle zusammen bei Oma und Opa waren (stimmt auch fast, wir waren mal da als Schwiegermama auf Ausflug war - ich wollte doch auch mal des Elternhaus meiner Frau sehen). Und letztens hat er auch gefragt, wann wir mal wieder alle dorthin fahren. Da ist mir bewußt geworden, daß der Tag der Wahrheit immer näher rückt...
Beim vorletzten Besuch (im Frühjahr) ist es dann zu der Situation gekommen, daß Schwiegermama in einem Wahnschub anfing auf mich zu wettern. Mein Sohnemann hat ihr dabei wohl ausdauernd widersprochen. Irgendwie konnten meine Frau und ihr Vater die Situation dann entschärfen und Schwiegermama hat sich wieder zurückgehalten. Sohnemann hat die Situation (und was Oma im Einzelnen losgelassen hat) glücklicherweise aber offenbar überhaupt nicht richtig realisiert, das hätte man sonst gemerkt. Dinge, die ihn bewegen, spricht er meist Tage später noch mal an und da kam absolut nichts.

Die Frage ist jetzt aber, wie wir damit umgehen können. Aktiv belügen wollen wir ihn eigentlich nicht, das könnte das Vertrauen nachhaltig stören. Andererseits ist er schlicht zu jung um mit der Situation (der Realität) umgehen zu können. Und ich möchte auch nicht das ausgesprochen liebevolle Verhältnis zwischen Oma und Enkel zerstören. Aber er wird immer älter und der Tag an dem er merkt, daß etwas nicht stimmt, ist wohl nicht mehr allzu fern...

Habt ihr Ratschläge für mich?

Gruß Stefan

P.S.: Bei Oma anzusetzen ist derzeit keine realistische Option. Hier muß ich mich auf das Urteil der Familie verlassen, die mit der Mutter schon eine lange und schmerzhafte Geschichte hat.

19 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 40 Minuten 4 hilfreich
    Re: die Kinder belügen

    Hallo Stefan, Zur Vorgeschichte:
    dies ist eine recth traurige Geschichte, auch und gerade für Deine Schwiegermutter. solch eine psychisch Störung macht nicht zuletzt den Betroffnenen einsam. Nun hat sich Schwiegermama vor vier Jahren trotzdem riesig
    über ihren ersten Enkel gefreut. Und sie ist wohl auch eine tolle Oma
    (persönlich kann ich das ja schwerlich beurteilen), jedenfalls
    lieben unsere Jungs (besonders der Große) sie abgöttisch.
    Das ist schon mal sehr schön, dass der Enkel nicht zu den "Fremden" gehört. Sohnemann hat die Situation (und
    was Oma im Einzelnen losgelassen hat) glücklicherweise aber
    offenbar überhaupt nicht richtig realisiert, das hätte man
    sonst gemerkt. Dinge, die ihn bewegen, spricht er meist Tage
    später noch mal an und da kam absolut nichts.
    Hoffentlich hängt das nicht noch in irgendeinem Eck. Denk dran, wenn Dein Sohn "auf einmal" "urplötzlich" und vor allem "ohne jeglichen Grund" mit irgendwelchen Verhaltensauffälligkeiten anfängt. Die Frage ist jetzt aber, wie wir damit umgehen können. Aktiv
    belügen wollen wir ihn eigentlich nicht, das könnte das
    Vertrauen nachhaltig stören. Andererseits ist er schlicht zu
    jung um mit der Situation (der Realität) umgehen zu können.
    Und ich möchte auch nicht das ausgesprochen liebevolle
    Verhältnis zwischen Oma und Enkel zerstören. Aber er wird
    immer älter und der Tag an dem er merkt, daß etwas nicht
    stimmt, ist wohl nicht mehr allzu fern...
    Nun, wenn er - wie Du so schön schreibst - immer älter wird, ist er ja auch nicht mehr so leicht "zu jung" um das zu verstehen.

    Am besten ist wirklich immer die Wahrheit, kindgerecht verpackt. Vielleicht solltest Du sogar nach Omi-Besuchen selber durch vorsichtiges Nachfragen ("Was hat den die Omi so erzählt") hin und wieder austesten, ob da seltsame Reaktionen Deines Sohnes kommen. Und wenn er betrübt meint, dass die Omi Dich doch allem Anschein nach überhaupt nicht lieb hat, dann kann man ihm vielleicht von großer Angst erzählen, die sie vor Menschen hat, die sie nicht von klein auf kennt, wie das doch bei euren Kindern der Fall ist.

    Es gibt sicher noch andere Strategien, was hier zu machen sei. Aber es gibt ja auch noch andere Benutzer hier im Forum.

