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Re: G8-Gipfel der Tyrannen?
Nun ist er also da, der G8-Gipfel. Uns Bürger in Rostock hatte man nicht gefragt, ob wir ein großes Stück der Küste abgeben wollen, ob wir 13 Millionen Euro für den dafür erforderlichen Zaun bezahlen wollen, teurer als jedes der herrschaftlichsten Schlösschen und Gutshäuser hier. Die Polizei sagt, dass sie die ganzen Auflagen auch nicht wollen würden, aber die Amerikaner würden sonst nicht kommen. Es seien ihre Auflagen. Über 100 Millionen Euro soll der Gipfel kosten, das meiste von unserem ärmsten aller Bundesländer bezahlt. Dabei knabbern wir noch an der „privaten Einladung“ Angela Merkels zur Grillparty nach Trinwillershagen vom Vorjahr.
Hier zahlt jeder seine privaten Partys selbst. Deshalb verstehen wir Rostocker das nicht, auch nicht, weshalb man sich nicht jetzt auf einem Flugzeugträger trifft. Da kommen die Autonomen nicht hin und es kostet viel weniger. Aber wir ertragen das mit Langmut, auch wenn der wirtschaftliche Nutzen für uns nicht erkennbar ist, auch wenn im Gegenzug durch Kürzungen bei Fachoberschul- und Fachgymnasiums-Bildungsgängen noch mehr qualifizierte Jugendliche für den zweiten Bildungsweg das Land für immer verlassen werden. „Halte den Ball flach,“ sagt man hier und „wird schon.“ Seit 57 Jahren oder noch länger ist man es gewohnt, „die da oben“ nicht zu verstehen. Man nimmt das hin.
Mecklenburg-Vorpommern ist ein friedliches Land.
Deshalb sorgt man sich hier, dass es anders werden könnte: „Geschlossen wegen 8 Touristen“ steht auf einer Spanplattenwand in der Grubenstraße, die einmal ein Schaufenster war, daneben beim vernagelten Nagelstudio: „Wir feilen weiter“. Die Wäsche wird abgenommen, Kinder von der Straße geholt. „Ich will ja keine Panik verbreiten,“ sprach eine Freundin, meldete die Tochter in der Schule ab und fuhr, wie alle die konnten, zu ihren Eltern aufs Land.
Zum ersten Mal Parkplätze im Überfluss. Um 10 Uhr beim Brötchen holen trifft man in unserem Viertel weder Menschen noch Autos auf den leergefegten Straßen zwischen den inzwischen fensterlosen Häusern. Wenn jetzt noch ein Mistelball um die Ecke wehen würde, wäre es die perfekte Kulisse für einen Italo-Western, denn es liegt eine gespenstige Stille im Viertel.
Wie kommt diese atmosphärische Spannung in dieses friedliche Bild?
Die Stille wird schnell durchbrochen: Wieder kreist Helikopter über dem Viertel, wie in den Vortagen, dröhnt lauter als jeder Rasenmäher, als gäbe es keine Lärmschutzvorschriften für die Polizei, als gäbe es keine anderen Möglichkeiten zur Beobachtung. Lärm macht krank, macht aggressiv. gibt es noch ein paar Raketen von Sylvester? Wo bekommt man Helium für die letzten Ballons vom Kindergeburtstag, mit einem Zettel dran: „Ruhe!!!“. Zum Glück gibt es dafür keine Möglichkeit. Ich bin nach Stunden Helikopterlärm derart gereizt, dass ich ihn abschießen würde, wenn ich es könnte. Wie weit reichen die Wasserpistolen der Kinder?
Ansonsten ist hier alles friedlich.
Nur der Hubschrauber nicht: Partylärm, Rasenmähen, Grillen, alles ist gesetzlich geregelt, sonst schreitet die Polizei ein. Da sind vor dem Gesetz alle gleich, aber in den letzten Jahren sind wohl einige gleicher geworden. In meiner Phantasie mache ich in Handschellen ein Viktoryzeichen, wie es schöner nur Ackermann kann, dahinter das rauchende Wrack des abgeschossenen Hubschraubers. Wohin aber in der Wirklichkeit?
Um 14Uhr beschließen wir nun, Papa Mama und drei Kinder, in den Stadthafen zu ziehen. Dort sollen zu einem großen bunten Abschlussfest „Juli“ und „Wir sind Helden“ spielen, auch Lärm, aber mit der Anmutung von Musik. „Wenn’s hilft.“ Der Geldautomat der Deutschen Bank hat „wegen Renovierung“ geschlossen. Kein Monteur zu sehen. Aber die Commerzbank daneben hält, was der Name verspricht.
Die Friedrichstraße runter zum Stadthafen ist autofrei, das hatte es noch nie gegeben. An der Kreuzung „Patriotischer Weg“ reiße ich die Kinder zurück. Mit Blaulicht und Horn rasen 42 Mannschaftswagen an uns vorbei, schaffen gerade so die Kurve zum Stadthafen. Das erste Horn habe ich noch eingesehen, aber warum müssen alle Starwars-Krieger mit Horn fahren, schwarzvermummt wie Autonome mit ihren altersschwachen VW-Bussen einen Lärm verursachen, der sich wie eine übersteuerte Bühnen-Anlage gellend und schrill in meine Trommelfelle beißt?
