Null- Wachstum

Von: , Frage gestellt am Mo, 26. Feb 2007

Hallo Miteinander!

Ihr kennt es sicherlich: Jedes Jahr werden Prognosen hinsichtlich
des zu erwartenden Wirtschaftswachstum abgegeben, die häufig
dann zum Jahresende wieder nach unten/ bzw. oben korrigiert werden.

Angenommen, unser Wirtschaftswachstum würde für mehrere Jahre
eine (schwarze) Null ausweisen. Nicht mehr Wachstum, aber auch
nicht auch nicht weniger. Wie sind eigentlich die Auswirkungen?

Sind wir zu ständigem Wirtschaftswachstum "verurteilt?"


Gruss
Esther

110 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 19 Stunden hilfreich
    Re: Null- Wachstum

    Hi, Sind wir zu ständigem Wirtschaftswachstum "verurteilt?"
    Zu dem was Jochen sagt, noch drei Punkte mehr:

    1) es gibt ein bestimmtes Wirtschaftswachstum, das erreicht werden muss, damit neue Jobs entstehen bzw. damit mehr Beschäftigung entsteht;
    das liegt im Moment an einer sogenannten "Beschäftigungsschwelle" irgendwo zwischen 1% und 3%.
    Wie hoch genau ist umstritten, ob es einen solchen direkten kausalen Zusammenhang überhaupt gibt auch;
    nachlesbar z.B. hier:
    http://www.iwkoeln.de/data/pdf/content/trends02-05-5...

    2) An der Tatsache(?), dass etwa mit den fördernd-fordernd-modernden HartzIV-Gesetzen dieser Schwellenwert gesunken ist:
    http://www.netzeitung.de/wirtschaft/wirtschaftspolit...
    weil dadurch die Menschen mehr zur Annahme irgendeines Beschäftigungsverhältnisses "überredet" werden, sieht man schon recht schön, dass gerade die Politik das Wirtschaftswachstum braucht, weil sie so nicht versuchen muss, mit solchen Scheißmaßnahmen die Besch.-schwelle auf ein Niveau zu senken, das durch das faktische Wirtschaftswachstum auch erreicht werden kann.

    Auch allgemein lassen sich mit hohem Wirtschaftswachstum die ganzen unpopulären Einschnitte z.B. die in die Versicherungssysteme, etc. tendenziell vermeiden, und eher noch im Gegenteil Wahlgeschenke austeilen.

    3) Es lebe also für die Politik das Wirtschaftswachstum! Ein dreifaches: Heil! Heil! Heil!

    Überhaupt könnte man sagen, es habe das Wirtschaftswachstum ein bißchen etwas sakrales in sich, eine Art innerweltlicher Messianismus; um hier mal meinen Lieblings-Bielefelder zu zitieren:
    "Die 'invisible hand' [Gott-Surrogat] hatte, schon im 17. Jahrhundert, eine Fortschrittsgarantie symbolisiert. Nachdem sie zunehmend unter Arthrose zu leiden begann, übernahm das Desiderat des wirtschaftlichen Wachstums selbst diese Funktion. Man gab die Annahme einer Mengenkonstanz auf, um durch die Art der Allokation ein Mengenwachstum produzieren und zugleich diejenigen, die dabei zu kurz kommen, abfinden zu können. Den Politikern und der öffentlichen Meinung wird folglich suggeriert, Wirtschaftswachstum sei notwenig, sei eine Bedingung gesellschaftlicher Stabilität".
    (Luhmann, Die Wirtschaft der Gesellschaft", S. 99f.)

    In diesem Sinne abschließend eine gemeinsame Erbauungspredigt dreier hoher zeitgenössischer Politkleriker:

    http://www.insm.de/Downloads/PDF_-_Dateien/Anzeigena...

    Wachstum!
    Voll der Gnaden!
    Amen!

    VG
    F

    • Antwort von nach 20 Stunden hilfreich
      Re^2: Null- Wachstum

      "Die 'invisible hand' [Gott-Surrogat]
      So einen Blödsinn habe ich selten gelesen. Wenn man es so betrachtet ist die Gravitation auch ein "Gott Surrogat". Die 'invisible hand' ist ein Marktgesetz, genauso wie Gravitation ein Naturgesetz ist. Ein Automatismus an dem nichts mysteriöses ist.

