Statistik und das Induktionsproblem
Hallo Claudia,
ich habe mich in dieses Brett zwar nur verirrt, aber jetzt möchte ich doch etwas sagen. Ich denke, dass man diesen Artikel rückwärts lesen muss, um ihn zu entlarven.
"Für ihre Studie hatten die Forscher die Aussagen von etwa 650 Erwachsenen ausgewertet."
Zugunsten der Forscher nehme ich an, dass die Auswahl repräsentativ war, auch wenn das nicht da steht.
"Dabei fanden sie unter anderem, dass Söhne aus traditionell organisierten Elternhäusern, in denen die Mutter die Familienarbeiten erledigt, auch später die Hausarbeit meist ihrer Frau überlassen."
Das ist eine empirische Behauptung, die sich wohl aus den Daten (die ich nicht kenne) ergibt. Diese Aussage ist – wenn das zutrifft – jedenfalls für die geprüften Daten stimmig. Sie besagt, dass eine Korrelation besteht zwischen dem Aufwachsen in Traditionen und späterem Handeln.
"Bei Töchtern sind dagegen weniger das Elternhaus entscheidend für ihre späteren Ansichten zu ihrer Rolle als Frau. Es zählen vielmehr Erfahrungen, die sie als Erwachsene während der Ausbildung und in der Arbeitswelt machen."
Hier aber schleicht sich in das scheinbar unantastbare empirische Material schon eine Interpretation ein. Hier wird nicht mehr davon gesprochen, dass die Daten dieses oder jenes Ergebnis belegen könnten, sondern es wird – das liegt natürlich auch am sprachlichen Stil von solchen Mitteilungen (was aber dennoch rügen muss, weil es sonst niemandem auffällt) – eine Grund-Folge-Relation zwar nicht direkt ausgesprochen, aber schon implizit behauptet. Das unscheinbare Wort "zählen" soll andeuten, dass das eine aus dem anderen KAUSAL ableitbar ist.
"Einem erwachsenen Mann ist die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Regel nicht mehr beizubringen. Dies schon gar nicht, wenn sie sich in der traditionellen Rolle als Brötchenverdiener für die Familie befinden."
Hier wird die Ableitung nun (unberechtigt) noch weiter zurückgeführt. Daraus, dass ein TATSÄCHLICHER Zusammenhang besteht zwischen frühen und späten Reaktionen, wird nicht nur geschlossen, dass dieser KAUSAL ist, sondern auch noch, dass diese Mechanismen UNUMKEHRBAR seien.
"Die einzige Chance für eine moderne Einstellung bei Männern scheint zu sein, von früher Kindheit an in einem Haushalt aufzuwachsen, in der auch die Mutter arbeiten geht und der Vater daheim Familienaufgaben übernimmt, schreiben zwei amerikanische Soziologie-Professoren im Magazin 'Social Psychology Quarterly'."
Da fehlen mir schon fast die Worte: Wie beruhigend muss es für die Männer sein – und möglicherweise besonders für die beiden Soziologie-Professoren –, dass sie keinen Versuch starten müssen, sich selbst zu ändern, weil es ja ohnehin zwecklos ist.
"Frauen können dagegen auch als Erwachsene noch traditionelle Rollen ablegen, glauben Scott Myers und Alan Booth. Vor allem eine eigene Arbeit scheint Frauen zu einer neuen Sicht ihrer Geschlechterrolle zu ermuntern."
Wenn man davon ausgeht, dass es erstrebenswert ist, eine "eigene Arbeit" zu machen, und damit gleichzeitig festlegt, dass es nicht erstrebenswert ist, die traditionelle Mutterrolle zu übernehmen, dann könnte man – selbstverständlich nur auf boshafte Weise g – auch auf die Idee kommen, dass es ganz natürlich ist, Erstrebenswertes zu erstreben und Nicht-Erstrebenswertes nicht zu erstreben. Aber dazu bedarf es natürlich keiner Studie – und die beiden Herren hätten nichts zu tun ...
"Männer (sind) unbelehrbar in Sachen Gleichberechtigung."
Schlagworte als Schlagzeilen – mehr nicht!
Und so könnte man – vorausgesetzt der Journalist hat die Studie richtig übersetzt – vielleicht eher folgern: Soziologen – jedenfalls diese beiden – sind anscheinend unbelehrbar in Sachen Schlussfolgerung.
Herzliche Grüße
Thomas Miller