Ich bin in einem Verein als Trainerin tätig. Normalerweise bin ich Unterordnungstrainerin, also die Gruppe der Hunde, die auf die Begleithundeprüfung hinarbeiten und Trainerin der Agility-Gruppe.
Nun habe ich heuer zum ersten Mal die Junghundegruppe übernommen, das sind Hunde von 4 - 8 Monaten.
Klappt auch alles soweit gut, doch habe ich dieses Mal einen Hund dabei, der mich fast an’s Ende meiner Weisheiten bringt…
Es ist ein 8 Monate alter Labradorrüde. Er lebt auf einem Bauernhof, darf nur ab und zu in’s Haus, hält sich ansonsten im Garten und im Hof auf. Sein Herrchen beschäftigt sich aber sehr intensiv mit dem Hund, nimmt ihn überall hin mit, er macht „Versteck- und Suchspiele“ im Garten mit Leckerchen, geht viel Spazieren usw. Zuhause ist der Hund angeblich total umgänglich, gehorcht gut, zerstört nichts oder Ähnliches. Das Herrchen beachtet auch alle Tipps zur Rangeinweisung und macht dies auch sehr konsequent und mit einer beneidenswerten Ruhe und Gelassenheit.
Am Hundeplatz jedoch ist mit diesem Hund nichts zu machen. Da schaut er sein Herrchen gar nicht mehr an, er interessiert sich nur für andere Menschen, Hunde usw. Er versucht teilweise sogar über den Zaun zu springen (ca. 1 1/2 m hoch!), einfach um wegzukommen. Er ist dabei keineswegs panisch oder ängstlich, er gehört sicher zum selbstsicheren Führertyp. Er ist verträglich mit anderen Hunden, auch Rüden, ist auch keineswegs aggressiv oder „zickig“ seinem Herrchen gegenüber. Sondern einfach absolut desinteressiert.
Wenn wir z.B. das Hereinrufen üben, dann läuft der Hund anfangs in Richtung des Besitzers, der schon da kniet mit einem Leckerchen in der Hand. Ca. 2 m vor ihm dreht der Hund ab und läuft irgendwo anders hin. Obwohl der Hund das Leckerchen sieht!
Der Hund will auch absolut nicht spielen. Man kann ihn motivieren wie man will und mit was man will, max. 2 Sekunden ist das Spielzeug interessant, dann lässt er es sofort los.
Alle Tricks und Übungen zum Bindunsaufbau waren bisher erfolglos.
Zuhause ist der Hund angeblich ganz anders. Ich sage absichtlich angeblich, weil die Leute nicht immer die Wahrheit sagen. Für mich ist dieser Hund ein Rätsel und ich wäre wirklich dankbar für Tipps oder Anregungen, was ich noch probieren könnte, damit da ein bisschen mehr Gefühl reinkommt, bei den beiden!
ich hatte früher auch einen Labrador-Mix und kenne ähnliches Verhalten von meinem Hund.
Daheim ist der Hund in einer gewohnten Umgebung, er kennt diese und lässt sich da nicht sooooo leicht ablenken. D.h. die Aufmerksamkeit ist dann eher auf’s Herrchen gerichtet. Auf dem Hundeplatz ist alles neu und riecht alles so schön nach Hund. Es scheint mir als wäre er tierisch (freudig) aufgeregt und leicht ablenkbar. Hinzu kommt die selbstbewusste Art (um nicht Sturheit zu sagen ) vom Labrador, der dann einfach mal plötzlich was gaaaaanz wichtiges zu tun hat bevor er sich dann wieder dem Herrchen zuwendet.
Ich habe das in den Griff bekommen mit Konzentrationsspielchen daheim. Und üben in neuen Umgebungen. Also nicht immer gleiche Strecken gehen. Mal mit dem Auto weiter weg fahren und dort üben etc.
