Hallo Jonas,
Ich bin im 1.Jahr Gärtner und habe mir bei Lidl einen grossen
Vorrat an Samereien gekauft (für je 0,19 C).
In Rheinhessen täte man sagen: „No, wenns schee macht…“. In der Tat gibt es einige Sämereien, die beim billigen Jakob auch nicht schlechter sind als anderswo. Zum Anfangen ist da sicherlich viel Geeignetes dabei.
Einige davon kommen sehr sehr gut nach kurzer Zeit. Andere
hingegen kommen sehr viel später als andere Samen der gleichen
Sorte aus der gleichen Tüte.
Ist dieses unterschiedliche Keimverhalten bei gleichen
Bedingungen normal?
Ja. Neben ausgesprochen wuchtigen Keimern wie alles aus der Kante Brassica - Kohl, Kohlrabi, Blumenkohl etc, auch Radieschen usw. gibt es auch im Standardsortiment Sensibelchen, die schon einmaliges Vergießen besonders bei nicht so gutem Anzuchtsubstrat mit sofortigem Streik quittieren.
Wie hoch ist der Prozentsatz der Keimung einer Saat bei sehr
guter (und 10-fach teurerer) Saat? (bei mir ca. 50%)
Das hängt gänzlich von den einzelnen Arten ab. Generell ist die Keimfähigkeit nicht unbedingt das Kriterium, was für hochwertiges und entsprechend weniger billiges Saatgut spricht. Bei Ringelblumen und Radieschen wirst Du unabhängig von der Quelle annähernd 100% beobachten, bei z.B. Zinnien eine sehr hohe Keimfähigkeit, aber wenigstens ein Drittel der Keimlinge, die nach dem Auflaufen alsbald die Grätsche machen, besonders wenn sie zu feucht stehen. Bei Campanula rapunculoides, die grade neben mir am Fenster steht, bin ich mit fünf Prozent hoch zufrieden … Kurz: Hochpreisiges Saatgut ist in der Regel nicht besser keimfähig, sondern hat andere Qualitäten, die Du in den nächsten Jahren kennen lernen wirst.
Wie kann man die Keimung allgemein verbessern (ich habe
kleines Anzuchthaus und kleines Zimmer auf 21.0 Grad beheizt)?
Das ist nicht für alle Pflanzen gut. Es kann in einigen Fällen bereits zu warm/feucht sein. Sehr feine Keimlinge (z.B. Löwenmäulchen/Antirrhinum) müssen an die Luft, sobald sie aufgelaufen sind - sie kippen Dir sonst weg wie sonstwas. Bei Saatgut aus guten Herkünften sind ziemlich detaillierte Hinweise auf den Packungen.
Was sind diesbezüglich schlimme Fehler?
(1) der Wunsch nach instant perfection: Dieser führt unweigerlich zu Enttäuschungen. Der Umgang mit Anzucht von Pflanzen aus Samen ist eine langsame Kunst.
(2) Durchsetzungswille: Die Pflanzen kommen zu Dir; das kannst Du nicht unbegrenzt steuern. Aufmerksamkeit hilft, den zu kurz Gekommenen beim nächsten Mal mehr entgegenzukommen.
(3) Zu ausgeprägt ökonomische Denke: „Zehnfach teurer“ ist, in absoluten Zahlen ausgedrückt, sowas wie ein Achtelliter Pils. Vor mir auf dem Schreibtisch liegt eine Rechnung, auf der u.a. ein Gramm Seidelbastsamen mit 6 Euro ausgewiesen ist … Schau Dich mal bei meinen Freunden von Dreschflegel Saatgut um: Sicher nicht die billigsten Anbieter, aber Saatgut, welches nicht für optimale Bedingungen bei Idealbewässerung und fetter NPK-Zufuhr gemacht ist, sondern Landsorten aus Erhaltungszucht, die Dir Pflanzen in den Garten bringen, deren Erzeugnisse Du nirgendwo kaufen kannst. Die zwei Paprikasorten, die neben mir am Fenster stehen, gibts nicht billig. Dafür sind sie robust, freilandgeeignet und keine Hybriden: Eine davon ist schon in dritter Generation meine eigene Nachzucht.
Schöne Grüße & viel Spaß!
MM