Antwort von
nach einer Stunde
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Re: Kolonialmacht nur jenseits der See?
Moin Jochen,
Muß zwischen einer Kolonialmacht und seinen Kolonien immer
Wasser sein?
Nein, selbstverständlich nicht. Für Historiker ist Russland eine Kollonialmacht wie viele andere auch.
Während die westeuropäischen Länder in den vergangenen Dekaden
sich (unter teils mächtigem Druck) von ihren Kolonien trennen
mußten (bis auf geringfügige Ausnahmen), ist Rußland noch
immer eine Kolonialmacht und verweigert vielen Völkern ihre
Selbstbestimmung.
Mit dem Zerfall der UdSSR ist auch hier viel passiert. Anfang der Neunziger Jahre löste sich die UdSSR in ihre 15 Unionsrepubliken auf, die uneingeschränkt souverän wurden. der größte Teil (aber längst nicht alle) davon schloss sich zum losen Staatenbund GUS wieder zusammen. Die meisten der ehemaligen Unionsrepubliken haben das Problem, dass sie weiterhin Vielvölkerstaaten sind. Die Frage ist also, inwiefern eine Dekolonisation im Sinne des von dir angesprochenen "verweigern vielen Völkern die Selbstbestimmung" überhaupt Sinn macht und praktikabel, bzw. gewollt ist. Tschetschenien nimmt in diesem Konflikt sicherlich eine Sonderstellung ein, aber die Haltung Russlands macht hier im Zusammenhang der Ereignisse um Afghanistan, den Irak etc. durchaus Sinn.
Es ist meiner Meinung nach deshalb die letzte Kolonialmacht.
Nein, das ist Rußland nicht. Auch China (Tibet) und Israel (Palästina) werden z.B. allgemeinhin als Kolonialmacht angesehen im Sinne der Definition von Kolonialismus als "Kontrolle eines Volkes über ein fremdes unter wirtschaftlicher, politischer und ideologischer Ausnutzung der Entwicklungsdifferenz zwischen den beiden". (vergl. W. Reinhard: Kleine Geschichte des Kolonialismus, ISBN 3520475014 [Buch anschauen])
Warum wird das nicht in Frage gestellt?
Wird es doch. Grade die Deklaration des Krieges von Russland gegen die Tschetschenen als "Kampf gegen den Terrorismus" im Kielwasser der USA wird doch zumindest von frei denkenden Menschen durchaus bezweifelt. Inwiefern die Weltmächte hier (mal wieder) einen Deal zur Aufteilung der Vorherrschaftsbereiche mit gegenseitigen Stillhalteübereinkommen erzielt haben, werden wir wohl erst in 50 Jahren erfahren :-)
Gruss
Marion