Hallo Inselchen!
Entgegen der beiden anderen Postings, die Dir eher einen Welpen als einen erwachsenen Hund empfehlen, halte ich das eher für eine schlechte Idee. Warum? Dazu komme ich später, erst mal eine kleine Auführung:
Dein Hund ist ein Tierheimhund, ein ehemals halbfrei lebendes Tier, kannte vielleicht Hunger, Durst etc. etc. Ihr habt ihn „gerettet“. So weit, so gut. Doch hier sprechen wir von menschlichen Gefühlen und NICHT vom Hund. Der Hund hat das möglicherweise ganz anders aufgefasst. Er war gerade mal 2 Jahre alt, als ihr in geholt habt. Damals war er wohl auch seit ungefähr einem Jahr, was wir als „ausgewachsen“ kennen. Er hat in seinem sehr jungen Leben viel Turbulentes erlebt, was ihn geprägt hat, im wahrsten Sinne des Wortes. Nun habt ihr den Kerl in Euren Ferien aufgelesen und saht in ihm das Opfer, den Clochard, der auf der Strasse leben musste und möglicherweise gequält wurde. ABER bedenkt auch, dass dieser Hund bis jetzt in diesen Umständen überlebt hat! Ihr habt hier also ein Tier, das fähig ist, alleine, oder wenn er sich einer Gruppe anderer Hunde angeschlossen hat, in der Gesellschaft zu überleben. Ist er erstmal 2 Jahre alt, ist er „aus dem Gröbsten raus“ und die Gefahr nicht mehr so gross, dass er verhungert oder verdurstet, weil er nicht weiss, wo er sich Futter beschaffen kann. Kritisch wird es erst wieder in einem Alter so ab 5-7 Jahren, wenn die ersten Kräfte nachlassen und er sich gegen andere nicht mehr durchsetzen kann.
Ihr habt ihn angetroffen und ins Tierheim gebracht. Ein Trauma. Das soll kein Vorwurf sein, schliesslich wolltet ihr ihn ja retten - ich beschreibe nur aus der Sicht des Hundes. Er kam dann so oder so nach Deutschland - Trauma Nr°2. Plötzlich konnte er sich nicht mehr frei bewegen wie er wollte, war einer Unmenge anderer Hunde und Umweltreize ausgesetzt, mit denen er sich vorher niemals auseinandersetzen musste, weil er ja immer fliehen konnte, sich immer verstecken konnte. ER war derjenige, der entschied, was er tun wollte. Irgenwie logisch, dass man da Angst hat, oder? Plötzlich hatte er keine Kontrolle mehr über das, was geschah.
Nun ist der Hund seit 2 Jahren bei Euch und Vieles hat sich nicht gebessert. Er ist ängstlich, kläfft andere Hunde an, springt in die Leine und extrem scheu. Wo ist der Hund geblieben, der sich mal alleine durchs Leben geschlagen hat? In seinem Kopf ist er eben immer noch derjenige geblieben, der sich alleine durchschlagen muss, so paradox es klingt. Und genau DAS ist die Ursache, weshalb der Hund sich so benimmt. Er HAT tatsächlich vor allem Angst, denn wenn er alleine wäre, würde er sich solchen (für ihn) entsetzlichen Gefahren erst gar nicht aussetzen und sofort fliehen. Merkst Du was? Dem Hund geht es auch in Deutschland, immer noch ums Überleben. Das Tier kämpft und ist nicht zufrieden. Das merkt ihr ja auch und ihr seit damit auch nicht zufrieden. Wieso? In Italien konnte und MUSSTE der Hund selbst entscheiden, wo er sich aufhielt. Es ging ums Überleben. Das Verhalten hat er, wie wir ja gesehen haben, nicht einfach abgelegt, weil er jetzt in Deutschland ist. Er ist ein Hund, wie soll er das denn wissen? Im Gegenteil, es sind noch mehrere Traumata dazu gekommen: Zweimal der Tierheimaufenthalt, die Reise nach Deutschland, das neue Umfeld und plötzlich sind da Leute, die einen an eine Leine nehmen, die einen erstens in (aus seiner Sicht) gefährliche, ja z.T. sicher lebensbedrohliche Situationen bringen und ihn dann auch noch hindern zu fliehen! Genau das Verhalten wird verhindert, das ihm VOR ZWEI JAHREN DAS LEBEN GERETTET HAT!