Die Tochter schreit, die Jungs fragen, meine Frau kommentiert, ich kann nicht mehr. Hätte ich die Frühstückseier für morgen schon auf dem Hinweg gekauft, hier würden sie fliegen. Ich schreie die Wagen an.
Hat je schon einmal eines meiner Kinder gesehen, dass ich die Contenance verliere? Ich kann die Wut nicht mehr unterdrücken und noch immer ist über mir dieser verdammte Hubschrauber. Da rasen vorbei „Weintraube 14“ und 15 aus Mainz, Ostholsteiner und schließlich Braunschweiger aus meiner alten Heimat. Das holt mich ein wenig herunter: In deren Kaserne habe ich mal schwarz gearbeitet, damals in den 70ern. Da gab es welche, die wegen der langen Kasernierung froh waren, mal richtig in Brokdorf zuschlagen zu dürfen und noch mehr, die das nicht wollten. Plötzlich sind es wieder Menschen, auch wenn sie in ihrer Montur nicht so aussehen.
Man hat uns nicht gefragt, ob wir das wollen. „Das ist Demokratie,“ höre ich meine Frau kommentieren, sie zeigt allerdings auf das große Volksfest, dass sich nun vor uns am Stadthafen zeigt: Bunte Menschen, auch ein bunter Flower-Power-Panzer, alles Laut. Etwas weiter acht Menschen mit den Flaggen der G8-Mitgliedsstaaten: „Blah blah, blahblahblah ... „geben sie von sich, während sie weitere Glieder für eine Kette schmieden, die einen stählerner Globus bereits umhüllt, bewacht von einem Mann in Stars and stripes. Der wird wenig später eines der zu wenigen Dixie-Toiletten aufsuchen, ganz normal wie alle hier, Was für ein Bild!
Ich ertrage es aber nicht mehr, irgendjemanden daneben zu zuhören, wünsche mir Taub zu sein. Nach meinem Hörsturz bin ich empfindlich geworden und es ist auch noch Schuljahresende in einer Zeit, in der alle gleichzeitig reden und niemand mehr zuhört. Am Freitag war hatte ich sechs Stunden unter Rasenmäherlärm unterrichtet und noch immer ist über uns dieser verdammte Hubschrauber.
Etwas weiter bedient ein GI eine Ölförderpumpe, während er eine Benzin-Zapfpistole wie eine Waffe in die Menge richtet, um sie „in Schach“ zu halten. „Nur die Arbeiterrevolution kann den Kapitalismus besiegen“, neue Flugblatt-Verteiler nehmen zu, die Parolen sind alt. Um Arbeiter zu sein muss man wenigstens Arbeit haben. Die Verteiler hatten wohl noch nie eine. Auf der Bühne gibt es keine Musik, auch nicht Juli oder „Wir sind Helden“. Reden, Grußadressen, die alte Form: Das wesentliche kommt erst dann, wenn alle eingelullt sind. Nach der Wende sind wenigstens die Titel der gegrüßten Personen nicht mehr so lang, es hat sich also etwas geändert. Sonst ist aber alles gleich, auch der Hubschrauber.
Die Kinder frieren: 11°C, leichter Nieselregen und sie wissen nicht, was das mit Demokratie zu tun hat. Auf der B 105 neben dem Stadthafen blitzen die Blaulichter der unzähligen Mannschaftswagen und der Wasserwerfer. Plötzlich, anscheinend unmotiviert spritzen sie los. In die Menge. Angst macht aggressiv: Wut kommt hoch und wird mühsam unterdrückt. Wir gehen Eier kaufen. Zum Frühstück!
Gespenstige Stille in unserem Viertel, noch immer kein Mistelball, kein Cowboy kommt um die Ecke, nur ein paar befreundete Geschäftsleute, die ihre Läden bewachen und ein Hubschrauber.
Wir sehen zu Hause Fernsehbilder, die wir nicht sehen wollten: 2000 Autonome unter 50.000 friedlichen Demonstranten. Eine Demonstrantin brüllt einen Autonomen an: „Hört auf“, der kommt auf sie zu: „mag disch platt ey!“. Wieder sind es Zugereiste, die den Ruf Rostocks demolieren: Das wird dem Tourismus wieder schaden, wie damals in Lichtenhagen. Mein Tinitus vom Hörsturz brummt, meine Frau kommentiert den TV-Kommentator, die Kinder fragen und reden, Geschirr klappert und der Hubschrauber brummt. Alles gleich laut, alles unerträglich. Ich gehe, um diesen Tag auf zu schreiben, aber eigentlich gehe ich, um wenigstens einen Teil der Geräuschquellen nicht zu haben. Dem Hubschrauber kann ich nicht entkommen.
Wir sind ein friedliches Land. Man hat uns nicht gefragt, ob wir das alles wollen. Es ist 22.15 Uhr und noch immer kreist lärmend dieser Hubschrauber. Ich werde Morgen das Haus nicht verlassen. Ich will die Polizei schützen. Vor mir. Was wäre, wenn mir einer eine Waffe in die Hand drückt?
Ansonsten ist hier alles friedlich, auch wenn die Fernsehbilder anderes zeigen. Auch nach Fußballspielen gibt es einen gewissen Prozentsatz, der sich nicht beherrschen kann. Wir können das alle hier. Wenn nur der Hubschrauber nicht wäre. 24 Uhr. Ich kann nicht mehr. Er fliegt. Noch. Morgen schieße ich ihn ab... Oder doch nicht?