lange Antwort, dafür 'mit alles'
Hallo (bislang) Unwissender! ;-)
Es ist so:
Die Annahme von der Zweiteilung der Menschheit (und der überwiegenden Mehrzahl der Tiere) in zwei einander gegenüberstehende Geschlechter als voneinander exklusiven Kategorien wird von den meisten Menschen seit langer Zeit als unanzweifelbares Faktum akzeptiert. Grundlage dieses Glaubens an die Existenz zweier Geschlechter bildete früher die jüdisch-christliche Schöpfungsgeschichte, heute wird der sexuelle Dimorphismus vor allem mit Hilfe der Natur, also Evolution und Biologie, begründet.
Begriffsklärungen:
Im Deutschen kennt man nur ein Wort für das Geschlecht, im angloamerikanischen Sprachraum dagegen wird dieser Begriff unterteilt in „Sex“ und „Gender“. Dabei bezeichnet Gender in der Alltagsverwendung das soziale und kulturelle Geschlecht, Sex das biologische.
Die Zuschreibung des biologischen Geschlechts erfolgt anhand verschiedener anatomischer, morphologischer, physiologischer oder endokrinologischer Unterscheidungen. Diese Unterscheidungskriterien werden aber auch innerhalb der naturwissenschaftlichen Forschung zunehmend weniger eindeutig gesehen, als dies gesellschaftlich angenommen wird. Selbst Disziplinen wie die Biologie und die Physiologie vertreten mittlerweile die Ansicht, dass das binär ausgelegte Konstrukt von Geschlecht so nicht mehr haltbar sei: Die Geschlechterkategorien „werden nicht mehr als zwei entgegengesetzte, einander ausschließende Kategorien verstanden, sondern vielmehr als Kontinuum, bestehend aus dem genetischen Geschlecht, dem Keimdrüsengeschlecht und dem Hormongeschlecht.“ Dabei müssen die „geschlechtsbegründenden“ Faktoren innerhalb einer Person nicht übereinstimmen, sie werden zudem als umweltabhängig erkannt.
Im Vergleich dazu wird Gender definiert als im Sozialisationsprozess erworbener Geschlechtsstatus. Dabei ist Gender einerseits ein System kultureller Bedeutungen, auf deren Grundlage wir als Mann oder Frau konstituiert werden, andererseits wird es aber im sozialen Prozess auch ständig hervorgebracht („doing gender“). Das heißt, wir denken auf der Grundlage von Gender und handeln auch so, dass es entsteht.
Gender beschreibt Männer und Frauen in sozialen Verhältnissen zueinander und untereinander, umfasst also somit auch Hierarchien und Diskriminierungen. Dies hat die Konsequenz, dass das Konzept Gender thematisiert, dass die Zuschreibungen „männlich“ und „weiblich“ einander nicht gleichwertig sind, d.h. dass Gender nicht nur individuelles Merkmal, sondern auch gesellschaftliche Strukturkategorie ist.
Wie schon erwähnt, werden also auch im Konzept Gender analog dem biologischen Dimorphismus zwei Ausprägungen, männlich und weiblich, unterschieden. Die Kriterien der Zuordnung zu einer dieser zwei Kategorien sind jedoch alles andere als eindeutig, sie beziehen sich dabei meist auf vermeintlich geschlechtstypische, bipolare Merkmale, Eigenschaften oder Verhaltensweisen. Beispiele hierfür sind etwa rational/ irrational, objektiv/ subjektiv, stark/ schwach, logisch/ intuitiv.
So vorteilhaft es also zunächst scheint, Unterschiede im Verhalten und Handeln der Geschlechter losgelöst vom „Sex“ erklären zu können, besteht andererseits auch die Gefahr, dass das dimorphe Denken in zwei Kategorien, welche zudem in einer unbestimmten Verbindung zum Sex gesehen werden, eher gefördert denn aufgebrochen wird. Es kommt zu einer Parallelisierung der biologisch-physiologischen und der sozial-kulturellen Unterschiede. Dieses Phänomen wird von Gildemeister und Wetterer (1992) als „latenter Biologismus der Gesamtstruktur Sex-Gender“ bezeichnet.