      Grüße,

      Anwar

      • Antwort von nach 21 Stunden hilfreich
        völlig oT

        "Die 'invisible hand' [Gott-Surrogat]
        So einen Blödsinn habe ich selten gelesen.
        Hast Du Luhmanns "Wirtschaft der Gesellschaft" denn überhaupt gelesen? Wenn man es so
        betrachtet ist die Gravitation auch ein "Gott Surrogat".
        Wenn Du es nicht kennst, dann kannst Du auch gar nicht wissen, wie betrachtet ... Die
        'invisible hand' ist ein Marktgesetz, genauso wie Gravitation
        ein Naturgesetz ist.
        "So einen Blödsinn habe ich selten gelesen."

        (Stimmt zwar eigentlich nicht, weil ich schon viel größeren Blödsinn hier gelesen habe -und Dich eigentlich recht gerne lese-, aber wenn Du mir so kommst, warum sollte ich erst groß erklären, dass die "invisible hand" eben ein bestimmtes Denkschema ist, das im langen Übergang von den Physiokraten zur Klassischen Nationalökonomie entstand, z.B. mit Mandevilles "Bienenfabel" und mit Smiths "Wealth of Nations") Marktgesetz
        "The invisible hand is a metaphor coined by Adam Smith to illustrate how those who seek wealth by following their individual self-interest, inadvertently stimulate the economy and assist society as a whole"
        http://en.wikipedia.org/wiki/Invisible_hand

        Selbstverständlich kann man das als eine "innerweltliche" Form von Theodizee betrachten, ist ja auch genug getan worden, aber war wohl natürlich seltener Blödsinn ...

        VG
        F

  2. Antwort von nach 18 Stunden hilfreich
    Re: Null- Wachstum

    Zunächst mal brauchen wir das Wachstum, um die Teuerungsrate auszugleichen. Wachstum bedeutet ja - so grob - dass das Geld und die in Geld (monetär) bewerteten Produkte und Dienstleistungen mehr werden. Wenn die Produkte und Dienstleistungen teurer werden, die (Geld)Summe, die dafür ausgegeben wird aber gleich bleibt, haben wir unter dem Strich weniger, weil wir für das gleiche Geld weniger kaufen können (wir heißt in diesem Falle die gesamte Bevölkerung).

    Dazu kommt, dass wir uns im internationalen Wettbewerb befinden. Wenn wir unseren Luxus halten wollen, müssen wir auch im internationalen Vergleich ganz oben bleiben - China z.B. hat ein sehr großes Wachstum und wird auch deshalb z.b. bald in der Lage sein, große Flugzeuge zu bauen. Wenn die deutsche (respektive europäische) Wirtschaft nicht mitwächst, kann Airbus nicht mithalten (Stichwort Bildung etc.) und wir verlieren Arbeitsplätze... "schrumpfen" also, weil wir nicht gewachsen sind.

    Gruß Jochen [Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

    • Antwort von nach 19 Stunden hilfreich
      Re^2: Null- Wachstum


      Hallo Jochen! Wenn die Produkte und
      Dienstleistungen teurer werden, die (Geld)Summe, die dafür
      ausgegeben wird aber gleich bleibt, haben wir unter dem Strich
      weniger, weil wir für das gleiche Geld weniger kaufen können
      Dann sinkt die Nachfrage und drückt die Preise. Dazu kommt, dass wir uns im internationalen Wettbewerb
      befinden. Wenn wir unseren Luxus halten wollen, müssen wir
      auch im internationalen Vergleich ganz oben bleiben - China
      z.B. hat ein sehr großes Wachstum und wird auch deshalb z.b.
      bald in der Lage sein, große Flugzeuge zu bauen. Wenn die
      deutsche (respektive europäische) Wirtschaft nicht mitwächst,
      kann Airbus nicht mithalten (Stichwort Bildung etc.) und wir
      verlieren Arbeitsplätze... "schrumpfen" also, weil wir nicht
      gewachsen sind.
      Um wettbewerbsfähige Produkte anbieten zu können, muß der Hersteller immer größer werden? Kann ich nicht nachvollziehen.