Und man braucht enorm starke Nerven und am besten noch nen stureren Kopf als den vom Labrador
unsrer verhält sich noch heute so, wenn er in neue aufregende Situationen kommt - haben das so langsam in den Griff bekommen, indem wir häufig zur Spielstunde gingen, häufig Stadttraining geübt haben und den Hund regelmäßig mit Neuem konfrontieren - nach so Übungen kippt er völligst kaputt in seine Schlafecke.
Ich glaub, ich hab’s ein wenig falsch rübergebracht.
Der Hund ist nicht Retriever-typisch (oder auch Junghundetypisch) einfach an anderen Dingen mehr interessiert als an seinem Herrchen.
Er ist an seinem Herrchen GAR NICHT interessiert! Wäre es nur diese Flegelphase und reines Aufgeregt-Sein über die vielen Hunde und Menschen, hätt ich kein Problem.
Es ist so, dass er sein Herrchen quasi völlig ignoriert, vollkommen zu 100 %. Man kann ihn durch nichts locken, nichts interessiert ihn. Es nutzt nichts, wenn er ihn anspricht, der Hund sieht ihn nicht mal an. Und das aber auch, wenn der Hund grade nichts Besseres oder Interessanteres zu tun oder sehen hat. Hab mit ihm auch schon an einem anderen Tag „trainiert“. Da waren wir ganz alleine am Platz, keine Hunde, keine Mensch. Dasselbe Ergebnis. Der Hund ist absolut stoisch.
Das Problem ist sicher auch, dass der Hund seinen ganzen Tag relativ selbstständig verbringt. Er entscheidet zum größtenteil wann er was macht, außer beim Spaziergang und wenn er gefüttert wird.
Ich hatte zu Anfang auch geglaubt, dass es nur die fremde Umgebung ist und er sich schon gewöhnen wird. Doch mittlerweile sind es fast 3 Monate, dass er in meinem Kurs ist und es bessert sich kein kleines Stückchen.
Ich hab das Gefühl, als würde irgendwas an der Bindung zwischen den beiden nicht ganz stimmen. Wüsste ich nicht, dass der Hund zu diesem Herrchen gehört, könnte man meinen, die beiden sehen sich zum ersten Mal!
Sag mal, ist es sicher, dass der Hund ein funktionierendes Gehör hat?
Ansonsten würde ich sagen, Herr und Hund müssen gaaaanz viel positives miteinander verbringen. Also, Hund soll mit dem Herrchen verbinden, dass der ganz tolle Dinge machen kann. Vielleicht interessieren ihn ja Fährten? Apportieren? Schwimmen?
Und, der Hund gehört ins Haus, denke ich. Es ist ein Hund, ein rudeltier, noch dazu ein junger. Ist doch kein Wunder, dass er seine eigenen Wege geht und mit dem Herrchen nicht richtig warm wird, wenn er die meiste Zeit sich selbst überlassen ist. Wenn ich mir so ansehe, wieviel Zeit mein Junghund mit mir verbringt…der ist immer wieder mal da und holt sich eine Streicheleinheit ab, oder er schaut mich einfach an und ich gucke zurück, ich lasse ihn mal eben Sitz machen, spiele kurz mit ihm oder stecke ihm ein Leckerchen zu…all das sind Interaktionen, die diesem Hund fehlen könnten.
unterstütze das Geschriebene - ein Hund gehört abends oder auch tagsüber mit ins Haus und braucht mehr Kontakt zu den Besitzern.
Unserer hat uns am Anfang auch ein wenig ignoriert - haben ihn aus dem Tierheim - haben am Anfang einen Teil des Futters in Form von Frolics gefüttert, wenn wir mit ihm unterwegs waren. Jedes Mal, wenn wir ein Komando geben wollten, haben wir pass auf als Vorne weg Befehl gegeben und uns den Futterring an die Stirn gehalten, damit der Hund überhaupt in unsere Richtung guckt. Bei klarer Kontaktaufnahme gab es dann das Leckerli als Belohnung.