Aus der Annahme der zweikategoriellen Geschlechtlichkeit des Menschen folgt der Ausschluss der Mischformen, also die Anerkennung der Existenz „männlicher Frauen“ und „fraulicher Männer“. Im Gegensatz zum verbreiteten Dimorphismus-Konzept westlicher Kulturen konnte die anthropologische Forschung auf Konzepte anderer Kulturen verweisen, in welchen bis zu drei Gender-Identitäten nebeneinander gelebt werden, Wechsel zwischen den verschiedenen sozial-kulturellen Geschlechterrollen möglich sind oder aber Gender-Identitäten völlig unabhängig von körperlichen Merkmalen angenommen werden. Daher schlägt Herrman-White (1998) vor, von einer „Null-Hypothese“ auszugehen. Diese besagt, „daß es keine notwendige, naturhaft vorgeschriebene Zweigeschlechtlichkeit gibt, sondern nur verschiedene kulturelle Konstruktionen von Geschlecht.“
Gender-Theorien
1 Biologismus/ Naturalismus:
Ausgangspunkt dieser Theorien ist der Bezug auf die Naturwissenschaften und die dort festgestellten Unterschiede zwischen den Geschlechtern, wie etwa in der Anatomie, Physiologie, Neurologie, Biopsychologie etc. Diese naturalistischen Differenzen werden etwa bei den Genen, Hormonen, der Lateralisation usw. gefunden und festgeschrieben. Die biologistische Interpretation dieser Unterschiede nimmt an, dass aus diesen auch grundsätzlich verschiedene Motive, Fähigkeiten, Gefühle, Eigenschaften, Handlungs- und Denkweisen etc resultierten. Diese wiederum erklärten dann die in der gesellschaftlichen Wirklichkeit vorfindbaren Geschlechterunterschiede.
Ein Beispiel: die stärkere Ausprägung des Corpus Callosum (d.h. die „intensivere“ Verbindung der Hemisphären) bei Frauen sei der Grund für eine angeblich emotionalere Denkweise, da bei diesen ein höherer Informationsaustausch zwischen den Gehirnhälften stattfinde. Dieser ständige Informationswechsel führt dazu, dass die rechte Hemisphäre, die für Emotionen zuständig sei, die linke Hemisphäre, wo das analytische Denken und die Sprache säßen, beeinflusse.
Der Subtext dieser Theorie lässt sich also wie folgt zusammenfassen: Wenn Männer und Frauen „von Natur aus“ unterschiedlich sind, dass müssen sich diese Unterschiede auch in verschiedenen, diesen Unterschieden entsprechenden Genderrollen in der Gesellschaft ausdrücken.
Die naturalistische Begründungsbasis dieses Ansatzes lässt keinerlei Veränderungsbedarf gesellschaftlich etablierter geschlechtlicher Rollenbilder zu, da diese den „naturgegebenen“ Unterschieden widersprechen würden und somit gesellschaftlich dysfunktional wären.
2 Marxismus und materialistischer Feminismus:
Gender wird hier als fundamentale politische Kategorie konzipiert. Diese ist historisch konstruiert und aufgrund kollektiver Interessen strukturell in gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse eingebettet. Es werden Männer- und Frauenklassen der Gesellschaft unterschieden, die aus sozialen Macht- und Veränderungsprozessen resultieren.
In der Betrachtung von Gender steht geschlechtliche Arbeitsteilung im Vordergrund. Die gesellschaftliche Stellung von Frauen wird getrennt betrachtet in der produktiven Arbeitswelt und im reproduktiven häuslichen Bereich. Dabei lässt sich in beiden Bereichen eine systematische Unterdrückung, eine patriarchalische Herrschaft, feststellen. Eine Folge daraus ist der geringere Status, der Frauen in verschiedensten Bevölkerungsgruppen zukommt. Dieser äußere sich in u.a. geringerem Ansehen, schlechteren Zugang zu Ausbildungs- und Arbeitschancen, geringerem Einkommen und einem geringeren Anteil von Frauen in Führungspositionen.
Dieser Ansatz konzentriert sich also auf strukturelle Gender-Klassen, lässt jedoch individuelle und interaktionelle Entstehungs- und Aushandelungsprozesse von Gender außen vor. Zudem werden Veränderungen immer nur auf breiter gesellschaftlicher Basis wahrgenommen.
3 Postmoderne Dekonstruktionen: Ethnomethodolgie und Diskurstheorie
Die Postmoderne wendet sich von naturalistischen Begründungen ab und sieht die Kategorie Geschlecht als grundsätzlich sozial konstruiert an. Dabei sind die zugrunde liegenden Konstruktionsprozesse Ausdruck männlicher Herrschaftsakte. Diese gilt es nun zu entlarven. Der postmoderne Feminismus nimmt dabei die Dekonstruktion der klassischen, tief in der Gesellschaft verwurzelten Geschlechterkategorien, welche weitreichende und oftmals unbewusste Einflüsse auf das soziale Denken und Handeln haben, als Hauptaufgabe an.