    Schöne Grüße, Karin

  2. Antwort von nach 46 Minuten 4 hilfreich
    Re: die Kinder belügen

    Hi,
    ich bin eigentlich nicht der klassische Ansprechpartner für Probleme von Vätern, zwecks da ich mental noch mehr Sohn bin als sonstwas.
    Deine Geschichte erinnert mich massiv an meine Oma. Da wars ähnlich, nur daß meine Mum die Leidtragende war.
    Ich hab so mit etwa 4-5 Jahren gecheckt, daß da was nicht koscher ist. Zufälligerweise war die Situation recht ähnlich, ich war mit Ihr im Urlaub und sie hat angefangen wie irre über meine Mutter zu lästern, wobei ich ebenfalls vehement widersprochen habe. (da ist sie dann auch heulend zamgeklappt).
    Ich weiß nicht wie alt dein großer ist, aber geh lieber davon aus, daß er genau weiß was los ist. (auch wenn er's vielleicht nicht versteht)
    Allein die Frage an Dich, wann Ihr denn da mal alle zusammen hinfahrt, zeigt doch, daß er schon mitkriegt, daß da was anders ist als z.b. bei der anderen Oma.
    Ich hab damals (nach etwas Überwindung, wg Loyalitätskonflikt Oma/Mama) meine Mutter drauf angesprochen und die hat mir das wirklich ausführlich erklärt. Wenns an Fragen ging, wo sie lieber nix sagen wollte hat sie halt gesagt, daß das ne Sache zwischen Ihnen ist und mein Verhältnis zur Oma nicht betrifft, weils um Sachen geht die vor meiner Zeit waren.
    fand ich damals recht logisch.

    MfG
    Nick

    • Antwort von nach einer Stunde 0 hilfreich
      Re^2: die Kinder belügen

      Hallo,

      Danke für Deinen Erfahrungsbericht, wirklich hilfreich! Eine Frage aber noch: Ich hab damals (nach etwas Überwindung, wg Loyalitätskonflikt
      Oma/Mama) meine Mutter drauf angesprochen und die hat mir das
      wirklich ausführlich erklärt. Wenns an Fragen ging, wo sie
      lieber nix sagen wollte hat sie halt gesagt, daß das ne Sache
      zwischen Ihnen ist und mein Verhältnis zur Oma nicht betrifft,
      weils um Sachen geht die vor meiner Zeit waren.
      fand ich damals recht logisch.
      Wie alt warst Du da?

      Gruß Stefan

  3. Antwort von nach einer Stunde 0 hilfreich
    Re: die Kinder belügen

    Hallo

    Soweit ich mich an meine Kindheit erinnere, so habe ich eigentlich alles sehr deutlich und glasklar gefühlt, was meine Eltern bewegt hat.

    Da meine Eltern jedoch so gut wie nie mit mir darüber gesprochen haben, hatte ich nie eine Erklärung für meine teilweise unangenehmen Gefühle, die ich dann natürlich irgendeinem Fehler zugeschrieben habe, den ich möglicherweise gemacht haben könnte.

    Damit will ich nur bestätigen, was schon gesagt wurde: Immer nur raus mit der Wahrheit. Die Wahrheit ist immer wesentlich besser erträglich als unbestimmte Ahnungen.

    Viele Grüße Thea [Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

  4. Antwort von nach einer Stunde 5 hilfreich
    Re: nein

    Hallo Goosi,

    meine Mutter wollte keinen Kontakt zu meinem Großvater. Ihre Mutter mochte sie nicht besonders - hat sie aber gelegentlich auf "neutralem Terrain" getroffen. Meine Großmutter war wiederum gegen meinen Stiefvater.

    Ich mochte meine Großeltern beide - besonders den Großvater. Meine Mutter hat mir den Kontakt ermöglicht so weit wie möglich. Ich habe viele Wochenenden und die meisten Ferien bei meinen Großeltern verbracht.

    Erst als Erwachsene habe ich erfahren, warum meine Mutter den Kontakt zu ihrem Stiefvater abgebrochen hat: sexueller Mißbrauch über viele Jahre.

    Der Kontakt zu beiden Teilen der Familie war möglich, weil es klare Absprachen gab:

    - Die Großeltern konnten so oft mit mir telefonieren wie sie wollten
    - Wenn sie mich abgeholt haben, wurde unten geklingelt und ich kam runter
    - Das Kind wird nicht über den jeweils anderen Familienteil ausgefragt
    (übrigens habe ich auch die Fragen als belastend erlebt, "was hat Oma über mich gesagt" - solange sie stattfanden)
    - das Kind wird nicht als Bote benützt werden

    - Opa darf nicht allein mit dem Kind schwimmen gehen (von dieser Absprache wußte ich nichts)

    - Waldspaziergänge, Radtouren und andere Unternehmungen mit Opa allein sind o.k., aber wenn es auch nur irgendein geringfügiges Anzeichen in den Erzählungen des Kindes gibt, daß etwas nicht o.k. läuft, dann wird der Kontakt abgebrochen (auch diese Absprache kannte ich nicht als Kind)

    - besondere Ereignisse sind gesondert zu besprechen (Geburtstag, Feiertage), z.B. durften die Großeltern an der Einschulungsfeier nicht teilnehmen, aber sie durften mir eine eigene Schultüte schenken und an einem anderen Tag etwas besonderes mit mir unternehmen.

