Re: Gleichmacherei durch Modediktat
Hallo Claudia,
nach drei Männern jetzt mal von einer Frau:
wie erzieht man ein heranwachsendes Mädchen, damit es sich zu
einer selbstbewußten Frau entwickelt?
Durch Stärkung des Selbstbewusstsein. Doof, diese Aussage? Nee, eigentlich nicht. Anerkennung des Kindes (vermutlich für Buben nicht anders, aber ich hatte halt nur eine Tochter), auch wenn man sich mit der gerade geäußerten Meinung, den gerade geäußerten Wünschen sehr hart tut.
Eigentlich gar nicht so schwer, nicht wahr? Haben wir Frauen
doch so viele Freiheiten wie noch nie, und können unserem
Nachwuchs durch Vorleben viele Wege zu ihrer
Persönlichkeitsentfaltung aufzeigen.
Wie gesagt, auch die Anerkennung der Wünsche des Nachwuchses ist wichtig. Nicht einfaches und stures Nachgeben, eigene kritische Meinung dazu äußern darf auch sein, aber z.B. das von bestimmten Eltern auch hier im Brett so vielgeliebte einfach verbieten, was den Eltern nicht gefällt, sollte strikt auf gefährdende Situationen beschränkt bleiben.
Aber ich bin mir der Freiheiten nicht mehr sicher. Nicht, dass
ich mich unfrei fühle. Eher lese ich immer wieder von Zwängen,
die uns Mode, Kommerz und Medien auferlegen, und uns Frauen
gleichmachen wollen. Es sind nicht mehr die
Funktionfähigkeiten gemäß K-K-K angesagt, sondern jene, die
hauptsächlich mit Äußerlichkeiten zu tun haben (Aussehen,
Erfolg, Wohlstand). Bleibt da noch Raum für Intuition,
Sinnlichkeit, Lebensfreude und vorallem Akzeptanz für die
eigene Biografie, Persönlichkeit und Körperlichkeit?
Aber sicher, wenn die Erziehung zum Sebstbewusstsein einem beigebracht hat, dass man als Mensch geliebt wird und nicht als funktionierende "Maschine", auf welchem Gebiet auch immer. Mein Vater gebrauchte gerne die Worte: "Deine Launen brauchst Du nicht an mir auszulassen." Meine Mutter konnte mit der vermeintlichen Anerkenunng, die ich durch meinen Vater erfahren habe, überhaupt nichts anfangen und kritisierte ausschließlich. Zärtlichkeit schlussendlich war bei meinen Eltern schon generationsbedingt kein Thema. Mich wundert heute nicht mehr, dass ich um Sebstbewusstsein noch heute manchmal schwer kämpfen muss.
Bei meiner Tochter war mir am Wichtigsten, dass ich sie anerkenne als den Menschen, der sie ist. Auch in schweren pubertären Zeiten ("Schule ist Scheiße") habe ich mich bemüht, ihr ihre eigenen Wünsche entgegen zu halten (was für ein Glück, wenn ein Mädchen schon mit 7 Lehrerin und mit ca. 11 Jahren Mathelehrerin werden möchte, da führt kein Weg ohne Abitur hin. Auch wenn sie sowas nicht gerade gerne hörte, gewirkt hat es.
Das Dilemma: Der Modemarkt
will keine taffen individuellen Mädchen und Frauen, sondern
Dummchen, die sie sich anpassen und kaufen. Der sich immer
schneller drehende Trendwahn ist ein neuer Konservatismus, der
danach trachtet, Mädchen zu konsumierenden Marionetten zu
machen. Aus meiner Sicht ändert sich nur etwas, wenn sich die
Frauen ändern. Nur dann ändert sich auch der Markt."
Auch wenn ich das Zitat gekürzt habe: Es klingt sehr erstrebenswert, dass die eigene Tochter nicht der Mode hinterher läuft. Aber weißt Du auch, was Du Dir damit antust? Du kannst ganze Nachmittage beim Streifzug durch Kaufhäuser und Geschäfte zubringen, weil der einfarbige Pulli ohne Emblem in der gewünschten und benötigten Größe nicht verfügbar ist, wenn gerade "Schaulaufen für In-Marken" angesagt ist. Ähnliches gilt für Schuhe... Aber Schwarzseherei beiseite: Ich glaube nicht mal, dass es "den Modemarkt" gibt. Die Frau aus der Modebranche schrieb das zwar gerade so, aber glücklicherweise gibt es - vor allem dann im Versandhandel - auch Angebote für Frauen, die nicht das totals Durchstylen als Hauptlebenszweck sehen.
Was meint Ihr? Ist es Zeit für einen Befreiungsschlag für uns
Frauen? Extrem geträumt Natur pur: keine Diäten, keine
Schminke, keine Rottöne für die Haare, nur noch Schuhe mit 10
Jahre Haltbarkeitsgarantie, klassische zeitlose Mode zeitlos,
die die nächsten 5 Jahre auch noch "gut" aussieht, keine
Schönheitschirugie mehr?
Außer Diäten und als Teenie ein wenig Schminke war das alles für mich noch nie ein Thema. Ich "wohne" in meinen Klamotten, und wie es scheint, hat sich das meine Tochter bei mir abgeguckt. Was aber im Wesentlichen bei uns dazu geführt haben mag, ist die Tatsache, das bei uns beiden in der Kindheit gar nicht das Geld dazu da war, sich regelmäßig nach der Mode zu kleiden (ich war die Jüngste von fünf bzw. neun, da war einfach kein Geld da, als ich mich vom meiner Tochter getrennt habe, habe ich erst von Sozialhilfe gelebt, dann auf ähnlichem finanziellem Niveau studiert). Es scheinst so, als ob das deutlich prägt.
Und: Zeit ist es, wie Malte schon schrieb, das zu tun, was der oder die einzelne wirklich wünscht.
Kann es sein, dass wir Frauen bestimmte Abhängigkeiten nicht
mehr mitbekommen, und uns durch die Modediktatergebenheit das
Leben schwer machen, aber auch unseren Geschlechtsgenossinnen?
Ich habe vor kurzem von einer Statistik gelesen, dass schlecht
gekleidete Menschen schier nirgendwo Erfolg haben können (die
viel zitierten inneren Werte sind Makulatur).
Also, ich habe meinen derzeitigen Job - zugegebenermaßen Ende 2000, als die IT-Hype noch lief - nach einem Einstellungsgespräch in Jeans erhalten. Andererseits sehe ich es durchaus ein, dass ich mich für Kundenkontakte (glücklicherweise selten bis garnicht) so kleiden muss, dass ich die Dokumentationsfähigkeit der Firma richtig repräsentiere. Auch eine angemessene Kleidung für Konzert und Oper ist für mich kein Fremdwort. Aber auch dafür habe ich eine Auswahl von 4 kombinierbaren Stücken, die ich z.T. seit 4 bis 5 Jahren besitze, ohne dass ein Erneuerungsbedarf in Sicht ist.
Uff, das war jetzt lang und sehr subjektiv, aber ich glaube, zu dem Thema kann man auch schlecht objektiv schreiben.
Liebe Grüße, Karin