Unsere erste, menschliche Reaktion ist jetzt zu sagen: „Ohhhh, der arme Kerl, wir müssen ihn trösten!“. Aber genau das ist falsch. Der Hund ist ein Rudeltier - er braucht Führung. Das ist in jeden Hund drin, egal woher er kommt. Das ist sein Wolfserbe. Alles, was er will, ist Sicherheit, Sicherheit und nochmals Sicherheit. Mit Trost könnt ihr im aber leider keine Sicherheit vermitteln, weil Tiere so etwas nicht kennen. Ein Hund tröstet keinen anderen, aber er lenkt ihn vielleicht ab, fordert ihn zum Spiel auf etc, was dann das aus menschlicher Sicht „traurige“ Subjekt ablenkt. Was aber, wenn jetzt die Jugend dieses ganz bestimmten Hundes, den ihr aus Italien mitgenommen habt, gestört war und er evtl. niemals gelernt hat, wie man eine Bindung aufbaut? Klar, er „weiss“ aus seinem genetischen Erbe, dass Gesellschaft für ihn überlebenswichtig ist. Was aber, wenn er das so in der Praxis nie erlebt hat? Was aber, wenn ebendiese Gesellschaft ihn ständig in Gefahr bringt, anstatt ihm Sicherheit zu vermitteln?
Irgendwann hat er gemerkt und gelernt, dass es einen Ort gibt, wo er sicher ist, der begrenzt und deshalb übersichtlich ist: Eure Wohnung. Da kennt er mittlerweile jeden Winkel. Da seid auch ihr sicher. Draussen aber, kennt der Hund nicht alles und er merkt, dass nach und nach auch ihr unsicher seid. Und zwar je länger, je mehr. Weshalb? Er fasst Euer „trösten“, Eure Aufmerksamkeit ihm gegenüber nicht als Schutz, sondern ebenfalls als Unsicherheit auf. Ihr wendet Euch an ihn und zeigt ihm damit: „hey, wir haben auch tierisch Angst… Weisst Du, wos lang geht? Was denkst Du?“. Das ist zutiefst menschlich, aber für den Hund nur noch verunsichernder. Ihr, seine Gruppe, seine Führer richtet Euch komplett nach ihm, achtet auf ihn, wenn er Angst hat, bleibt stehen, wenn er partout nicht weiter will… Merkt ihr was? Ihr seid seine Rudelkumpels, allerdings ist ER EUER ANFÜHRER! Das natürlich nicht aus menschlicher Sicht (schliesslich WISSEN wir ja, dass er abhängig von uns ist, gerade was Futter etc. betrifft) aber eben nicht aus hündischer! Er WEISS wie Futter finden, im Falle des Falles… Ihr seid merkwürdigerweise die besseren Futterfinder als er, aber ihr bringt ihn dennoch immer in grosse Gefahr, in der er dann auch noch die Leitung übernehmen muss! Ihr seid gestresst, der Hund ist gestresst… Ein Teufelskreis! Was tun?
Der Hund kann diesen Teufelskreis nicht durchbrechen, er ist ein Hund und kann „sein Innerstes“ nicht ändern. Wir aber schon, denn alles, was wir verändern müssen ist unser Verhalten. Was dieser Hund braucht, ist eine klare Führung, jemand, der ihm WIRKLICH auf hündische Weise zeigt, dass er sicher ist. Wie? Benehmt Euch dominant. Nun das ist jetzt einfacher gesagt als getan… Hunderte von Büchern wurden über dieses Thema geschrieben, aber wie geht das? Alle Bücher dieser Welt werden Euch dabei nicht helfen können, weil es nämlich darum geht, Euer Verhalten dem Hund gegenüber zu verändern und das könnt NUR IHR SELBST. Anfangs wird Euch das viel Überwindung kosten. Dominant ist leider oft ein negativ belegtes Wort, doch das meine ich damit nicht. Dominant sein heisst nämlich konsequent, selbstsicher und bestimmt sein. Nichts weiter. Keine Gewalt, denn Gewalt ist Schwäche. Ihr benehmt Euch, als ob ihr der Boss seid - nichts, aber auch wirklich GAR nichts kann Euch aus der Ruhe bringen. Seid freundlich, aber eben selbstsicher und bestimmt. Das muss man üben und kommt nicht einfach so. Das jetzt hier zu erklären würde zu weit führen, aber ich kann Euch z.B. ein Buch empfehlen: Jan Fennel „Mit Hunden sprechen“. Das Buch ist nicht unumstritten, aber meiner Meinung nach kommt sehr gut rüber, was mit dominantem Verhalten seitens des Menschen gemeint ist. Das ist im Übrigen der Trick aller Tiergurus: für das Tier konsequentes und dominantes Verhalten aufzeigen, so dass sich das Tier eben in Sicherheit fühlt!