      Gruß
      Wolfgang

      • Antwort von nach 2 Tagen hilfreich
        Re^3: Null- Wachstum

        Hallo Wolfgang, Dazu kommt, dass wir uns im internationalen Wettbewerb
        befinden. Wenn wir unseren Luxus halten wollen, müssen wir
        auch im internationalen Vergleich ganz oben bleiben - China
        z.B. hat ein sehr großes Wachstum und wird auch deshalb z.b.
        bald in der Lage sein, große Flugzeuge zu bauen. Wenn die
        deutsche (respektive europäische) Wirtschaft nicht mitwächst,
        kann Airbus nicht mithalten (Stichwort Bildung etc.) und wir
        verlieren Arbeitsplätze... "schrumpfen" also, weil wir nicht
        gewachsen sind.
        Um wettbewerbsfähige Produkte anbieten zu können, muß der
        Hersteller immer größer werden? Kann ich nicht nachvollziehen.
        An der Aussage "wachse mit oder werde verdrängt" ist was dran. Es ist eine Tatsache: wenn in einem ökologischen System mehrere Arten nebeneinander leben verdrängt die am schnellsten wachsende alle andere mit der Zeit VOLLSTÄNDIG. Das gilt für Ökologische System und einem solchen leben wir nun mal.

        Freundlicher Gruß

        Udo

    • Antwort von nach einem Tag hilfreich
      Re^2: Null- Wachstum

      Zunächst mal brauchen wir das Wachstum, um die Teuerungsrate
      auszugleichen.
      nein, die ist schon rausgerechnet Dazu kommt, dass wir uns im internationalen Wettbewerb
      befinden.
      seltsam nur, dass wir trotz im internationalen extrem hoher Produktivität immer noch jedes Jahr noch mehr wachsen müssen als im Vorjahr - und das vor allem für ALLE Länder der Erde gilt

      P.S. keine Zeit für Diskussionen, daher Antwortbenachrichtigung gar nicht erst aktiviert

  3. Antwort von nach 21 Stunden hilfreich
    Re: Null- Wachstum

    Angenommen, unser Wirtschaftswachstum würde für mehrere Jahre
    eine (schwarze) Null ausweisen. Nicht mehr Wachstum, aber auch
    nicht auch nicht weniger. Wie sind eigentlich die
    Auswirkungen?
    Das ist recht einfach:
    Aus dem Wirtschaftswachstum werden ja die Zinsen bezahlt. Vereinfacht(!) gesagt: Niedriges WW - niedrige Zinsen. Und wenn es im deutschen Wirtschaftsraum niedrige Zinsen gibt, wandert Kapital aus Deutschland ab, was ja ein negatives Wachstum ist. Ein stabiles Nullwachstum ist also (solange irgendwo in der Welt noch Wachstum ist) prinzipiell nicht möglich.

    Grüße,

    Anwar

    • Antwort von nach 21 Stunden hilfreich
      Re^2: Null- Wachstum

      Hallo, Das ist recht einfach:
      Aus dem Wirtschaftswachstum werden ja die Zinsen bezahlt.
      warum sollte man seinen Umsatz steigern müssen, nur weil man Zinsen für Kredite bezahlt? Ein Wirtschaftswachstum braucht man nur, wenn irgendjemand mehr haben will (und alle anderen mindestens das gleiche wie bisher) und das können die Arbeitnehmer oder die Unternehmen/Kapitalgeber sein. Vereinfacht(!) gesagt: Niedriges WW - niedrige Zinsen.
      Und weil es so stark vereinfacht ist, sollte man das gar nicht erst behaupten. Es ist zwar richtig, daß man oft versucht, ein niedriges Wirtschaftswachstum versucht man oft mit niedrigen Zinsen zu bekämpfen, aber eine natürliche Folge ist das ganz sicher nicht. Vielmehr fängt ein richtiges volkswirtschaftliches Drama meistens mit niedrigem Wachstum und hohen Zinsen an. Und
      wenn es im deutschen Wirtschaftsraum niedrige Zinsen gibt,
      wandert Kapital aus Deutschland ab, was ja ein negatives
      Wachstum ist.
      Hier schweifst Du von BIP und Volkseinkommen in Richtung auf die Zahlunsgbilanz ab. Abwanderndes Kapital bedeutet noch lange kein negatives Wachstum und nur weil die Zinsen niedrig sind, heißt das auch nicht, daß das Kapital abwandert.

      Gruß,
      Christian



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