Auf das Pass auf Komando aufbauend können nun alle anderen Befehle gegeben werden dh wenn Hund eifrig im Gebüsch wuselt kommt erst Befehl pass auf - Hund guckt - weiterer Befehl.
Du sprichst mir aus der Seele!
All das sind die Dinge, die ich ihm auch geraten habe und die er auch macht - zu Hause! Da ist der Hund auch live dabei und arbeitet brav mit, aber sobald er auf den Hundeplatz kommt ist das alles weg! Behauptet er zumindest! Ich bin ja schon am Überlegen, ob ich mal mit ihm nach Hause fahre und mir das mal ansehe, denn so eine Wandlung von 0 auf 100 habe ich selten erlebt und klingt fast etwas unglaubwürdig.
Dass der Hund im Haus schlafen darf, da bearbeite ich grad ganz intensiv das Herrchen Ist halt ein wenig problematisch, da Bauernhof, die Eltern des Herrchens leben auch noch dort - die haben eine typische Einstellung zum Hund, wie es früher eben war usw. Doch ich hab ihn jetzt schon so weit, dass er sich überlegt, sein Schlafzimmer in’s Erdgeschoss zu verlegen in ein extra Zimmer, in das der Hund dann reindarf. Ein kleiner Erfolg! *g*
Habe auch schon den Verdacht, ob da nicht wirklich ein kleines Rangproblem vorliegt. Zuhause hat der Hund ja alles unter seiner Kontrolle (mal aus Sicht des Hundes). Er regelt sich seinen Tagesablauf zu 80% selbst. Da ist er dann auch brav, macht alles was man ihm befiehlt oder von ihm erwartet (natürlich bei Bestechung). Doch sobald er draußen ist aus dem Hof, aus seinem Besitz, hat er für’s Herrchen keine Zeit sondern versucht permanent, alles was um ihn herum ist zu kontrollieren oder zumindest zu überschaun.
Der Hund ist ja keineswegs aufmüpfig oder gar aggressiv, deshalb dürfte es schwer werden, dem Herrchen zu erklären, dass es eventuell ein Dominanzproblem sein könnte. Denn landläufig ist ja Dominanz immer noch gleichbedeutend mit Aggression…
Am besten wäre es wohl, mir den Hund auch mal vor Ort anzusehen, also in seiner gewohnten Umgebung?
Der Hund wird auf mein Anraten hin seit 2 Monaten nur mehr „von Hand“ gefüttert. Bedeutet: er bekommt sein Trofu nur nach diversen Befehlen, sei das jetzt das Hereinrufen, Sitz, Platz, alles probiert er aus und lernt es ihm - und das klappt ja alles problemlos! Aber eben nur zu Hause! Am Hundeplatz ist das Herrchen Luft für den Hund, da der dann mit Wichtigerem beschäftigt - und sei es sich hinzustellen und gemütlich Gras abzukauen…
mein letzter Labrodor war ein „second-hand“-Hund, den ich bekam, als er zwei Jahre alt war. Ich hatte ähnliche Probleme mit ihm. Eine gute Freundin und längjährige Labbi-Züchterin, die auch immer mit ihren Hunden gearbeitet hat, beobachtete uns eine Weile und sagte, wir hätten ganz klar ein Dominanzproblem.
Wenn man in einem Hunderudel beobachtet, dass sich ein rangniedriges Tier dem ranghöheren nähert, kann man sehen, dass das ranghöhere Tier gähnt und wegschaut. Sie erklärte mir, dass das ranghöhere Tier durch Ignoranz seine Dominanz ausdrückt.
Das fiel mir ganz spontan ein, als ich Dein erstes post las. Aber Du tendierst ja schon selbst in diese Richtung.
Es ist bestimmt ganz sinnvoll sich mal Herrchen und Hund außerhalb der Hundegruppe genauer anzugucken.