Diese eben genannten Annahmen verbinden die verschiedenen unterschiedlichen theoretischen Richtungen, die unter dem Begriff „Postmoderne“ zusammengefasst werden. Dabei lassen sich grob zwei verschiedene Erklärungsansätze der sozialen Konstruktion von Geschlecht unterscheiden: die ethnomethodologischen und die diskurstheoretischen Ansätze. Ich werde mich bemühen, beide kurz und prägnant darzustellen.
Die Ethnomethodologie setzt bei der Interaktion an, indem sie die eigene Gesellschaft zum Objekt quasi-ethnologischer Untersuchung und damit scheinbar Selbstverständliches zum Gegenstand der Analyse macht. TheoretikerInnen wie Erving Goffman (1974) und Harold Garfinkel (1967) beschreiben, dass die soziale Ordnung in der jeweiligen Interaktion hergestellt wird. Die Ethnomethodologie stützt sich auf Ideen des Symbolischen Interaktionismus nach Mead und fokussiert besonders auf jenen Bereich sozialen Handelns, in welchem „doing gender“ und „doing sexuality“ beständig stattfindet. Alltagshandlungen werden auf ihren Konstruktionscharakter überprüft und hinterfragt. Dabei wird von einem gewissen Zwangscharakter der Zweigeschlechtlichkeit ausgegangen. Dieser lässt einen „praktischen“ Ausweg fast unmöglich erscheinen.
In Bezug auf die gewünschte stärkere Betonung der Bedeutsamkeit einer interaktiven Konstruktion von Geschlecht wurde von West und Zimmermann (1991) eine Ausweitung der bisherigen Sex-Gender-Trennung vorgeschlagen. Die Autoren unterscheiden drei unabhängige Faktoren, die bei der sozialen Konstruktion von Geschlecht eine Rolle spielen: das körperlich-biologische Geschlecht (sex), die soziale Zuordnung zu einem Geschlecht (sex category) und das sozial-kulturelle Geschlecht (gender). Dabei werden sex und sex category als strukturelle Kategorien konzipiert, in welche Menschen eingeordnet werden, und zwar entweder aufgrund körperlicher Merkmale oder einer sozial akzeptierten Geschlechtsinszenierung. Gender dagegen wird als prozessuale Größe verstanden, welche in der Interaktion beständig bestätigt und validiert wird, wobei dieses „doing gender“ jedoch im Alltag eher unbewusst bzw. unreflektiert vollzogen wird.
Interaktionen finden zudem immer in sozialen Kontexten statt, welche per se schon in gewisser Weise vor-strukturiert sind. Somit haben auch institutionelle Bereiche Teil an der sozialen Konstruktion von Geschlecht, da sie mit Hilfe historisch gewachsener Konventionen und Regeln eine Stabilität von Geschlechtsklassifikationen unterstützen. Aufgrund der dialektischen Verschränkung von Interaktionen auf der Personenebene und Strukturen auf gesellschaftlicher Ebene, die durch Institutionen gestützt werden, sind Veränderungen von Gender-Ideologien und deren praktischen Auswirkungen aus ethnomethodologischer Sicht nicht durch „reine“ wissenschaftliche Reflexion zu erreichen.
Die Diskurstheorie nach Foucault (1994) u.a. ist dagegen ein prozessorientierter Ansatz, der die diskursive Herstellung von Geschlecht betont. Dieser Ansatz ist im Rahmen poststrukturalistischer Theorien entstanden, die einen erkenntnistheoretischen Zugang zu letzten Bedeutungen von Natur und Gesellschaft ablehnen. Man geht davon aus, dass die gesamte soziale Welt durch das Handeln, durch Sprache, Symbole und Zeichen in Diskursen erst hergestellt wird. Auf der Basis der vorhandenen Welt und der eigenen Erfahrungen verwirklichen die Menschen unter Berücksichtigung des Kontextes die bestehenden Regeln, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster. Diskurse bezeichnen gesellschaftlich relevante Themen und Problematiken; sie werden durch Macht in Verbindung mit Wissen geschaffen und bedingen somit eine bestimmte Form gesellschaftlicher Wirklichkeit. Hieraus folgen weitere Konsequenzen, wie z.B. die Aufgabe humanistischer Subjektvorstellungen die Betrachtung von Geschlecht als diskursiv hergestellte Kategorie.