Nun aber, nach diesem laaaangen Exkurs zum eigentlichen Thema: Wieso macht es nun keinen Sinn, diesem Hund einen zweiten Hund dazuzugesellen? Der könnte ihm doch Sicherheit geben?
Nein - d.h. im besten Falle zwar schon, ja, aber eben in den meisten Fällen nicht. Ihr habt einen Hund, mit dem, drücken wir uns mal etwas heftig aus, kommt ihr nicht so recht zurecht. Und nun wollt ihr Euch einen zweiten Hund dazunehmen. Was ist, wenn der auch eine kleinere oder grössere „Macke“ hat? Was ist, wenn der z.B. jeden anderen Hund angreift? Dauernd abhaut? Kleine Kinder hasst? Dann müsst ihr noch mehr Zeit in Eure Hunde investieren, nämlich mindestens das Doppelte. Ihr meint, das Problem falle weg, wenn ihr einen Welpen nähmt? Leider falsch, denn wie wir ja gesehen haben, sind Hunde unglaublich anpassungsfähig und „rudelsüchtig“. Der kleine Knirps wird in KEINEM FALL beruhigend auf den älteren wirken, sondern a) ein neuer Stressfaktor werden (wieder eine Veränderung für den älteren Hund… ausserdem hat er jetzt möglicherweise Konkurrenz) und b) der Welpe wird dem älteren sehr wahrscheinlich alles nachahmen, was dieser auch tut. Hunde sind grossartige Nachahmer. Dann habt ihr schlussendlich also nicht ein, sondern gleich zwei ängstliche Hunde. Eine „ruhige Rasse nehmen“ hat darauf überhaupt keinen Einfluss. Der Welpe ist derart formbar und nimmt ALLES auf, was er erlebt und eben leider nicht nur, was wir möchten, was er aufnimmt. Ein Welpe ist ganz sicher NICHT die richtige Lösung.
Was ist denn mit einem älteren Hund? Generell stellt sich die Frage, ob Euer Hund sich denn mit anderen verträgt. Könnte er den Neuen aber nicht auch als Konkurrenz sehen? Langsamer als beim Welpen, aber eben doch stetig werden sich beide Hunde „angleichen“ - meistens tendiert aber dieses Verhalten oft gegen die Extreme. Ist einer ängstlich, wird es der zweite meist auch. Meist nicht gleich stark, aber das Problem ist dennoch da. Was ihr finden müsstet wäre ein topsozialer, etwas älterer (so ab 6-7 Jahre) Hund, der völlig ruhig ist. Doch GENAU so einen und dann auch noch den RICHTIGEN zu erwischen ist schwierig. Ausserdem bleibt es dabei: zwei Hunde = doppelte Arbeit. Nicht immer natürlich, aber es ist besser, man rechnet damit. Doppelte Kosten kommen natürlich auch auf einen zu.
Besser wäre es, den Hund jetzt nicht noch mehr unvorhersehbaren Situationen auszusetzen aus (sehr böse gesagt) falsch verstandener Hilfe, sondern ihm eben die Stabilität geben, die er braucht. Die kann nur von Euch kommen, wenn ihr eine gute Beziehung aufbauen möchtet. Stellt ihr ihm „einfach“ einen anderen Hund ihn, übertragt ihr gewissermassen ihm, Eure Aufgabe zu übernehmen… Ist das sinnvoll? Mit einem neuen Hund könnt ihr nicht kontrollieren, was die beiden sich gegenseitig abschauen und beibringen, wenn aber ihr die Referenzpersonen Nr°1 seid, habt ihr in der Hand, was und wie der Hund wird. Ich WEISS, dass der Hund sich noch mehr beruhigen kann, ALLES hängt davon ab wie gute Rudelführer ihr sein könnt…
Wichtig ist dennoch, nichts, was der Hund tut, persönlich zu nehmen. Er ist, wie er ist, das lässt sich nicht in 2 Stunden „wegdominieren“, aber ihr könnt schrittweise vorankommen, WENN ihr das wollt und richtig anstellt. Geht das Ganze auch mit etwas Gelassenheit und Humor an… Nobody’s perfect und das verlangt auch niemand!
Alles Gute und viel Erfolg!
Semiramis