Servus,
hierzu:
Kann man die Blätter einer Pflanze dementsprechend
größer züchten, wenn man sie langsam an einen dunkleren Ort
gewöhnt?
die Anmerkung, dass die Lamarcksche These von der „Vererbung erworbener Eigenschaften“, durch Trofim Denissowitsch Lyssenko unter und mit Stalin wieder aufgewärmt und durch allerlei seltsame Maßnahmen „belegt“, ab Mitte der dreißiger Jahre einen wesentlichen Beitrag zur Zerstörung des Potentials der Agrarproduktion in der UdSSR leistete, ferner wegen der guten Beziehungen Lyssenkos zum NKWD gute und sehr gute Wissenschaftler, insbesondere Genetiker, in den Gulag brachte, weil Lyssenko halt gern Recht behielt.
Kurz: Selbst wenn es gelingt, eine Pflanze an Bedingungen zu gewöhnen, die ihrer natürlichen Umgebung nicht entsprechen (z.B. die meisten Zimmerpflanzen an den für ihre Verhältnisse extremen Lichtmangel an deutschen Fensterbänken), so wird das in keinem Fall dazu führen, dass die Nachkommen dieser Pflanze diesen Bedingungen besser oder irgendwie anders gewachsen sind als die Pflanze selber. Zucht im landläufigen Sinn kennt abgesehen von Kreuzungen und dem Spezialfall der Hybridisierung, teils auch Hervorrufen von Mutationen - schönes Beispiel der Apfel „Mutsu“ - das Mittel der Selektion auf bestimmte Eigenschaften (z.B. Großblättrigkeit). Auf diese Eigenschaften kann man aber bloß selektieren, wenn sie eh genetisch angelegt sind.
Lichteinfall besonders auf den Sprossscheitel (die zentrale Knospe einer Pflanze) hemmt das Wachstum; wenn er fehlt, kann auf diese Weise die Pflanze in beschränktem Umfang dem Licht entgegen wachsen: Wo Licht fehlt, wächst sie stärker, so dass sie einen Bogen zum Licht hin macht. Das geht aber bloß sehr begrenzt und führt im Extrem zum „Vergeilen“, „die Pflanze wächst sich tot“, ohne dass sie genug für ihren eigenen Aufbau assimilieren kann.
Hat Unkraut und niedere Pflanzen die weniger Licht
benötigen, größere Blätter durch Lichtmangel?
Man sollte hier verschieden große Blätter einer Art und verschiedene Blätter verschiedener Arten unterscheiden. Blattformen und -größen verschiedener Arten sind sehr unterschiedlich ausgebildet, dabei spielt nicht bloß Licht und dessen Verwertung eine Rolle, sondern auch z.B. der Wasserhaushalt (Beispiel für eine Pflanze, der durch züchterische Bearbeitung der „sinnvolle“ Umgang mit Wasser bei Sonneneinstrahlung verloren gegangen ist, ist die Zuckerrübe), Anfälligkeit auf Wind und Sturm (vgl. Pionierbäume wie Weiden und Birken, die in diesem Zusammenhang mit kleinen Blättern arbeiten), Schutz gegen Gefressenwerden (vgl. Kakteen, die ihre Blätter gänzlich umgebaut haben und damit außer Selbstverteidigung nichts mehr anfangen können) usw. Und last not least hat nicht alles in der Natur einen unmittelbaren Sinn: Letztlich ist jede Mutation, jede Veränderung einer Art zunächst zufällig, und wenn sie nicht weiter stört, bleibt sie halt. Umso besser, wenn sie auch noch nützt.
Einige Arten können an derselben Pflanze Sonnen- und Schattenblätter ausbilden. Die unterscheiden sich aber nicht vor allem durch die Größe, sondern sie sind im Inneren unterschiedlich aufgebaut - Sonnenblätter haben bei hohem Lichteinfall einen besseren Wirkungsgrad, Schattenblätter sind ihnen bei geringem Lichteinfall überlegen.
Häufig kann man bei Kulturpflanzen größere Blätter sehen als bei den Wildformen (neben mir stehen am Fenster junge Kultur- und Wildtomaten: die Wilden sind regelrecht elegant mit ihren feinen Blättchen). Das mag damit zu tun haben, dass der jeweils genutzte Teil der Pflanze bei Kulturformen auch größer ausgebildet ist, und die Selektion in den letzten paar tausend Jahren eine generelle „Neigung zur Größe“ begünstigt hat, die für die Wildform, die auch mit weniger günstigen Umständen zurechtkommen muss, unrentabel wäre.
Ich glaube nicht, dass es eine These gibt, die einen so weiten Zusammenhang über alle Pflanzen plausibel herstellen kann.
Schöne Grüße
MM