… oder - ich seh den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Zu meinem Problem:
Seit nun knapp 10 Monaten ist der kleine Pinschermix-Rüde bei uns.
Zur Vorgeschichte: er wurde als Streuner in Spanien in eine Tötungsstation gebracht, er war erst ein paar Monate alt als ihn eine Familie dort rausgeholt hat und bei sich aufnahm.
Dort lebte der Hund etwas überbehütet in einer Familie mit einer weiteren Hündin, die aber nicht mit ihm zurechtkam und ihn immer wieder attackierte.
Nach einem Jahr ständiger Versuche, die Hunde aneinanderzugewöhnen, wurde der Rüde schließlich mit 1 1/2 Jahren abgegeben - in meine Hände.
Der Rüde ist entsprechend seiner Vorgeschichte und der falschen „Erziehung“ durch die Vorbesitzer sehr schwierig.
Anfangs hatte er eine starke Angstaggression gegenüber Hunden, Männern und vor Allem Kindern. Er ließ sich von Fremden generell nicht berühren, schnappte und biss auch zu.
Die Probleme mit den Hunden ließen sich relativ rasch lösen, gegenüber Frauen ist er mittlerweile gelassen bis freundlich, Männer werden argwöhnisch beäugt und genaustens kontrolliert bei jeder Bewegung, zumindest aber geht er sie nicht mehr sofort an.
Kinder gehen momentan noch gar nicht, da arbeiten wir aber dran.
Der Hund hat sich in dem knappen Jahr seit er bei mir ist, sehr gebessert. Er ist ausgeglichener und ruhiger, lässt mittlerweile Vieles mit sich machen (Berühren der Pfoten, Maulkorb anlegen, etc.).
Ich arbeite mit ihm auch hundesportmäßig (Agility, Fährtenarbeit, THS), was ihm sehr gut tut.
Nun haben wir aber nach wie vor noch ein Problem mit ihm, das ich einfach nicht in den Griff bekomme.
Vielleicht ist es sowas wie Betriebsblindheit, da ich ja nicht gerade unerfahren im Umgang mit Hunden, auch Problemhunden, bin - aber hier komm ich einfach nicht weiter.
Vielleicht habt ihr ja ein paar Tipps für mich:
Der Rüde verhält sich nach wie vor sehr kontrollierend Personen oder anderen Tieren gegenüber - aber nur in Räumen. Das bedeutet, egal wo wir sind, ob zu Hause oder bei jemandem zu Besuch, er verbellt jeden (vor Allem Männer) der das Zimmer verlässt, in dem sich der Hund gerade befindet.
Soll heißen: Wir sitzen bei meinen Eltern in der Küche, mein Vater verlässt den Raum, da fängt der Kleine wie verrückt an zu bellen, total hysterisch, schießt ihm manchmal sogar hinterher als würde er ihn gleich von hinten in die Beine beißen wollen (macht er aber nicht). Er knurrt und bellt wie ein Irrer, bis derjenige den Raum vollständig verlassen hat (also auch Türe zu), dann ist wieder Ruhe.
Zu Hause macht er das nur bei Besuch, wenn wir wo „fremd“ sind, macht er es bei allen, teilweise sogar bei mir.
Das macht er aber nur, wenn jemand den Raum verlässt, nicht aber, wenn jemand hereinkommt.
Teilweise steigert er sich dabei so rein, dass er absolut hochdreht und durch nichts mehr runterzubringen ist. Er zeigt dann Übersprungshandlungen, wenn ich versuche ihn zu berühren, schnappt auch nach mir. Letztens gab’s deshalb von mir eine saftige Ohrfeige, das hat ihn dann auch runtergebracht (wie bei einem panischen Menschen). Solche „Maßnahmen“ ergreife ich normalerweise nicht, ich halte nichts von Gewalt oder groben Erziehungsmitteln, aber in diesem Moment ging einfach gar nichts mehr.
