Gartengestaltung um 1830

Hallo,

ich möchte versuchen, den Vorgarten eines zuerst 1834 erwähnten, ehemaligen Pfarrhauses neu zu gestalten. Falls möglich möchte ich ihn so bepflanzen, wie er in seiner jünsten Zeit gewesen sein könnte.

Dazu benötige ich nun einige Info… wie bezeichnet man die Architektur dieser Zeit? Auf was legten die Leute in eher ländlichen Gegenden Wert bei der Bepflanzung eines Vorgartens? Gibt es Bücher/Internetseiten zu dem Thema?

Vielen Dank + Gruß
Julian

Servus Julian,

Biedermeier-Gärten kann man als verkleinerte, ins Private zurückgenommene Nachfolger der englischen Gärten des späten Klassizismus beschreiben.

Die klassizistischen Vorbilder im Großen (allen voran der Pücklersche Park in Muskau und das Lennésche „Meisterstück“ in Wörlitz), aber auch Anleihen bei Gärten zwischen Klassik und Empfindsamkeit (z.B. C.M. Wielands Gut in Ossmanstedt ist schön wiederangelegt) kann man als Anregung nehmen, aber auch den großen Landschaftsgärtner des ausgehenden Biedermeier Eduard Petzold. Überall dort ist Biedermeier im Hintergrund schon angelegt (bzw. bei Petzold noch vorhanden), die Perspektiven werden kleiner, „gemütlicher“, es hat abgeteilte Bauerngärten, Blumengärten, Obstgärten, die im Gegensatz zur „großen“ Landschaftsgestaltung stehen. Schön zu sehen dieser Übergang auch in Basedow, wo die kleinen Ensembles mit Brücklein, Fels am Wegesrand, Baumgruppe schon bald wichtiger sind wie die großen Landschaftsperspektiven, und wo in der Nähe zum Schloss bereits ein unabhängiger Blumengarten hergerichtet wurde.

Biedermeier-Gärten haben nicht mehr die großen Perspektiven der klassizistischen Landschaftsgärten, sie sind kleinräumig, heimelig. Es gibt wieder die hohe Gartenmauer, mit oder ohne Rosen- und/oder Aprikosenspalier. Mit vielen Bauern- und Nutzgartenelementen, aber auch romantisierenden Zügen (Rosenbogen, Zierkugeln, allerlei Allegorisches aus Stein).

Im Biedermeier wird trotz regelmäßiger Grundanlage Verschlungenes, Assymetrisches wieder entdeckt.

Ästhetik findet außerhalb der großen Züge und Formen statt. Aus dem Biedermeier stammt eine große Zahl von heute noch bedeutenden Rosen einerseits, andererseits auch Birnen-, Zwetschgen- Kirschenzüchtungen, die bis heute wichtig sind.

Rosengarten und Obstspalier sollten dabei sein. Steinbank (mit bisschen Kies davor, ja keine Platten!) und Urne oder Stundenglas oder auch (gute!) Terrakottadinge vielleicht, kein oder wenig Rasen, viele und möglichst ohne striktes Farbkonzept quellenden Stauden: Stockrosen, Päonien, Eisenhut, Rittersporn, Lupinen, Sonnenhut, Sonnenblumen - das volle Programm.

Beet- und Rabattenabgrenzungen in sehr niedrig gehaltenem Buchs und/oder gusseisernen Elementen.

Auf was legten die Leute in eher
ländlichen Gegenden Wert bei der Bepflanzung eines Vorgartens?

Biedermeier ist auf Nutzen und Vergnügen bedacht, er will nicht so sehr Arkadisches, sondern lieber den herbstleuchtenden Berlepschapfel zum Nachreifen auf dem Sims und die leuchtende, haptische Pracht von Feuerbohnenblüten und Kürbissen, aber auch wuselndes Hellblau von Vergissmeinnicht und Veilchenduft im Frühjahr. Biedermeier ist eine sinnliche, wenig reflektierende Ästhetik, die Leihgaben aus den vorhergegangenen Epochen gerne annimmt, ohne sie jedoch zu sehr zu stilisieren - wollenmal nicht übertreiben, ne?

Daß der Pfarrer vor dem Haus einen Platz hat, wo er abends sin Piep schmöken kann und diesen und jenen Passanten begrüßen kann, steht biedermeierlicher Nützlichkeit nicht entgegen. Wobei der Tabacksrauch sich mit den jeweiligen Parfümen der Saison gern vermischen darf.

Gibt es Bücher/Internetseiten zu dem Thema?

Diese Veröffentlichung im Internet find ich gut gelungen:

http://www.gartenkunst-beitmann.de/weiter.php?buch=1…

Gedruckte Literatur gibts viele, mehr und weniger gute. Ich glaube, da ist der Buchhändler des Vertrauens doch eine gute Anlaufstelle.

Schöne Grüße

MM

Hallo !

Pastoren gehörten damals zu den ärmeren Leuten. Sie lebten von Spenden und vom eigenen Garten und vom eigenen Vieh.

Ich glaube nicht, dass der Garten eines Pastoren 1830 eine Ähnlichkeit

mit einem heutigen Garten hatte. Es war Gemüse und Obst,was dort gepflanzt wurde. Vielleicht auch ein paar Blumen. Diese waren aber Luxus.

mfgConrad

Hallo Conrad,

die Unterscheidung zwischen Luxus und Nutzen wird da nicht so sehr getroffen - zumal man ja, als ein Studierter, nicht so vieles käuflich erwerben muss, sondern sich in allerlei Gartenkünsten einschließlich Zucht und Vermehrung selber betätigt.

Ein paar Einblicke in Gärten von nicht auf Rosen gebetteten niederen Beamten aus der Zeit des späten Biedermeier / Vormärz gibt Justinus Kerner hier:

http://www.guenther-emig.de/kerner/bilder_12.html

  • In der Tat gehts knapp und sparsam her, der Ludwigsburger Schreiber muss untertänigst beim Prinzen anfragen, ob er denn die auf die andere Seite der Mauer gefallenen Mostbirnen auflesen dürfe. Andererseits ist die Beschäftigung mit Nutzen und auch Schönheit des Gartens ein Pläsier, und der Bub Justinus betont, daß er in „seinem“ Beet keine Blumen, sondern lieber Salat gepflanzt hat…

Schöne Grüße

MM

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Hallo,

vielen, vielen Dank! Eine bessere Antwort hätte ich mir nicht wünschen können! Das ist eine super Ausgangslage, um jetzt noch etwas weiter zu recherchieren.

Gruß
Julian