„Dem sozialen Geschlecht unterworfen, durch das soziale Geschlecht aber auch zum Subjekt gemacht, geht das Ich diesem Prozeß der Entstehung von Geschlechtsidentität weder voraus, noch folgt es ihm nach, sondern entsteht nur innerhalb der Matrix geschlechtsspezifischer Beziehungen und als diese Matrix selbst.“
Judith Butler analysiert z.B. die diskursiven Konstruktionen von Zweigeschlechtlichkeit auf der Grundlage philosophischer Texte und kommt so zu dem Schluss, dass diese keine letzte Verbindlichkeit beinhaltet und auch eine Pluralität von Geschlechtsidentitäten sowie ein Gender-Rollentausch denkbar sind.
Die diskurstheoretische Betrachtungsweise von Geschlecht beschäftigt sich also mit Fragen nach vorfindbaren Geschlechtskonstruktionen und ihren Funktionen, dem Zusammenspiel mit anderen Diskursen sowie der zugrunde liegenden Macht, die für die Aufrechterhaltung der Geschlechtsdiskurse verantwortlich ist. Foucault (1994) konzipiert Sexualität als Diskurs; sexuelle Ideologie und Gender-Identitäten werden auf einem sehr tiefen Level sozial/ diskursiv konstruiert. Diskurse von Sexualität werden durch die Ordnung der Diskurse und die verstärkenden Beziehungen von Macht, Wissen und Spaß beibehalten. Die Suche nach einer handelnden Macht muss dabei vergeblich bleiben, weil es keine Macht gibt, „die handelt, sondern nur ein dauernd wiederholtes Handeln, das Macht in ihrer Beständigkeit und Instabilität ist.“ Gender und Sexualität existieren nicht isoliert, sondern in spezifischen Verbindungen mit anderen Abgrenzungen wie etwa Ethnie, Klasse/ Schicht und Körperausstattung.
Aus diskurstheoretischer Perspektive bestehen Widerstandspotentiale gegenüber (defizitorientierten) Geschlechterkonstruktionen „in den Bruchstellen der Diskurse“, d.h. wenn konfligierende gesellschaftliche Interessen und Diskurse aufeinander stoßen.
„In dem Maße, in dem identitätsrelevante Vorstellungen von Freiheit und Gleichheit auch die weibliche Subjektivität mitkonstituieren, wird der Widerstand gegen die Verhältnisse, in denen Weiblichkeit auf Subalternität und auf ein Defizit hin konstruiert ist, wachsen.“
3 Zusammenfassung
Die vorangehenden Abschnitte sollten einen Überblick über die vielen heterogenen theoretische Positionen und Hintergründe der Gender-Problematik liefern. Ich habe mich bemüht, einige relevante Konzepte herauszugreifen und kurz darzustellen. Dabei kann man folgende Schlussfolgerungen ziehen:
a)Biologisch-körperliche Geschlechtsunterschiede liefern keine Erklärungen für Gender-Unterschiede im Denken oder Handeln. Die biologistischen Erklärungsansätze, die solche weitreichenden Schlüsse ziehen, sind mit einem Fehlschluss behaftet, da sie die verschiedenen Emergenzniveaus (biologischer, psychischer und sozialer Systeme) vermischen.
b)Gender-Rollen sind sozial konstruiert, wobei der individuelle Ausgestaltungs- und Veränderungsspielraum unterschiedlich groß ist in Abhängigkeit vom jeweiligen Kontext. Diese Gender-Konstruktionen werden im Diskurs hergestellt, wobei man allerdings annehmen kann, dass eine Analyse und Reflexion dieser Konstruktionen kaum auf breiter sozialer Ebene stattfindet und somit bestehende Genderrollen äußerst stabil und veränderungsresistent sind. Dennoch kann man davon ausgehen, dass ein gewisser individueller Spielraum gegeben ist.
c)Widerstände gegenüber bestehenden benachteiligenden Genderkonstruktionen auf verschiedenen (individuellen, interaktionellen, sozialen, gesellschaftlichen) Ebenen können und sollen unter Ausnutzung der jeweiligen Wahrnehmungs- und Kommunikationsmuster ausgelöst werden.
so, jetzt darfst Du Dich denke ich getrost zu den "Wissenden" zählen ;-)
LG,
NOrah