Was bedeutet dieses Verhalten?

Hallo Hundefreunde,

mein 2 1/2 Jahre alter Golden Retriever Rüde legt ein komisches Verhalten an den Tag. Zwei Jungs im alter von 8 Jahren die unser Hund auch schon kennt seit dem er ein Welpe war, haben neulich mit ihm gespielt. Einer hatte ihn an der Leine und hat versucht seinen Bruder zu fangen. Das ganze hat vielleicht so 10 Minuten gedauert. Er hat auch versucht im Spiel bei den beiden „aufzuspringen“. Seit diesen 10 Minuten Spiel fängt er jedesmal wenn er die beiden Jungs sieht an zu winseln, rückt ihnen bis auf 5cm auf die Pelle und lässt sie nicht mehr aus den Augen. Ich weiß nicht so recht wie ich dieses Verhalten deuten soll… das Verhalten ist keineswegs aggressiv im Gegenteil.

hoffe jemand kann mich aufklären.

Danke Gruß

Hallo Polo

Dein Hund kontrolliert die Kinder! Das Tier kann und konnte die Situation in der die beiden Jungs gespielt haben nicht einschätzen. Er, als soziales Tier mit einem Riecher für „Rudeldynamik“ sieht nur: Hilfe! Hier ist ein Konflikt und der muss gelöst werden. Doch jetzt bitte nicht den Fehler machen, zu denken, das Verhalten sei jetzt „nett“ gewesen und der Hund habe nur helfen wollen… Solche Gedanken kennt der Hund nicht. Ich habe oben „Hilfe“ hingeschrieben, weil ich zeigen will, dass sich der Hund hilflos fühlt, keinesfalls aber in unserem Sinne DEN ANDEREN helfen will. Es gibt zwei Möglichkeiten, wie der Hund reagieren hätte können wenn dieses „Spiel“ (das in den Augen des Hundes eine äusserst bedrohliche Situation war…) weitergegangen wäre:

a) der Hund hätte sich auf die Seite desjenigen gestellt, zu dem er die besser Bindung / Beziehung hat

b) der Hund hätte sich auf die Seite des STÄRKEREN gestellt, weil es in der „Natur“ keinen Sinn machen würde, sich auf die Seite des Schwächeren zu stellen. Das Rudel ist ja vom Stärkeren abhängig, wenn jemand zu schwach ist um am selben Strang zu ziehen, oder sich querstellt und dann drunter kommt, ist das eben sein „Pech“. Das Rudel wird vom Sieger geführt werden, der Schwächere stellt eine Gefahr und ein zu grosser Energieverlust dar fürs Rudel (wenn man immer erst noch " auf den Schwachen achten / warten" müsste )

Du siehst, dass Hunde erstens parteiisch sind und dass hier zweitens ein grosses Gefahrenpotential von diesem „Spiel“ der Kinder ausgeht. Beschliesst der Hund sich auf die Seite von einer Partei zu schlagen, wird er diesen tatkräftig unterstützen. Ist der Hund soweit gut sozialisiert und mit Kindern vertraut, wird er nicht gleich beissen, sondern höchstens schnappen, drängeln, stossen und als Retriever möglicherweise jemanden am Arm fassen und fortziehen wollen.

Trotzdem: Deinem Hund war offensichtlich äusserst unwohl bei der ganzen Angelegenheit, dass er jetzt solche Stressanzeichen zeigt. Er fürchtet, dass eine Unruhe im Rudel herrscht, die unter Umständen die ganze Struktur durcheinander bringen kann. Er fürchtet sich, dass sich etwas verändert und er nichts dagegen / dafür tun kann und wird alles tun um zu „helfen“ (wie auch immer dieses „helfen“ denn aussehen mag). Möglicherweise war er auch noch nie so warm mit Kindern (wenn er aufgeregt geschwänzelt hat und „völlig aus dem Häuschen“ war mit Kindern könnte das sehr gut sein, denn dies sind Stresssymptome und keine netten Gesten!).

Doch… was tut man nun? Erste Massnahme: den Kindern SOFORT verbieten solche Spiele wieder mit und vor dem Hund zu machen. Die Kinder sollten, wenn sie mit dem Hund etwas machen, beaufsichtigt werden, denn die Versuchung ist ZU gross, so etwas nochmal auszuprobieren. (Glaub mir, ich spreche aus eigener Erfahrung…) Kinder finden es verständlicherweise ganz toll, so einen starken Beschützer zu haben und werden versuchen herauszufinden, „wen der Hund mehr mag“.
Zweite Massnahme: Dem Hund zeigen, dass es NICHT in seiner Verantwortung liegt, „Streit“ zu schlichten - dazu dürft ihr ihn aber auch nie mehr in so eine Situation bringen, denn da MUSS er aus seiner Sicht selbst entscheiden! Nehmt den Hund bei so einer Situation „aus dem Spiel“, verweist ihn auf seinen Platz, geht dann zu den Kindern und löst da das „Problem“. Der Hund soll und darf, ja muss sich in so einer Situation zurückziehen (können). Kinder und Hunde sind eine wunderschöne Kombination ABER beide dürfen nie aus den Augen gelassen werden, schon gar nicht dann, wenn beide zusammen sind!