Diesen Kontrollwahn zeigt er auch zu Hause sehr schlimm unseren Katzen gegenüber. Er verträgt sich normalerweise sehr gut mit Ihnen, sie liegen auch oft zusammen und die beiden Kater können auch den Hund gut leiden.
Jedoch hält der Rüde es absolut nicht aus, wenn die Kater z. B. zusammen toben oder spielen, er wird dann ebenso hysterisch, verbellt und stellt sie. Auch hier ist er durch nichts mehr zu beruhigen, hat er sich erstmal hochgeschaukelt. Ich schicke ihn in so einem Fall in sein Körbchen, aber es ist absolut unmöglich ihn dort zu halten, er zittert dann am ganzen Körper, fixiert die Katzen, bellt natürlich wie ein Verrückter weiter. Er versucht die ganze Zeit, seine Platz zu verlassen und den Katzen hinterher zu kommen. Er hetzt sie nicht, sie laufen auch nicht davon, sondern es wirkt dann immer so, als wolle eben er bestimmen, wer hier spielt und mit wem. Hat er ihr Spiel unterbrochen, ist es wieder in Ordnung und er beruhigt sich.
Er verhält sich den Katzen gegenüber ansonsten sehr dominant, aber kein Besteigen.
Dasselbe Verhalten zeigt er Besuch gegenüber, vor Allem wenn männliche Freunde zu uns kommen, werden sie erstmal verbellt (also wenn sie in die Wohnung kommen) und dann permanent kontrollierend beäugt und nicht aus den Augen gelassen - von seinem Platz aus. Macht dann jemand eine für den Hund bedrohlich erscheinende Bewegung oder spricht ein bisschen lauter, beginnt er ihn sofort zu verbellen. Am liebsten würde er auf die Leute losgehen (ohne zu beißen - haben’s ausprobiert), mit der nötigen Strenge kann ich ihn verbal in seinem Körbchen halten, aber zu bellen hört er trotzdem nicht auf.
Ähnliche Verhaltensweisen zeigt er im Auto. Sitzt er im Auto (Drahtkäfig, Kofferraum) und ich steige aus und entferne mich vom Auto, dreht er vollkommen ab - er kläfft, schreit schon fast, wird richtig aggressiv, springt von innen gegen den Käfig usw.
Ich würd sein Verhalten hier schon panisch-aggressiv nennen. Ansonsten fährt er aber gerne Auto, steigt sofort und freudig ein, während der Fahrt ist er brav, keine Auffälligkeiten. Es geht also rein darum, alleine im Auto bleiben zu müssen.
Hab’s ähnlich aufgebaut wie das Alleine lassen zu Hause, aber es zeigen sich keinerlei Erfolge. Ich finde es auch unheimlich schwierig, ihn hier für richtiges Verhalten belohnen zu können, da er ja sofort zu bellen aufhört, wenn er entweder merkt, dass ich mich dem Kofferraum nähere (dass er also mit darf). Hab versucht, im Auto sitzen zu bleiben, bis er sich beruhigt hat (das Gekreische fängt in dem Moment an, in dem ich den Motor ausstelle), aber sobald ich z.B. die Schlüssel abziehe geht’s schon wieder los. Spätestens beim Autotür öffnen flippt er aus.
Ich schreibe diese Verhaltensauffälligkeiten deswegen in einem, da er sich in allen drei Situationen in etwas gleich gebährt und dies vor Allem die Situationen sind, in denen ich mir nicht mehr zu helfen weiß.
Grundsätzlich ist zu ihm noch zu sagen, dass er einerseits sehr unsicher ist, andererseits diese Unsicherheit aber durch sehr dominantes Verhalten ausgleicht.
Er ist sehr auf mich fixiert, zeigt hier übertriebenen Beschützerinstinkt, hat so gut wie keine Toleranz- und Frustrationsgrenze und „explodiert“ grundsätzlich sehr schnell.
Entschuldigt die Länge meines Beitrages!
Danke schon mal für alle Vorschläge!
Sandra