    Ich bin froh, daß meine Mutter mir den Kontakt zu den Großeltern ermöglicht hat. Ich hatte eine sehr gute und liebevolle Beziehung mit meinem Großvater.

    Ich wünsche Dir, daß ihr da einen Weg durchfindet. Für ein Kind reicht es völlig, wenn man ihm sagt: Die Oma mag den Papa nicht (warum auch immer) - deshalb kommt sie nicht zu uns. Aber wir wollen, daß ihr beide Kontakt zur Oma haben könnt.

    Es wäre auch wichtig den Kindern den Rücken zu stärken, wenn die Oma über den Papa schimpft. Das kann man durchaus im Rollenspiel machen. Die Kinder brauchen Eure Erlaubnis und Ermutigung zu sagen:
    "Oma, ich mag nicht hören, wenn Du über den Papa schimpfst".

    Viele Grüße

    Iris

    • Antwort von nach 2 Stunden 0 hilfreich
      Re^2: nein

      Hallo Iris,

      vielen Dank für Deinen Beitrag. Wenn die Situationen auch nicht vergleichbar sind, so konnte ich doch einiges mitnehmen.

      Könntest Du mir noch ein wenig darüber erzählen wie alt Du in welchen Situationen warst?

      Grüße Stefan

    • Antwort von nach 8 Stunden 0 hilfreich
      Toll !

      Hallo Iris,

      danke und Sternchen für diesen Artikel ! Ich finde es supertoll, wie deine Mutter das auf die Reihe bekommen hat.

      Insbesondere durch die Probleme meiner Mutter mit allen Mitmenschen und das totale Verleugnen von einigen schlimmen Dingen in dieser Familie habe ich die Situation, dass ich eigentlich mit keinem Verwandten mehr reden "darf", ohne "Nestbeschmutzer" zu sein - so meine Eltern. Die ganz schlimmen Kämpfe um die paar anverwandten Menschen, die mir sehr wichtig sind, habe ich "gewonnen", ich halte den Kontakt trotz des Gegrummels meiner Eltern.

      Schwieirg wird es für mich bei Verwandten, die zwar nicht sooo nahestehen, aber einfach da sind, Erinnerungen bedeuten, meine Generation sind. Meine Kinder hören ab und zu Namen und fragen nach, sie kennen einen erheblichen Teil dieser Sippschaft nicht, und ich eiere blöd rum. Ich muss quasi immer abwägen, ob ich gerade genug Kraft habe für wochenlange böse Anrufe und emails meiner Eltern, weil ich Tante XY gesehen habe, ohne vorher Bescheid zu geben, denn sicher habe ich NUR über meine Eltern gelästert (dabei klammere ich das immer so gut wie möglich aus).

      Aber anscheinend kann es DOCH klappen - du hast mir Mut gemacht, danke !

      Viele Grüße,

      Inselchen

    • Antwort von nach 2 Tagen 1 hilfreich
      Re^2: nein


      Erst als Erwachsene habe ich erfahren, warum meine Mutter den
      Kontakt zu ihrem Stiefvater abgebrochen hat: sexueller
      Mißbrauch über viele Jahre.
      Ich will Deine Gefühle nicht verletzen...aber wenn ich das lese dreht sich mir der Magen um. Wie kann man sein Kind zu einer Familie schicken, die sowas ausgeführt bzw. zugelassen hat.

      Nee...das kann in meinen Augen kein Beispiel sein, wie man Familienfrieden wahrt.

      Gruß Maid

      • Antwort von nach 2 Tagen 3 hilfreich
        Re^3: Gegenfrage

        Hallo Maid, Ich will Deine Gefühle nicht verletzen...aber wenn ich das
        lese dreht sich mir der Magen um. Wie kann man sein Kind zu
        einer Familie schicken, die sowas ausgeführt bzw. zugelassen
        hat.
        Wenn wir mal in Betracht ziehen, wie hoch der Prozentsatz der Familien ist, in denen sexueller Mißbrauch vorkommt und dann noch die dazunehmen, in denen andere Formen von Gewalt / Vernachlässigung vorkommen, dann ist die Frage, in wie vielen Familien man noch miteinander reden kann.
        Da müßten dann viele Kontakt radikal abgebrochen werden.
        Nee...das kann in meinen Augen kein Beispiel sein, wie man
        Familienfrieden wahrt.
        Das Thema "Familienfrieden" war meiner Ansicht nach auch gar nicht in der Ausgangsfrage und auch nicht in meinem Antwortposting enthalten, zumindest nicht im Sinn von Verschweigen, Tabuisierung, Harmonisierung und Schwamm drüber.

        Sondern es ging darum, wie mit unterschiedlichen Interessen umgegangen werden kann, was man mit Loyalitätskonflikten machen kann und wie man in der Situation zu einer Balance kommen kann zwischen dem Wunsch von Kind und Großeltern miteinander Kontakt zu haben und wie die Sicherheit des Kindes zu gewährleisten ist (welche Formen von Kontakt sind möglich und welche nicht - welche flankierenden Maßnahmen sind zu ergreifen).

        Viele Grüße

        Iris



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