Ich hoffe, ich konnte Dir ein wenig weiter helfen! Falls noch Fragen offen sind, stell diese ruhig!

Lieber Gruss,

Semiramis

Hallo,

zusätzlich zu dem was Seramis bereits gesagt hat…

Es gibt Retriever die hüten, was irgendwie zu hüten geht, in einem Buch las ich sogar, dass da ein Retriever Regentropfen in einer Pfütze hüten wollte…es könnte also auch sein, dass er die Beiden zusammenhalten will.
Diesen Aspekt könntest Du auch noch ins Auge fassen, wobei das Aufreiten des Hundes auf die Kinder tatsächlich eher der Vermutung des Kontrollierens im Sinne der Rudelhierarchie entspricht auch ansonsten schliesse ich mich Seramis an.

Gruß
Maja

Hallo Maja/Semiramis,

danke euch beiden für die schnelle Antwort.
Ich hab nicht erwähnt daß die beiden Jungs nicht meine Kinder sind, sondern von Freunden die ab und zu mal vorbeischauen… daher hat er eigentlich zu keinem der beiden Jungen eine Bindung… kann es dennoch sein daß er hier den Beschützer spielen will?

Hallo Polo!

Ja natürlich kann das sein! Ich habe das auch nicht so aufgefasst, dass das Deine Kinder sind. Hier müsste man den Hund und die Situation sehen, um beurteilen zu können inwiefern sich als der Hund Beschützer oder „nur“ Unterstützer sieht. Die Situation ist sicher etwas weniger „gefährlich“ falls der Hund sich als Beschützer sieht, denn so wird er, falls er nicht zu sehr bedrängt und verwirrt wird, nur sehr „sanft“ (SEINER Ansicht nach…) eingreifen. Aber Krallen und Zähne, und seien sie noch so sanft eingesetzt, können eben doch Spuren hinterlassen.
Also: Bitte den Jungs NICHT verbieten, mit dem Hund zu spielen (Du würdest Ihnen einen wichtigen Spielgefährten nehmen - Tiere sind wichtig für Kinder!) aber beaufsichtige sie und bringe Ihnen was bei darüber „wie so n’Hund funktioniert“ - FALLS sie das überhaupt interessiert.

Viel Spass und Erfolg!

Semiramis

Hallo Polo,

nicht nur das ich den anderen hier zustimme, die Tatsache, dass die beiden Jungs n i c h t zu eurem Haushalt gehören, macht die Sache potentiell noch gefährlicher.

Die Jungs haben sicher - wie Kinder das so tun - laut gerufen, gekreischt, gelacht, sind gehüpft, gesprungen etc. Für Kinder ganz normal.

Dein Hund aber wird mit 2 1/2 Jahren jetzt so langsam aber sicher richtig erwachsen. Meiner Erfahrung nach tun die meisten Hunde (gerade Rüden) in diesem Zeitraum bis sie etwa 3 Jahre alt sind, noch einmal einen „Sprung“. Sichtbar ist er oft daran, dass z.B. die Figur des Hundes sich noch einmal ändert (breiter Brustkorb etwa) und auch das Fell (z.B. die langen Haare an der Rute) dichter und länger wird.

Die Kinder und der Hund sind deswegen jetzt nicht mehr „im selben Alter“. Der Hund erwartet ein bestimmtes Verhalten von seiner Umgebung. Er kann das Spiel der Kinder nicht verstehen und versucht es - zunächst sehr sanft - zu unterbinden. Das „Aufreiten“ ist eine Dominanzgeste und soll den Jungs auf sanfte Art sagen, dass er nicht einverstanden ist mit dem was abgeht.

Jetzt versucht er schon bevor irgendein Getobe losgeht, die Jungs zu kontrollieren. Er befürchtet wohl, dass die beiden nicht ganz „normal“ sind, da sie auf seien (für ihn) klaren Aufforderungen aufzuhören nicht reagieren. Solltest du/ihr in der Nähe gewesen sein und das Spiel nicht unterbunden haben (warum solltet ihr) hat er jetzt das Gefühl, dass e r für diese Jungs zuständig ist.

Es liegt also in seiner Verantwortung potentiell „gefährliches“ Verhalten von zwei rudelfremden Kindern über 2 Jahren (also kein Babybonus mehr!) zu kontrollieren.

NICHT ALLEINLASSEN! Kein Getobe mehr! Oder wie Semiramis beschreibt dazwischengehen. Dem Hund die Verantwortung (darauf wartet er) wieder abnehmen und ihn so beruhigen.

Seit froh, dass euer Hund ein gesunder, nervenstarker junger Hund in einem gefestigten Rudel (ihr) ist, der es nicht nötig hat auf die geringste Bedrohung mit scharfen Attacken zu reagieren. Da hat es schon böse Fälle gegeben, wie man jeden Tag in der Zeitung lesen kann.

Wehret den Anfängen!

Gruß
Nita