Hallo Sandra,
ich habe einige Fragen zur Hunde-Erziehung und hoffe ihr könnt
mir helfen:
Da könnte man viele viele Seiten dazu schreiben, das kann man hier nur ganz oberflächlich streifen.
- Wie wichtig ist der Besuch der Welpenschule wirklich??
Die Welpenschule sollte eigentlich Welpenspielstunde oder Welpenprägungsstunde heißen. Die Welpen sollen dort gar nicht viel lernen, sondern der Sozialisierungsvorgang, der im Spiel mit den Wurfgeschwistern und der Mutter begonnen wurde, soll hier fortgesetzt werden. Die Welpen sollen lernen, mit Hunden aller Rassen und Temperamente umzugehen, sich durchzusetzen, sich auch unterwerfen zu können, die Beißhemmung wird hier weiter entwickelt usw. usw. Darüberhinaus werden die Welpen (zumindest in einer guten Hundeschule) mit verschiedenen Dingen konfrontiert wie z.B. verschiedene Untergründe (Teppich, Gummi, Stein, Holz usw.), Röhren, Wippe, Laufsteg usw., mit denen sie vertraut gemacht werden, ohne dass sie hierbei schlechte Erfahrungen machen. Wenn sie dann später auf ungewohnte Bedingungen stoßen, sind sie selbstbewusst und angstfrei.
Im Buch steht: „Beim Spiel niemals den Hund gewinnen lassen.
Herrchen/Frauchen beendet immer das Spiel, indem er/sie das
Spielzeug wegnimmt; dadurch lernt der Hund, wer der Boss ist.“
Das ist soweit richtig. Hier wird die Rangordnung ohne Zwang festgelegt, indem der Hundeführer Beginn und Ende des Spiels bestimmt. Agieren, nicht reagieren, dass ist die wichtigste Regel bzgl. der Rangordnung.
„Lehrer“ in der Hundeschule sagte: „Wenn Sie einen Pulli
anhaben, den Sie nicht bereit sind herzugeben, dann fangen Sie
gar nicht erst ein Spiel an. Spielen Sie nur dann, wenn Sie
dem Hund am Ende die „Beute“ lassen können, das ist wichtig
für den Hund.“
Auch das ist richtig. Man möchte beim Hund den Drang zum Spielen (die sogenannte Spielappetenz) fördern, da man über das Spiel dem Hund sehr viel beibringen kann. Was motiviert den Hund am meisten? Erfolg! D.h. er muss beim Beutestreiten häufig Erfolg haben, dann spielt er gerne wieder. Hat er selten oder nie Erfolg, weil der Hundeführer zu überlegen spielt, dann ist er frustriert und gibt es irgendwann auf.
Was stimmt denn nun???
Beides, siehe oben. Das eine bezieht sich doch auf Anfang und Ende des Spiels, das andere auf das Den-Hund-Erfolg-haben-lassen.
Und 3: Was zeichnet eine gute Hundeschule aus?
Kein Geschrei, kein Stachelhalsband, kein Teletakt, kein übertriebenes Leinengerucke.
Arbeit mit Spiel, positiver Verstärkung (Lob, Leckerli).
Schau Dir am Besten die Hunde an, wie die bei der Sache sind. Sind sie geduckt? Angstvoll? Oder freudig motiviert?
Eine Ausbildung geht nicht immer ganz ohne Zwang ab. Bereits eine Leine ist ja Zwang, da man den Hund physisch daran hindert, dort hinzugehen, wo er hinwill, wir zwingen ihm unseren Willen auf. Aber Zwang/Meidemotivation muss sehr fein dosiert sein und nur dort angewandt werden, wo man mit Primär- und Sekundärmotivation nicht weiterkkommt.
Sorry: Primärmotivation = Motivation durch Freude am Tun, Sekundärmotivation = Motivation durch Bestärkung/Belohnung, Meidemotivation = Motivation durch negatives Feedback. Die Prioritäten bei der Ausbildung sollten in dieser Reihenfolge liegen.
Also: Hundeschule - ja oder nein?
Ja, wenn es eine gute ist (siehe Euer drittes Beispiel). Die große Gruppe ist bei Welpen kein so großes Problem, es geht ja nicht um die konzentrierte Ausbildung, sondern um die Kontakte und Erfahrungen der Hunde untereinander und um das spielerische Kennenlernen von Umgebungsreizen. Bei besonderen Problemen kann man ggf. später immer noch Einzelstunden bei dem Ausbilder nehmen und zusätzlich in die Gruppe gehen.
Wichtig ist übrigens auch: Im Alter zwischen 8 und 16 Wochen möglichst alle Alltagssituationen durchmachen: Restaurant, Menschenmenge, Aufzug fahren, lauter Verkehr in einer Stadt, Staubsauger, Tierarztuntersuchungen (auch wenn sie gerade nicht nötig sind, oder gerade dann, dann gibt es keine schlechte Erfahrung damit), Pferde, Autofahren, Treppen verschiedener Arten (Stein, Mamor, Holz, offene Stufen) rauf und runter, in Geschäfte reingehen (falls erlaubt), von Kindern streicheln lassen, im Hotel übernachten …
Ein Hund, der das in jungem Alter alles mitgemacht hat, ohne dabei schlechte Erfahrungen gemacht zu haben (er wurde nicht gefressen!), wird später ein angenehmer Begleithund werden, der sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen lässt.
Wenn ja: Welche Abstriche muß man machen/kann man am ehesten
in Kauf nehmen?
Große Gruppen sind nicht so schlimm wie raue Methoden.
Wenn nein: Welche Bücher helfen Hund und Herrchen, gute
Partner zu werden?
Ich bin ein großer Fan von Ekard Lind (http://www.lind-art.de/). Lind verwendet das Spiel als Mittel zur Motivation und nutzt instinktive Reaktionen und Verhaltensweisen der Hunde zur Ausbildung aus. Selbst wenn man diese Methode nicht 100%ig anwenden möchte (manche finden sie etwas zu umständlich), man lernt aus seinen Büchern sehr viel über Motivationslehre, über Anforderungsstufen, Über- und Unterforderung, über die Balance zwischen Rangordnung, Vertrauen und Kommunikation, über artgerechte Kommunikation usw.
Ich habe die einzelnen exakten Titel derzeit nicht dabei (bin unterwegs), ich kann sie aber gerne nachreichen. Einfach mal bei Amazon nach Ekard Lind suchen. Die Bücher heißen sinngemäß „Richtig spielen mit Hunden“, „Hunde spielend motivieren“, „Team Balance“, „Mensch - Hund - Harmonie“.
Ich habe das hier im Forum schon ein paarmal geschrieben, ich glaube, ich muss mir mal einen Text dazu bereitlegen, den ich dann immer reinstellen kann …
Wichtig zu wissen ist noch, dass Hundeerziehung 24 Stunden am Tag stattfindet (na ja, während des Schlafens nicht), nicht nur auf dem Hundeplatz. Wenn man noch so schön ausbildet, aber sich im Alltag falsch verhält und z.B. seine Rangposition nicht richtig vertritt oder das Vertrauen des Hundes erschüttert, geht’s trotzdem schief.
Sorry, ist sehr lang geworden … wenn Du noch Fragen hast …
Liebe Grüße
Sebastian